Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 24 (16.6.1933)
- Date
- 1933-06-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4500 Stück U/Ps / ßemeinöÄt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I f"|D7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT kla I ■ DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schriflleitung: Oemrind erabbin er Quttav Cohn Leipzig. Löhrstraße 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassen gestattet. Nummer 24» Jahrgang 9 16. Juni 1933 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Leipzig O 5, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 6077I. Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig Cl. Rabbiner Dr. Seligmann, Frankfurt a. M. Ein Glück, Jude zu sein? Das „Frankfurter israel. Oemeindeblatt" veröffentlicht unter dem vorstehenden Thema äußerst zeitgemäße Betrachtungen, denen wir die folgenden bemerkenswerten Stücke entnehmen. Die Schriftleitung. Ist das Judentum ein Glück oder ein Unglück, eine Schmach oder eine Ehre? Scheint nicht die ganze Weltgeschichte, von der ältesten Vergangenheit bis zur grausamen deutschen Judennot der Gegenwart als Zeuge aufzustehen für die pessimistische Entscheidung? Wir schlagen die Bibel auf und lesen den Klageruf: „Alle, die des Weges ziehen, schlagen wider dich die Hände zusammen... sie sperren wider dich ihren Mund auf, all deine Feinde, sie zischen und fletschen die Zähne, sie sprechen: Wir haben sie vernichtet, das ist der Tag, auf den wir gewartet, wir haben's erreicht." Wir nehmen die Apokryphen zur Hand, und gleich zu Anfang des ersten Makkabäerbuches steht geschrieben: „Des Unglücks hat uns viel getroffen, seitdem wir un;. von den Völkern abgesondert haben". Wir befragen Josephus, den Geschichtsschreiber des jüdischen Volkes, und erfahren, wie schon zu leiner Zeit dem Judentum in giftigen Schmähschriften die ungeheuer- Ikhsten Verleumdungen angedichtet wurden, z. B., daß sie im Tempel einen Eselskopf verehrten. Seneka nennt das jüdische Volk im glühenden Haß des Herrenmenschen „das frevelhafteste Volk", und Tacitus wiederholt in seinen Historien all die giftigen Schmähungen, die das von dem heidnischen Rom unverstandene Judentum zum Zerrbild herabwürdigen. Und als das besiegte und gehaßte Volk seine Besieger durch seine „Sklavenmoral" überwunden hatte, als das Evangelium, die frohe Botschaft vom Sinai und von Zion, hinausgegangen war zu allen Mühseligen und Beladenen und Enterbten der Gesellschaft, als in den Tempeln von Rom und Athen, von Alexandria und Byzanz und ipiter in allen christlichen Domen Europas jüdische Psalmen erklangen und die heiligen Bücher der Juden verehrt und ausgelegt wurden, da wurde der Haß und die Verlästerung, die Herabsetzung und Mißhandlung noch unerträglicher. Damals begann eine durch fünfzehn Jahrhunderte sich fortsetzende Zeit des Martyriums, wie sie noch kein Volk der Erde erlitten hat. Die Päpste und die Könige, der Pöbel und Adel ganz Europas wetteiferten in Unterdrückung und Mißhandlung. Ausplünderung und Hinschlachtung der Juden. Papst Innozenz III. erklärte, daß das ganze Volk der Juden wegen seiner Schuld am Tode des christlichen Heilands zu immerwährender Sklaverei von Gott bestimmt sei, und Kaiser Karl IV. verfügt in einer Urkunde: „Ihr gehört uns und dem Reich mit Leib und Gut an, wir mögen damit Khaffen, tun und handeln, was wir wollen und was uns gutdünkt." „Eine peinlichere Existenz", sagt Döllinger in seinem akademischen Vortrag über die Juden in Europa, „als die eines Juden im Mittelalter ist kaum denkbar. Jeden Tag mußte der Jude gewärtigen, . eiue Erpressung oder den Verlust seines Vermögens, Kerker oder Verbannung zu erleben ... Es ist, als ob die europäischen Nationen wetteifernd alles aufgeboten hätten, um den Wahn zu verwirklichen, daß bis ans Ende der Zeiten den Juden das härteste Helotentutn nach dem Ratschluß des Himmels bestimmt, und daß die Söhne der Heiden berufen seien, Büttel- und Henkersdienste an Gottes Liehlingsvolk zu verrichten." Das ist die äußere Geschichte der Juden. In all diesen Zeiten Iber traten diese um ihres Judentums willen Gemarterten an jedem Morgen vor ihren Gott und beteten aus voller Seele: „Heil uns, wie herrlich ist unser Teil, wie beglückend unser Los, wie kostbar unser I rhe! Heil