Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 36 (8.9.1933)
- Date
- 1933-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4500 Stück ßemetou cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSOE7A&IN DE- ZU I •t|D7|,fcL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL IIImI W DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schriftleitung: Octncindcrabbiuci Gustav Cohn Leipzig. Walter Blümel-Str. 10. Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 36" Jahrgang 9 8. September 1933 An/eigenan-nahme: E. Qoldfreund, Leipzig O 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 60771. Druck: Druckerei der Wcrkgemcinsch.ift, Leipzig C I. Der 18. Zionistenkongreß. Aus der Generaldebatte. — Nach den Berichten der IIA. Die Frage, unter welchen Bedingungen der Misrachi weiterhin in der bisherigen Weise mit der Zionistischen Organisation kooperieren könne, wurde in der Generaldebatte des Zionistenkongresses von Rabbi Brodt erörtert. Er erklärte u.a.: Der Weg, den der Zionismus gehe, könne nicht /um grollen Ziele führen. Neutralität in Tragen des jüdischen Olaubens könne das religiöse Judentum nicht zufriedenstellen. Aber sie schaffe den Hoden für Zusammenarbeit. Sie bedeute, daß man mit den Oefühlen der anderen rechnet und ihnen Achtung entgegenbringt. Bei vielen Institutionen, die die Zionistische Organisation geschaffen habe, fehle die Achtung vor den jüdischen Gesetzen. Die Misrachisten seien bereit, den gerechten Kampf der Arbeit ZU unterstützen, doch dürfe diese nicht so geregelt werden, daß die Arbeiter auch am Sabbath zu arbeiten haben. Der Misrachi stehe vor der Lntscheidung: Ist Kooperation mit dem Zionismus in seiner heutigen Form für das religiöse Judentum weiter möglich, oder müssen andere Wege gesucht werden? Wir hoffen, schloß Rabbi Brodt, daß der Will. Kongreli ZU einem Kongrell der Kooperation werden wird, einem Kongreß der Vereinigung aller produktiven jüdischen Kräfte und der gegenseitigen Respektierung. Dr. Nahum Üoldmann erklärte namens der Radikalen, die Taktik Englands sei nicht bloß eine Verletzung, sondern eine Ignorierung lies welthistorischen Sinnes des Mandates. Wenn mau im < ugliscncn Parlament von dislozierten Arabern spreche, dürfe mau die Frage der dislozierten Massen der Juden, für die Palästina bestimmt ist, nicht übergehen. Ls existiere jetzt eine ungeheuer grolle Palästinabewegung unter dem jüdischen Volk und sie wachse von Tag zu Tag. Die Ausnutzung dieser Stimmung hangt von der organisatorischen I rfassung der jüdischen Massen ab. W ir wollen, sagte Qoldmann, das gesamte Volk, das sich in Palästina konzentriert, repräsentieren. Das kann aber nur unter der Leitimg und der Autorität einer von jeder inneren Zerrissenheit freien Organisation geschehen. Der Jabotinsky-Revisionist Dr. Wein schal erörterte innerorganisatorische und wirtschaftliche Tragen und wandte sich sodann dem Einwanderungsproblem zu. Wir Revisionisten, erklarte er, betrachten das System der Zertifikate als ein Unglück. Wir kämpfen um das Recht eines jeden Juden ohne Unterschied der Partei und der Oesinnung. Die Einwanderung von Juden nach Palistina kann nicht mit der Zugehörigkeit zu der Zionistischen Organisation zusammenhängen. Die Zionistische Organisation muH auf dem Standpunkt stehen, daß jeder Jude das Recht hat, nach Palästina einzuwandern. Mosehe Schapira (llapoel Mamisrachi) befaßte sich mit der Sabbathfrage. Er konstatierte mit Befriedigung, dali Ben Gurion von der Schaffung einer friedlichen Atmosphäre gegenüber dem religiösen Judentum gesprochen hat. Ts sei ein groller Fehler, daß man Religion immer mit Kampf gegen die Arbeiterschaft identifiziere. Dei Hapoel Hamisrachi habe gezeigt, dall ein guter Arbeiter und Anhänget der Arbeiterbewegung religiös leben kann. Die Einheit der Bewegung müsse wiedergefunden werden, die Einheit jener Teile, die bedingungslos der Zionistischen Organisation angehören. Sup ras ki (Allgemeine Zionisten) betonte, dall Palästina sieh als einziger Zufluchtsort für das Judentum erwiesen habe. Die Allgemeinen /ionisten brächten Anträge, wie in den nächsten Jahren eine große I inwandening nach Palästina verwirklicht werden solle. In den nächsten fünf Jahren könne der Jisehuw zumindest auf eine halbe Million Juden gebracht werden. Die Frage der Einwanderungsgesetzgebung müsse an die Spitze der zionistischen Politik gestellt werden. Wir sind, sagte Supraski, gegen tlas Zertifikats-System und verlangen die t'hergäbe der Einwanderungskontrolle an die Zionistische Organisation. Das Zertifikat-System