Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 22 (2.6.1933)
- Date
- 1933-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4500 Stück (Btmeittö cblatt DER ISRAELITISCHE-N RBLIGIONSGEMtlN DE- ZU I XLI AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I TMm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG! Schriftleitung: Qemeinderabbiner Gustav Cohn Leipzig. Lohrstraße 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Oenebmigung des Verfassers gestattet. Nummer 22 ■ Jahrgang 9 2. Juni 1933 A n/ci gen a n ii ah in e: L. OoMfreund, Leipzig O 5, Cichoriiisst'alic ia, Fernsprecher Nr. 607 71. Druck: Druckerei der Wcikgemeinschaft, Leipzig C I. Ist Freudenberger Arbeit schändet nicht. Einige Worte zur Berufsumschichtun^ „Derjenige, der von seiner Hände Arbeit lebt, steht höher als der Fromme." (Berachot. 8a.) Nachdem ich bereits vor einigen Wochen an dieser Stelle einen praktischen Weg /ur Umschichtung der Jugendlichen in die Berufe der Landwirtschaft und der Gärtnerei aufgezeigt habe, möchte ich heute einige Worte über die Berufsumschichtung im allgemeinen sagen. Wir Juden sind von alters her ein die körperliche Arbeit hoch' schätzendes Volk gewesen, wie ja auch unsere Religion eine Religion der Aktivität ist. Auf Schritt und Tritt begegnen wir in unserem Schrifttum Abhandlungen, die davon Zeugnis ablegen können. Und als Volk der Handarbeit, als Bauernvolk sind wir vor mehreren Jahrtausenden in die (ieschichte eingetreten. Die Propheten reden zu ihren Zeitgenossen in Bildern und Gleichnissen aus dem Gebiete der \rbeit, die gern angehört werden, weil Arbeit das Lebenselemeiit!es Volkes ist. Aber deutlicher noch als die vielen Ausspruche des Schrifttums zeugt dafur die Tatsache, dali eine beträchtliche Anzahl führender Männer im jüdischen Volke vom Ackerbau und dem Handwerke lebten. Ja selbst diejenigen, die durch Verleihung der Nasiwurdc in der nachbiblischen Zeit zur höchsten Stellung von ihren Zeitgenossen emporgehoben wurden, betrieben nach wie vor ihren seitherigen Beruf, der meistens in Handwerker- oder Tagelöhnerarbeit bestand. Im römischen Reiche verdienten sehr viele Juden ihr Brot durch ihrer Hände Arbeit. Während also im Altertum andere als die produktiven Berufe kaum eine Rolle in jüdischen Kreisen spielten, änderte sich infolge der geschichtlichen Entwicklung gar bald die berufliche Schichtung der jüdischen Gesellschaft. Fast allenthalben verhinderten während des ganzen Mittelalters die bestehenden Staaten die Juden an der Ausübung manueller Arbeit, da ihre Gesetzgebung unsere Vorfahren von Grundbesitz und Oewerbe ausschloß und sie so auf die Ausübung der freien Berufe beschränkte. Mit dieser erzwungenen Abkehr voll körperlicher Arbeit verband sich allmählich eine Geringschätzung derselben, die im Laufe der Zeit durch die einseitige Berufsschichtung hervorgerufen wurde. Die Folgen dieser einseitigen Berufsschichttiug lassen sich nun .11 den verschiedenen Lebenserscheinungen des jüdischen Volkes erkennen. Ein großer Prozentsatz der deutschen Juden isl in den großen Städten konzentriert, in Berlin allein wohnen mehr als 33% der deutschen Judenheit. Diese ungesunde Konzentration hat die Lebensweise der deutschen Judenheit tief beeinflußt und eine starke Entwicklung der intellektuellen und wirtschaftlichen Fähigkeiten verursacht, während andrerseits die werktätigen und naturverbundenen Fähigkeiten der Juden derartig verkümmerten, daß man allmählich uberall zu der Uberzeugung gelangte, dali letztere Fälligkeiten dein Juden überhaupt abgingen. Diese ungesunde wirtschaftliche Struktur der deutschen Juden, ihre Ziisammeiipferchuiig in den QhettJs der Städte und