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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-07-28 · 30 (28.7.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
30 (28.7.1933)
Date
1933-07-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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28.7. 33. Auflage 4500 Stück (Semetaö cUatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I Sml D7I IL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL Ii X«l^7 der Gemeindeverwaltung« schriltleitung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn Leipzig. A alter Bliimel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe nd att Genehmigung de Verfassers gestattet. Nummer 30« Jahrgang 9 28. Juli 1933 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Leipzig O 5, CichoriusstraBc 2a, Fernsprecher Nr. 60771. Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C I. xntr Oustav Cohn Unser Tisch'a b'aw Anden als seit langem wird in diesem Jahre der Tisch'a b'aw, der Trauertag des *). Aw, die Erinnerung an den Untergang des jüdischen Staates, begangen werden: echter, verständnisvoller, tiefer. Vor allem vun den vielen Tausenden, denen der Sinn eines solchen Oedenktages nicht aufgegangen war, die heute gan/ ursprünglich fühlen, dall er für uns Juden eine unvergängliche, auch heute noch spürbare geschichtliche Bedeutung hat. Die Juden in Deutschland standen zum großen Teil dem Tisch'a i'aw fremd gegenüber. Ls herrschte die Meinung vor, dall seit der manzipation all die traurigen Folgen, die jahrhundertelang den irchtbaren Zusammenbruch nicht hatten vergessen lassen, in Dcutschnd wie in den meisten Landern der Welt, für alle Zeit Überwunden ien: der Jude sei als völlig gleichberechtigter Bürger anerkannt, und auch die geringen Reste einer Sondcrbchandlung, unter der er hie und da noch litt, wurden in kurzem verschwunden sein. So hielt es schwer, ja war es fast unmöglich, in eine rechte Beziehung /um 9. Aw ZU kommen; das Begehen des Trauertages entbehrte einer inneren Berechtigung: über den Stur/ des jüdischen Staates brauchte man nicht u klagen, wenn die Lebensbedingungen für den Juden in solchem Vusmane befriedigend waren. Von einem Unterton des Zweifels au dem Sinne der Oedcnkfeier war man aber vielfach auch dort nicht frei, wo der Tag, vom religiösen Oedanken aus, nichts von seiner Überlieferung eingehüllt hatte. Man Übte ei't altes, heiliges Qebot; man lebte in den frommen Gefühlen ler Vater und Vorvater. Den Kern des Gedenkens suchte mau im Wiek auf den Stur/ des Tempels auf die Störung der in der I hora vorgesehenen f orm der Qotfesverehrung. Aber auch Iiier kam es nicht uberall ZU einein wahrhaft lebendigen Verhältnis /um lisch'.i b'aw : ilie Sehnsucht nach einer Wiederaufrichtung des einst gepflegeil Opfergottesdienstes beherrschte nicht restlos die au der OberNefeung Festhaltenden, solange man auch in den Landern ungestört dem iberlieferten licset/ leben konnte, das der Zerstreuung angepaßt war. Volles Verständnis fand die geschichtliche Bedeutung des Tages laturgemäß von den nationaljüdischen Oedankengängen aus: die beondere Situation, deren Überwindung der jüdische Nationalismus antrebf, hat ja ihren Ausgang in dem Zusammenbruch des <). \w des Jahres 7(1 n.Chr. Aber auch in diesen Anschauungen gab es Hemmenet gegenüber der alten Form, den Trauertag ZU begehen: am Tisch'a W liest man die Klagelieder des Jeremia, weint man beim Singen Kinot, jener Trauerdichtungen, in denen viele Jahrhunderte hmlurch Dichter als Ausdruck der Empfindungen aller der Jammer der Juden über die Tatsache der Zerstreuung und die daraus folgenden '" Ien Ausdruck verliehen haben. Dei natiooalgesinntc Jude kannte 'ich für tliese Weise der Trauer nicht erwarmen: er wollte die jfische Zukunft gestalten, nicht mit Klagen und Jammern, ondern mit kraftvollen Taten, durch die auf eine günstige Wandlung!"i jüdischen Schicksal hingearbeitet werden kann. Mit neuen Empfindungen begehen wir heute den Trauertag. * ir haben allesamt, wo auch immer inmitten des Judentums wir ■teilen, leider nur ZU viel Grund /u klagen, /u klagen mit den Tonen Uten: das Unheil des Saluthschicksals hat sich uns wieder in aller schwere offenbart. Jener Tag, da Jerusalems Mauern in Trümmern Unken, war der Beginn der Leidenskette, der eben erst wieder schwer 'blickende Glieder angefügt wurden. Aber es hieße, den Tag falsch begehen, wollten wir uns nur auf die nutzlose Klage beschranken. So haben uns auch unsere Alten den " Aw nicht überliefert. Wie bei