uns, daß wir gewürdigt sind, das jüdische Bekenntnis »Schein« Jisroel" an jedem Morgen und Abend zu beten." In allen 'lesen Zeiten brachen diese Ausgestoßenen, angesichts ihrer Thora, '» den Ruf aus: „Gepriesen seist du, Ewiger, unser Gott, Weltenherr, der uns unter allen Völkern erwählt hat, uns seine Thora zu gehen." In allen diesen Zeiten haben unsere Vorfahren es als ein Glück angesehen, Jude zu sein. Warum? Was war der tiefste psychologische Grund, weshalb diese GEMEINNUTZ Nach jüdischer Auffassung ist alle Ethik mindestens zugleich Sozialethik. Die Gesinnungen und die Handlungen eignen dem Einzelnen, aber die Erfolge, der Bestand, der Wert und die VXurde gehören der Gesamtheit. Die Moral des Judentums geht überall von dem Gedanken aus, daß der moralische Zweck und der moralische Erfolg des Ein/einen, sein Wohlbefinden, sein inneres Wachstum, die Erhöhung seiner Persönlichkeit in völliger Harmonie mit dem moralischen Zweck und Bestand der Gesamtheit sich befinden. Die Hingebung des Einzelnen an die Gemeinschaft kann zwar eine Verminderung und ein völliges Aufgeben seines Wohlbestandes — bis zur Aufopferung des Lebens seihst — fordern, aber niemals eine Minderung seines moralischen Zweckes. Morit/ Lazarus, Ethik des Judentums (l°01). gepeinigten Juden des Mittelalters, bei aller äußeren Demütigung, es als hohes Glück empfanden, Juden zu sein? Diese Träger uralter religiös-sittlicher Kultur mochten wohl, wie die Ägypter zu den Griechen, sagen „ihr seid nur wie Kinder gegen uns". Geistig und sittlich fühlte sich der Jude tausendmal höherstehend als alle seine Quäler und Verfolger. Dieses ganze rohe Mittelalter war ihm, wie das massive alte Rom — beides bezeichnete er als Edom nur durch seine brutale Gewalt überlegen. Kein jüdisches Kind, das ohne tiefere oder weniger tiefe Thorakenntnis aufwuchs, in einer Zeit, als über der abendländischen Welt geistige Finsternis lag. In seinem von religiöser Weihe erfüllten Famiuenhaus in seinem sozialen und Gemütslebeu durfte sich der Jude höher dünken als dieses von Faustrecht, Wegolagerungen und ewigen Fehden und Kriegen erfüllte Mittelalter. Je mehr er verachtet war, um so höher achtete er sich selbst, je unglücklicher ihn die äußere Welt machte, um so glücklicher fühlte er sich in seiner inneren Welt, dem Judentum. Dieses Verhältnis zur umgebenden Kultur mußte sich, seitdem durch Renaissance und Humanismus, durch Reformation und Autklärung ein ungeheurer Fortschritt der Bildung Europas sich angebahnt hatte, von Grund auf ändern, zumal da dieser Aufschwung mit dem Niedergang jüdischer Kultur in den letzten zwei Jahrhunderten vor Mendelssohn zusammentraf. Als sich darum vor hundertfunfzig Jahren den Juden die Pforten des Ghetto öffneten, als die bürgerliche Emanzipation ihnen als Geschenk der Humanität in den Schoß fiel, standen sie wie geblendet vor dem Glanz der Zivilisation und eilten mit lechzendem Durst zu den neuerschlossenen Quellen europäischer Literatur und Kunst. Rousseau und Voltaire, Herder und Lessing, Schiller und Goethe, Kant und Hegel und die Romantiker verdrängten die Sinailehre aus den Herzen und Geistern der biklungsdurstigen Juden. War ihnen früher das Judentum alles und die Außenwelt nichts, so wurde ihnen jetzt die Außenwelt alles und das Judentum nichts. Stand ihnen früher das Judentum so hoch, daß sie tun seinetwillen alles ertragen konnten, so entfremdeten sie sich jetzt so sehr dem Ursprung ihres Seins, daß sie von dem eigenen Sein schließlich nichts mehr wußten, als daß es ihnen ein Unglück war. Hinter uns liegt heute der Rausch der Etnanzipations/eit. Aufgerüttelt aus allen unseren Träumen stehen wir heute einer schier unfaßharen Wirklichkeit gegenüber. Eine Welt ist uns untergegangen. Alte Gespenster stehen aus ihren Gräbern auf. Jüdische Menschen werden entrechtet, aus ihrer Lebensbahn herausgeschleudert und gebraudmarkt, jüdische Menschen, die über ihrem Menschsein ihr jüdisches Sein schon fast vergessen hatten, die sich au unser deutsches Vaterland mit flammender Liehe hingegeben hatten, so voll und ganz, daß sie im Begriffe standen, sich als Juden auizugeheu. Was nun? Sollen wir in Wüsten fliehen und das Leben hassen? Sollen wir der ratlosen Verzweiflung und Verbitterung in die Arme Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!