Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 17 (24.4.1936)
- Date
- 1936-04-24
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 QEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 24. April .936 von Rabbon Gamliel an bis zum Brillenschleifer Spinoza. Gebildet wird in Zukunft jeder sein, der innerhalb seines Kreises Vollkommenes leistet, wenn nur hinter der ehrlichen Arbeit ein ganzer Mensch stellt. * Das großartigste Bildungsmittel aller Zeiten ist das Buch. Das brauchet wir nicht besonders £U betonen, denn uns nennt man ja das Volk des Buches, und unsere hl. Schrift hat von der Geschichte den griech. Namen „Bibel" d. Ii. „Buch" bekommen. In den Büchern ist der gesamte geistige Schatz der Menschheit von den ältesten Zeiten ins heute Mifjrr«nr?chcri Düchei i::ü — um ein prosaisches Bild zu «^ brauchen — (ieistkonserven, die den Vorzug haben, daß sie sich nach Gebrauch immer wieder von selbst erneuern. Wenn wir bedenken, dali das Buch der stillste und zugleich der sprechendste Freund de« Manschen ist.-daB es uns hier freisteht, üb wir mit Narren oder Weisen verkehren wollen, so möchte man ein bekanntes Wort variieren und sagen: Zeige mir deine Bücher, und ich will dir sagen, wer du bist. Das jüdische Buch wird natürlich in. Zukunft an erster Stelle unserer Lektüre stehen. Wir werden unsere Klassiker kennenlernen: Wir werden die herrliche Poesie der Psalmen in uns aufnehmen. Wir werden Lebensweisheit aus den Sprüchen Salomos und Trost aus den Büchern „Koheleth" und „lliob" schöpfen. Aber vor einem wollen wir uns hüten: Verengen wir nicht künstlich unseren Horizont, indem wir die Augen verschließen vor dem Bildungsgut, das noch außerhalb des Jüdischen um uns vorhanden ist! Wir haben geistig Zutritt ni jedem Kulturkreis, dessen Sprache wir sprechen. Ls hat Leute gegeben, die Griechisch lernten, um Homer lesen zu können. Es gibt Franzosen, die Deutsch leinen, um den Faust in der Ursprache lesen zu können. Sprachgemeinschaft ist mehr als nur Wortgemeinschaft. Sprachgemeinschaft reicht in die Höhen des Geistes und in die Tieien der Seele. Unsere Gemeinde. Die Auswandcrungsbcratungsstcllc des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Gocthestraßc I 3, gibt bekannt, daß die Beratungsstunden ausnahmsweise Donnerstag und Freitag (nicht Dienstag bis I reitag) abgehalten weiden. jüdische Arbeit in heutiger Zeit. Im letzten Gemeindeabend entwarf der durch seine führende Arbeit im jüdischen Leben weithin bekannte Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin, ein Bild von der Entwicklung der jüdischen Aufgaben, wie sie die jüngste Gegenwart aufweist, und den Wegen zu ihrer Verwirklichung. Seine Ausführungen waren von tiefem Emst wahrer Verantwortung getragen. Daß die besondere Stellung, die der Vortragende als langjähriger Vorsitzender der Vereinigung für das religiös-liberale Judentum einnimmt, nur au wenigen Stellen klar heraustrat, ist so reiht ein Zeichen für den (ieist übergreifender Gemeinschaft, der alle Richtungen der Juden in Deutschland angesichts der gewaltigen, gemeinsamen Aufgaben gleicherweise erfüllt. In die jüdische Arbeit der heutigen Zeit so begann Heinrich Stern — zieht ein neuer (ieist ein. Die jüdische Gemeinde der vergangenen Jahre war eine Gclcgcuhcitsgcmciuschaft, der