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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-06-05 · 23 (5.6.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
23 (5.6.1936)
Date
1936-06-05
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 OEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RFLIGI0NSGEME1NDE ZU LEIPZIG 5. Juni 1930 daß die Verdeutschung häufig Ausdrücke verwendet, die, altem deutschen Sprachschatz entstammend, jetzt ungebräuchlich geworden sind, aber der Bedeutung des licbiäiscuen Wortes ais so nahe erachtet werden, wie keines der heute geläufigen Worte; und wo ein solches Wort in dem alten deutschen Sprachgute nicht gefunden wird, greifen die Übersetzer zu dein Mittel von Neuprägungen. Es ist oberflächlich, üK<** solche Ung roliuli hkeiieu in der Wortwahl die Schale des Spottes auszugießen. Mit Recht erklärt Buber dazu: „Man muß solche Wörter wagen; ob sie von den Zeiten empfangen oder verworfen werden, weiß kein heute Lebender." In jedem Falle ist aber dieses gewissenhafte Ringen um das Wort ein nicht hoch genug zu veranschlagendes Mittel, dem, der die Schrift in dieser Verdeutschung kennenlernt, den Sinn für den Wert des Wortes der Sciiriit zu offnen. Denn buber und Kosenzweig lassen keinen Augenblick aus ihrem Gedächtnis die Aufgabe schwinden, die eine Verdeutschung der Bibel zu erfüllen hat. Sie wollen die Schrift zu dem heutigen -Menschen wieder sprechen lauen. Die biblischen Bücher sind — darauf weist Buber mit Recht hin — in dci Form, wie sie heute uns vorliegen, zunächst mündlich bewahrt, gesprochen und dann erst aufgeschrieben worden. Sie sind deshalb bestimmt, nicht so sehr gelesen, als gehört zu werden. Dieses Hören muß ein Aufmerken sein, denn nur dann kann es vermitteln, was das Wesen der Schrift ist: Offenbarung, (iewiß wird mit dieser Verdeutschung angestrebt, „die Wirklichkeit der Bibel dem abendländischen Menschen in einer seiner Sprachen zu übermitteln", aber nicht allein, um ihm eine möglichst lebendige Vorstellung dieser Wirklichkeit zu geben, sondern um ihn erleben zu lassen, was der Israelit in jener Wirklichkeit erlebt hat. Und auch dafür war die Wortwahl ausschlaggebend. Sie reg! die Bewegung des Lesers zum Text hin an, läßt ihn erleben, was» Buber an sich selbst erfuhr' „Was uas für ein Buch ist, im Sinn, in der Sprache, im Bau, warum es, trotz allem, neu in die Menschenwelt der Gegenwart hineingestellt werden will, neu, nämlich in seiner Ursprünglichkeit erneut". Man soll, so will Buber die Wirkung dieser Verdeutschung, die Schrift vernehmen, als kenne man sie noch nicht, soll hören lernen, soll dadurch erfahren, daß die Offenbarungs- und Führungskraft nicht aufgehört hat. Auch wem es nicht gelingen will, volles Verständnis für die Gestaltung dieser Verdeutschung der Schrift zu gewinnen, kann aus diesen Äußerungen über die Art. wie die Schrift vernommen werden will und soll, bedeutsamsten Gewinn schöpfen. Die Hinweise auf den Rhythmus der Sprache des Buches, auf den Geist der Erzählungen und Dichtungen, die in den exegetischen Beispielen vorliegen, wie überhaupt die Grundsätze, nach denen die Schrift gelesen werden soll, bieten, auch wenn mau im einzelnen nicht zustimmen möchte, so ungeheuer reichen Ertrag, daß jeder Jude, dem es ernst ist um die Wiedergewinnung jüdischer Erkenntnisse, aus dieser Sammlung der Aufsätze wertvollste Bereicherung finden wird. korban — ola — mincha Das Wort, das allgemein durch „Opfer" wiedergegeben wird, korban, hat mit den Assoziationen, die das deutsche Wort (das die Sinnlichkeit von offene längst eingebüßt hat) erzeugt — Verzicht, Entäußerung usw. — nichts zu schalten. Während gar der indische Opferbegriff ein Wesen, dem geopfert wird, nicht notwendig voraussetzt, ist korban ein Beziehungsbegriff, d. h. er schließt das Dasein zweier Personen ein, und zwar zweier, von denen ilie eine die Entfernung zwischen den beiden zu vermindern sucht, indem sie sich der andern, eben durch den Korban, den sie ihr „herannaht", zu „nähern", ihr zu nahen sucht; korban ist also deutsch nicht Opfer, sondern Darnahung, Nahung. Wer etwa die Geschichte von der Empörung Korachs und der Seinen (4. M. lf)) liest und darauf achtet, welches Qewicht hier das „Nahen" und das „Nahcnlasscn" hat, wird ermessen, was das Anklingen der Vorstellung von Ferne und Näherkommen für den „Opfer'-Hegritf der Bibel bedeutet hat. Verwandter Art sind die Bezeichnungen für Opferarten wie das sogenannte „Brandopfer", \pla, und das sogenannte „Speisopfer", mincha; Jüdische Zeitschau Bertha Pappenheim, die Gründerin des Jüdischen Frauenbundes gestorben. In Neti-iseuburg ist die Gründerin tles Jüdischen Frauenbundes Deutschlands, Bertha Pappenheim, am 28. Mai im 78 Lebens jähr verschieden. Die Beisetzung erfolgte unter außergewöhnlich starker Beteiligung auf dem Alten Gemeindefriedhof in Frankfurt ..... Wttitt Trauerreden wurden auf Wunsch de» Verstorbenen nicht gci.iidtui. Uaisbintti tir. :Hoffmann sprach "nur em •srtoMfrfttcs -Gebet Bertha Pappenheim, die am 27. Februar 1859 in Wien geboren wurde, entstammte einer streng religiösen bürgerlichen Familie, siihat — wie hje selbst einmal berichtet — zunächst „das übliche Leben einer 'höheren Tochter'" geführt. 