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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-03-13 · 11 (13.3.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
11 (13.3.1936)
Date
1936-03-13
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 13. Mär/!93$ würden, war all diesen Bemühungen imr in ganz beschränktem Umfange Erfolg beschieden. Wie immer man heute die Gestaltung des jüdischen Lebens seit dem Beginn jener Bestrebungen beurteilen mag: daß diese Entwicklung sich als ein großes Unglück in unserer gegenwärtigen Lage herausgestellt hat, kann kein Verständiger bestreiten. Es rächt sich bitter, daß noch in den letzten Jahrzehnten die ständigen Mahnungen der jüdischen Handwerker- Organisationen, die Schulentlassenen einem manuellen Beruf zuzuführen^ kaum beachtet wurden. Die Darlegungen der Soziologen, daß unsere Berufssdvch'.iang vor Grund aus einen Wandel erfahren müsse, blieben wirkungslos. Jetzt stehen Tausende und Tausende vor der erschüttei nden Frage einer Umstellung «nr! Umschichtung und sehen kaum einen Weg zur Durchführung: es fehlt an Meutern und Werkstätten, die die Ausbildung gewähren könnten. Tausende bereuen heute, daß sie sich in falsche Lebensbahnen begeben haben; unendliche Sorgen wären ihnen erspart, wenn sie fachliche Ausbildung besäßen, die es ihnen ermöglichte, in Paiastma am produktiven Aufbau mitzuwirken, oder in einem anderen Lande Hm- Welt sine neue Existenz zu finden. Zu solchen Gedanken regt uns der Blick auf die Bestrebungen an, die besonders von Zunz ihren Ausgang nahm. Ls war gewiß nicht der Mangel an Eignung der Juden für die manuellen Berufe, der die Juden von ihnen zurück! ielt: wir erleben es ja heute, wie Juden, die sich umstellen mußten, in kurzer Zeit zu tüchtigen Leistungen fähig wurden. Es waren gewiß mannigfache Süßere Schwierigkeiten, die zu überwinden Mut und Vertrauen nicht ausreichten. Es war aber vor allem die Verständnislosigkeit, mit der sich die Menge den klarsehenden Führern entgegenstemnite: ein uraltes Übel, gegen das schon die Propheten sich wandten. „Höret nur immer — und wollet nicht verstehen, seuei nur immer — und wollet nicht begreifen", so klagt Jesaia über Israel. Auch heute wird bei vielen — das weiß jeder, der zu hören und zu sehen weiß —, die mitten in der Umstellung sind, ihre Haltung keineswegs durch gewonnene Einsicht sondern durch den Zwang äußerer Tatsachen bestimmt. Innerlich sind sie die Alten geblieben und empfinden so etwas wie Mitleid mit sich selbst, daß sie alte Bahnen verlassen mußten. Auch solche, die auf falschem Wege gewesen waren, keineswegs Befriedigung gewonnen liaicen und deshalb vorbehaltlose Bereitschaft zeigen müßten, sich in einer Weise betätigen zu können, die ihren Anlagen, ihrem Wesen, ihrem Können näherliegt. Die Erinnerung an die Tragik inj Lebenswerke von Leopold Zun* soll ein uraltes Problem wieder aufrollen, d?.s nie in seiner Ganzheit ge löst weiden wird, weil es den Rück in das Weite und Große voraussetzt, den nur aer Nachdenkliche und Unterrichtete gewonnen hat; das aber in immer größeren Mcnschengruppen seine Bedeutung verlieren kann und soll: — der Mangel an Vertrauen in die Führer und Mahner einer Zeit j trägt Schuld daran, daß die stumpfe EntscTilußiosigkeit der Menge) nicht überwunden und deshalb einschneidende Wandlungen in den