muH eine Form annehmen, die uns die Möglichkeit •ur eine jüdische Masseneinwanderung gibt. Der Arbeitervertreter dieser Kaplan besprach Probleme der jüdischen Arbeit und ihrer Organisation. Wir erkennen, erklärte er, das Recht jede- Juden ant Arbeit au. Wir werden auch weiterhin verlangen, daß der jüdische Arbeiter ilic Arbeit erobert, und uns nicht damit einverstanden erklären, daß irgendeine Arbeit dein jüdischen Arbeiter nicht ZUgältgig i-t. Jeder Arbeiter, welcher Partei er immer ist, hat in der hflstadnith gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten. Heute, WO wir von einer Volksen!Wanderung sprechen, müssen wir mehr als je eingedenk dessen sein, uns Elemente zu sichern, die über das jüdische, hebräische, kulturelle und nationale Aussehen des Jisehuw wachen werden. Wir verlangen das nicht aus parteiischen, sondern aus zionistischen Gründen. Wenn wir nicht dafür sorgen weiden, dali wir eine Kraft haben, die die'Entwicklung dieses Drangelenken wird, dann setzen wir nicht nur unsere ferne Zukunft, sondern auch unser Heute und Morgen einer grollen Gefahr aus. Das Erscheinen Dr. Stephen S. Wisc's auf der Kongreßtribüne loste außerordentliche Spannung aus .Ts herrschten einige Augenblicke absoluter Stille, bevor Dr. wise seine großangelegte Rede begann Seine Ausführungen wurden an jenen Süllen, die den Arbeitsverhältnissen in Palästina und der Forderung nach Einführung dei obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit in Arbeitsfragen gewidmet waren, von Vertretern der Linken, besondervom Arbeiterführer Mereminsky, wiederholi unterbrochen. Seine Ausführungen richteten sich in scharfer Form gegen Dr. w eizmanu. der -einer Meinung nach für die Führung der Organisation infolge -einer politischen Qrundeinstellung nicht in Betracht komme. An die Spitze der Organisation dürfe heute nur ein Mann treten, der nicht gegen die Proklamation des Judenstaats als Endziels der zionistischen Bewegung sei und dessen Politik auf der I orderung nach Aufbau des Jüdischen Nationalheims auf beulen Seiten des Jordan beruhe. Die Jcwish Ageucy. erklarte Wise, sei tot. Sie müsse von Grund auf neu organisiert werden. Schließlich wandte sich Wise dagegen, daß die Linke in der politischen Arbeit, in der Regelung der Einwanderung und in entscheidenden Tragen de- Pal istinaaufbaus eine An von Monopolstellung beanspruche. Im Namen der Arbeiterpartei brachte der Delegierte Keine/ das Bedauern darüber zum Ausdruck, daß ein Mann wie Dr. Stephen Wise, dessen Reden es verdienen, in dei ganzen Welt w iderhafl zu linden, hinsichtlich gewissei Verhältnisse nicht vorher auch von der \rbeiterseite Informationen eingezogen habe. Jeder Jude in I rez Israel, der arbeiten wolle, könne durch die Histadruth Arbeit bekommen. In der Histadruth seien Tente verschiedenster Anschauungen organisiert Mau frage sie nicht danach, ob sie Sozialisten oder NichtSozialisten, Orthodoxe oder Freidenker seien. Ein erschütterndes Bild der Tage der Juden in orientalischen Ländern entwarfen der Verneinte Üluska und der orientalische Senharde Avissar. Dluska erklärte, die Verfolgungen dei Juden in Yemen hielten noch immer an. W ie aber könne mau von Nichtjuden Gerechtigkeit fordern, wenn mau die Yemeniten in iicz Israel wie Stiefkinder behandelt .-' .Mau gebe den Yemeniten keinen Hoden und SOIgC nicht für die Erziehung ihrer Kinder. Der Beschluß lies XVI. Kongresses, in Aden ein Emigrationsami zu gründen, sei nicht durchgeführt worden. .Mau müßte für Yemeniten anstelle der 2iki bis 250 Zertifikate, die sie bekommen, jährlich 1000 Zertifikate geben, dann konnte man ätXKMi Yemeniten retten und Palästina ein fleißiges genügsames Element sichern Der Delegierte A \ i - - :i r w ies darauf hin, daß anderthalb Millionen sephardischer Juden in verschiedenen Ländern des Orients bitterster Not preisgegeben sind. In Nordafrika, I imis und .Marokko -ei es in letzter Zeit zu Pogromen gekommen, in dem inzwischen auf drei Reiche aufgeteilten 1 iirkcstan seien die Juden ständig bedroht. Flüchtlinge, die aus diesen fernen Ländern nach Trcz Israel kommen, erzählen von Raub und .Mord. Die Juden Kurdestans, Arbeiter, größtenteils Landarbeiter, setzten ihre ganze Hoffnung auf Lrcz Israel. Der Redner schilderte sodann die läge in der Türkei, in Persien und im Irak. In Yemen lebten die Juden unter geradezu mittelalterlichen Zuständen. Man verbiete ihnen die Auswanderung und bekehre die Waisenkinder mit Gewalt zum Islam. \ngetichts dieser läge fordern die orientalischen Juden Sie müssen bei «unseren Inserenten kaufen!