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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-07-07 · 27 (7.7.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
27 (7.7.1933)
Date
1933-07-07
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 CiEMEINDEBLATT DtR ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 7. Juli 1933 Wohnt in jüdischen Hotels. Einem von besonders geschätzter rabbinischer Seite uns zugesandten Aufruf entnehmen wir folgende bemerkenswerte Ausführungen : Besucht die jüdischen Gaststätten, das soll die Losung der Stunde für alle sein, die jetzt Erholung in den Bergen und an der See •.liehen. Die Losung ist keine platte Ocschäftsreklamc. Wir müssen als jüdische Gesamtheit die jüdischen Gaststätten schützen, wenn wir nicht empfindlichen Schaden davontragen wollen. Diese Losung hat sogar auch vom Standpunkt der grollen Allgemeinheit ihre Berechtigung. I Ihr leistet mit ihr einen entscheidenden Dienst auch an der deutschen Volkswirtschaft. Denn diese jüdischen Hotels an den Kurorten lockten alljährlich Hunderte ausländischer Juden an, die die herrlichen deutschen Hadeplät/c nur deshalb aufsuchen konnten, weil sie dort auch vorzüglich koscher verpflegt wurden. Wenn die rituellen Häuser in Statten der Sommerfrische zugrunde gehen, dann kann auch keiner unserer Brüder im Ausland mehr hier im Lande seine Kur nehmen. Oerade an den Badeplätzen aber bahnt sich zuerst ein gegen* seitiges Sichverstehen aller Bevölkerungsteile an, hier schweigen die Sturme von Politik und Tageskampf. Hier sind die Badeverwaltungen und alle Bürger darin einig: jeden Fremden zufriedenzustellen, frohe und freie Stimmung /u erzeugen, keinen Hali und keinen Hader zuzulassen. Es sind Oasen des Friedens in den bewegten Ländern. Hier ist zuerst wieder internationale (iastsehaft möglich mit ihrer grollen Bedeutung des Siebverstehens und der Frcundschaftsbildung. Daher müssen auch wir Juden unsres Teils dazu beitragen, dab aus allen Ländern Juden deutsche Kurorte frequentieren. Dazu ist Voraussetzung: ein gutes jüdisches Hotel am Platze. Wie aber soll dieses in den schweren Zeiten bestehen können, wenn wir selbst es nicht fördern und unterstützen? Habt ihr je euch die besonders zugespitzte Lage des jüdischen Hotelbesitzers klargemacht? Wie klein der Kreis ist, auf den er Anspruch zu erheben vermag, der aber an ihn mit derselben weitgehenden Forderung herantritt, wie jeder Kurgast? Dachtet ihr einmal au die Schwierigkeit der Koscber-I leischbeschaffung? An die erhöhte Forderung, die an seine Gewissenhaftigkeit gestellt wird, wenn er in seiner Isolierung alles streng rituell gestalten soll? Es sei daher jedem zur Pflicht gemacht: propagiere und empfiehl nach Kräften die jüdischen Badehotels! Du kannst dir selbst keine rechte Freude und Behaglichkeit in den Tagen der Ausspannung schaffen, ohne daß dir das Milieu des jüdischen Hauses Heimatgefühl, Sahbatfreude, Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und die Möglichkeit gemeindlichen Gottesdienstes gewährt. Die jüdischen Wirte sind in ihrer Organisation bestrebt, die Preise zu ermäßigen und der schweren Lage des Publikums Rechnung zu tragen. Die Kosten für dich werden bei eigener Wirtschaftsführung mit ihren tausend Schwierigkeiten letztlich doch nicht geringere sein als im Schutze der jüdischen (iaststätte mit ihren Annehmlichkeiten und Erleichterungen für dich. Darum noch einmal! Lernt sie nur einmal kennen, ihr werdet es nicht bereuen. Laltt es euch als Eza towa, als wertvolle Losung ins Herz schreiben: Besucht die jüdischen Gaststätten! | denkt an diejüdischen Xandmerker!