Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 37 (15.9.1933)
- Date
- 1933-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4876568-5968810-5969373--4790-4881849- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Auflage 4500 Stück ^emcinöcWatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE7A&IN DE- ZU I <|-|D7|rL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT Im las I TMm I ^7 DER GEMEIN DEVERWALTUNG■ Schriftleitung: Oemeinderabbiner Gustav Cohn Leipzig. Walter Blumri-Str. lu. - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Oenebmigung des Verfassers gestattet. Nummer 37 ■ Jahrgang 9 15. September 1933 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Leipzig O 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771. Druck: Druckerei der Werkgemeiiischaft, Leipzig C 1. Martin Bubers „Offener Brief" an Gerhard Kittel Prof. Gern. Kittel hat eine Broschüre „Die Judenfrage" erseheinen lassen, in der er die antisemitische Judenpolitik mit theologischen Argumenten rechtfertigt. Dabei vertritt er die Anschauung, dar] ein religiös orientiertes neues Judentum eine Stellung unter Fremdenrecht in Deutschland als göttliches Schicksal auf sich nehmen müßte. Zu dieser Broschüre richtet Martin Buber in der Augustiiummcr der Zeitschrift „Theologische Blatter" einen „Offenen Brief an Gerhard Kittel". Huber beruft sich darauf, daß Kittel für die von ihm gegebene Sinndeutung auch die Mitwirkung von Juden erwünscht heiße, die wie Buber eine Olaubenserneuerung des Judentums erwarten. Das mache ihm den Gegenspruch zur Pflicht. Wir geben Bubers Ausführungen in den wesentlichen Stucken wieder: Was Sie unter „Frcnulliugshcrrschaft" verstehen, erhellt daraus, vlali Sie als Ihre Antwort auf die Frage, was mit dem Judentum ZU geschehen habe, angegeben hatten (S. Ii), mau solle „entschlossen und Bewußt die geschichtliche Gegebenneil einei „Fremdlingschaff' unter den Völkern wahren", und was Sie unter dieser Wahrung verstellen, im Folgenden (S. JIM.) angegeben hatten: das „Recht des Oistes" müsse „allerdings in aller Deutlichkeit gegen das des Bürgers abgegrenzt sein", der Jude müsse „alle Alispruche auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung" aufgeben; wenn er „ein anständiger Gast" sein wurde, könnte „vielleicht dann einmal eine Zeit kommen", in der er nur noch ..relativ geringer" und nicht mehr „absolut minderwertig44 erschiene. Mit dem „(iehorsam unter die Fremdlingsherrschaft", der einem gläubigen Judentum eignen müsse, meinen Sie also, dall es eine Diskriminierung und „Diffamierung" (R. Bultmann, ThBI 1933 Sp. 166) des Judentums gläubig anerkennen, daß es sie somit nicht bloli als (iottes gerechte Schickung, sondern auch als der Menschen gerechte Tat betrachten solle. Sie set/eu somit voraus, daß das, was Sie unter Fremdlingschaft verstehen, identisch sei damit, was (iott, dem wir unseren (iehorsam schulden, darunter versteht. Aber dem ist nicht so. Buber erläutert dann an der Hand der Vorschriften der Bibel, insbesondere im i. und 5. Buch Moses Über Stellung der „Gastsassen" LGerim"), was Gott unter „Fremdlingschaff' verstehe. Daran knüpft Buber die folgenden Betrachtungen: SHj, Herr Kollege, zitieren /war (S. 57) einen Deutn.-Text, aus dem hervorgehe, „daß mau das Recht auch des Fremdlings nicht beugen dürfe", jedoch keinen von all denen, aus denen hervorgeht, daß dieses Recht von dem des Landessprossen nicht gesondert, dall beides „einerlei Recht" ist. Aber nur wenn mau von dieser magna Charta des biblischen (ilaubens, die nicht bloß Israel, sondern alle Völker binden soll. ii deren Mitte (iastsassen gasten (oder ist's Ihre Meinung, daß (iott von. den Völkern diese Gerechtigkeit und diese Liebe nicht fordre?), lUSgeht als von einer, die durch das Neue Testament nicht aufgehoben Vörden ist (denn wie sollte das Evangelium eine Minderung an Gerechtigkeit und Liebe /wischen Volk und Volk bedeuten?), hat man he Möglichkeit, glaubensmiBig von einer „Fremdlingschaft' und k'on einem „(iehorsam unter die Fremdlingschaft" ZU reden. Qeht man iber von jener aus, im Qlaubensernst des Gliubfgen aus den Völkern, so hat man denn doch wohl /tl allererst nach dem Gehorsam d e r \ olker zu fragen. Linen (iehorsam unter die Fremdlingschaft, wie Sie sie verstehen, *ie aber (iott sie nicht versteht, gebietet er uns nicht. Es kommt uns nicht zu, uns gegen sie aufzulehnen, aber es kommt uns auch nicht *U, uns einem Volkswillen als dem Willen (iottes zu beugen, ''salin um Psalm uiisres