Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 6 (7.2.1936)
- Date
- 1936-02-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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12. Jahrgang - Nr. 6 Auflage 3700 Stack r?fc 7. Februar 1936 DER ISRAELI RELIGIONSGEMEINDE ZU lllJMIr lülHHil f^TRSillPiill«: i i* 1 ■ i DER GEMEINDEVERWALTUNG Seine Zweige werden grünen .... Zum 15. Schwat. Zwischen die LiühtW dW CNan»kff#'e«tH* '""I 'Ii*" Heiterkeit der Purimfeier, zwischen zwei Feste also, die ihre Herkunft unserer Geschichte danken, ist uns ein lieblicher, leiser Tag gesetzt, an dem wir uns gleichsam von der ewigen Wiederkehr unseres Schicksals lösen. Ohne Bindung an irgendein Geschehen aus Notzeit oder großem Gang der Begebenheiten, abseits von allem gebotenen und gesetzten Feiertag geht durch die Tage dieser eine und sieht uns mit einem scheuen kleinen Lächein ins Gesicht. Man muß ihn nicht feiern. Es gibt viele unter uns, die ihn ganz vergessen hatten: Chamischa assar b'schwat, der fünfzehnte Schwat, den wir auch das „Neujahr der Bäume" nennen. Wir in der Galuth stehen noch mitten im Winter, wenn der Tag da ist. Aber trotz froststarrem Boden oder regennassen Straßen, trotz dem trüben Grau eines bedeckten Himmels rinnt vor unseren Augen ein zarter rötlicher Hauch über winterdürre Gerten an den Bäumen und d^n Sträuchern. Die Bäume wachen auf, der Saft steigt wieder herauf in den Stamm — und mitten in seinem Schlaf und seiner Unfruchtbarkeit rührt ihn der zarte Tag verheißungsvoll an, und wir stehen vor dem Baum und wissen es: seine Zweige werden grünen. Wir siüu noch im Winter und wisseil noch nichts von laubbedeckten Ästen. Die frühen Früchte, mit denen wir die Schalen auf dem festlichen Tische füllen, sind nicht auf j dem Boden gewachsen, auf dem wir das Fest begehen. Sie sind Fremdlinge hier und kommen aus einem Land, an dessen Küsten das Mittelnieer spült. Sie sind Kinder einer heißeren Sonne. Sie sind ein Gruß von jenem Lande, das auch wie das der Griechen, und Italien am «tttelffitfel t "» r> r L/Wil i unu Gr -!-'-' irtuls. später und die großen schweren Trauben von Dagania zu Hause sind, da Ist r.hamisrha assar b'schwat kein Winterfest, sondern ein strahlendes Frühlingsfest nach der Regenzeit. Dort braucht sich keiner der Unseren damit zu begnügen, fremde, heimatverheißende Früchte auf den Tisch zu stellen, um den Tag zu begehen. Dort ist der 15. Schwat ein Jubeltag der jüdischen Jugend, die ihre Zukunft und die Zukunft des Landes mit Liedern und Lachen und festlichen Umzügen als ein und dasselbe dartut. F.rez Israel, das baumarme, das schattenlose, in dem das Wasser wieder erlöst werden, der Sumpf zum Acker, die Steinwüste zum Feld gemacht werden soll, Erez Israel, das sich nach Otiten, Hain und Wald sehnt, feiert den 15. Schwat durch das Neupflanzen junger Bäume. Aber nicht die alten Pioniere nehmen den Spaten, um die Grube zu graben, nicht die harten Hände der Chaluzim umfassen den jungen Stamm, der in die neue Erde gesenkt wird - Kinderhände pflanzen die neuen Bäume, Kindcrstinuncn jubeln die Lieder der neugeschenkten hebräischen Sprache über die zarte Pflanzung hin, und wer dabeisteht, weiß sich's zu deuten: nicht die Bäume allein wachen an diesem Tage aus dein Winterschlaf auf, iu Erez Israel ist ein Land autgewacht, ist ein Volk aufgewacht — und seine Zweige werden grünen. Wir alle wissen: der Baum, der Wald wird die Genesung für den arm g.'wni l^npn Boden von Erez Israel he-deiiten. Wir alle wissen: unsere Jugend will dem Lande und dem Volk das Heil zurückbringen, das wir durch unsere Schuld und unseren Abfall einst und immer wieder verloren. Die Kinder von fcrez Israel, die am 15. Schwat mit ihren jungen, mrt ihren noch weichen Händen die Bäume pflanzen, die haben den Willen in sich, selbst in diesen Boden gepflanzt zu sein und Wurzeln zu schlagen. Viele aus der Galuth sind hinübergegangen, und viele — leugnen wir's nicht! — haben unendliche Mühe und Schmerzen, um ihre Wurzeln dem neuen Boden einzusenken, viele stehen gebeugt und wie ein Baum, der eben erst gepflanzt wurde. Aber die Verheißung der Kinder, die gleichsam sich selbst mit ihren jungen Geschwistern, den Bäumen vom 15. Schwat, auspflanzen, die werden Früchte tragen dürfen und Samen nach ihrer Art — diese Kinder, die Zweige am alten, alten Stamm, diese Zweige werden grünen.. Aber es geht nicht an, daß wir, denen es versagt sein wird, Bäume zu pflanzen, das Wasser zu suchen, üen Boden fructiibai tu machen, daß wir in diesem Tag der jungen Bäume, in dieser Tat der jungen Kinder Israels nur den Trost für uns suchen. Nie steht ein Jude allein in einer persönlichen Trauer, nie steht ein Jude allein mit seiner eigenen Not. Wie wir die Unseren, die um einen geliebten Toten weinen, daran erinnern, daß die größere Trauer um Zion ist, wie wir ihnen in ihren Schmerz hinein mahnend zurufen: „Gott tröste euch inmitten aller, die um Zion trauern ...", so greift auch der süße Trost des hellen Tests nicht so nach uns, daß wir ihn mit einem Verzicht auf die eigene Leistung verbinden dürften. Was Kiemen in trez i*>MCi Vril m»i!,,i*'m llidlt (I;nr*r----- LÜH, uailll -hr dir ChalÜil hnh des Ackerbau;, des Bäumepflanzens auf uns nehmen, uns ist der Weg durch die Generation und fast immer dazu durch Vermögenslosigkeit verschlossen. Aber es gibt ein Chaluziuth des Geistes und der Seele, und sie ist so alt wie alles Echte und Wahrhafte in Israel. Einen Baum wissen wir alle — nicht wir haben ihn gepflanzt, und dennoch können wir ihn immer wieder pflanzen. Die Lehre Israels heißt uns der „Ez chaji m", der Baum des Lebens. Vielen von uns schien er im winterstarren Schlaf zu ruhen — bis die blinden Augen den Schimmer des Safts erkannten und das stumpfe Herz den Glauben pochen fühlte: diese Zweige werden grünen, diese Zweige werden immer grünen! Und wenn die Kinder unserer Zukunft die Bäume der Genesung in den Heimatboden senken, so können wir in diese Kinder die Wurzeln jenes Baumes senken, wir sind's, die ihnen die Lehre ins junge Herz geben — wer sov.st als wir kann sie die hohen Gebote lehren, die zu Lein ei n dci ganzen Menschheit mit einer großen, fordernden, schweren Sittlichkeit wurden. Wir können die Wurzeln dieses „Du sollst" in den Boden ihrer Herzen senken, daß das Land nicht nrr ein fruchtbares Land, daß es das jüdische Land werde! Jeder Vater, Gebt viel! — Morgen Sonntag EintopfSammlung! — Gebt viel!