Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-06-05 · 23 (5.6.1936) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
23 (5.6.1936)
Date
1936-06-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4876568-5968812-5978369--5954-4882130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

12. Jahrgang - Nr. 23 Auflage 3600 Stück Tfp^= l?(t 5. Juni 1936 ==^föMm DER ISRAELITISCHEN REHGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Zugang zur Bibel. Von Rabbiner Gustav Cohn. Die Juden werden das Volk der Bibel genannt Mit Recht, wenn daran gedacht wird, daß diese Sammlung heiliger, von einem Groliteil der Kulturmenschheit anerkannter Schriften jüdischen Ursprungs, dali sie dem Judentum Wurzel und nie versiegender Quell religiöser Kraft gewesen und geblieben ist. Mit weniger Recht, wenn die Frage gestellt wird, ob auch heute noch das Volk, die jüdische Masse, die innige Verbundenheit mit ihr besitzt und pflegt, die ihr als der Grundlage des jüdischen Seins gebührt, ob sie noch das Volksbuch ist, das sie einst war und noch heute sein mühte. Mannigfache Momente haben es dahin kommen lassen, dali die Kenntnis der Bibel, zumal bei den Juden in Deutschland, auf ein erschreckend geringes Mall herabgesunken ist. Unverkennbar vollzieht sich gegenwärtig ein Wandel, eine neue Hinwendung zur Bibel. Das Verlangen nach einer Vertrautheit mit dem eigenen jüdischen Dasein hat notwendig zu einer Vertiefung in die Anfange des jüdischen Weges gedrängt und dabei erkennen lassen, dal) alie Hilfsbücher nur verlebendigt werden können, wenn auf das Urbuch, die Bibel, zurückgegriffen wird; sie ist das Meer, in das alle die Gedankenströme jüdischer Geister zur Zeit des Werdens und Wachsens der Lebenswerte des Judentums einmundeten; in ihr sind die Zeugnisse jüdischen I ehens bewahrt, wie es aus diesen Gedanken heraus in ältesten Zeiten eine Ausprägung erhielt. Von ihr gingen alle Oestaltungen aus, die die alten Werte Jahrhunderte hindurch in jede Zeit hineinstellten und ihre Verwirklichung vollziehen wollten. Darum kann man nicht Mischltall und I almud und Schulchan arüch lernen, nicht Mjuroontdj's "Mendelssohn .....I Hermann 1 ölten verstehen, ukl»t-dit"Tfantt"Kfatt Iter ■ Werke von Achad Haam, Bialik und Agnon erfassen, wenn einem nicht die Bibel vertraut ist. Da* erfährt jeder, der sich ernsthaft um jüdische Erkenntnis müht, Und sucht den Zugang zur Bibel. Restlos kann — das mulS in vollster Klarheit erkannt weiden - die Bibel nur gewonnen werden, wenn sie selber, das bedeutet, wenn die hebräische Bibel vernommen wird „Ihre Schönheit, rein sprachlich gesehen, ihre Gedankentiefe, ihre sittliche Kraft, ihre in Jahrhunderten bewährte religiöse Gewalt lälit ihr Letztes nur auf den übergehen, der sie in der Sprache ihrer Entstehung, der Sprache des jüdischen Volkes liest." Auch das wird mehr und mehr gesehen, und es geht wie ein tiefe» Seimen durch unsere Reihen, wieder die Fähigkeit zu erlangen, die Schrift in ihrer Urform kennenzulernen. Doch ist das ein Weg, der viel Mühe, viel Ernst, viel Zeit beansprucht. Bis mau ihn hinter sieh gebracht hat, muß daher zur Verdeutschung gegriffen werden, die gcwil? immer nur Ersatz sein kann, aber doch manchen Nebel verteilt und den Ausblick freimacht. Auch der Zugang zur Bibel vermittels einer Obersetzung kann und soll nicht