\ Umschau. Eine Arbeitsgemeinschaft für jüdische Eugenik. Die „Oesellschaff für Iüdische Familienforschung" hat eine Arbeitsgemeinschaft für jüdische :ugenik gebildet, die im Hinblick auf die in Deutschland intensiv einsetzende Umschichtung der jüdischen Bevölkerung zunächst eine allgemeine anthropologisch-konstitutionelle Erhebung durchführen will. Mit der Oründung dieser Arbeitsgemeinschaft tritt die Oesellschaft für jüdische Familienforschung an die Erfüllung der von ihr seit jeher als besonders wichtig erachteten Aufgabe heran, die jüdische Familie auch biologisch zu studieren, den jüdischen Menschen in seiner Formung durch Erbgut und Umwelt zu betrachten, indem das einzelne Individuum in Vergleich gesetzt wird mit seiner Familie. Es ist geplant, zunächst die jüdischen Schüler und Sportler sowie deren Angehörige zu untersuchen; damit soll nicht nur eine wissenschaftliche Lücke ausgefüllt, sondern auch der jüdischen Familie und ihrer Oesunderhaltung ein wesentlicher Dienst erwiesen werden. Die Oesellschaft, die zur Durchführung dieser Arbeiten eine größere Zahl von Mitarbeitern benötigt, erbittet Meldungen interessierter Persönlichkeiten, insbesondere von Aerzten, Lehrern, Studenten usw. an: Oesellschaft für jüdische Familienforschung, Berlin W9, Potsdamerstr. 5. Max Reinhardt über die neue Blütezeit jüdischer Kunst. Max Reinhardt, der gegenwärtig in Oxford im Auftrag des Dramatischeu V ereins der Universität Oxford Aufführungen von Shakespeares „Sommernaclrtstraum" leitet, erklärte in einem Oesprich mit dem Korrespondenten des „Suiiday (.hronicle", er sehe voraus, dalt die schweren Leiden, denen die Juden in Deutschland ausgesetzt seien, zu einer innen Blütezeit jüdischer Kunst fuhren wurden. Heute seien die Juden in Deutschland gedruckt und zurückgesetzt. Aber aus ihrer jetzigen gedrückten Lage wurden sie sich bestimmt aufs neue erbeben. „Ich sage Ihnen beute-', erklärte Reinhardt, „daß die Juden nach zehn Jahren, wenn lie auf die heutige Zeit zurückschallen, dieser als der Epoche gedenken werden, da jüdische Kunst in Deutschland von neuem zu blühen begann. Die in England lebenden Angehörigen meiner R.is-e mögen betrübt sein wegen des Schicksals, das ihre Brüder in Deutschland betroffen hat, aber der wahre Jude verzweifelt niemals. Er bleibt dessen eingedenk, daß unser Volk sich gerade zu Zeiten wildester Verfolgung zu seinen höchsten Höhen erhob. Im Mittelalter schloß man uns ins Qhetto ein, berauhte uns unserer Habe, peinigte unsere I raucn und Kinder. Aber aus all diesem Elend trieb das Judentum neue Bluten. Als die Grausamkeiten am schrecklichsten waren, dichteten die Träumer unseres Volkes ihre schönsten Lieder und schufen ihre schönsten Gemälde." Reinhardt gab der Oberzeugung Ausdruck, daß die Schicksalsschläge, die die deutsche Judenheit betroffen b itten, ähnliche 1 olgen zeitigen wiirden. Aus dem Fegefeuer, das die deutschen Juden durchschreiten müßten, würden sie zu einer glanzvollen Wiedergeburt gelangen. Aus sächsischen Gemeinden. Der Ehrenvorsitzende der Dresdner Gemeinde, Oskar Lesser, gestorben. Die Israelitische Religionsgemeinde zu Dresden beklagt den Heimgang ihres, fast 82 jahrig, dahingeschiedenen Ehrenvorsitzenden Oskar Lesser. "seit Ks'tl als Deputierter im Gemeinderat tätig, hat Oskar Lesser bis Linie 1924, also 33 Jahre hindurch, umfassende hochverdienstliche Arbeit für seine Oemein.de geleistet, in der er den größten Teil seines Lebens vollbracht hat. Auch nach seinem Aussehenden stand er. wo ei nur konnte, des Gemeinde mit seinem wert- \ ollen Rat zur Seite und hat noch bis in ilie letzten Tage, ja Stunden, -i iin-s Fein Iis voll mitfühlender Teilnahme die ihm am Herzen liegenden jüdischen Qeschicke verfolgt. Die Israelitische ReligiottsgemeiSKle und viele ihrer Organisationen URd WohHahrtsbestrebtnagen, denen Oskar l