man — auch angehörte. Sie berührte die ihr Angehörenden nur in seltenen religiösen leiern und auch da nur, weil man sich ab und zu nach Momenten der Rührung sehnte. Sehr oft war es der Friedhof, der das einzige Band zum Judentum darstellte. Lebendige Bindung gab es kaum noch; es waren Juden am Rande. Und doch waren es diese Mensehen, die die jüdischen Gemeinden in Deutschland errichtet haben, judischer K'hilla-( ieist verband sich mit deutscher Organisationskraft. Aber auch für viele der Arbeitenden war die Leistung für die Gemeinde nur eine Arbeit n a c n anderer, in wirklichen Opfersituationen versagten nie. Heute bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß Judentum wieder den ganzen Menschen zu erfüllen hat. Wir stehen in einer Generation, die Zeugnis abzulegen hat; alle stehen wir vor dem Angesicht Gottes. So ist jüdische Arbeit ein Neues geworden. Ein neuer Geist zieht in all die großen Institutionen ein, die langst da waren, und die dem Geist unserer Väter, die sie geschaffen haben, das beste Zeugnis ausstellen, gerade weil sie sich schnell den neuen Aufgaben anpassen konnten. Der Redner streifte in kurzen Worten den Wirkungsbereich der Reichsvertretung, des Palästina-Amtes, des Hilfsvereins und der Zen- IralwohlfahrUtsiclle dei Juden in Deutschland und ging ......n auf die Arbeit der Gemeindeverbände ein, denen dir Einzelausführung nh!i; gt Di« Notwendigkeit geistiger Bctrcuuii« dei Liuz.cigemeinden schilderte er besonders anschaulich an den Erlebnissen bei dem plötzlichen Exodus der Juden aus dem Saargebiet im vorigen Jahre. Alle Pläne der Organisationen gipfeln in der Versorgung der Jugend. Richtungweisend ist dabei das Wort des Präsidenten der Reichsvertretung: „Die Jugend muß a u s w a n d e r u II g s fähig und auswauderungs fähig gemacht werden." Nicht wie Deserteure sollen die Auswandernden Deutschland verlassen, sondern als aufrecht Ziehende. — Jede jüdische Geschichtsepoche beginnt mit einem Auszug. Abel wie das erste Mal der Ewige Abraham in ein Land wies, das „ER ihm zeigen würde", so soll auch heute jedes Land als von Gott gezeigt betreten werden. Keiner darf untertauchen wollen; die Verbindung zum Judentum muß jeden ergreifen. Das;;ii< tur alle; denn es kann sehr wohl in einem Lande mit wenig Juden von wenigen Aufrechten ein starkes jüdisches Leben geführt werden, wie umgekehrt so mancher in einer palästinensischen Stadt untertauchen kann, ohne auch nur einen Hauch vom Heiligen Lande verspürt zu haben. Da ist nun wichtig die Frage der Umschichtung, die nicht beim Wirtschaftlichen stehenbleiben darf. Es ist nicht leicht, an die Stelle der akademisch-repräsentativen Stufenleiter eine soiche der geistig-jüdischen Arbeit treten zu lassen. Die jüdische Schule und das jüdische Haus müssen in dieser Richtung ihre Erziehungsarbeit leisten. Die Schule soii Wissens- und Charakterschule sein. Für alle: Gesetzestreue und Liberale, nationale Juden und solche, die die Idee des Klal Jisrael in anderer Weise verwirklicht sehen wollen. Nicht Parteidogmen dürfen die Erziehungsarbeit beherrschen; die Kenntnis der jüdischen Geschichte und des Heiligen Schrifttums geht alle in gleicher Weise an. Die Schule muß sieh vor der Gefahr hüten, zwischen Litern und Kindern Zwietracht zu säen. Die Jungen