allen Übungen des religiösen Jahres. | JO strebten sie auch mit ihren Klagen immer eine wirksame Auswertung H<s bedeutsamen Tages für das Leben an. Bei aller beschaulichen Versenkung in die Welt des Glaubens haben sie doch nie den Blick 'in die Notwendigkeiten des Tages eingebüßt. So hatte es schon M. Jochanan b. Sakkai bewährt: als er erkannt hatte, daß der Stur/ nicht aufzuhalten sei, ging ei daran, durch den Ausbau des einigenden Gesetzes die Einheit des /in Zerstreuung gezwungenen Volkes sicherzustellen. Mit entschlossenem W illen trat er Verordnungen, die der neuen Zeit angemessen waren und sah das grolle Oebot der Stunde darin, Führer heranzubilden, »Iii1 durch Pflege des indischen (ici>tes Stützung für die gebrochene Seele schaffen sollten. Ilurch solche aus der Zeit geborene Haltung hat Jochanan b. Sakkai den Qrund zur Erhaltung des Judentums und dadurch der Judenheit gelegt. In gleicher Weise haben Immer wieder die führenden Männer in schw ieriger Lage ihre (iemeinschaft gestützt. Akiba, der nach dem traurigen Mißlingen Bar Kochbas, ungeachtet schwerster Strafandrohung, gelehrt hat; R. Macheir und R. Jehuda Manasi, die, alter Thoradcutung entgegen, die Überlieferung aufzeichneten; und, w ie diest, immer wieder Zielbewußte Männer, die drohendem Zerfall durch entschiedenes Eingreifen entgegentraten. In Zeiten stelischer Bedrängnis entstand Maimonides' „Führer der Irrenden" und desselben Verfassers ...Wischnetora". das eine W erk, um die Glaubensfestigkeit, das andere, um praktische Religionsübung ZU starken, als heftigste Angriffe gegen jüdische Olaubenstreue bedrohliche Wirkung hervorzurufen geeignet waren. Es ist sicher kein Zufall, dall der Schulchar aruch des K.Josel Karo in einer Zeit erschien, da der empfindlichste I ingriff in «las judische Dasein sich anbahnte, der seil dem Jahre 7(1 die Juden traf die Vertreibung aus Spanien. QewiB: es waren immer wieder geistige Taten, die in solchen Momenten der jüdischen Qeschichte geleistet wurden. Aber was hatte denn auch anderes geschehen können! Für einen SO großzügigen Plan, wie ihn die Rückgewinnung Palästinas für die Juden darstellt, waren ilie Zeiten nicht gegeben. Und selbst heute, da die völkerrechtliche Lage, wirtschaftliche und technische Bedingungen dem Aufbau einer indischen Heimstätte im Lande vier Väter förderlich sind, kann dieser darüber besteht bei niemandem ein Zweifel selbst bei günstigster Entwicklung nur immer eine Teillösung bleiben. So muß auch heute noch, trotz der nur durch wirksam« rat durchzuführenden neuen Wanderung doch die Sicherung der seelisch-geistigen Haltung eine ganz wesentliche, vielleicht die wesentlichste Aufgabe bleiben: selbst die Heimkehr nach tre/ Israel kann nur dam: ihre Bestimmung CI füllen, wenn die, die dahin ziehen, nicht nur eine Zuflucht suchen, sondern als vollbewußte Juden die Gestaltung ihres judischen Schicksals dort anstreben. Darauf weist uns heute der Tisch'a b'aw. Ja, wir werden wieder klagen wie einst Jeremia und alle die vom jüdischen Schicksal aufgerüttelten Klagesanger. Aber nicht bei der Magc stehenbleiben. \ucb heute gilt es wieder, zu Taten zu kommen. Ob die einen ihre Zukunft in Palästina oder einem anderen lande erkennen, .»ler die anderen den Olaubcn an ihre Zukunft im deutschen Vaterland unerschlittert bewahrt haben: Alle müssen wir uns darin zusammenfinden, dall wir danach streben, au unserem Schicksal selber m i tzuformen. Ls genügt nicht, daß Juden angesichts der erlittenen Ausschließung sich verbittert, aber offen und rückhaltlos zu ihrer (iemeinschaft bekennen: die Zwangsgeineinschaft muH zu innerlich starkem Zusammenstehen kommen, damit sie /u einer Formung jüdischen Daseins sehreiten kann. Schwer, nein, unmöglich ZU sagen, wie dieses jüdische Dasein aussehen wird und soll. Nur dieses: es muH so viel Stolz, so viel Kraft, so viel Freude am Judcscin in sich haben, dall es bängliches Schwanken nicht kennt. Denn nur aus Erfülltheit und tiefster Durclidrungenheit formt eine (iemeinschaft ihr Geschick. Wie das schaffen? l s muß ein lebendiges Verhältnis zu allein, was judisch ist, gewonnen werden: in gleicher Weise zu jüdischer (legen wart mit ihren aufgezwungenen Problemen wie ZU der so aufschlußreichen Vergangenheit, /um Judentum als religiöser, als sittlicher Haltung wie zu den taktischen Wegen seiner Erhaltung und Star kung. Solche lebendigen Beziehungen entstehen jedoch nur, wenn sie Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!

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