Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 51 (22.12.1933)
- Date
- 1933-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4250 Stück (Scmcinö eblott: DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I Jt|D7lfL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT Imla I VMm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schrlf tleitung: Oemeindcrabbiner Gustav Cohn Leipzig. Walter Blümel-Str. 10. - Nachdruck nur mit Quellenangabe nnd mit Oenebmigunt; des Verfassers gestattet. Nummer 51. "Jahrgang 9 22. Dezember 1933 A n / ei k L*na n n all m c: E« Qoldfrcund, Leip/iu 1)5, Ciclioriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771. Druck: Druckerei der Vi'erkgemeinschaft, Leipzig C 1. Ausstellung im Hilfsverein Der Vorstand des Hilfsvereins israelitischer Gewerbetreibender bittet uns folgendes bekanntzugeben: Die Vorbereitungen des Hilfsvereins israelitischer Gewerbetreibender für die diesjährige Kinderbeschenkung sind abgeschlossen: etwa 600 Kinder sollen für den Winter bekleidet werden. Die Ausstellung der Kleidungs- und Wäschestücke findet am 25. und 26. Dezember in der Geschäftsstelle des Hilfsvereins, Packhofstraße 7, Von 10 14 Uhr statt. Alle Gemeindemitgliedet sind zur Besichtigung herzlich eingeladen. Der Vorstand Leipzig, den IQ. Dezember 1933 der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig Was heißt: das Judentum bejahen? W ir die Zeichen der Zeit versteht, weiß, dafl es für einen Juden heute nicht mehr Problem ist, wie er sich zum Judentum zu stellen li.it. Es gibt nur eine klare und unzweideutige Antwort für jeden, wie immer er früher zum Judentum gestanden haben möge: er raun dem Judesein eine positive Bedeutung in seinem Wesen schaffen. Fur sehr, sehr viele ist die weit schwierigere Frage, wie sie s ilclu r Erkenntnis Leben, Wirklichkeit geben können. Das Ziel det jüdi sehen I rziehung nicht mir fur die Jugend, sondern in gleichem Walle auch für tlas Alter wird anerkannt; weichet Weg muB gegangen werden, um /u diesem Ziele /u gelangen. Mit dieser Frage beschäftigt si.ii im „Gcmemdeblatl der jüdischen Qemeinde Berlin" Prof. L)r. Ismar El bogen. Er sieht in ihr, aul die Jugend bezogen, mit Recht die brennendste aller unseret Sorgen Sie ist es, weil auch die reinsten Erziehungsabsichten wenig erwirken können, wenn nicht auch dir älter« Generation \i»n gleichem wollen, aher auch von gleicher innerer Überzeugungskraft durchdrungen aus Werk geht. Darum sucht der erfahrene Lehrer El bogen prägnante Formulierungen inr die I rage, die so vielen aus der Seele spricht: „Was ist das eigentlich, jüdische Erziehung?" In Verständnisvoller Qemeinschaftsarben soll die Erörterung der Antwort, die I! bogen gibt, das ernste Problem der jüdischen Erziehung seiner Lösung näherführen. Darum legen wir unseren Lesern Elbogens s.ii/e vor: Das Judentum bejahen bciUt sieh als Glied jener alten < icincinschatt fühlen, die \<ir Jahrtausenden an beiden Seiten des Jordan zum Volke geworden ist, dann ihr Land verloren, wiedergewonnen und wieder verloren, sich in alle Welt /erstreut hat, aber seelisch der alten Heimat verbunden geblieben ist, bis vor etwa liitt Jahren di< einen diese Verbindung völlig aufgaben, die anderen zur neuen Besiedelung des l .indes vorschritten. Das Judentum bejahen heißt sich zu de.