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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-07-07 · 27 (7.7.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
27 (7.7.1933)
Date
1933-07-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Auflage 4500 Stück (Bemeiub ettatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGtM&l N DE- ZU I f^|D7|^L AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I 1 £m\\& DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schriftleitung: Oemeinderabbiner Gustav Cohn Leipzig. \ alter Hlümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe ml mit Genehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 27 ■ Jahrgang 9 7. Juli 1933 Anzeigenannahme: I . Goldfrcund, Leipzig O 5, Cichoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 607 71. Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C I. Juden auf Wanderung. Die Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältniste der Juden in Deutschland während der letzten Monate hat da/u gefuhrt, dal! die Frage einer Auswanderung in den Vordergrund der Erwägungen getreten ist. Tausende haben in schnellem EntSChluB die deutschen (ireuzen überschritten und, gestützt auf großzügige Hilfsarbeit jüdischer HilfsauSSChÜSSe, in den verschiedenen Lindern versucht, eine neue Existen/ aufzurichten. Seitdem sind viele Wochen ins Land gegangen und lassen erkennen, dall Auswanderung in der Tonn, die so häufig gewählt wurde, nicht zu dem erhofften Ziele führt: nur wenn sie nach wohlerwogenen Plänen geschieht, wenn alle wirtschaftlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten der ein/einen Länder und der ein/einen zur Auswanderung Entschlossenen genauestens festgestellt sind, ist das Menschenmögliche geschehen, um Enttäuschungen vorzubeugen. Welche bitteren seelischen Beschwernisse jene Juden durch/.ulcbcn haben, die im fremden Lande eintreffen, ohne dall die wirtschaftliehen Vorbereitungen durchgeführt waren, zei^t die folgende erschütternde Schilderung, die der französischen Wochenschrift „L'Univcrs Israelit*" unter dem Titel „Le juif errant ä Paris" (eigenlich Ahasver in Paris) erschienen ist. Es ist schwer, die Zahl der jüdischen Emigranten in Paris festzustellen. Das jedenfalls ist sicher, dall viele hier vegetieren, ohne zu wissen, was die Zukunft ihnen bringen wird. Ihre Anzahl mehrt sich von Tag ZU Tag, und die Erage wird gerade/u beängstigend: Was wird aus ihnen allen? Ehr den Augenblick haben sie eine Zuflucht, sei es bei Privatpersonen, sei es in Motels. Einige von ihnen haben gastliche Aufnahme im Asyl der nie Lamarck gefunden; sie befinden sich in einer wenig beneidenswerten Lage. Aber in/wischen ist ihnen wenigstens ein Dach über dem Kopfe und ein Stück Brot sicher. Das bitterste Elend ist ihnen erspart. Aber diese großzügige (iastfreundlichkcit, die Hilfe von Komitees und Einzelpersonen können nicht für immer dauern. Und nachher? Arbeit finden? Viele Schwierigkeiten set/en hier ein. Zuerst die Arbeitslosigkeit, die auch hier herrscht, dann die Unkenntnis der französischen Sprache bei den meisten der Auswanderer, und auf den Universitäten der Unterschied in der Art der Studien, der die Berechtigung zur Niederlassung bedeutend erschwert. Ein deutscher Schriftsteller sagt: „Was soll ich in Paris anfangen? Ich weill es nicht. Soll ich versuchen, wieder zu schreiben .J .Unmöglich. Zunächst habe ich nicht genügend Kenntnisse der französischen Sprache, um für Zeitungen zu arbeiten, und dann fühle ich mich so krank, dall ich nkht mehr fähig bin, meinen Beruf auszuüben. Dem Menschen, der kein Handwerk erlernen kann, bleibt nichts übrig, als sich aufzuhängen." Ein anderer schildert seine Lage wie folgt: „Mitte März war ich einmal in einem Cafe in Berlin. Einer meiner Ereunde fragte, ob ' niand von uns ihn auf einem Ausflug nach Paris begleiten wolle. Wie ich meinen Freund beneidete! Damals ahnte ich noch nicht, dall ich selbst drei Wochen später in Paris, aber unter gänzlich anderen Verhältnissen, sein würde. Heute sehe ich Paris nicht mehr so, wie ich es in meiner begeisterten Phantasie geschaut hatte. Meine