Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 24 (12.6.1936)
- Date
- 1936-06-12
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 ÜEME1NDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 12. juni 1930 ihm die Kraft schöpfen, aufrecht zu bleiben trotz allen Nöten und Lasten der Zeit. So sei der Aufbau, der sich dort vollzieht, gleichzeitig auch ein solcher, in dem wir selbst hier aufgebaut werden. Dr. Edgar Freund gab an Hand instruktiver Zahlen einen uberbück über das Problem der Berufsausbildung und -Unterbringung der jüdische:; jugendlichen in Deutschland und die koilc, die die Jugendalija hierbei zu spielen hat. Ober 1000 Jugendliche wurden durch sie bisher in w hw '<=■ palästinensischen Siedlungen untergebracht. Von ihnen stammen 20 bis 21 o/<i aus dem Bril Chaluzim Üatiim oder anderen religiösen Kreisen. Die Unterbringung von Kindern aus diesen Kreisen soll im Herbst erleichtert und erweitert werden durch die (mindung des Kfar Noar Dati. Man hofft, dar! auch in diesem Jahre etwa 1000 Jugendliche neu zur Alija kommen können. Sie stammen zu 30 o/o aus Berlin, zu 25O/o aus anderen Uroßgemeinden. zu 45 o/o aus Mittel- und Kleingemcindcn. Diese Verteilung entspricht dem stärker eil Alijabedürfnis und der seelischen Nuiiage der in den Kleingemeinden ohne die Möglichkeit des Anschlusses an eine jüdische Gemeinschaft zerstreut lebenden Jugendlichen. Der Redner schilderte sodann die Einrichtungen zur Vorbereitung der Jugendlichen für die Ali tu. insbesondere das .vier», wöchige Vörbereifuiigslager, in dein die notwendige Auswahl der Anwärter getroffen wird. Bei allen Jugendlichen, mögen sie aus Bünden stammen oder nicht, muh auch eine gewisse Umstellung vor der Alija herbeigeführt werden. Die bisher nicht hündisch organisierten Jugendlichen müssen mit dem Gemeinschaftsleben überhaupt, die bundischen, die ein solches bisher vorwiegend nur in der Ausfüllung der MuBezeH kannten, mit ihm in seiner Durchdringung mit den Aufgaben ernster, zielbewußter Arbeit vertraut gemacht werden. Das Ausbildungsziel ist hauptsächlich die Vorbereitung auf die landwirtschaftliche Arbeil in den palästinensischen Siedlungen, erst im Herbst wird auch der handwerklichen Ausbildung durch die Frftffniing <*er Ludwlg-Tietz Lehrwerkstätte iii jadiChui bei iiaiia ein breiterer Kaum gewährt werden können. Zum Schluß kennzeichnete der Redner die Jüdische Jugendhilfe als Werk der chaluzischen Bünde und als organische Fortsetzung ihrer Bundesarbeit. Fräulein Eva Stern ging von der Feststellung aus, daß dir Ereignisse der letzten Wochen in Palästina uns erneut zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschlossen haben. An der Anteilnahme, mit der die Juden in Deutsciianu diese Ereignisse verfolgen, sei zu erkennen, wie sehr sie bereits mit dein palästinensischen Leben verknüpft sind. Die Rednerin bezeichnete die Selbstbeherrschung, die der Jischuw in diesen Tagen bewiesen hat, als den stärksten Eindruck, den sie bei ihrem jüngsten Besuch in Palästina empfing. Außerdem aber sei festzustellen, daß auf geschlossene jüdische Siedlungen in keinem 1 all ein Angriff gewagt wurde und daß für die Sicherheit der Jugendlichen, die in diesen Siedlungen untergebracht sind, volle Gewahr besteht. Die Jugendlichen hätten selbst den Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß ihre besorgten Eltern diesbezüglich beruhigt werden mögen. Im übrigen sei es erstaunlich, in wie kurzer Zeit Palästina aus diesen Kindern reife verantwortungsbewußte Menschen gemacht hat. Besonders erfreulich und für diese Reife kennzeichnend sei ihre Beziehung zur Arbeit. Alle haben nur den einen Wunsch, ebenso viel zu leisten wie die Erwachsenen. Es müsse aber auch betont werden, dali die