Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 44 (4.11.1933)
- Date
- 1933-11-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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o. ii. sä * i ytKjKf Auflage 4500 Stück (»möebktt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEIN DE ZU I f«| D7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I f Am» ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG! Schriftleitung: Oemeindcrabbiner Oustav Colin Leipzig. Walter BIUme!-Str. lü. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 44. "Jahrgang 9 4. November 1933 Anzeigenannahme: £. Goldfreund, Leipzig O 5, Ciclioriiissttaße 2a, Fernsprecher Nr. 607 71. Druck: Druckerei der Werkgemeinschafl, Leipzig C 1, Das Erziehungswerk. von Dr. Ernst Marcowitz. „(iam stih I' tauwaoh", diesen alten jüdischen Ausspruch, der ik-n »bedingten Lebenswillen unsrer Gemeinschaft charakterisiert, möchte Ii als Motto vor einige Oedanken über neue Aufgaben der judischen iemeinde stellen. Wir Juden haben viel Bitteres in diesen Monaten riebt, und die großen Sorgen, die fast jede Familie heute zu tragen at, sind noch lange nicht behoben. Niehl mir die materielle Existenzrundlage ist so vielen von uns entzogen worden, auch der idcoloische Aufbau des deutschen Judentums ist über Nacht zusammenstürzt. Doch gerade dieser Zusammenbruch von Ideen und Illusionen achte sein Qutea mit sieh. Ausgegliedert aus dem öffentlich-politihen und kulturellen Leben Deutschlands, will sich der deutsche iide auf eine Betätigung innerhalb seiner Gemeinschaft zurückziehen. I is er solange als nebensächlich und bedeutungslos für sein personelles Dasein angesehen hat, sein Judentum wird nun unausweichbar im zentralen Punkt seines Lebens. Ganz von selbst wird sieh hier ine seelische Umstellung vollziehen, die aus dem bisher vernachlässigen Out ein Positivum macht, in dem .Walle, als es von außen herabsetzt wird. Gerade diese Wandlung, die jetzt in ihm zum Durchruch kommt, und die ihn sagen lallt: „Ja, ich bin Jude und bin stolz irauf", bring) ihm schmerzlich /um Bewußtsein, daß er gar nicht ili. worauf er stolz sein kann. Judentum ist ihm ein recht ncbelifter Begriff, der mit unklaren Vorstellungen von Monotheismus, ibel, Talmud, Ghetto und vielleicht auch dem Wort Palästina verlüpft ist. Aber auch derjenige Jude, der seinem Judentum nicht yltich- ''tig gegenüberstand, sondern ihm einen begrenzten Raum in seinem 'asem zuwies, wird sieh ihm jet/l mit stärkerer Energie zuwenden id wird verwundert wahrnehmen, daß er von einem vollen und benserfüllenden Judentum noch weit entfernt ist. Selbst die gesetzesreucn Juden, die bisher nach der Ausdeutung des Talmudwortes rhora im derech erez" durch ihren Führer Samson Raphael Hirsch Ii in ihrem allgemeinen Dasein völlig der Umwelt anzugleichen uii, werden heute die Oesctzesübung mit neuem Geist erfüllen "llen, um sie einzubauen in ein Qesamtgebäude jüdischen Geschichtsvußtseins, jüdisch-kultureller Werte und jüdischen Gegenwart«- trebeas. Wir alle empfinden das Fehlen jüdischer Bildung als einen Man ■;. alle haben das Bedürfnis, zurückzufinden zu unserem Ursprung, iis zu vertiefen in die geistigen Grundlagen des Judentums und An- I zu nehmen an allen Problemen der lebenden jüdischen < iemeinchaft in aller Welt. Die wenigen aber, die auch heute mich in bedenkher Selbsttäuschung ihr Judentum zu bagatellisieren suchen, können ute nicht ausschlaggebend sein für die Gestaltung einer erneuerten ' iiicinde. Sie haben keine Zukunft, denn die Jugend i-l nicht bei u ii. Die Jugend gehört zu denen, ilie ganze Juden werden wollen: I vor allem auf die lugend und ihre jüdische Ausbildung wird die Jische Gemeinde in Zukunft ihr Augenmerk richten müssen. Jugend und jüdische Bildung, dies sind also die beiden Pole, von KU her die Kulturarbeit der jüdischen (iemeinde bestimmt werden Hill. Wir erfahren, dali diese beiden wichtigen Dezernate, ilie dem \ufbau gewidmet sind, in unserer (iemeinde neugeschaffen und i:i >' Hände neuer Männer gelegt Werden. Wir erhoffen von diesen Wannern, dali sie mit der Schwungkraft, die ihre Stellung innerhalb hfer jüdischen Gruppen erwarten läßt, auch dem jüdischen Leben wserer Qesamtgemeinde einen neuen und starken Auftrieb geben rden! Denn es ist die Aufgabe einer judischen Gemeinde, dem so gestellten allseitigen Streben nach jüdischer Vertiefung in jeder ise Rechnung /u tragen und Institutionell /u schaffen, um unsere jungen Menschen als bewußte Juden zu erziehen. Sie sollen ihr Juden- Iura nicht nur aus tiein als nebensächlich behandelten Religionsunterficht her kennen, sondern ihre ganze Ausbildung soll Judentum atmen, Mischer Heist und