brauchen nicht unbedingt „besser" zu werden nl« tiie Alt.'r.M, Allerdings bedarf es vielen Häusciu ciuci Umkehr, zu der es nie zu spät ist. Wer sich früher für große Auslandsreisen sprachlich und kulturhistorisch vorbereiten konnte, der wird sich heute auch jüdische Bildungsstoffc aneignen können. In den Einrichtungen der „Eiwachsenenbildung" wird diesen Bemühungen von der Reichsvertretung allerorten Hilfe geleistet. Nur eine kleine Schicht muß aus den Stätten ernsthafter jüdischer Arbeit verbannt werden. Das sind diejenigen „Konjunkturjuden", die die .Jüdischkeit" gepachtet zu haben glauben. Jüdisehkeit liißl sieh nicht nach Quantitäten messen. Ls hat keinen Sinn, /wischen „Voll- und Halbjuden" zu unterscheiden. Maßgebend ist einzig und allein die Echtheit des Opfers, die Ehrlichkeit der Verbindung mit der Gemeinschaft, mit Gott. - Ein neuer Geist muß auch die alten Pflichten der Qemiluth Chessed beleben. Aus dem AIliioscn-Gcben muß wieder wahre Zedakah werden; echten Opfers bedarf es überall. Die Haftarah am Sabbath-Pessach berichtet von den Weissagungen des Propheten Jecheskel über die „toten Knochen", die das Volk Israel verkörpern sollten. Wie nach der ersten Weissagung, so ist auch in uns ein Aufrütteln, ein Rauschen gefahren. Die Organisationen haben uns — die toten Knochen — mit neuen Seimen über zogen. Aber noch ist der Geist nicht in uns. Es ist au uns, den neuen Bau mit Gottes Geist zu erfüllen, mit dem wahren Ruach Hal/Oll^^f'H f-> uu UUvAVal* »■ - Jüdisches Lehrhaus Leipzig Sommerhalbjahr 1936. Im Sommerhalbjahr 1936 wird das Jüdische Lehrhaus abgesehen von den beiden jüdischen Kursen des Herrn Dr. Woskin, nur Sprachkurse und Handelskurse abhalten. Die Anmeldungen zu diesen Lehrgängen müssen bis spätestens 29. April 1936 an Jas Isuclitische Gemeindeamt (Lehrhaus), Leipzig, Walter-Blümel-Str. iU, I, erfolgen. Sie müssen genau und leserlich Namen und Anschrift des Hörers sowie den belegten Lehrgang enthalten. Der Besuch der Kur;c Ist nur b*i VorweiMiüü der fiörerkarte möglich. Die tlorerkarte wird alsbald nach Einzahlung des aus dem Lehrplati ersichtlichen Hörergcldcs durch die Post übersandt. Das Hörcrgcld ist cntwedci werktäglich in der Zeit zwischen 9—13 Uhr an der Gemeindekasse, Walter-Blümel-Str. 10, I, zu zahlen oder auf das Postscheckkonto der Gemeinde Leipzig Nr. 50533 zu überweisen. Mitglieder von Jugendbünden zahlen gegen Vorweisung ihres Jugendbundausweises nur das halbe Hörergeld. Erwerbslose gegen Vorlegung der Stempelkarte für jeden Kurs nur 1 RM. L e h r p I a n. Sämtliche Lehrgänge beginnen in der ersten Maiwoche. I. Sprachlehrgänge: 1. Dr. Woskin-Nahartabi — Hebräisch. Kurs A: für Anfänger; Kurs B: für Hörer mit einigen Vorkenntnissen, Kurs C: für Fortgeschrittene. Jeder Kurs umfaßt 10-12 Doppelstunden. Die genauen Tage und Stunden werden noch bekanntgegeben. H ö r e r g e 1 d für jeden Kurs RM. 10.—. Die Kurse finden in der hebräischen Sprachschule Techijja, Pfaffendorfer Straße 4, statt. 2. Dr. Rudolf Neumann — Englisch. Kurs A: Anfänger (ohne jede Vorkenntnisse) Montag von 20,15 bis 21,45 Uhr, ' Kurs B: Hörer mit einigen Vot kennmissen (z. B. Hörer des Anfängerlehrganges im Winterhalbjahr), Donnerstag von 20.30 bis 22 Uhr, Kuis C: Fortgeschrittene Mittwoch von 20,30 bis 22 Uhr.