Buches, von der Kirche angenommen, spricht inen Appell von den Bedrängern au den Befreier aus. Psalm um Psalm Wäre Lästerung, wenn (iott von uns nicht allein heischte, daß wir in der Drangsal ausharren, sondern auch, daß wir uns drein als in ein von ihm Verhängtes appellos schicken. Wir beten auch heute. Wir beten nicht wider andre, wohl aber um iinsre und der Völker Erlösung. Her „Feind", wider den der Psalmist eifert, meint unserni nachsprechenden Gebet nicht Menschen und nicht Menschenmächte, sondern den Urversucher, der in der Geschichte die Erlösung hindert. „Das echte Judentum", sagen Sie, „bleibt bei dem Symbol des ruhe- und heimatlos über die Lrde wandernden Fremdlings". Das Judentum kennt kein solches Symbol. Der „ewige Jude" ist eine christliche Sagengestalt, nicht eine jüdische. Das echte Judentum ist stets gewärtig, daß im nächsten Augenblick die Verheißung sich erfülle und seine Wanderschaft ende. Es glaubt nicht, daß ihm geboten sei, die Zerstreuung ZU bejahen, sondern, sich in ihr für die Sammlung /u bereiten. Ls kennt keine „von Oott gewollte Tragik" (S. JS), die es anzuerkennen hätte, denn es kennt die (in ade, und /war als eine, die den Menschen ZU ihrem Werk beruft. Geschichte ist keine Thronrede Gottes, sondern sein Gespräch tuii der Menschheit. Wer nicht alles verfehlen will, muß darauf bedacht sein, die Stimmen der Partner /u unterscheiden. Die „geschichtliche Gegebenheit" des „OastzUStandes", dessen „Wiederherstellung" Sie. Herr Kollege, für die „Lösung der Judenfrage" halten, ist /u einem Teil diese Frage selbst, (iottes Frage an die Völker und an Israel, die er in der Geschichte stellt, /um andern isi sie das Ausbleiben einer Antwort. Gewiß ist auch die Emanzipation, SO wie sie erfolgt ist, keine rechte Antwort gewesen, aber daraus is: nicht zu folgern, daß nunmehr auf jenes Ausbleiben zurückzugreifen sei. Unsere Gemeinde. Zeittafel für die Gottesdienste 5694. Das Gebot der Sparsamkeit zwingt die Gemeinde, die Zeittafel für die Gottesdienste des kommenden Jahres in anderer Form als seit vielen Jahren bekanntzugeben. Unsere Leser finden sie in der vorliegenden Nummer. Sie ist so eingerichtet, daß sie ohne Mühe herausgeschnitten, gefaltet und in einen der im Buchhandel käuflichen Kalender eingelegt werden kann. Jüdische Eltern! Der Vorstand des Jüdischen Frauenbundes fühlt die Verpflichtung, die jüdische Eltern schart darauf hinzuweisen, daß an den kommenden Hohen Feiertagen alle jüdischen Kinder vom Schulbesuch /u befreien sind. Abgesehen von der religiösen Oberzeugung, die für den Einzelnen Geltung bat, ist aus Gründen der Solidarität das Fernbleiben der Kinder von den Schulen an diesen Tagen unbedingt erforderlich. Die Genehmigung hierzu wird, wie durch behördliche Erlasse festgestellt ist. von den Schulen auch weiterhin erteilt. Wo Litern nicht gemeinsam mit ihren Kindern den Gottesdienst besuchen können, w ird der jüdische Lehrer (bzw. die I ehrerin) gern bereit sein, es den Kindern zu ermöglichen. An die jüdischen Frauen! In dieser Schicksals/eit ist die äußere und innere Haltung jeder jüdischen Frau bedeutsamer denn je. Sie verlangt erhöhtes Verantwortungsbewußtsein und Besinnung auf echtes judisches Wesen. Sie forden Einfachheit der Formen, Abstimmung aller Töne auf die Stimmung der Zeit, ein Auftreten, das der Wurde des Judentums entspricht. Alles, was hinausdrängt aus wahrer Schlichtheil, schädigt den Einzelnen und die Allgemeinheit, macht verächtlich und unbeliebt, stößt ab und fördert feindliche Einstellung, gibt Vnlali ZU Ausschluß und Sonderstellung Einzelner wie der Gemeinschaft! Darum wahre die Jüdin in dieser Zeit Schlichtheit und Zurückhaltung. Jüdischer Frauenbund Deutschlands. Mitteilung des Sozialamtes: In Istanbul (Türkei) wird ein tüchtiger unverheirateter Meister, der mit der Herstellung von Klischees, Bedienung von Maschinen und dem Drucken gut vertraut ist, gesucht. In SiidSerbien wird ein Strickmeister verlangt, welcher mit Strickmaschinen Marke Schubert ft Salzer, Hirschler, Bart & Ca umzugehen versteht. In Argentinien können einige geschulte Krankenschwestern ohne Examen Beschäftigung finden. In Paris werden noch einige Fachleute als Färber in der Rauchw aren brauche verlangt. In Belgrad (Jugoslawien) wird ein intelligenter Optiker-Lehrling gesucht. Näheres durch d:ts Sozialamt. Sprechstunden im Sozialamt: Montag, Mittwoch IL Freitag II 13 Uhr. Mittwoch, Donnerstag und Freitag IV . 17 Uhr. Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!