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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-08-18 · 33 (18.8.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
33 (18.8.1933)
Date
1933-08-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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£ Auflage 4500 Stück (Bemeinö cblatt DfcR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEME-IN DE- ZU I AMTLICHES NACHRICHTFNBLATT Lim I VMm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schriftleitung: Ocmeinderabbiner Gustav Cohn Leipzig. Walter BlUmel-Str. 10. - Nachdruck nur mit Quellenangabc und mit Ocnehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 33 ■ Jahrgang 9 18. August 1933 Anzeigenannahme: E. Qoldfretind, Leipzig O 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 10771. Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C I. Ein Ruf zu innerer Sammlung. Der bekannte hebräische Gelehrte und Schriftsteller Dr. M. Ehrenpreis, Oberrabbiner von Schweden, der eine reichhaltige und tiefgreif ende Tätigkeit in der Sammlung und Erziehung der jüdischen Jugend Schwedens und in der Aufklärung der schwedischen Öffentlichkeit Dber Juden und Judentum entfaltet und dessen letzte diesbezügliche Reden und Publikationen ein starkes Echo in der schwedischen Gesellschaft und Presse geweckt haben, benützt seine diesjährigen Ferien da/u, um Lander mit wichtigen jüdischen Gemeinschaften, unter ihnen auch Deutschland, ZU besuchen. Vom JTA.-Vertreter befragt, fällte Dr. Ehrenpreis seine Eindrücke wie folgt zusammen: Der anwachsende Antisemitismus hat ein unvorbereitetes und zersplittertes Judentum gefunden, innerhalb des deutschen Judentums besteht die Zerklüftung fort; im Qesamtjudentum wuchern nach wie vor Parteiegoismen und hindern den Zusammenschluß. Wir warten noch immer auf die jüdische Einheitsfront, die allein in der gegebenen Situation. aufbauend wirken könnte. Ich für mein Teil hege ernste Bedenken gegen den Jüdischen Weltkongreß als in diesem Augenblick nicht zweckentsprechend. Kongresse können weder Einheit schaffen, noch wirklich konstruktive Arbeit in die Wege leiten. Kongresse sind oft Redemaschinen und zum Reden haben wir jetzt keine Zeit. Wir brauchen einen handlungsfähigen Apparat. In diesem erlebnisschweren Augenblick mühten wir auf unseren historischen Organisatiousapparat zurückgreifen, der sich in einer zweieinhalhtauseudjährigen Geschichte so gut bewährt hat die jüdischen Gemeinden in ihrer Gesamtheit die berufenste Vertretung des Judentums. Wir müssen uns in dieser Zeit vor Prinzipienreiterei hüten; unser Selbsterhaltungstrieb ist stärker als soziale und politische Ideologien. Es muH dasjenige getan werden, was die Stunde fordert, in den Formen und mit den Mitteln, die am sichersten zu einem Ziele führen können. Die jüdischen (iroHgemeinden »firen vor allem berufen, ja verpflichtet, in dieser Zeit führend und zielsetzend den Zusammen Schluß zu fördern. Wie wäre es, wenn am kommenden Jom-Kippur von den Kanzeln aller Synagogen der Welt herab der Ruf des Judentums erschallen wurde, einheitlich, ehrlich, mutig nach Innen und nach AuHen. Keine leere Kundgebung, kein Winseln über erlittenes Unrecht, ein Gebet aus sechzehn Millionen Herzen, ein Bekennen, ein Aufschrei des Willens zum Gemeinschaftsleben, zur Rückkehr und Einkehr, ein männlicher, mannhafter Ruf eines Volkes, das lebt und das sein Leben verteidigen will. Ein solcher Ruf in solcher Stunde, einheitlich und gesammelt in die Welt hinausgetragen, wäre an sich schon eine Tat, mindestens ein Weg zur Tat. Ein Weg zur Zusammenfassung im Innern und zur Verteidigung nach Althen. Der Ruf der Synagogen Wäre der Ruf des Judentums; denn die Synagoge steht jenseits aller rUtelungen. Es wäre dankenswert, wenn die führenden Faktoren zu dieser Anregung bald Stellung nehmen. Ich will hier nicht der sogenannten Abwehr des Antisemitismus das Wort reden; der Stoll, der jetzt gegen das Judentum sich richtet, ist ein Anruf zu gemeinsamer Tat: es gilt nicht Abwehr, sondern Selbsterhaltung, es gilt inneren Aufbau, es gilt, wenn man einem alten «ort neues Leben einblasen soll — Selbstemanzipation, an Stelle der erschütternden Emanzipation. Nicht klagen sollen wir und nicht