Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 45 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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i i.u 3a Auflage 4500 Stück tum . \ rNIVERS.l DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEIN DE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG» Scbrlftleitung: Ocmeinderabbiner Ouitav Cohn Leipzig. Walter Blttmel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Oenehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 45. ■ Jahrgang 9 10. November 1933 Anzeigenannahme: Ii. Ooldfreund, Leipzig 0 5, Ciclioriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771. Druck: Druckerei der Wcrkgemeinschaft, Leipzig ('. 1. Zum 12. November. Mit dem ganzen deutsttien Volk sind auth wir Juden als Staatsbürger aufgerufen, zu der auswärtigen Politik der Reimsregierung unsere Stimme abzugeben. Sie wird gefordert für die Gleithbererhtigung Deutsmlands unter den Völkern, die Versöhnung der Kationen und die Befriedung der Welt. Trotz allem, was wir erfahren mußten: Die Stimme der deutsthen luden kann nur ein vv JaIÄ sein. Die Reimsvertretung der deutsthen luden. Die neue jüdische Schule. Von Dr. f£rusi Marcowicz. I. Die Mitarbeit der Liter.:. Wir haben gesehen, ilali die erste und vornehmste Aufgabe der Lidischen Qemeinde in Zukunft die Sorge für die jüdische Ausbildung ler Jugend sein muH. und daH diese Aufgabe in geeigneter Weise nur on einer jüdischen Schule erfüllt werden kann. Wir wollen uns heute igen, wie eine jüdische Schule aussehen muß, die den Forderungen :er heutigen Zeit gerecht werden soll. Es möge klar ausgesprochen werden, daH hier nicht an eine Polenik gegen die bestehende Anstalt gedacht ist. Diese Schule ist unter len größten Schwierigkeiten aufgebaut und über 20 Jahre lang gclalten worden; trotz mangelnder Unterstützung seitens der jüdischen Iternschaft und auch von geeigneten jüdischen Fachkräften hat sie hrc Aufgabe, ein Stützpunkt judischen Lebens in Leipzig zu sein, reu erfüllt. Aber es ist offensichtlich, dall der augenblickliche Rahmen •ler Schule durch die andrängenden Massen neuer Schüler gesprengt ird, und daH die veränderte Situation auneuen Voraussetzungen raus neue Formen schaffen muß. Zunächst cm \\ ort au die l Itern. W n sind uns wohl dessen be- nllt, dal! es bisher, sogar für solche Eltern, die grundsätzliche Ananger einer judischen Schule waren, eine Keilte von Qründen gab, die sie bewogen, ihre Kinder auf die allgemeinen Schulen zu chicken. Auch augenblicklich mögen noch gewisse schulische Schwieigkeiten vorliegen, die es geraten scheinen lassen, daß die Kinder och bis /um nächsten allgemeinen Umschulungstermin auf den schulen bleiben, wo sie bisher waren. Ls utuli aber gesagt werden, daß diejenigen I Itern, die nach diesem Zeitpunkt ihre Kinder nicht ul die jüdische Schule schicken, ihre erzieherischen Aufgaben vernnen. Ich spreche hier in keiner Weise von besonderen Mißhelligiten, denen unsere Kinder ausgesetzt sind. Es ist ganz selbstverständ- 'll Ii, du Ii in solchen Fällen das Kind von der Schule genommen wird, 'her auch bei bester subjektiver Behandlung seitens der Lehrer und nitschüler müssen sich aus den objektiven Bedingungen, unter denen die jüdischen Schuler heute stehen, große Gefahren für ihre feilsche Entwicklung ergeben. Sie sind abgesondert von den wichtig- ,l'il I rlehuisinoineiiteu ihrer Mitschüler, wie /. 