1881 übersiedelte sie nach dem Tode ihres Vaters nach Frankfurt am Main, wo sie sich der sozialen Arbeit und pädagogischen Aufgaben zuwandte. Ihren Bemühungen gelang es, das Verständnis weiter Kreise dafür zu wecken, daß au die Stelle „traditioneller Wohltätigkeil" eine „wohl durchdachte Wohlfahrtspflege" gesetzt werden müsse. Zwölf Jahre lang leitete sie ein Jüdisches Mädchenwaisenhaus in Frankfurt am Main und war während dieser Zeit Mitglied des Städtischen Arinenaintes. 1902 organisierte sie die jüdisch-soziale Frauenarbeit in Frankfurt durch Begründung des Frauenvereins „Weibliche Fürsorge" und des Mädchenkluh*; und nahm 1Q0-1, nachdem sie ihre Frtahrungen durch Studienreisen nach Galizien und Rußland erweitert hatte, die Gründung des Jüdischen Frauenbundes Deutschlands vor, au dessen Spitze sie zwanzig Jahre lang stand. Als Leiterin dieser Organisation hat sie auch im Bund deutscher I rauenvereine hervorragend mlt-! gearbeitet. Die Tätigkeil der Verstorbenen auf dem Gebiet des jüdischen Mädchenschutzes erforderte wiederholt Studienreisen nach Osteuropa und nach dem Balkan. Bei dieser Gelegenheit studierte Bertha Pappenheim eingehend das Leben der jüdischen Massen. Solche Reisen — 1QU hat sie auch Palästina besucht — unternahm sie bis in mit Brand und Speise haben die Wörter nichts gemein; ola ist das „Hochaufsteigende": „die ist es, die hoch aufsteigt auf ihrer Glut auf der Schlachtstatt die ganze Nacht bis zum Morgen" heißt es an der vielfach mißverstandenen worterklirenden Stelle 3. M. 6,2, und zwar das, was der Opfernde, der es hinbringt und entzündet, im Rauch himmelwärts hochaufsteigen läßt, also seine Darhöhung oder Hochgabe; und mincha darf, mag auch die Etymologie strittig sein, im biblischen Vorstellungskreis (zu dessen Erfassung uns die erschließbare Volksetymologie zuweilen tauglicher sein kann als die wissenschaftliche) als „das Hingeleitete", also die Hinleitspende oder Hinleite, verstanden werden; immer deutet das Wort auf einen Vorgang zwischen Mensch und Gott oder doch auf die Einleitung dieses Vorgangs durch den Menschen hin, und es ist wichtig, daß etwas au dem es Übersetzenden Wort, so das „dar", das „hin", nachdrücklich auf die Richtung des Opferakts verweise. Aus: „Die Schrift und ihre Verdeutschung" von Martin Buber und Franz Rosenzweig. die letzte Zeit. 1907 gründete sie das Isenburger Heim für gefährdete Madchen, schwangere Mütter, Säuglinge, Klein- und Schulkinder, 1922 die Frankfurter „Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Juden". Als 1912 in Berlin ein Internationaler Fraueitkongreli abgehalten wurde, bei dem Vertreterinnen der drei Hauptkonfessionen Referate hielten sprach Bertha Pappenb«»?'« (Iber „Die F..... JudCutuui . 1911 gab -ie die Anregung zur, Begründung der iterrtrahvohlfahrts- ~stelle der deutschen Juden, 1923 arbeitete sie an der Vorbereitung und Einberufung einer Internationalen jüdischen Frauentagung in Wien mit. Bertha Pappenheim hat auch eine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit entfaltet. Sie ist bekannt als Übersetzerin der „Denkwürdigkeiten der Glücke! von Hameln" und tler Frauenbibel „Zeenoh ureenoh". Aus dem „Maasse-Buch" hat sie „Allerlei Geschichten" übersetzt. Reisebriefe aus Rußland und Palästina und ein Briefwechsel über die Frage der Bekämpfung des Mädchenhandels sind in zwei Folgen unter dem Titel „Sisyphus-Arbeit" herausgegeben worden. „Die Judenfrage in Galizien" wurde von ihr in einer Broschüre behandelt. 1913 erschien ein Schauspiel „Tragische Momente". Erzählungen sind in den Bänden „Kämpfe" und „(n der Trödelhude" gesammelt. Aus dem Englischen hat Hertha Pappenheini das Buch von Wolstonecraft „Viudication of the right of wonien" übersetzt. Aus den Kreisen der engsten Mitarbeiterinnen der Verstorbenen wird der JTA. eine Würdigung der Persönlichkeit Bertha Pappenheims übergeben, in der es heißt: Alle soziale Arbeit wai für sie gleichzeitig eine pädagogische; wer mit ihr arbeitete, weiß, daß sie Forderungen stellte. In ihrer Unbedingtheit kannte sie keine Kompromisse und schien oft hart und eigenwillig. Aber wer ihr je begegnete, weiß auch um das Künstlerische, das von ihr ausging, um den zTauber ihrer Persönlichkeit, in der feinste alte Kuitur und ein sich stets verjüngendes Lebensgefühl sich harmonisch vereinten.

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