mühelos erreicht werden. Im klaren Bewußtsein der \uiieii Schwere dieser Autgabe sind Kranz Roscuzweig s. A. und Martin Buber an ihre Verdeutschung gegangen. Nicht nur für das Verständnis der oft angegriffenen Art, wie sie ihr Werk ecleistet Stauen und wie es mehr und mehr seinem Abschluß entgegengebracht wird, ist es wertvoll zu erfahren, wie beid'* immer vor sieb selbst und vor den berufenen Kennern Rechenschaft über die iür sie maßgebenden Gesichtspunkte ablegten: die Äußerungen, in denen sie ihre Grundsätze vor der Öffentlichkeit entwickelten, bieten für das Erlernen richtigen, d. h. bis in die Tiefe wirksamen Lesens der Bibel so wichtige und wertvolle Aufklärung, dali Martin Buber mit der Herausgabe der Sammlung dieser Arbeiten*) eine neue nicht hoch genug zu schätzende Tat vollzogen hat. I ranz Rosenzweig spricht in seinem Buche: Die Schrift und Luther, von zwei Prinzipien, nach denen eine Übersetzung gestaltet sein könne: von dem der „Bewegung des Textes zum Leser" und dem der „Bewegung des Lesers zum Texte". Es soll dahingestellt bleiben, ob für die Entscheidung zu dem zweiten Grundsätze, die Roscuzweig und Buber getroffen haben, alles spricht; ob nicht jene Übersetzungen, die den I ext dein- Leser eingängig machen wollen, zu ihnen ist auch die unter Leitung von Harry Torczyner im Erscheinen begriffene Ausgabe (in Kürze soll der dritte Teil: Propheten hei auskommen) zu rechnen —, gerade weil die Mühen nicht in erster Reihe auf das deutsche Wort, sondern auf den Gedanken gerichtet werden können, die Aufgeschlossenheit für die Bibel au!' ihre W eise mit gleicher Sicherheil erzielen. In jedem Falle verdieneii die Hinweise, die Buher und Rosenzweig für das Lesen der Bibel geben, größte Beachtung. Die Verdeutschung von Buber-Rosenzweig ist von denen, die sieh den mit ihr verbundenen tieferen Absichten nicht anschließen k<w.- irn (flicht selten .■;":•!! VO0 .!.•••■•• ■ sjc tliclll •. istativirn n:men> ttcftifi aiigcgiülcii \4.....<■!' « ierade aber dies« eigenartige Wortwahl erfolgte mit vollem Bedacht. Die Aufsätze dieses Buches lassen in aller Deutlichkeit erkennen, welche beherrschende Bedeutung dem Worte der Bibel beigelegt werden muli. Ist es Aufgabe jedes Übersetzers, für das in dem fremdsprachlichen Werke vorgefundene Wort die Entsprechung ZU suchen, die den Sinn sowohl absolut wie auch im Zusammenhange möglichst nahe trifft, so gilt dies ganz besonders für das Wort der Bibel. Ist sie doch nicht irgendein Werk, das menschlichem Geiste entsprang: sie ist Niederschlag der göttlichen Offenbarung, die sich dem Menschen mitgeteilt hat. Dem muH die Verdeutschung Rechnung tragen und muH deshalb vor dem Wort dt r Bibel in heiliger Ehrfurcht stehen. An einer reichen l ulle von Beispielen zeigen beide Übersetzer in den hier gebotenen Abhandlungen, wie sie selber um den Zugang zum biblischen Wort gerungen haben. Jedes dieser Beispiele enthüllt bedeutsame Wort- und Gedankcrizusatnmenhänge und lehrt damit, wie reich die Ausbeute an Verständnis für den Geist der Schrift werden kann, wenn mau das Wort in seiner ganzen liefe /u ergründen sucht. In dieser Ehrfurcht vor dem Wort der Schrift ist es begründet, *) Martin Buber und Franz Roscuzweig, Die Schrift und ihre Verdeutschung. Berlin luJb. (Sehoeken-Verlag.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.