durch die Jugendalija nach Palästina gebrachten Jugendlichen, die sich ganz ihrer Ausbildung widmen können, in einer bevorzugten Lage gegenüber weiten Kreisen der palästinensischen Jugend sind, die vielfach in viel jüngeren Jahren bereits in das Erwerbsleben hineingestellt wird. Zum Schluß kennzeichnete die Rednerin die Jugendalija als ein Element der Synthese zwischen jenen Menschen, die in das Land kommen, weil sie das Land brauchen, und den durch die frühere challizische Bewegung repräsentierten Kräften, die in das Land gekommen sind, weil das Land sie brauchte. Für die Jugendalija und für alle, die an ihr mitarbeiten, müsse jetzt dieselbe Parole die de: j^cSiUw sich gewählt ha«, wiüUu au arbeiten an dem friedlichen Aufbau, unbekümmert um Unruhen und unbeirrt durch alle Störungen. Im Anschluß an die Darlegungen der Redner fand nach Rezitationen von Frau Edith Herrnstadt-Oeffingen die DtttttUfluhrung des im Auftrag der Jugendalija von Lou Landauer-Jerusalem hergestellten I ihns „Aufbruch der Jugend" statt, der einen guten Einblick in das Leben und die Arbeit der aus Deutschland gekommenen Jugendlichen in Ejn Charod und Ben Scheinen gewährt. Die Vorführung des Films war von Liedern begleitet, die der durch Kinder aus der Schule Kaiserdamm verstärkte Chor der Schule Rykestraße unter der Leitung des (iesanglehrers Schreiber stimmungsvoll vortrug. Den vorstehenden Bericht ergänzt folgende Mitteilung der „Jüdischen Jugendhilfe": im Herbst, dieses Jahres wird die zurzeit noch im Bau befindliche handwerkliche Ausbildungsstätte der Jugcnd-Alija in Jagur eröffnet, die den Namen „Ludwig Tietz-l chrwerkstätte" tragen wird. An der Schaffung dieser Lehrwerkstätte sind außer der Reichsverti etung der Juden in Deutschland, die Qroßloge und der Hiifsverein der Juden in Deutschland beteiligt. Uber die Trägerschafl weiterer Organisationen wird noch verhandelt. Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren werden in Jagur eine dreijährige handwerkliche Ausbildung genießen. Als Beiutszweige i.iud bisher vorgesehen: Tischlerei (Bau- und Möbeltischlerei, Schlosserei (Bau- und Maschinenschlossern), Klempnerei, Schmiede, Schwei- Berel Es ist geplant, auch noch weitere Berufe hinzuzunehmen, sobald man nach dieser Richtung hin genügend Erfahrungen gesammelt hat. Die räumliche Anlage dieser handwerklichen Schi;?? gestattet jedenfalls ohne große Schwierigkeiten die Errichtung weiterer Hallen. Es sei besonders darauf hingewiesen, daß es sich bei der Ausbildung iü der Lein w erkstatte lagur, wo hervorragende pädagogische unu fachliche Lehrkräfte tätig sein werden, um eine besonders qualifizierte, abgeschlossene Berufsausbildung der Jugendlichen handelt. Die Ausbildungskosten werden voraussichtlich RM. 8U.— bis RM. 85.— betragen; im lalle erwiesener Bedürftigkeit kann der Betrag auf RM. 75.— bis RM. /0.— herabgesetzt werden. Soweit auch diese Summe nicht aufgebracht werden kann, können Zuschüsse gegeben werden. Nähere Auskünfte sowie Anmeldungen Jugendlicher im Alter von 15 bis 17 Jahren (auf den üblichen Formularen) bei der Jüdischen Jugendhilfe e. V., Berlin-Charlottenburg, Kantstr. 158. Feierliche Kundgebung der Zionistischen Vereinigung. Dem Vermächtnis Nahum Sokolows. Auf der Bühne des Kulturbundtheaters, an der Stätte heiteren Spiels, ist eine ernste Gruppe versammelt. Von den Mienen der Jungen und Mädels, die da oben ihre Fahnen und Wimpel halten, ist die jugendliche Fröhlichkeit gewichen. Mit wissendem Auge blicken sie ehrfurchtsvoll zu dem großen Bild hin, das einen ihrer groben Führer verkörpert. Blau und weiß ist über ihnen, blau und weiß neben ihnen: aber schwer klafft auf den leuchtenden Farben der schwarze Flor . . . Trauer . . . Erinnerungen — uns