Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 25 (19.6.1936)
- Date
- 1936-06-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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12. Jahrgang - Nr. 25 Auflage 3600 StQck i^J [6 k 19. Juni 1936 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LE I PZI G AMTLICHES NACH RICHTEN BUTT DER GEMEINDEVERWALTUNG Im Bannkreis von Franz Rosenzweig. Von Dr. S. Samuel. Die ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts haben viele jüdische Heimkehrer gesehen; keiner vielleicht ist so ausgezeichnet durch sein Leben und Sterben, sein Wirken und Schicksal wie Franz R 0 S e n - / w e i g. Je weiter die Zeit vorrückt, die uns von seinem irdischen Scheiden trennt, und je trüber und lastender die Tage Werden, die wir zu durchkosten haben, desto deutlicher wird uns, wie unerschöpflich reich seine Hinterlassenschaft für uns ist und bleibt. Konnten bisher nur wenige Zugang ZU seinem tiefsinnigen I lauptwerk „Der Stern der Erlösung" finden, nur gewisse Kreise zu seinen übrigen jüdischen Schriften, so kann sich doch niemand dem Banne der „Briefe" entziehen, die die pietätvolle Gattin Edith R. mit l InterStützung von Ernst S i m o n im Vorjahre herausgegeben hat. Dies Buch wird fortan als unzertrennlicher aufschlußreichster Kommentar /u allen übrigen Werken des Verfassers zu gelten haben und sein Bild für alle Zukunft in unsere Seelen prägen. Iran. KoseH/weii* ,'ird die .1.- t\it* Fäckc! voran tragen, die ein religiöses Judentum hoch über allem Parteigetriebe suchen. Er zeigt deutlich, wie nahe daran er war, dies Ziel ZU verfehlen, den*.Weg seiner Vettern aus dem E h r e u b e r g sehen Zweige der Familie zu gehen, und wie ihn die. schmerzlich aufwühlende, schonungslose Auseinandersetzung mit diesen hochstehenden, dem Judentum entfremdeten Männern zur Selbstbesinnung rief. Was sich hier abspielte, war nichts geringeres, als ein geistiger Ringkampf zwischen altem und neuem Bund, zwischen Judentum und Christentum DI* KUmptff ui:f b'.'i'j'-.T. Seiten waren ausgerüstet niii staunenswertem, europäischem Wissen, mit scharfem Qeist, unbestechlichem Wahrheitsdrang und reiner Sehnsucht nach dem Höchsten.!ü Eiau/. I\uM.ii/\\eig siegie der Glaube der Vater; vor seinem hellen Blick erstrahlte der enge, vielumkämpfte Platz im Bannkreis der Synagoge, deren Standbild an mittelalterlichen Domen mit der Binde vor den Augen und dem geknickten Herrscherstab in der Hand ihn doppelt anzog; und er wurde ihr treuester Sohn, beredtester Anwalt und Künder. „Jude sein," so bekennt er gegen Rudolf Hallo, den er zum Mitkämpfer neu gewonnen hat, „heißt im QohlS sein. Die Mauer steht ohne unser Zutun, üb wir in der Mauer unbebautes, verkommenes Erdreich bewohnen wollen, otler einen schönen Garten, das steht bis zu einem gewissen < irade bei uns". Er selbst wurde sein kluger Gärtner, gab ihm neuen Glanz und reieheie Würze, und lud jung und alt zu gleichem, vertrauensvollem Schaffen ein. Die bestehenden Richtungen und Parteien mußten, dabei seine strenge Kritik erfahren. Vom älteren, jüdischen Liberalismus urteilte er, dali er gescheitert sei, weil er erst Grundsätze aufstellen wollte, dann darnach handeln. „Wir fangen mit den Handlungen an. Mögen wir selbst oder andere einmal die Grundsätze dafür finden. Denn das Judentum ist nicht „G e s e t Ku. Es schafft Gesetz. Aber es ist es nicht. E s i s t J u d e s e i n. So habe ich es im „Stern" dargestellt und weih, daß es richtig ist". Die Bewährung durch das Leben muH unter dem Grundsätze stehen, dali Gesetze «•«zu J.t sind, ticiinii der Mensen durch sie lebe, nicht sterbe. I«' zeption des ganzen Schulchan Arueh wäre Bewährung durch das Opfer des Lebens, wäre ein Kloster drinnen und Leben draulien ohne Bewähl ungswert. Zwischen Denken und Tun soll Analogie herrschen. In beziig auf das Gesetz darf es kein Alles oder Nichts geben. Iis muH Selbstentwicklung und Reform geben, und wenn wir auch nur ein Zelt errichten, kein Haus. Erst Praxis, dann Theorie. Je tiefer F. R. nach dem Letzten im Judentum forschte, desto deutlicher enthüllte es sich ihm als „Jude»«in" in jedem Sinne. Dem jungen Zionisten Dr. M a w r i k Kahn schreibt er: „Das Jüdische ist keine Gefühlssache. Das Gefühl haben wir im Blut. Alles andre muß zunächst ganz unroniantisch behandelt werden, ganz nüchtern. Das persönliche Erlebnis des Einzelnen — das haben wir nicht nötig; wir haben das schon von Geburt an, im „Blut". Das Erlebnis liegt vor unsrer Qeburt, irgendwann in der Vergangenheit unsres Volks. Wollen wir erleben, so müssen wir jenen Augenblick der Vergangenheit nacherleben: Jeder sehe sich so an, als ob ei selbst aus Ägypten gezogen wäre. Keine Sentimentalität also! Keine Sorge um die Keuschheit des Erlebnisses — das ist alles christlich; wir fangen ganz unsentimental an mit mizwa, bzw. mit Thoralernen in irgendeiner Form; die Gebetskottzentration (kawwana) kommt dann schon." Ganz ähnlich schreibt er an die jungen Lehrhaushurei Mari in Goldner, Nah um (ilatzer, Hans Epstein, Frl. Fürth; „Kein einzelnes Gebot, keine einzelne Mizwo ist einem Außenstehenden als religiöse Forderung begreif lieh zu machen. Grade zum Ganzen hat uns unser Wetz wieder (reführt, aber rla* Finv.-in/-. gucli......vir. Solch einzelnes vii.uui k...... uns zum freudigen, stolzen Bekennen führen: z. B. wenn der zur Thora Aufgerufene den vorherigen und nachherigen Dank für das Gesetz mit dem Dank tür die nationale Erwählung aus allen Völkern und die religiöse zu ewigem Leben in eins schmilzt." Frühzeitig war es F. R. aufgegangen, dall das Lebenselement des Judentums nun einmal das Lernen ist. Wenige haben so energisch nachgeholt, was an ihnen und von ihnen in dieser Hinsicht versäumt war. Als Historiker oder Philosoph konnte er bereits jede Lehrkanzel zieren, noch war er, aus den Schrecknissen des Weltkrieges gerettet, heimgekehrt, im Vollbesitz scinei Gesundheit — da kam aus seinem Innern heraus, angesichts der wachsenden Nöte seiner (iemeinschaft, die Entscheidung. Nur noch jüdischer Forscher und Lehrer wollte er sein, würdig des Titels Morenu, Fackelträger seiner Zuschriften an die Schriftleitung. Bis auf weiteres sind alle zur Veröffentlichung im Gemeintleblatt bestimmten Berichte und Nachrichten ausschließlich an das „(«emeindeamt der israelitischen Religionsgemeinde" mit dem Zusatz .,<«eineiiidcl>Iatt" zu richten.