Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 26 (26.6.1936)
- Date
- 1936-06-26
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 (jEMEINDEBLATT DER iSRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 26. Juni 193b „Sabbatai Zewi" ist verlorengegangen, aber schon das ein/ige davon noeli erhaltene Bruchstück „Der Schwärmer'.' zeigt sieh als aufsehlußreiehes Kulturgemälcle und als ausgezeichnete Charakterschilderung. Leon Gordon, der als Dichter unter dem Eindruck Schülers und Kousseaus stand und in einem Fabelbuch Stücke aus dem Talmud mit solchen von Äsnp, Lafontaine und Krylow vereinigte, kämpfte als Schilderer der Leiden des Volkes voltairisch gegen Unduldsamkeit und üesetzesstarre und nahm sich in seinen Schilderungen besonders der unterdrückten jüdischen I ran an („Um ein Jota"). Der Satiriker Isaak Erter, Ar/t und Cholerabekämpf er in Galizien, wandte sieh in meisterhafter hebräischer Prosa gegen den Fanatismus der Wunderrahhis. und S. J. Rapoport endlich, der Schüler des galizischen Mendelssohn, Krochmals (1785—1840), versuchte sieh als Dramatiker. Da die geschichtliehe Entwicklung sich nie zurückschrauben läßt, wird die neuhehräische des Ostens im FL Jahrhundert aber kaum eine wesentliche Quelle für uns werden können. Erst von Mendele Mocher Sforim (gestorben FM7), dessen hundertsten Geburtstag wir zu Beginn des Jahres begingen, führt ein unmittelbarer Weg zu Bialik. In seinen Essays, die kein Beiwerk zu seinen Dichtungen sind, sondern nicht der unwichtigste Teil seines Lebenswerks, spricht Bialik über diesen „fliegenden Buchhändler", und obgleich er in seinen Essays nirgends von seinem eigenen Dichten handelt, führt ei uns in sein Dichten ein, weil sich das Werden der kulturellen Persönlichkeit Bialik darin erschließt, wie es bei anderen Dichtern vielleicht Briefe taten. (Neben den Essays sei auf das kleine biographische Meisterwerk Ernst Simons in der Schocken-Bücherei hingewiesen, eine sinndeutende Lebensbeschreibung Bialiks mit gut lesbaren und feinsinnigen Übersetzungsproben.) Mendele hatte seine allgemeinverständliche dreibändige Naturgeschichte und seinen Abriß der „Geschichte des russischen Volkes" hebräisch geschrieben, seine Belletristik dagegen, die, an den Realisten der russischen Literatur geschult, eine zum Teil schon verklungene Ghetto-Welt schildert und voller Naturgefühl das Leben auf dem Lande gestaltet, auf jiddisch. Erst im Alter übertrug er diese Arbeiten ins Hebräische und wurde so ein Erzieher des Ostjudentums und ein Neubiidner der hebräischen Umgangssprache. Keine Kraft soll in der jüdischen Weit verlorengehen: In Bialik, dessen Zionismus von einer Reinheit und Überzeugungstreue, von einer fanatischen und doch nirgends engherzigen gesamtjüdischen Haltung ist, haben sich die Kräfte einer verklungenen Epoche erneut und verstärkt. Sein Werk, in dem wir ihren Nachklang erleben, ist Niederschlag seines äußeren Lebens und zugleich Tradition und Kritik. Seine Kulturpolitik ging dahin, daß die jüdische Literatur aus anderen Sprachen ins Hebräische übersetzt werden müßte, um für das „Oesamtarchiv des jüdischen Schrifttums" reif zu sein. Aber er machte auch die hebräische Wirklichkeit Palästina /u einer gesamtjüdischen Verpflichtung. So steht wiederum — eine originale Schöpfung der hebräischen Literatur im Schatten der Berührung des Judentums