esser seine Arbeit gewidmet bat. betrauern aufs tiefste den Tod des prächtigen Mannes Der von ihm mitbegründete Sächsische Israelitische Gemeindeverband, der Mendelssohn-Verein, die Krankenverpflegungsgesellschaft, die Beerdigungs-Brüderschaft, und nicht zuletzt das Henrietten-Stift verlieren in ihm einen ihrer kraftvollsten Förderer, einen Mann, der in seiner Universalität jüdisch-humanitären Wirkens immer einzig dastand. Die Abschiedsbetrachtung, die das Gemeindehlatt der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden dem Heimgegangenen widmet, schließt mit folgenden Worten: „Was Oskar Lesser für die Dresdner Gemeinde gewirkt hat, wird, solange sie besteht, nicht vergessen werden. In seinem Sohn, der zur Freude des Greises noch unter seinen Augen sein Erbe in der Gemeindcfiirsorge antrat, lebt Oskar Lessers Werk und Wollen weiter. In Tagen, wie sie schwerer kaum zu denken sind, möge des Vaters (ieist auf aller Arbeit ruhen, die der Sohn für unsere Gemeinde auf sich genommen hat. Auf daß — es ist unser innigster Wunsch und Hoffen aus bedrängtem Herzen — das Andenken dieses Gerechten für uns und unsere Kinder zum Segen werde." Unsere Gemeinde. Warnung. Seit einigen Wochen hält sich in Leipzig ein Durchwanderer auf, der Finnen und Familien um Unterstützung angeht und dabei angibt, von Beruf Rabbiner zu sein. Da Anlall besteht, die Angaben des Mannes zu bezweifeln, wird vor ihm gewarnt. Betr. Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterbliebene. Zwischen dem Nationalsozialistischen Reichsverband Deutscher Kriegsopfer — dem satzungsgemäli jüdische Mitglieder nicht angehören können — und der Bundesleitung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten wurden folgende Vereinharungeen getroffen: 1. Weitere unentgeltliche Beratung und Vertretung vor den Versorgungsbehörden. Eingaben dieser Art sind an die Geschäftsstelle: Harry Hirsch. Leipzig N22, Wilhelmshavencr Str. 8 a, möglichst in zweifacher Ausfertigung zu richten. 2. Den aus dem Nation.-Soz. Reichsverband ausgegliederten und dem R.j. F. angegliederten Kriegsopfern steht hei Weiterzahlung eines monatlichen Beitrages von 30 Reichspfennigen an den Nationalsozialistischen Reichsverhand Deutscher Kriegsopfer weitee das Recht auf Sterbegeld zu. Sollten sich wider Erwarten, insbesondere bei der Annahme der monatlichen Beitragszahlung von 30 Pfg. zur Sterbekasse lokale Unstimmigkeiten ergeben, so ist dies unter genauer Angabe an oben angegebene Adresse zu melden. Reiehsbimd jüdischer Frontsoldaten, Ortsgruppe Leipzig. Höhere Israelitische Schule. Die Direktion der Höheren Israelitischen Schule teilt mit: Durch eine Zuwendung der Israelitischen Religionsgemeinde ist es uns möglich, drei neue Volksschulklassen zu eröffnen, deren Besuch unentgeltlich ist. Wir beginnen am Ib. Augus; mit den Klassen 5, 4 und 3, (4. 5. und ö. Schuljahr). Die Anmeldungen sind sofort in unserem Sekretariat von 1 25 bis 1 M Uhr zu vollziehen Aus dem Gemeindeamt. Gottesdienste: Gemeindesynagoge. Sahbatgottesdienst: Freitag, den 7.Juli, Abendgebet I« Uhr mit Predigt (Rabbiner Cohn). Sonnabend, 8. Juli, Morgengebet « Uhr, Jugendgottesdienst 15.15 Uhr mit Predigt (Rabbiner Dr. (ioldmann); Nachmittagsgebet 20.50 Uhr, anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Cohn); Abendgebet 21,24 Uhr. Morgengottesdienst an Sonn- und bürgerlichen Feiertagen 7.30 Uhr, werktags 7 Uhr, Abendgottesdienst 19 Uhr. Gemeindesynagoge. S a b ha t gott esd i en s t Freitag, 14. Juli, Abendgebet I») Uhr .Sonnabend, 15. Juli, Morgengebet 0 Uhr, Nachmittagsgebet 20.45 Uhr, anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Dr. Golomann); Abendgebet 21.17 Uhr.

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