LcbensgewdhriheltfT! nicht-durchgeführt werden können, auch wenn sie als notwendig anerkannt wurden. Der Segen der Geschichte liegt darin, daß die Menschen ans ihr lernen. Darum hat Leopold Zunz die Wissenschaft des Judentums so hoch eingeschätzt: sie sollte ihm Mittel werden zur Erweckung tieferer Einsichten, zur Steigerung der Erkenntnisse von den Notwendigkeiten der Zeit. Was ihm zunächst nur Mittel sein sollte, ist — erfreulicherweise — ein jüdischer Selbstzweck geworden. Aber: ist es nieliUschade, daß der kulturelle Aufbau, der ihm vorschwebte, so wenig von dem verwirklicht hat, was er so ganz eigentlich anstrebte? ist es recht, Zunz kritisch abzulehnen, weil ihm nicht gelang, was er beabsichtigte? Gleichgültig, ob seine gedankliche Zielsetzung als richtig anzusehen ist oder nicht- (Jas Bild, das er von einer Umgestaltung der jüdischen Schichtung sah, war schon damals zutreffend. Und darin liegt seine wahre Größe. Sic erkennen, muß zugleich eine Stärkung der Bereitschaft bedeuten, den Führenden mit größerem Vertrauen zu folgen: nur dann hat die Be-i schäftigung mit der Geschichte einen Sinn. Rabbiner G. Cohn ■ \ Um 22AM. Barabgeltung anstelle Tfundsammiung Das jüdische Lehrhaus. Das erste Halbjahr jüdischer Lehrhausarbeit in Leipzig geht zu Ende Zum eisienmal wohl seit dem Bestehen der Lwrwtger jüdischen Gemeinde ist Her »tsfcsscndc und oiganisierte Versuch gemacht worden, eine Bildungsanstalt aufzubauen, die nicht der Schuljugend, sondern der breiten Masse der schulentwachsenen jüdischen Bevölkerung dienen soll. Wenn auch der Rahmen der Arbeit und die Anforderungen, die an die Hörer gestellt werden, an das anklingen, was jüngst vergangene Jahrzehnte unter einer „Volkshochschule'1 verstanden und als Anspruch ncucoiei Geisksentwicklung hinstellen, so bedeutet schon der wie in vielen anderen jüdischen Gemeinden Deutschlands sn auch in Leipzig gewählte Name „Lehrhaus" eine ausdrückliche Mahnung daran, daß „Erwachsenenbildung" nichts anderes sein soll und will als der Versuch der Wiederaufnahme unserer jüdischen Tradition als der des Volkes des Ruches und Hr? unerjttüdH'dien Teerten«. D;;s völlig «cur an tlci Schwung «-'"ei „Lehrhauses" ist die ^*w»äiHi<tahsche Ohmdlage seiner Arbeit. Das Lehrhaiis wollte und will nicht ausschließlich jüdisches Wissen vermitteln; ebensowenig war und ist seine Absicht, den Juden in Deutschland das zu geben, was die früheren Volkshochschulen geboten haben. Viclmebi sieiien die jüdischen Lehritäuser in Deutschland den Versuch dar, jüdische Menschen in eine jüdische Welt zu versetzen, d. h. judisches und allgemeines Wissen zu vermitteln in einer jüdischen Gemeinschaft und vom jüdischen Zentrum aus. fcs ist selbstverständlich, daß der Grad der jüdischen Durchwirkung beim Lehren allgemeiner Wissensgebiete völlig verschieden sein muß. Aber schon in der Auswahl des zu vermittelnden Stoffes prägt sich deutlich der besondere Charakter des Lc'nrhauses als eines jüdischen aus. Bei den sich mit jüdischem Wissen befassenden Lehrgängen ist abci auch ein Unterschied in rj»r ganzeu geistigen Grundhaltung gegenüber ähnlichen Kursen früherer Jahre und Jahrzehnte notwendig. Alles, was im besonderen jüdische Bildung ist, ist für den Juden in Deutschland nicht mehr — wie früher für sehr viele von uns — ein Wissen am Rand der allgemeinen Bildung