Juden heißen sie nicht Verzweiflung, sondern Kraftquelle für das heute, für morgen. Liebevoll zeichnet Dr. Alfred Klee (Berlin) das Bild des Dahingegangenen aus seinen eigenen Erlebnissen mit ihm. Was war das noch für ein Mensch! Er kam aus dem östlichen Städtel, aus Glieder und Jeschiwah, und er wurde einer der feingebildetsten Europäer im Westen. Nicht e r assimilierte sich der grolien Welt, sondern zog s i e an sich und arbeitete sie ein in seine persönliche Form, in seinen Stil. So war er vielfältig in seinem Können und vielfältig in seinem Wesen. Wenn er daheim im Osten weilte, dann war er der Volksmann, dem die Menschen auf der Straße zujubelten. Er wußte, daß Erez Israel nur w erden konnte, wenn die ganze jüdische Welt mitbaut, und so warb er im kleinen Volk und bei den Großen. Ein Meister der hebräischen Literatur, vermochte er die subtilsten Feinheiten der modernen Sprache im hebräischen Laut erklingen zu lassen und ergänzte Theodor Herzl, den Meister der westlichen Sprache. So konnte er der unübertreffliche Propagandist werden, der Schöpfer der Organisation. Die zionistische Bewegung steht zu einem guten Teil auf seinen Schultern. Aber er war mehr. Mit seinem umfassenden Wissen, mit seinem klugen Blick fand er den Eingang in die hohe Welt der Diplomatie, wurde der „Botschafter des jüdischen Volkes". Wie er aut der einen Seite das Recht der Minoritäten in das Blickfeld der europäischen Politik rückte, so reiste er andererseits von Land zu Land, um die Balfour-Deklaration zur Annahme und zur Wirkung zu bringen. — Gewiß ist Trauer um den großen Mann. Gewiß fühlen wir eine unersetzbare Lücke. Es wird einsam um die Alteren, um die erste Generation der Heroen. Aber Stunde des Gedenkens wird Stunde der Mahnung: Stunde der Erinnerung wird Ruf zur Kraft, Ruf zur Tat. Denn nicht sein Leben ist das Werk Nahum Sokolows. sondern das Leben seines Volkes. Das schaffende Land, die neue Jugend auf freiem Boden, — das ist sein Wollen, sein Vermächtnis. Das Ei moie racharnim, das Qberknnir.r W . : k o I >. :■. k i jdem. . teuren .Totftn nachruft, giil ihm; aber es mit auch tapferen Helden, die dem feigen Wüten ruchloser Hand im Heiligen Lande zum Opfer fielen. Und zu gleicher Stunde klagen sie im Lande um das kostbare Gut, um Bäume und Weizen, die sinnlos vernichtet wurden. Warum dciüi? Haben unsere menschen denn andere verdrängt, andere beraubt? In klarer Eindeutigkeit malt Dr. Michael Traut) (Berlin) das wahre Geschehen in den Jahren des Aufbaus. Wenn Hunderttausende junger Juden in ihr altes Land zogen, dann haben sie den Lebensraum nicht verengt, sondern unvergleichlich erweitert. Das Volksvermögen der Araber ist um ein Vielfaches gestiegen, ihre Wirtschaft ungeahnt aufgeblüht. Nie wurde eine Kolonisation so friedlich vollzogen, und nie nahm das eingeborene Volk so gleichwertig teil an ihrer Wirkung. Den Arabern gegenüber waren wir niemals die Nehmenden, sondern stets die Gebend e n. Von den Steuern, die die jüdischen Einwanderer zu zwei Dritteln aufbringen, genießen die Araber den weitaus größten Teil. Wenn es ihnen wirklich schlecht erginge, dann würden sie sieh gewiß in die weiten unbesiedclten Flächen zurückziehen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Von Qbcrallhei kommen sie in Massen gerade in die dichtbewohnten Gegenden, wo sie vermeintlich „unterdrückt" weiden. Es ist gar nicht die Mass«: des Ii iediieuenden Arabervoikes, das die Gärung hervorruft. Es sind uneingewurzelte Hetzer und unwissende Verhetzte, die jedem Schauermärchen zunj Opfer fallen. Aus diesen Kreisen würde sich auch der gesetzgeberlde Rat zusammensetzen, wenn er zustandekämc. Seine Ablehnung ist uns ebenso selbstverständlich wie die der anderen ungerechten Forde;