Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 26 (30.6.1933)
- Date
- 1933-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1 :'i Auflage 4500 Stück t /i n'HC V*iyF.RS. /Ps DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE- ZU I J>—|D7|HL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT las las II Mm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« Scbrif tleitung: Oemeinderabbiner Gustav Cohn Leipzig. Waller Hlümel-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 26a Jahrgang 9 30. Juni 1933 Anzeigenannahme: I . Ooldfretind, Leipzig O 5, Cicltoriusstraße 2a, Fernsprecher Nr. 607 71. Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig Cl. Umschau. Die Sächsische Rabbinerkonferenz hielt in Dresden eine Sitzung ab, an tler sämtliche sechs Kollegen teilnahmen und die wichtige Entschlüsse faßte. Neben manchem andern wurde besonders das Schichtverbot und der Religionsunterricht behandelt. Zum ersteren wurde eine Resolution folgenden Inhalts beschlossen: „Die Siebs. Rabbinerkonferenz hat in Rücksicht auf das bestehende Schächtverbot mit Mehrheit (d. h. gegen die Stimme des orthodoxen und eines anderen Kollegen) den Beschluß gefallt, /u erklären: Das Religionsgcsetz ist seinem Wesen nach unaufhebbar. Doch sind bei Gefährdung von Leben und Gesundheit Ausnahmen religionsgeset/lich zulässig. Durch das Schächtverbot ist der Genuß von rituellem Fleisch zur Zeit erschwert, für den Armen fast unmöglich. In der Befürchtung, durch dauernden Verzicht auf Fleischgenuß ihre Gesundheit zu gefährden, werden manche sich entschließen, Fleisch von nicht geschächteten Tieren zu genießen. Von ihnen fordern wir, dal) sie das Fleisch behandeln, als wäre es rituell geschlachtet (daß sie z. B. in bisheriger Weise milchig und fleischig getrennt halten), so dal! besonders die Hausfrau ihrer religiösen Pflichten im Hause eingedenk bleibt. Wir legen besonderen Wert darauf, daß in dieser Notzeit des Judentums durch religiöses Tun der Sinn für Religion und Judentum rege bleibt! — Sobald eine Betäubung gefunden sein wird, die einwandfreies Schächten wieder ermöglicht, darf selbstverständlich Fleisch von nicht geschächteten Tieren nicht mehr genossen werden.*' Zum Religionsunterricht wurde, auf aktuelle Anfragen hin, nach vorhergegangener Bearbeitung bei den Behörden durch Koll. Wolf- Dresden, folgendes beschlossen: I. Nachdem der Religionsunterricht durch Ministerialverfiigung zum Pflichtfach geworden ist, zufolge mündlicher Besprechung mit den zuständigen Stellen die Einzelfestsetzungen über diesen Unterricht aber der Religionsgesellschaft überlassen bleiben, hat die Konferenz beschlossen: Die Unterweisung im Hebräischen ist ein Bestandteil des von den Gemeinden zu erteilenden jüdischen Religionsunterrichts. 2. In mündlichen Besprechungen mit dem Ministerium ist festgestellt worden, daß der Wortlaut der Verfügung genau genommen werden soll, wonach die Kinder Religionsunterricht in ihrem Bekenntnis erhalten müssen. Einzelbestimmungen darüber sind beantragt worden. 3. Nachdem der Religionsunterricht als obligatorisch in allen Jahrgängen erklärt worden;st, ist er es auch im 1. Schuljahr. 4. Die Konferenz bittet die Geneinden, von der Erhebung eines Schulgeldes für den Religionsunterricht (das besonders für die höheren Schulen durchaus möglich wäre) abzusehen. 5. In einigen öffentlichen Schulen werden Kinder neuerdings gegen ihren und ihrer Eltern Willen zum Schreiben am Sabbat gezwungen: In dieser Angelegenheit hat trotz vieler Bemühungen bis jetzt noch nichts erreicht werden können, b. Dissidentenkinder dürfen in den jüdischen Religionsunterricht aufgenommen werben, doch besteht für die jüdischen Behörden keine Pflicht da/u. Die Konferenz stellt dies fest und spricht aus, dall die Entscheidung über die Aufnahme von Fall zu Fall geregelt werden muH. 7. Als anerkannter Religionsunterricht gilt grundsätzlich nur der von den Leitern der Gemeindereligionsschulen beaufsichtigte Privatunterricht. Vnzustreben ist, das jeder Schüler am Unterricht in der Gemcindcreligionsschule teilnimmt. Resolutionen des Zentralausschusses des Allgemeinen Rabbiner Verbandes Deutschlands. Auf der letzten in Leipzig stattgefundenen Tagung des Zentralausschusses des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland wurden folgende Entschließungen gefallt: 1. Der Zentralausschuss des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland dankt seinem Vorsitzenden Dr. Baeck dafür, dal! er in den Ereignissen der letzten Wochen die Aufgaben eines leitenden Rabbiners der deutschen Judenheit erfüllt hat und dal! es ihm gelungen ist, in seiner Person alle positiven Kräfte des deutschen Judentums zusammenzufassen. 