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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1936-02-28 · 9 (28.2.1936) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
12 (1936)
Issue
9 (28.2.1936)
Date
1936-02-28
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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seile 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSÜEMEINDE ZU LEIPZIG 28. Februar Mg 2 Wer wäre nie von dem Pathos seiner Jomkippurpredigt tiefinnerst erschüttert gewesen! Wer hätte nicht beglückt seinen schlichten Erklärungen /um Wochen-?.b?chnitt an den Wintcrfreltagabender. ge laUädU.! Wem haue nicht oei traurigem Anlaß sein warmes Trostwort Beruhigung gespendet, bei fröhlicher Familienfeier sein geistvoller heiterer Trinkspruch rreude bereitet! Jeder ist immer wieder betroffen von der Kraft des Wortes, mil der sich Dr. Carlebach als Redner an eine grölte Zuhörerschar wendet, denn mittlerweile ist der Kreis um ihn gewaltig gewachsen, und er hat immer wieder gern registriert, daß dieser oder jener in Schul gewesen sei, daß jener Junge?rhön „gclcicr.t" habe oder „dies•Jahr schon wieder mehr Leute eigene Sukkoth hätten". Liebt er es doch überhaupt, das Positive zu sehen und dem Negativen verzeihend und freundlich die Hoffnung auf Besserung entgegenzustellen! Darum hat er auch den Weg über «pine Anhänger hinaus in die liberalen Kieise der Gemeinde gefunden, hat dort Verständnis für seine Bestrebungen geweckt und mit geradezu suggestiver Kraft auf sehwankende und unentschlossene Gemüter gewirkt. Man wird es nie erfahren, wie viele Menschen sich bei ihm Rat und Hilfe geholt haben. Wann immer man zu ihm kam, warteten schon andere auf ihn, sein Haus wurde nie leer von Fremden. Und da muß auch einmal der bescheidenen Gefährtin seines Lebens gedacht werden, die jeder Huldigung am liebsten aus dem Wege gehen möchte, und die doch wie keine andere geliebt und verehrt wird von jedem, der das GlUck hatte, ihr! J nahezutreten. Mochte Frau Dr. Carlebach von allen Seiten in An-|( spruch genommen werden, unermüdlich sein in Liebesdiensten anp. Lebenden und Toten — ihr Haus ist die Stätte ihres schönsten kens geblieben. Dort atmet alles Liebe und Güte, in die Atmo-j^ Sphäre eines echten altjüdischen Hauses wußte sie ihre Kinder zu|j stellen, in diese Atmosphäre wurde jeder miteinbezogen, der an|J ihrem Tische weilen durfte. Wie manches Brautpaar, das kein Heirr.j^ und keine Verwandten sein eigen nannte, fand hier nach vollzoge-N ner Trauung die liebevoll in aller Stille vorbereitete Hochzeitsfeier!| Stets teilten arme Fremde die Sabbatfreude des gastlichen Rabbiner-1 hauses. Dies Haus wird gai manchem nun fehlen. Möge es unse-ll rem scheidenden Herrn Rabbiner und seiner verehrten Gattin vergönnt sein, in ihrer neuen Heimat ihr altes Heim neu zu erbauen, für sie und die Ihren zu stillem Glück, eine Heimstätte zugleich allen den treuen Freunden, die heute schmerzlichen Abschied von ihrem geistigen Führer nehmen und doch hoffen, ihm im Lande der Väter wieder zu begegnen in guten und glücklichen Tagen! 1 eden Hrmen stützen, nnr i/i/f i ^fif^n I4nw» interelend sMteen, dielten, das tut notl Agnons neue Werke. Anläßlich des Erscheinens der neuen Bände im Schocken-Verlag. Motto: „Das Machsor ist bereits abgeschlossen, aber das jüdische Herz ist noch nicht abgeschlossen." (Agnon, „Einfache Erzählung".) I. Ks war das Hauptkennzeichen der Haskalazeit, von der grauen Gegenwart und letzten Vergangenheit und allem, was an das Ghetto erinnerte, abzurücken; die hebräische Literatur dieser Zeit ging spr.Tf-hü.-h ::r..!;.:.-;.;!; stofflich üi Jic zlcii der öibei zurück, brachte dem hebräischen Leser die Zeit der Könige und Richter, der Landleute und Propheten wieder nahe (Hapu). Und die anderen historischen Stoffe, die die hebräische Literatur wählte, waren entweder späteren, aber doch lange zurückliegenden Zeiten entnommen, große Gestalten der Zeit des Untergangs" und des Mittelalters oder" Geschichten der eigenen Gegenwart wurden dargestellt. Und selbst, als eine Reaktion auf diese Richtung sich einstellte, als man sich bemühte sprachlich das Gut des Talmuds wieder in die Liier«(tuspräche einzufügen, war die Bruchstelle evident (Mendele); selbst eine Synthese der Stile, wie sie etwa von Bialik repiäsentiert wird, ist etwas Neues. Agnon ist nun der Konservativste unserer heutigen hebräischen Literatur, der Konsequenteste in der Handhabung des mischnisch-talmudischen Stiles; aber zugleich gibt er das absolute Gefühl des Organischen Das ist keine gewollte Reaktion, kein krampfhaftes Nachahmen alten Snrachaeiste« Anrnon selbst ist cinei .Uc>i > >:im'i-i yada. "Ur 'Ja!'!!•.'!