15. den Festen der nationalsozialistischen Revolution, der Mitgliedschaft im Jungvolk und Hitlerjugend; und auch der Unterricht selber muß, entsprechend dem Erziehungsziel zur Volksgemeinschaft und /um christlich-völkischen Staat, aus dessen aktiver Öffentlichkeit die Juden ausgeschlossen md. notwendig das Qefühl des Fremdseins erzeugen. Ls ist leicht einzusehen, daß diese Eindrücke auf die Dauer eine gesunde Entwicklung des Gemüts hemmen und schwere seelische Schädigungen zur l olge haben müssen. Wenn sich unsere Litern diese < ledankeii ernsthalt durch «len Kopf gehen lassen, werden sie sehen, dall sie nicht glücklich genug darüber sein können, dall in Leipzig überhaupt die Möglichkeit für sie bestellt, die Kinder auf eine jüdische; Schule zu schicken. Aber uueh der oft gehör*.i L nwand, die jüdische Schule sei nicht auf der Hohe, wird in Zukunft nicht mehr gelten können. Die Schule wird, wie wir erfahren, unter die Obhut der Gemeinde gestellt werden. Damit ruckt sjt in d;is Licht der Öffentlichkeit aller Qemeindemitglieder; und jeder, der ein wahres Interesse an ihr hat und nicht bloß unfruchtbare Kritik üben will, wird Gelegenheil haben, seinen Wünschen über die Gestaltung der Schule Ausdruck /ll neben. Die Beziehung der Litern und der Gemeindemitglieder überhaupt zu ihrer Schule darf nicht so sein, daß diese ein Iii indes Iiistitnt isi. auf das man die Kinder schickt, auf dessen Formung man aber keinerlei Einfluß hat. Sondern r> muß in unser Bewußtsein dringen, daß .die Schule unser eigenstes und wichtigstes Gut ist, für dessen Niveau wir selbst verantwortlich sind. Die künftige Schulleitung wird durch sorgfältige Heranziehung des Liternbeirats, durch Schill- Veranstaltungen, Berichte und andere geeignete Maßnahmen die notwendige Beziehung der Öffentlichkeit mit der Schule herstellen müssen. Die Litern und interessierten Gemeindemitglieder ihrerseits sollen aber auch diese Gelegenheiten wahrnehmen^, um den Maßnahmen der Leitung die entsprechende Uesonan/ zu neben. Es ist eine Binsenweisheit, daß Schule und I Kernhaus sich gegenseitig unterstützen müssen und dall nichts gefährlicher in pädagogischer Hinsicht ist als gegeuemanderlaufendi Erziehungsmaßnahmen. Wenn diisi allgemeine Kegel au dieser Steile noch besonders betont wird, s,, deswegen, weil gerade bei unserer Schule und angesichts dir vielen aus den verschiedensten Kreisen und Schulen neu zuströmenden Schüler in verstärktem Mulle eine solche Zusammenarbeit unbedingt notwendig ist. Die außerordentlichen Schwierigkeiten, denen sich die Schulleitung gegenübersieht, wenn sie all diese in verschiedener Weise VOrbeeinflußteil Kinder in einem einheitlichen <niste zusammenfassen will, können überhaupt nur bewältigt werden, wenn Leitung und Lehrerschaft das I beruh.ins hinter sich wissen. Insbesondere i*ilt dies natürlich Von der Grundvoraussetzung eines geregelten Schulbetricbes überhaupt, von der Schuldisziplin. Gerade diesem Punkt der Disziplin ist um so mehr Aufmerksamkeit /u schenken, als wir ja alle den größten W ert darauf legen, dall unsere jüdische Schule die Bezeichnung ..indisch** nicht ob ihrer schlechten Eigenschaften, sondern ob ihrer positiven Werte tragen soll. Lud gerade hier muH ebenso viel von der Elternschaft wie von der Schulleitung selbst erwartet werden. Unsere Litern müssen wissen, dall nur mit ihrer eigenen restlosen Unterstützung der Lehrer und der Leitung in den Tragen der Disziplin sich das durchführen läßt, was wir alle au unseren judischen Schulen so sehr wünschen und, gestehen wir es, oft vermißt haben: Der (ieist der Ordnung, Pünktlichkeit und selbstverständlichen Pflichterfüllung, der mit Recht die deutsche Schule in aller Well so berühmt gemacht hat. Wir glauben, dall diese kleine Betrachtung über die aullere Gestaltung der neuen jüdischen Schule nicht überflüssig war. Nur wenn die alliieren Voraussetzungen gegeben sind, wenn ein harmonisches Zusammenarbeiten von Schule und Maus gewährleistet ist, kann die Schule ihre erzieherischen Aufgaben erfüllen, kann sie die charakterliche, geistige und körperliche Entwicklung unserer Jugend zu einem neuen, kraftvollen und wahrhaft jüdischen Geschlecht im besten Sinne beeinflussen.