Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 17 (24.4.1936)
- Date
- 1936-04-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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12. Jahrgang - Nr. 17 Aufläse 3600 Stack n k DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU Bildung. Von Prof. Dr. Ludwig Marx, Karteruhe. Es ist wohl kein Zufall, daß das Bildungsproblem in den letzten Monaten häufig in der jüdischen Presse diskutiert worden ist. Wir stehen — rein äußerlich — vor einer Neugestaltung unseres jüdischen Schul- und Bildungswesens: Mehr und mehr soll die Jüdische Schule allgemein Wirklichkeit werden. Dazu sind natürlich auch theoretische Vorbereitungen nötig. Aber auch aus inneren Gründen beginnt man sich wieder auf die Dinge der „Bildung" zu besinnen. Welche Fragen standen bisher - mit Recht — im Vordergrund? Hilfe und Aufbau Existenz — Bcrul'sinnsclüchtung Auswanderung. Das alles sind sehr wichtige Probleme, und auf dem schwankenden Boden, auf dem wir stehen, suchen wir zunächst nach einem festen materiellen Halt. Aber das Materielle liefert nur die Mauern zu dem Notbau, den wir errichten müssen. Vergessen wir nicht, daß wir auch in einem Notbau leben, nicht nur existieren wollen. Es war gewiß einer glücklicheren Epoche leichter als unserer Mot7(,it Leben und Existenz miteinander zu verbinden. Aber auch wir müssen versuchen, Brücken zu schlagen aus der Enge des Raumes in die Weite des Geistes, aus dem Prestisilinb der Stunde in das Adagio des Ewigen. Das sind nicht Ansprüche einer weltfremden Ideologie, sondern Portierungen des Lebens selbst. Wir können — trotz aller Not — die Struktur unseres Menschen nicht verleugnen und nicht verändern, unserer Natur, die sich zusammensetzt aus Körperlichem und Geistigem, aus Leib und Seele. Wir haben körperlichen Hunger, und wir suchen ihn zu stillen. Wir kennen — trotz allein — auch den Hunger der Seele, et läßt sich wohl eine Zeitlang unterdrücken, um desto heftiger aufzutreten. Es gibt ein lat. Wort: Naturani furca expelles, tarnen usqut.* reemret. im magst, die Natur mit der PiiUf&ht austrgiben, sie wird dennoch zurückkehren." Wir alle wußten um das oegiückende eines Lebens im üeiste in früheren Zeiten, nein, wir wissen es heute noch: Auch heute noch schöpfen wir Trost und Hoffnung aus den unversieglichen Quellen des Geistes. Diese innere Welt ist da, in ihrer ursprünglichen Leuchtkraft: Nicht die Sonne wird durch Wolken verdunktlt, sondern die Erde. Das Hinwenden cum Reiche des Geistes ist nicht, f lucht vor der Realität des Tages, sondern Heimkehr zu unseren besten Gütern. Anschluß au die Kraft- ECntrale, die unser Leben mit Strom versorgt. Wir mögen diesen Strom Geist nennen oder Seele oder — das Göttliche: wir spüren ihn, wir brauchen ihn, nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit, nicht als Genuß, sondern als Kraft. Und weil wir wissen, daß das Leben nur Sinn und Wert hat vom Geistigen her, — und in diesem Zusammenhang rechnen wir zum Geistigen auch die Kräfte des Herzens - müssen wir immer wieder von neuem die Wege zum Geist freimachen, freihalten, müssen wir das Bildungsproblem immer wieder von neuem durchdenken. * Viele halten Wissen und Können für „Bildung". Aber es muß noch ein sehr wesentliches Moment hinzukommen, um den Begriff vollständig zu machen: das ist das Ethische. Erst das Sittliche •der Persönlichkeit gibt einer auch noch so hohen intellektuellen LEIPZIG AMTLICHES NACHRICftTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Öffentliche Erinnerung. Gemeindeanlage 1936. Auch in diesem Jahre Ist es nicht möglich, die mit der Zahlung der Gemeindeanlage 1935 noch säumigen Steuerpflichtigen einzeln an die Einhaltung Ihrer Steuerflucht zu erinnern, da aus Gründen der Sparsamkeit die durch diese Einzelerinnerungen erwachsenden Unkosten vermieden werden müssen. Wir müssen vielmehr bereits in diesen Tagen zur förmlichen Mahnung schreiten und bitten diejenigen Steuerpflichtigen, die noch mit der Zahlung von Gemeindeanlagen im Verzuge sind, um umgehende Begleichung ihrer Rückstände. Leipzig, den 21. April 1936. Oer Vorstand der Israel. Religionsgemeinde zu Leipzig. Leistung ihre letzte Gültigkeit. Ein kluger, wissender Mensch kann ein roher, ungebildeter (ieselle sein, wie uns jeder Tag belehrt. Umgekehrt machen wir oft im praktischen l eben die Erfahrung, daß Menschen ohne jede höhere Schulbildung ein Verhalten an den Tag legen, das wir unbedingt mit „gebildet" bezeichnen müssen. Dies führt uns zu einer wichtigen Feststellung: Die populäre Auflassung unterscheidet sehr richtig zwischen Geistesbildung und Herzensbildung. Wenn wir den Wert der beiden Bildungen abzuschätzen hätten, so müßten wir ohne Besinnen der Herzensbildung den Vorrang geben. Wir sollten auch im Alltagsleben unsere Mitmenschen mehr danach beurteilen, oh sie r uf sind Klugheit ist eine freundliche (iabe f«w«l,if«»,-+»irt ij««n; A...........I, anspruyii ma danach, ob sie klug sind, des Schicksals, aber erst G ü t den Namen Mensch. I )er k 1 u g e Mensch mag interessant erseheinen, der gute Mensch wird uns I reund und Helfer sein. Wissen ohne Liebe leuchtet, aber wärmt nicht Erst wo wir hinter Worten eine Gesinnung veispüren, hinter dem Logos ein Ethos, do springt der 1 unke von Mensch zu Mensch über. Wo Wissen und Güte, Geistesbildung und Herzensbildung zusammentreffen, da ist das Höchste erreicht. Deshalb läßt Goethe seinen Wilhelm Meister ausrufen: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten." Große Gedanken und ein reines Herz. klingt das nicht au Psalm 31 an: „Lev tohor bero Ii... weruach nochon ehadesch bekirbi." „Ein reines Herz schaffe mir, o Gott, und einen festen Geist erneuere in meinem Innern." Von dieser. Erwägungen aus und nicht erst unter dem Zwang der Verhältnisse werden wir auch zu einer gerechtereu Berufseinscliätzung kommen. Es war doch früher vielfach so, daß wir in maßloser Uberschätzung den Gebildeten mit dem Akademiker identifizierten. Mit diesem Vorurteil hat die neue Zeit gründlich aufgeräumt. Es darf auch bei uns in Zukunft keinen qualitativen Gegensatz, mehr zwischen Geist-Werk und Hand-Werk geben. Damit kehren wir zu bester jüdischer Tradition zurück. Denn wir wissen, daß große jüdische Gelehrte zugleich Handwerker gewesen sind,-