Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 19 (8.5.1936)
- Date
- 1936-05-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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12. Jahrgang - Nr. 19 Auflage 3600 Stück ■ BH* -H*MttTI SCHER REllGtONSGEMEINDE ZU TTTRTG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Kulturelle Aufgaben. Von Ür. Soloweetschik. Gelegentlich der Generalversammlung des Hilfevereiaa Israelitischer Gewerbetreibender am 25. April hielt Herr Dr. Soloweetschik eine Ansprache, deren Gedanken auch einem weiteren Kreise zugänglich gemacht zu werden verdienen. Die Schriftlcitung. Das Judentum in Deutschland hat ein sein Wesen tief erschütterndes Erlebnis gehabt. Trotz aller Schwere, die auf uns lastet, haben wir aber doch das Qeffihl, als müsse für die in uns schlummernden ungenutzten Kräfte Raum zur Weiterwirkung gesucht werden. Nicht ein Optimismus, der kaum am Platze wäre, macht mich das glauben, sondern die Unbeirrbarkeit unserer All, der menschlichen Art überhaupt, die aus jeder Enge nach einem Ausweg und, wenn dieser von außen nicht möglich ist, nach innerer Befreiung strebt. Ich weiß nicht, ob es der Anblick der erwachenden Natur ist, der diese Gedanken in mir hervorruft, auf jeden Fall macht sich in jedem von uns der Wille bemerkbar, das Erdrückende abzuschütteln und den inneren Menschen freier aufatmen zu lassen. Das, was wir erlebt haben und erleben, machen in ihrem Entwicklungsgang Völker und Einzelpcrsönlichkeiten durch. Oberstehen werden es aber nur diejenigen, die erkennen, daß das I cid um! der Schmerz die stetigen Trieb- und Aufbaukräfte in der Natur sind, die weit mehr als Wohlgefühl und Zufriedenheit hervorgebracht haben. Nachdem wir zu dem, was geschehen ist, einen gewissen Abstand gewonnen haben, fangen wir an, in dem umwälzenden Ereignis eine elementare Macht zu erkennen, die wie alles, wad wir erleben, notwendig ist, um uns auf unserer Lebensbahn weiterzubewegen. Wessen bedarf es in uns. um die Fähigkeit zu gewinnen, aus dem Leidvollen Erhebendes, aus dem Dunkel Licht werden zu lassen? p- . i i .!„,. T«* M i-- 12«» f\M -# ■ ,;_Lr';,.! f , », nretttn ,tHr lau uemi um? trotte tjcianrj iu uk uao t-em uii* treiben Kann, ist die (Vagheit, die i'ioiinungsiosigkcit. Um aber schaffen zu können, muß m?.;; Vertrauen ZU sich haben und zu der Gemeinschaft, der man nach seiner Art und Denkweise an gehört. So wenig, wie ich gesagt habe, Behagen und Zufriedenheit die Well vorwärtsbewegen können, so nuili doch der Einzelne darauf bedacht sein, in seinem Streben Erfolg zu haben, denn das allein vermag sein Selbstvertrauen zu heben. Andererseits hängt das Wohlergehen des Einzelnen stets vom Wohlergehen der Gesamtheit ab. Diese Erkenntnis, die ich vor kurzem in einem Uleichnis von Scholem Alechem dargelegt habe, dürften die Juden auf Grund ihrer letzten Vergangenheit in den Kulturländern wiederholt illustriert haben. Ich will absichtlich keine historischen Tatsachen hervorheben, deren ich eine stattliche Anzahl nennen könnte, sondern auf das Nächste verweisen. Außerordentliches hervorzubringen, ist nicht jedem gegeben: ein e s a b e r v c r m a g ein jeder,, w 0 Ii I z u - tun u fl d wo er i r g e n d w i e k a n u, Q U t C 6 w .i I I e n i U lassen. Das Gute, wenn es auch gering ist, wirkt erfreuend und befreiend, es flößt dem, der schon im Sinken begriffen war, neuen Mut ein, zeigt ihm den Zusammenhang mit