2. Der Zentralausschuss des Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland erblickt in der jüdischen Schule eine wesentliche segensvolle Kraft zur Erhaltung der deutschen Juden. Diese jüdische Schule darf kein Notbehelf sein, sondern soll der lebendigen jüdischen Erziehung dienen. Eine Voraussetzung für dieses Schttlwerk ist es daher, dal! die in ihm tätigen Lehrer bewußt im Judentum stehen Für gleiche staatsrechtliche Behandlung aller jüdischen Richtungen in Deutschland. (Amtlich.) Die Reichsvertretung der judischen Landesverbände Deutschlands trat am 11. Juni 1933 zu einer Sitzung zusammen. Vor Beginn der eigentlichen Beratungen wurden im Anschluß an die zur Einigkeit mahnenden Begrüßungsworte des Präsidenten Kammergerichtsrat Wolff die Grundlagen für die politische Arbeit der Reichsvertretung erörtert; es wurde in einer Entschließung ausdrücklich festgestellt, daß keine der jüdischen Richtungen irgendwie eine unterschiedliche staatsrechtliche Behandlung anderer Richtungen verlangen dürfe. Die weiteren Beratungen galten dieses Mal nicht nur der politischen Lage, die selbstverständlich eingehend besprochen wurde, sondern auch 1 ragen des inneren jüdischen Lebens, besonders dem Stande der S c h U I f r a.g e. Von mehreren Seiten wurde die Errichtung eines Bildiuigsamtcs bei der Reichsvertretung als zentraler Stelle für alle Schulangelegenheiten angeregt. Das Präsidium wurde beauftragt, bis zur nächsten Sitzung die Schaffung eines derartigen Bildungsamts vorzubereiten. Für die politische Arbeit wurde besonderer Wert darauf gelegt, daß sie in eingehender Zusammenarbeit mit den großen jüdischen Verbänden erfolge. Deren Führer sollen in einem besonderen Ausschuß der Reichsvertretung zu gemeinsamer Arbeit zwecks Wahrnehmung der Interessen der jüdischen Gesamtheit zusammengefaßt werden. Jüdische Soldaten im Weltkriege. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten bereitet die Herausgabe eines neuen Sammelwerks vor, das gewissermaßen im Anschluß an das Gedenkbuch das Märchen von der jüdischen „Drückebergerei" endgültig zu erschüttern bestimmt ist. In dem Werke, dessen Zusammenstellung Dr. F. Theilhaber übernommen hat, werden Regimentsgeschichten, Veröffentlichungen der Presse, Nachrufe, Anerkennungsschreiben usw. gesammelt, welche die Bewährung jüdischer Soldaten besonders deutlich erkennen lassen. Der RjF. bittet, ihm Abschriften von Divisionsusw. Befehlen, von Dokumenten über Verleihung von Auszeichnungen, aber auch interessanter Feldpostbriefe, bes. Gefallener, sowie Schilderungen von Kampfhandlungen des Heeres und der Flotte auf europäischen, aber auch afrikanischen und asiatischen Kriegsschauplätzen zur Verfügung zu stellen. An die jüdischen Frontkämpfer, denen die hohe Bedeutung eines solchen Werkes in erster Reihe erkennbar sein müsse, wird der Appell gerichtet, seine Herausgabe durch tatkräftige Mitarbeit zu fördern und durch die Sammlung /. B. der Verleihung vom E. K. I und anderer hoher Auszeichnungen in erdrückender Weise den Beweis zu erbringen, daß jüdische Soldaten im Kriege sich bewährt haben. Dr. Arlosoroff ermordet. Der Leiter des politischen Dezernats bei der Palästina-Executive der Jcwish Agency Dr. Quirn Arlosoroff ist am 16. Juni abends in Tel Awiw das Opfer eines Revolveranschlags geworden. Dr. Arlosoroff befand sich ZU später Abendstunde mit seiner (iattin auf einem Spaziergang am Strande von Tel Awiw, als zwei unbekannte Männer zwei Revolverschüsse auf ihn abgaben. Gegen Mitternacht erlag Dr. Arlosoroff, während die Ärzte Vorbereitungen zu einer Operation trafen, seinen Verletzungen. Einer der Schüsse hatte das Herz verletzt. Unter dem Verdacht der Täterschaft befindet sich der Revisionist Stawsky in Haft, der vor einem Jahre mit einer Gruppe radikaler Revisionisten von Palästina ausgewandert ist. Stawsky war bis zuletzt in der Presseabteilung einer revisionistischen Zeitung tätig, in der er mehrere Hetzartikel gegen den Führer der zionistischen Exekutive brachte. Dr. Chaim Victor Arlosoroff, einer der bedeutendsten Führer und maßgebendsten Theoretiker der jüdischen Arbeiterbewegung Palästinas, wurde i. J. 1890 in Romny (Ukraine) geboren. Er war Mitbegründer der aus dem Zusammenschluß der judischen Arbeiterparteien Hapoel Hazair und Zeire Zion entstandenen tlitachduth, eines Sonderverbandes Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!