mit einer der großen nichtjüdischen Kulturen der Welt. Bialik ist Enkel und Anfanger THgleleh und nur dadurch, daß auui ein Enkel ist, ein Antanger. sein Werk kann nicht gedacht werden, ohne das seiner Vorläufer und ohne die innige Berührung der Juden mit der Kultur Europas. Und sein Werk, das gewissermaßen eine Zusammenfassung alles Empfangenen ist, bedeutet zugleich die eigene Erneuerung, denn es hat — seit Jahrhunderten zum ersten Male wieder — die hebräische Dichtung zu weltliterarischer Bedeutung emporgeführt Bialik ist ein dichterischer Knotenpunkt jüdischer Kulturgeschichte, durch den die Volksgesciüchte wieder zur Qeschichte von Trägern einer (ilaubensidee wird und jüdische Kultur wieder zu universeller Bedeutung gelangt. Jüdische Zeitschau Hachschara für Siedler des Mittelstandes. Das erste Zentrum der vom Palästina-Amt Berlin organisierten Mitulstandshachschara auf Out Valentinenhof bei Oranienburg wird in nächster Zeit in Betrieb genommen werden. Die Mittelstaudshachschara macht es sich zur Aufgabe, allen denjenigen, die mit eigenen Mitteln (1000 Pfund und mehr) in Palästina landwirtschaftlich sicuciu wollen, eine gründliche und systematische Ausbildung zu ermöglichen. Gleichzeitig wird angestrebt, die Teilnehmer der Mittelstandshachschara zu einer Oruppe zusammenzuschließen, deren Ansiedhing in Palästina im Rahmen der Ansiedlungsarbeit der deutschen Abteilung der Jewish Awrnry durchgeführt Weideil Soll. Gemeindeanlage 1936. Vorauszahlung. Da die Festsetzung der Gern ein deanlagc 1936 erst erfolgen kann, wenn von den Finanzämtern die erforderlichen Unterlagen vorlagen, ,vjrtt zU:!«chs{ eine Vorauszahlung aui die Gemcmdeanlage 1936 erhoben. Diese beträgt ein Drittel des Gesamtbetrages der Gemeindcanlagc 1935. * i rv'ft* -i "i t t" •* t i j - * ■■ «h)' (%n «•••'gnctistu^; tut uicac V uldU».aiiluiig isi uci o. j u i I i festgesetzt. Die Steuerpflichtigen werden gebeten, die Vorauszahlung an diesem Fälligkeitstag zu entrichten und bei der Zahlung die Hcbcbuch-Nummer des Steuerbescheides für die Gemeindeanlage 1935 anzugeben. Die Gemeindekasse, Walter-Blümcl-Str. 10, I, ist werktäglich geöffnet von 9—1 Uhr. Die Gemeinde hat Postscheckkonto Leipzig Nr. 50533, Bankkonten: Stadt- und Girobank Leipzig; Commerz- und Privatbank Aktiengesellschaft Filiale Leipzig, Dcpositcnkassc A; Handelsbank Jwria c-G.m.b.H., Leipzig C1, Ritterstr. 23—29 (ölßnershof I); Bankhaus Kroch jr., K. G. a. A., Leipzig C 1, Goethestr. 2. |)h<*r Hon Stpiiprsat» und HJp FlUügkeii der weiteren. Zahlungen aui die Gemeindcanlage 1936 folgt später noch besondere Bekanntmachung. Leipzig, den 22. Juni 1936= Der Vorstand der israelitischen Religicnsgcmcinde zu Leipzig. In Valentinenhof stehen zunächst 20 Ausbildungsplätze zur Verfügung. Der Preis für Unterbringung, Verpflegung inkl. Wäsche und Unfallversicherung sowie Ausbildung und theoretischer Unterrieht beträgt pro Person RM. 85,— monatlich. Die Ausbiidungsfäeher sind: Gemüsebau, Obstzucht, Milchwirtschaft, Milchverwertung. Hauswirtschaft, einfache hanilu-prHirhM Schulung. Außerdem findet regelmäßiger Unterricht in Hebräisch, jüdischer Geschichte und Palästinakunde statt. Anfragen und Anmeldungen sind zu richten an das Palästina-Amt Berlin, Abteilung Organisation. (JTA.) Das Reichsgericht zur Frage der polnischen Ehescheidungen. Die für polnische Staatsangehörige