■ yvirn;-!; ":.!-.* .!.»!,'..!.>rj» VC" iL':"'.: und - Fibcriafc -oder vcZ 'riuluuuca üufd Puittttedi&Ä .-»iti/ngt, sondern vor. uuezuez und Stanislaw oder Schibusch aus Galizicn. II. Und ebenso wie Agnons Sprache harmonisch und organisch ist und anknüpft an die historisch gewordene hebräische Sprache und ihren mischnisch-rabbinischen Stil verwendet, so ist auch seine Gesamtbeziehung zu der Umgebung und ihren Personen eine iiebendvcrstcheiide. Seine Kritik ist behutsam. Er hat in die Galizien- Literatur eine Art „postassimilatorische" Haltung eingeführt. Er kämpft nicht wie Braudes oder Brandstätter oder der geniale Maler und Sittenschilderer Karl Emil Franzos gegen Finsternis und Chassidismus. Seine Personen leben schon zeitlieh hinter diesen Kämpfen. In seinem neuen Buche „Einfache Erzählung" spielt die kämpfende Orthodoxie, der Aberglaube usw. schon keine führende Rolle mehr. Es sind einfache Mensehen, Geschäftsleute und ihre Kinder, um die es sich handelt. Der Ladenbesitzer Boruch Meii Hurwitz besucht wohl am Schabbath und an den Festtagen die Synagoge, nicht abef am Wochentag. Auch sonst haben sie!; die Zeilen verändert, sein Sohn Hirschl wie auch seine Alterskameraden lernen, nachdem sie ins Geschäftsleben getreten sind, nicht mehr Gemorc, sondern sie lesen in dem zionistischen Verein abends Zeitungen, trinken Tee und spielen Schach. Der Kommis von Herrn Hurwit/, Getzel Stein, hat einen Verein „Poale Zion" gegründet, aber die Stadt verhält .-'"h zu allen diesen Bewegungen ablehnend und kühl, und der „Moschaw Gerim", eine Gruppe junger Leute, die Karten spielen und sich in seichter Weise nach Wien, großstädtischen Vergnügungen und Nichtigkeiten orientieren, bestimmen den Ton der Generation schon weit mehr, Aber Agnons Schilderung verklart diese / I kleinstadtische Leere weit mehr als notwendig, man hat daher scherzhafterweise gesagt, Agnon erzähle nicht von „Schibbusch schel matta" dem irdischen-wirklichen Galizien, sondern vom „Schibbusch schel ma'ala", dem oberen, himmlischen Schibbusch. Auch Agnon hat recht, dieses andere Galizien, das der Haskala und der werdenden Wissenschaft des Judentums so viel gegeben hat, nicht zu vergessen, selbst in einer Nebenperson, durch den Geschichtsforscher Akabja Masal, we^en wir darin gemahnt. III. Der Inhalt der „Einfachen Erzählung" sei in kurzem dargestellt' In das Haus Hurwitz kommt eine verwaiste Verwandte, Blume, und eine Llcbcsbcziehaag twi*ch«u ihr und dem Sohn des Hausherrn, Hirschl, wird von Hirschls Mutter Zirel in den ersten Anfängen unterbunden, da sie ihren Sohn an ein reiches Mädchen, Minna Ziemlich, verheiraten will und es dann auch tut. Hirschl ist zu unselbständig, um sich seihst über seinen Weg klarzuwerden. Er ist unglücklich, irrt stundenlang in der Stadt in der Nahe von Blume herum, schließlich vermag seine Konstitution der inneren Spannung nicht mehr standzuhalten, und er muß in die Pflege eines Irrenarztes übergeben werden. Aber sein Wider. Standsvermögen auch gegen die ihm aufoktroyierte Heirat ist nicht er Täf einzurenken. stark genug, und ißt sich dazu bringen, den Konflikt wieder Agnon ist es wohl selbst klar gewesen, daß die liebenswerte Frauengestalt der Blume in dei Erzählung zu kurz gekommen ist, und am Schluß des Buches verspricht er uns, daß er dies Versäumnis nachholen wird. Hoffen wir; Hnß Agner. Wort hält und recht bald! Fritz MCTt Fi ■•-••!- I, jc.^...:.,«. Unsere gemeinde. Abschied des Herrn Rabbiner Dr. Carlebach von Leipzig. Herr Dr. Carlebach wird mit seiner Familie in den nächsten Tagen Leipzig verlassen. Da es ihm nicht möglich ist, die große Zahl seiner Freunde und Bekannten in seiner Wohnung zu empfangen, so wird diesen Gelegenheit gehnten, Herrn Dr. Carlebach und reiner Familie am SonntagT 1. März, von II1/*—'- Uhr in den Räumen der Gesellschaft der rreunde, Humboldtstralte 1, Lebewohl zu sagen. Der nächste Hauspflegekurs unter Leitung von Herrn Dr. K. Soloweetschik, Funkenburgstr. 7, findet am Mittwoch, den 4. März, W1/, Uhr im Gemeindeamt, Walter-Blümel-Stiaße 10, Erdg., statt. Die "Teilnahme ist unentgeltlich. Neuanmeldungen werden an dem Abend entgegengenommen. In dem Kursus wird häusliche Kranken» pflege gelehrt. Jüdische Schulen. Schulgeld und iieizungsbeitrag für Monat März 1936 sind bis spätestens 6. März 1936 an die Schulkasse zu entrichten. Der Heizungsbeitrag muß auch von den Freischülern bezahlt werden. " ' Gegen säumige Schulgeldzahler wird unverzüglich ge- J* r'chtlich vorgegangen. Außerdem bleiben weitere Maßnahmen j vorbehalten. Leipzig, den 24. Februar 1936 ■ Der Vorstand des Israel. Schulvereins Leipzig e. V. ■* IV i I I \ \

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