jüdischer Wille sollen Richtung geben. Es ist selbstverständlich, dali hierfür nur eine jüdische Schule in Betracht kommt, und so muß es denn erste Pflicht der (iemeinde 'rin, das jüdische Schul werk auszubauen und dafür zu sorgen, daß U'We Schule, natürlich im Rahmen der staatlichen Anforderungen, im uesten Sinne jüdisch wird. Es wird Gelegenheit sein, auf ilie I ünzel- \v \\ heften betreffend die jüdische Schule noch in einem gesonderten Aufsatz einzugehen. Im Rahmen eines Artikels über die Aufgaben einer jüdischen Gemeinde mag dieser Hinweis genügen. Jedoch sind die erzieherischen Aufgaben der (iemeinde mit der jüdischen Schule nicht erschöpft. Unsere starke und lebendige Jugendbewegung, auf die gerade unsere Leipziger Oemeinde stolz sein kann, bedarf heute in erhöhtem .Walle der Pflege seitens der Gemeindeinstanzen. Sie müssen nicht mir ein williges Ohr für tlie Sorgen und Wünsche dieser Jugend haben, sondern ihre Pflicht ist es, darüber zu wachen, dali dieser Jugend, auch soweit sie bereits schulentlassen ist, Bildungsmöglichkeiten gegeben werden. Unsere Stadt hat kein Lehrerseminar und keine Akademie, keine Einrichtung, tlie von sieh aus ein natürliches Zentrum jüdischen Bildungsstrebens sein könnte. So ist es die erhöhte Pflicht der Gemeinde; alle vorhandenen Kralle heranzuziehen, um den Jugendbünden, in denen sieh die schulentlassene lugend sammelt, Und allen erwachsenen Juden, die heute aus sich heraus sich jüdisch weiterbilden wollen, Gelegenheit dazu zu geben. Wie wir uns das W erk der jüdischen Bildung in seinen Linziheiten vorstellen und welche Maßnahmen wir zu seiner Durchführung für notwendig halten, darüber soll in einem anschließenden Aufsatz belichtet werden. Schon heute aber soll an ilie Führer unserer Gemeinde und au alle ihre jüdisch-bewußten Mitgliedei ilie dringende Mahnung gerichtet werden, zusammenzuwirken au der jüdischen Aufbauarbeit, damit unsere Leipziger Kehillah sieh würdig einreihe in das grolle Werk der jüdischen Erneuerung. Staatenlos A.). von Dr. Hans Löwenheini, Leipzig Rechts- und Fachanwalt für Auslandsrecht (Polen. England, U IV. Hilfe für die Staatenlosen? (Schluß.) Ls ist aber kein Zweifel, dal! alle Rechtsbehelfe, besonders in Staaten, die vom Ideal eines Rechtsstaates weiter entfernt sind, als Deutschland, nur ein unsicherer Notbehelf sind. Line gründliche Abhilfe kann nur ein internationales Fremdenrecht schallen, etwa in Gestalt eines internationalen Abkommens, wie es auf dem Gebiete des Urheberrechts die Berner Konvention, auf dem Oebiete des Zivilprozefl und des Familienrechts die Haager Verträge sind Die Vugen von Hunderttausenden Staatenloser richten sieh ,mf den Völkerbund in der Hoffnung, er werde ein solches Abkommen vorbereiten und mit seiner Antonia*, decken, oder wenigstens für die Völkerbundsmitglieder einen internationalen Gerichtshof zur Entscheidung in Staatsangehörigkeitsfragen einrichten. Nichtsdestowenigei sind die bisher getroffenen Maßnahmen des Völkerbundes recht spärlich. Line gewisse Ordnung ist nur im Paßwesen erreicht worden. Nachdem mau beim Völkerbund für die russischen und türkischen Flüchtlinge einen international anerkannten Personalausweis in dem sogenannten „Nansenpaß" geschaffen hatte, hat 1927 die Internationale Paßkonferenz in Genf auf eine deutsche Anlegung hin ein ähnliches Identitätspapier für Staatenlose, den „Fremdenpaß", entstehen lassen. Im übrigen sind viele Bemühungen der Völkcrbundsligen um das Staatenlosenproblem zu verzeichnen. Sie sind jedoch alle gescheitert, weil kein Staat die Vertretung ihres Programms Übernahm. Selbst kärgliche Erleichterungen für die Staatenlosen in beziig auf Armenunterstützung und die Aufnahmeverpflichtung durch den früheren Heimatstaat, Wh sie im Jahre 1930 die Haager Konferenz über die Kodifikation lies Völkerrechts vorschlug, sind nicht von einem einzigen Staat angenommen worden. Nur in einem einzigen Sonderfall iia! sich der Völkerbund einmal /u eiuer Tat aufgerafft, nämlich im Falle der rumänischen luden. Rumänien, das seine Juden als Staatsfremde behandelte und sie demnach samt und sonders zu Staatenlosen machte, wurde durch die Völkerbundhauptmächtc im Jahre lobt zu einem Minderheitenschutzvertrag gezwungen, der eine solche Behandlung verbot. 150000 Juden wurden durch diese völkerrechtlich einzig dastehende Intervention zugunsten einer Gruppe von staatenlosen wieder in ihre Staatsbürgerrechte eingesetzt. Dali in der Praxis der rumänische Staat durch Fest- Setzung von Antragsfristen diesen Erfolg zum Teil wieder illusorisch machte, ändert nichts an dem Prinzip, nach welchem ein solcher Kampf gegen die Staatenlosigkeit, wie es in dem Minderheitenschutz-