- Lehre vom Sinai bekennen, die durch Propheten, Weise und Lehrer weiter ausgebaut, von Denkern mit der Weltanschauung ihrer Zeit in Einklang gebracht, die bald mehr, bald weniger streng in Qrundlehreu formuliert wurde, aber in dem Qlaußen au den einen dott ginfeit, der die Welt in Qütc lenkt und sie der mcssiaiiischcn Vollkommenheit entgegenführt. Das Judentum bejahen heißt sein Leben heiligen wollen, nicht von seinen Sinnen und (Je- Kurten, sondern von der Stimme des Gewissens sieb leiten lassen, sich in Oesinnung und Handlung dem Gebote Gottes unterwerfen, das der Prophet Micha klassisch zusammengefaßt hat: Recht üben, an Liebestätigkeit sieh freuen und in Demut wandeln vor deinem (iott. Das Judentum bejahen heißt die Lebensform des Judentums bejahen, die sich in seinen Einrichtungen, Satzungen und Bräuchen im Einzelleben, im Hause, in der Gemeinde entfaltet hat, beißt dem Alltag in der Arbeit, dem Sabbat und den festen in der Feier ihre Weihe geben, dem innigen jüdischen Familienleben seine Grundlagen und seit' ' estigkeit wahren. Das Da> Das Judentum beiahen heißt sich für die Zukunft des Judentums verantwortlich wissen, sieh daiur einsetzen, dal! seine Lehre rein und lebendig fortbesteht, aber auch dafür, dall seine Menschen sich heil an I eib und Seele erhalten, dal! sie in körperlicher Ertüchtigung und seelischer Reinheit in angemessener und gesunder Berufsverteilung nützliche liiirger ihres Vaterlandes seien. Judentum bejahen heißt fur den jüdischen Menschen Verständnis zeigen, wie er heute ist, mit seinen Schwächen und Vorzügen nicht nur lüi die kleine Gruppe, in die Geburt und Erziehung den einzelnen gestellt haben, sondern für alle, die sich zum Judentum bekennen, au seiner Fofterhaltung ZU arbeiten bereit sind und darum auch uns in unserer Not hilfreich Ihre Arme entgegen« strecken. Judentum bejahen beißt sich das Schrifttum des Judentums zu eigen machen, \or allem .ias Puch der Bücher, die Bibel, die für die Gesittung und Bildung der abendländischen Welt grundlegend geworden ist. unseren Vätern den Namen „Volk des Buches eingetragen hat, den let/ten Generationen aber verlorengegangen ist neben Das Das Das ihm auch jenes weit verzweigte, mehr als zweitausendjährige Schrifttum, in dem das Ringen, das Denken und f ühlen, das Singen und Sagen des jüdischen Menschen Ausdruck gefunden hat. Judentum bejahen heißt sich in die Geschichte des Judentums vertiefen, die ein einzig dastehendes Beispiel von Standhaftigkeit und Oberzeugungstreiie bietet, das Leben einer Minderheit, die in einer Fremden, meist gegnerischen Umwelt einen heroischen Kampf um ihr Dasein geführt, jede Zurücksetzung auf sich genommen hat. um ihre Eigenart zu behaupten, nach den Gesetzen ihres Seins zu leben, die ungeachtet harten Kampfes ums Dasein au det \ibeil für Kiillur und Zivilisation det Menschheit ihren redlichen Anteil geleistet hat. Judentum bejahen heißt in geschichtlichen Zusammenhängen denken, Vergangenheit und Zukunft verbinden, wissen, dali, wer heute über das W eh des Enkels klagt, morgen das Vorrecht des Ahns genießt, heißt darum auf die kommenden Zeiten schauen und das Gewaltige begreifen, das sieh in unseren Lagen in Palästina vollzieht, WO Begeisterung und Opferbereitschaft jüdische junge Menschen befähigt, den Aufbau lies Landes der Väter zu Vollziehen, Pioniere eines neuen, mit der Natur und det Bodenarbeit verknüpften jüdischen Lebens zu werden. Judentum bejahen heißt nicht, sich von andersartigen Menschen, von fremder Bildung und Oesittung abschließen. Das Judentum lehn die Einheit des Menschengeschlechts und gebietet, den Nebenmenschen ohne Unterschied ZU lieben. Wenn das erste Platt der Bibel einen Schöpfungsbericht aus Babylonien verarbeitet, wenn der grollte Prophet lies Volkes einen ägyptischen Namen tragt und am ägyptischen Hofe erzogen ist, so zeigt das, dafl das Judentum