wichtige Krage, ob tür ihre Scheidungsklagen die deutschen (ierichte nach dem 1. Juni 1934 — dem läge des Ausscheidens Deutschlands aus dem Haager Seheidungsabkonunen — zuständig geblieben sind, ist vom Kammergericht verschieden beantwortet worden, je nachdem die Klage noch vor oder erst nach dem kritischen Zeitpunkt erhoben worden ist. Für den ersteren Fall hat es die Frage bejaht, während es für den zweiten Fall sie verneint hat. Das Reichsgericht schließt sich dieser unterschiedlichen Beurteilung der beiden Fälle an. Bezüglich der bereits am 1. Juni 1934 rechtshängigen Klagen hatte es bereits in einem Urteil vom 20. Mai iy35 die Ansicht des Kammergerichts gebilligt, daß sich an der einmal begründeten Zuständigkeit der deutschen Gerichte nichts geändert habe. Dagegen hat es für die übrigen polnischen Scheidungsklagen die deutsche Gerichtsbarkeit als nicht gegeben erachtet. In einem noch nicht veröffentlichten Urteii vom 24. Februar 19«i — IV. 242 35 — spricht es in eingehender Begründung, die sieh namentlich aui das bek.ninUpolnische Gutachten des Prof. Zoll stützt, klar und deutlich aus, daß bei der z. Zt. bestehenden Rechtslage die deutschen Gerichte für die Scheidung von Ehen polnischer Staatsangehöriger nicht mehr zuständig sind. Damit ist jedoch in der Zuständigkeitsfrage das letzte Wort noch nicht gesprochen. Das Kammergericht hat in Sachen U.U. 1073 35 — vom polnischen Justizministerium eine Auskunft darüber gefordert, inwieweit die polnischen (ierichte in Zukunft die deutschen Scheidungmirteilr anerkennen werde::. Ergeht diese Auskunft, die üi allernächster Zeit zu erwarten ist, in anerkennungsfreundlichem Sinne, wie es nach inoffiziellen Mitteilungen den Ansehein hat, so ist damit ständigkeit der deutschen Gerichte ein Hindernis nicht mehr ent gegen. justizrat Jacob Lissner-Berlin. Bericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Nach mehrjähriger Unterbrechung legt die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums wiederum einen Bericht vor, der außerordentlich interessante Aufschlüsse über die Entwicklung dieses für die Ausbildung in allen Zweigen der Wissenschaft des Judentums so wichtigen Instituts gewährt. Die „Lehranstalt" ist, zumal seitdem der Zugang zu den Universitäten in den letzten Jahren ersehwert ist, eine Stätte, die nicht allein dem Rabbiner-Nachwuchs zur Vorbereitung für den künftigen Beruf dient, sondern all denjenigen Kreisen, die sich ernsthaft mit dem Wissen um das Judentum befassen wollen, die Möglichkeit zum Eindringen in diese Forschungsgebiete verschafft. So dürften vielleicht zu den interessantesten Tatsachen dieses die Jahre 1932—1935 umfassenden Berichts die zählen, daß int Wintersemester 1935 der jüdische Jugendverband „llcchaluz" etwa 20 seiner Mitglieder, die bereits eine manuelle llachscharah erfolgreich durchgemacht haben, zum Studium an der „Lehranstalt" delegiert hat, damit sie auch eine weitere geistige jüdische Ausbildung erhalten. Die überwiegende Zahl dieser Chaluzim ist im Besitze des Reifezeugnisses. Im Sommer 1030 sind nur zwei VO'l ihnen ausgeschieden, au ihre Stelle sind 12 neue getreten. — Die Stellung der „Lehranstalt" als jüdisch-wissenschaftliches Institut hat denn auch' dazu geführt, daß die Zahl der Hörer im Vergleich zu den früheren Jahren außerordentlich angestiegen ist. Sic betrug im Suiumcrseuicstcr