Romantik ist dahin! Ich habe gesehen, daß Paris viele Herrlichkeiten in sich schließt, aber noch viel mehr Elend. Die Stadt ist wie das Leben selbst, alltäglich und prosaisch, üewiß, ich habe die wichtigsten Sehenswürdigkeiten kennengelernt, aber rch habe keine Lust mehr auf dergleichen Dinge. Die hebe ich mir für bessere Tage auf. Ich bin so gleichgültig geworden, dall ich kaum imstande bin, darüber nachzudenken, was in unserer Lage zu tun heilsam ist.'' Ein Dritter antwortete auf die Erage: „Was wollen Sie tun?": „Ich weiß es nicht. Ich bin Kaufmann. Auf die Aussicht, eine Stellung zu finden, habe ich schon fast verzichtet. Ich glaube, daß es für die Emigranten nur zwei Mittel gibt, um sich aus ihrer Lage zu befreien: die Seine für die Männer, und die Straße für die Frauen." Andere Flüchtlinge wieder haben Paris verlassen. Ein junger Mann, der sich nach Holland gewandt hat, gab mir dafür seine Gründe an: „Man schickt nach Paris die Auswanderer aller Städte und aller Länder. Ich glaube, dall man damit Unrecht tut. Denn das Individuum geht in der Masse unter, und ich fürchte, dall durch diese starke Einwanderung nun auch in Frankreich die Judenfrage aufgerollt werden könnte." Ein junger Kaufmann hatte Marseille ohne einen Pfennig Geld verlassen. Acht Tage später traf ich ihn in Paris. Er erzählte mir folgendes: „Ich werde niemals nach Marseille zurückkehren. Denn dort gibt es weder Komitees noch Hilfsvereine. Zwei Tage lang habe ich von einem Stück Weißbrot gelebt. Wenn ich länger in Marseille geblieben wäre, hätte ich bestimmt Hungers sterben müssen. Ich hatte kein (ield, um nach Paris zu fahren, und nur einem Zufall habe ich es zu verdanken, dall ich trotzdem hier bin. Jammernd und abgekämpft trieb ich mich in der Umgebung des Hafens von Marseille herum, bis ein Wächter mich bemerkte. Er empfahl mich dem Kapitän eines Schiffes, das nach Antwerpen fuhr. Aus Mitleid nahm mich dieser an Bord. Das Schiff lichtete die Anker. Bald wurde ich seekrank, aber ich hatte keine Zeit, lim an meinen Gesundheitszustand zu denken. Ich mußte den Matrosen beim Reinigen der Toiletten und heim Waschen der Brücke helfen. Da ich aber au eine solche Arbeit nicht gewöhnt war, stellte ich mich nicht sehr geschickt dabei an. In Barcelona wollte ich von Bord flüchten. Aber dieser Versuch scheiterte und brachte mir eine derbe Tracht Prügel ein. Das (iewitter, das im Ootf von Biscaya einsetzte, schien gerade für mich bestimmt zu sein. Denn es machte mich nur noch kränker. In Antwerpen nahm ich eine Fahrkarte nach Köln, denn ich wollte nach Deutschland zurückkehren. Aber an der deutschen Orenze änderte ich meinen Entschluß. Es gelang mir, mir eine Karte nach Paris zu verschaffen." Man könnte unendlich viele solcher Geschichten erzählen, aber diejenigen, die ich angeführt habe, genügen, um die Lage in Paris zu schildern, die trotz aller getroffenen Maliregeln verzweifelt bleibt. Diese entsetzliche Situation und die Machenschaften von gewissen Leuten, die die Umstände ausgenutzt haben, um sich als Flüchtlinge auszugeben (oft handelt es sich nicht einmal um Menschen, die aus Deutschland kommen), haben auf erschreckende Weise Egoismus, Mißtrauen und Vereinsamung in die Reihen der Auswanderer getiagen. (iewill: jeder hat noch einen kleinen Hoffnungsschimmer, alle hoffen, sich in Paris noch zurechtfinden zu können. Sie alle haben Adressen, Adressen und nochmals Adressen . . . Und sie laufen den ganzen Tag quer durch die Stadt, geben oft fünf Francs täglich für die Untergrundbahn aus. Sie laufen von einem Komitee /um andern, zu Bekannten, die hohe Persönlichkeiten sind, nnd werden nur reicher an Enttäuschungen. . . . Aber sie geben nur selten die Hoffnung auf. Im Gegenteil, sie fangen immer wieder von vorne an, mit der beständigen Hast, die ihnen eigen ist; sie laufen vom Norden nach dem Süden, vom Osten nach, dem Westen, glauben immer wieder hoffnungsfreudig, ihr Ziel zu erreichen, und kehren stets kleinlaut und traurig zurück. Wandernd, wandernd! Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!

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