dem All, weckt neue Kräfte in ihm und läßt somit halb Vergehendes zu neuem Leben erwachen. Zugleich «bei wirkt das Uute auf den, der es tut, belebend und fördernd. Mit Recht können wir sagen, daß auch unser Hilf «verein in diesem Rühmen seine Pflicht der jüdischen Gemeinschaft gegenüber erfüllt. Schauen wir auf unsere bescheidene Vereinigung, so hat auch sie im Laufe der kritischen Jahre ihr Möglichstes getan, und manche Not unter uns beseitigen helfen. Diese Arbeit isl im Sinne jenes Unverdrossenen Tatendranges anzusehen, von dem ich gesprochen habe. Es gilt aber bei aller gegenseitigen Hilfe, das Wichtige zu beachten, daß neben der materiellen auch kulturelle Arbeit geleistet werden soll.!:: der Zeit vor dem Umsturz, ist auf diesem Gebiet von unserer und allgemeiner Seite so viel geboten worden, daß der einzelne Verband sich auf sein spezielles Hilfsfach beschränken konnte. Heute ist das anders; ob für diejenigen, die weggehen werden, oder für die, die hierbleiben müssen, nichts ist wesentlicher, um draußen den Kampf zu bestehen, oder hier ein er« trägiiehes Dasein fristen zu können, als ein gewisses kulturelles Rüstzeug. So sehr wir auch die Sprache des Landes hier sprechen, so eng weile Kreise unserer Judcnheit mit demhiesigen Kulturkreist ver bundeil sind, wir Können in der Zeit, in der wir von der allgemeinen Kulturarbeit ausgeschaltet sind, nur bestehen, wenn wir dem U r - eigenen, das in uns herrscht und das in dein weniger assimilierten Gstjuden besonders lebendig ist, zu neuer Wirksamkeit verhelfen. Wie hat das zu geschehen? Die Frage wäre einfach zu lösen, wenn wir ein Ausdrucksuüttel für alle unsere seelischen und üemütsvorgällge besäßen, das aus unserem Wesen entsprungen, diesem am besten angepaßt wäre. Ich meine, wen" wir eine eigene Sprache hätten. Noch ist das in Deutsehland nicht der l all. Unsere Rindung au die deutsche kuiiur, in der wir nahezu untergetaucht waren, hat •die Ictirten, Reste, des•sogeimnuteii rüdisctf-Deütsrn, des Aiistttüt-M- ■iiiiii is i.jf« niten J trtPtto»Jridcu!Ti (Ii* tunT "Vci&nrvw^Mtteii "uebmeht. Es bleiben daher noch zwei Möglichkeiten: das Ostjüdisch und ü.is Hebräisch. Das erstere ist aus dem Jüdisch-Deutsch entstanden, das die Juden auf der Wanderung nach dem Osten mitgenommen haben; von slawischen, hebräischen und aramäischen Beimischungen durchsetzt, spiegelt diese sprachliche Neubildung immerhin das reiche und leiderfüllte Wesen des jüdischen Volkes wider. Welche bedeutsamen Schöpfungeii in dieser Sprache durch Dichter, die Weltgeltung gewonnen haben, hervorgebracht wurden, ist längst bekannt. Ich erinnere nur an SchalOffl Asch. Wer das Jiddisch von seiner Kindheit her kennt, in dem bleibt es fürs ganze Leben tief verwurzelt Die Tatsache, daß diese Sprache in weiten ausgewanderten jüdischen Kreisen über mehrere Generationen lebendig bleibt, nicht nur in Amerika, sondern vor allem au Ii in Erez, ist ein Beweis dafür, daß sie eine Basis darstellt, auf der weitergebaut werden kann. Vielleicht könnte sie dem im Auge, ibUck sprachlich verwaisten deutschen, Juden neuen Mut und neue schöpferische Kräfte verleihen. Um aber zu ihr eine Beziehung zu gewinnen, ist es notwendig, sie in kunstvoller Form der jüdische n Mitwelt wieder vorzuführen, sei es in Vorträgen oder Aufführungen Wesentlich isl Blich, daß auf du-.. Weise der deutsche Jude eine stärkere Beziehung zum Gstjuden finden würde. Neben der Pflege