und auf der Grundlage einer nichtjüdischen Kultur, sondern das Geistesgut, das dazu dienen kann und muß, Keimzelle einer eigenen spezifisch jüdischen Kultur zu werden. Diese jüdische Kultur, für deren Aufbau auch viel ausgebauter? Lehrhäuser als das Leipziger nur tastende, allererste Vorarbeiten sein können, bedeutet nicht eine Abschließung der Juden von allem Nichtjüdischen, sondern jüdische Weltaufgeschlossenheit und jüdische Weltanschauung und Wissen von der Welt auf der festen Basis unseres großen, in die Jahrtausendezurückgreifenden jüdischen Schrifttums und vom Standpunkt in einer jüdischen Gemeinschaft geleisteter Geistesarbeit aus. Das jüdische Lehrhauswill dem jüdischen Menschen bei der Bewältigung der ungeheuren geistigen und seelischen Aufgabe, vor der er steht, behilflich sein, nämlich he; J^r Aufgabe üei Wiederfindens einer jüdischen geistigen Heimat. Diese jüdische Heimat hat ein sehr großer Teil von uns vielleicht schon seit Generationen verlassen. Wenn auch viele sie fast vergessen haben mögen, so wartet sie doch unverlierbar darauf, uns wiederum zu beherbergen und von uns neu gefördert zu werden. Sie zu erringen, ist Aufgabe und Schicksal jedes Juden. Dabei ist es gleichgültig, ob nun bereit ist, J« Ercz Isiael künftighin zu leben oder weiterhin in der Gallith zu bleiben; denn mit der rein wirtschaftlichen Vorbereitung für Erez Israel oder mit der wirtschaftlichen Übersiedlung dorthin ist die jüdische Aufgabe bei weitem noch nicht gelöst. Vielmehr ist die Übersiedlung ins Land der Väter und der Söhne erst Ansatz und Ansporn, in jüdischem Land auch wirklich jüdisches Leben /»i entwickeln, eine «ruklit-hf ifidisshc rleimat aufbauen" £u iicii'en. in befruchtendem Zusammenwirken mit de. Wiedergeburt in Erez Israel soll das Lehrhaus die Heimkehr ins Judentum erleichtern und fördern. Die in Deutschland entstandenen jüdischen Lehrhäuser und insbesondere das Lein7iger Jüdische Lein haus können nur schwache Versuche der Hilfe bei der von jedem einzelnen luden für sieh und die jüdische Gemeinschaft zu leidenden gewaltigen Arbeit der Neueinfügung und Neugewinnung der Heimat darstellen. Diese Versuche müssen übet nicht nur von den Lehrenden, sondern auch von den Lernenden durch ernsthafte Gemeinschaftsarbeit gestützt werden. Die Leipziger jüdische Gemeinde dankt denen, die ihr Wissen im vergangenen Winter in den Dienst des Lehrhauses gestellt haben, sie dankt den annähernd 800 menschen, die als Lernende sich an den Lehrgangen des Lehrhauses beteiligt haben. Sie weiß, daß der Aufbau und Ausbau eines Lehrhauses Mängel und Schwierigkeiten haben muß, aber sie hofft zuversichtlich, daß auch künftighin durch eine noch stark vermehrte Teilnahme aller bewußten Juden Leipzigs ihr Lehrhaus mithelfen wird an der Wiederentdeckung und an der Förderung unserer jüdischen und geistigen Heimat. F. G. Jüdische Zeitschau. Jüdische Auswanderungspolitik. Die Arbeit des Hüfsvereins der Juden in Deutschland, sewie Funktionen bei der jüdischen Aus- Wanderungspolitik von heute werden in einem längeren Aufsatz geschildert, dei uns vom Hilfsverein zur Verfügung gestellt worden ist. In den einleitenden Ausführungen des Aufsatzes wird das Wesen der gegenwärtigen Auswanderung im Gegensatz zu der des Jahres 1933 geschildert.

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