betteln, arbeiten sollen wir an unserer Oesttndung, an unserer Normalisierung, an unserer Wiederaufrichtung. Nicht bloli das deutsche Judentum ist in Not, die Not greift nach den Jttdenheiten überall in der Welt, sie wird zur jüdischen Not schlechthin. Heute mehr denn je muH nun die jüdische Aufbauarbeit zweiarmig sein: 1. Aufbau des jüdischen Palästina, jetzt deutlicher als zuvor der Rettungsanker für Hunderttausende, 2. Aufbau der jüdischen Diaspora, äuHerer und innerer Aufbau. Es ist unsere Aufgabe darauf hinzuarbeiten, daß der Völkerbund den Minderheitenschutz auf ganz Europa ausdehnt. Das Allel wichtigste aber ist der innere Aufbau. Der entwurzelten jüdischen Seele müssen wir die geistige Heimat wiedergeben; die Lüge von der „seelischen Angleichung". die so viel Unheil über uns gebracht hat, müssen wir mit der Wurzel ausrotten. Unsere Kinder müssen verankert werden in dein Erbe unseres Blutes und unserer Oeschichte. Ehrlich und bewußt musscii wir heimgehen ZU uns selbst. Dann werden wir auch Leiden leichter erdulden, denn dann wissen wir, warum und wozu wir leiden. Wenn wir nicht diese Lehre aus den Trümmern der Katastrophe von heute retten können, dann hat das geschichtliche Oeschehen dieser Zeit seineu Sinn verloren. Aberkennung der Staatsangehörigkeit und neue Richtlinien für Einbürgerung. Zum (iesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit vom 14. Juli 1933 (RliBl.l S. ISO) sind jetzt Ausführtmgshcstiminungcn erschienen. Ob eine Einbürgerung als nicht erwünscht anzusehen ist, wird nach völkisch-nationalen Grundsätzen beurteilt. Im Vordergrund stehen die rassischen, staatsbürgerlichen und kulturellen Gesichtspunkte für eine den Belangen von Reich und Volk zuträgliche Vermehrung der deutschen Bevölkerung durch Einbürgerung. Hiernach kommen für den Widerruf der Einbürgerung insbesondere in Betracht: a) Ostjuden, es sei denn, daB sie auf deutscher Seite im Weltkriege an der Front gekämpft oder sich um die deutschen Belange besonders verdient gemacht haben; b) Personen, die sich eines schweren Vergehens oder eines Verbrechens schuldig gemacht oder sich sonstwie in einer dem Wohle von Staat und Volk abträglichen W eise verhalten haben. Die Gründe für den Widerruf werden nicht mitgeteilt. Der Widerruf kann nicht mit Rechtsmitteln angefochten werden. Zum § 2 des obengenannten (iesetzes sind gleichfalls Autführuugsbcstimmimgen ergangen. Danach kann ein der Treupflicht gegen Reich und Volk widersprechendes Verhalten zur Aberkennung der Staatsangehörigkeit, zur Vcruiögensbcschlaguahme usw. fuhren. Die Vermögensbeschlagnahme und die Verfallerfclärung werden im Reichsanzeiger veröffentlicht und sind mit dem Zeitpunkt der Veröffentlichung wirksam (s. auch Informationsblätter Nr. 7). Nachdem das Reichsgesetz Über die Aberkennung dir deutschen Staatsangehörigkeit in bestimmten Fällen den Widerruf von erfolgten Einbürgerungen mit seinen Durchführungsbestimmungen wirksam geworden ist, werden jetzt Richtlinien bekannt, die in deutschen Ländern in Zukunft für neue Einbürgerungen maßgebend sein sollen. Diese Richtlinien werden der breiteren Öffentlichkeit zum erstenmal durch die Pressestelle des Staatsiuinistcriums in Karlsruhe mitgeteilt. In der Veröffentlichung der badischeu Regierung kommt zum Ausdruck, daH bis zum Erlall des neuen Reichsgesetzes folgendes zu beachten sei: Die Verleihung des Staatsbürgerrechts ist ein Vorrecht für besonders befähigte oder verdiente Personen. Im nationalen Staat wird kein Wert auf möglichst umfangreiche Einbürgerungen gelegt. Es sei davon auszugehen, daH der Staat grundsätzlich kein Interesse daran hat, nichtdeutsche Personen in seine Gemeinschaft aufzunehmen. Einbürgerungen mühten also besonders begründete Ausnahmen sein. Für die Prüfung von Einbürgerungsgesuchen werden dann elf einzelne Richtlinien gegeben. Die erste beschäftigt sich mit der arischen A bs t a m m u n g. Der Staat lege auf BeVölkerungs/uwachs von Nichtariern keinerlei Wert. Zwecks Verhütung einer weiteren Rassenmischung lehne er es von vornherein ab, Nichtarier aufzunehmen. Bereits die Möglichkeit, daß der Gesuchsteller in entfern- Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!

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