ihre Beschränkung auf wenige Berufe, wie Geld- und Warenhandel sowie Verntittlergeschäfte, innerhalb deren sie im Laufe der Jahrhunderte e>ne unumstrittene Vormachtstellung erlangten, hatten auch eine Atmosphäre des Mißtrauens und einer teilweise durch Neid hervorgerufenen | eindschaft geschaffen, die sich gelegentlich in Juden Verfolgungen Und Bedrückungen durch die Behörden sowie in gesellschaftlich« Ächtung entlud. Neben der um die Wende des 10. Jahrhunderts einsetzenden bürgerlichen Emanzipation der Juden tauchten auch bald Bestrebungen auf, die auch eine wirtschaftliche und soziale Neuorientierung Oer Judenschaft betrieben, um einerseits eine körperliche Gesundung herbeizuführen, und andrerseits Vorurteile und Anklagen von Judenfeinden zu entkräften. So wurde bereits 1812 die „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaus unter den Juden des Wert der körperlichen Arbeit. Rabban OamaUel lehrte: Wer ein Handwerk ausübt, wem gleicht der? Einem Weinberge, der von einem Zaun umgeben ist, und einein Beete, das umhegt ist. — Tosefta Kidduschin I. „Liebe das Handwerk" (Spr. d. Väter I, 10). Wie ist das zu verstehen? Es liebe der Mensch die werktätige Beschäftigung und suche keine Ausflucht, die Arbeit zu meiden. — Abot de R. Natan XI, 2. Zieh ein Aas auf offener Stralte ab und verdiene dir etwas, sprich nicht: Ich bin ein Priester, ein grolier Mann, mir steht solche Arbeit nicht zu. — Pesachini 113a. Der Mensch soll nicht sagen, ich bin von guter Familie und von vornehmer Herkunft, ich darf mich nicht durch Arbeit herabwürdigen. Denn darauf könnte man ihm antworten: Du Narr, in der Arbeit ist dir dein Schöpfer vorangegangen, denn er hat eine Arbeit verrichtet, bevor du zur Welt gekommen bist, wie es heißt (1. Mos. 2, 2): Er ruhte von all seinem Werk, das er geschaffen hat." — Midrasch Ncclam z. St. preußischen Staates" gegründet mit der Aufgabe „das herrschende Vorurteil, als hätten wir eine ausschließende Neigung /um Handel, mit Gcmcinsinii und Beharrlichkeit mutig zu besiegen...". Dieser Vereinigung gelang es auch, eine Reihe von Stellen zu vermitteln; später errichtete man in Pankow bei Berlin ein eigenes jüdisches Lehrlingsheim. Ähnlichen Strömungen verdanken im l aufe des IQ. Jahrhunderts die Entstehung einige weitere Lchrlingshcimc. in Marburg, Köln, Düsseldorf. Während immerhin den handwerklichen Bestrebungen ein wenn auch sehr bescheidener Erfolg bestünden war, verhallten die Stimmen zur Zurückfülmiug der Juden in die Landwirtschaft ungehört. Alle diesbezüglichen Bemühungen schlugen fehl; nur 1S'I7 gelang es, in Ahlem eine OartenbauschuU zu errichten, die jährlich einer ganz beschränkten Anzahl junger Menschen Ausbildungsmöglichkeiten bot. Und von den wenigen, die mau auf diese Art und Weise neuen Berufen zuzuführen versuchte, schwenkten wieder viel.' ab. So hat mein Vater, der in einer kleinen Cicmeiude Stiddcutschlandf bis vor wenigen Jahren als Lehrer tätig war, mit Hille des „Vereins zur Förderung des Handwerks unter den Juden", vor dem Kriege im Laufe der Jahn ca. 30—40 junge Menschen in Handwerksberufen ausbilden lassen, von denen aber heute nur noch einer als Sattlermetster seiner Fehn treu blieb. Alle anderen sind heule als Kaulleute und Händler tätig Wenn wir nun nach den Gründen all dieser Erscheinungen forschen, so müssen wir zweierlei Ursachen feststellen: Einerseits sind sie durch die Geringschätzung der Handarbeil hervorgerufen und andrerseits nicht zuletzt dadurch, daß die Führer des Judentums die Träger dieser Bestrebungen nicht den nötigen Mut zur Konsequenz aufbrachten und ihre eigenen Kinder initiier wieder den kommerziellen und intellektuellen Berufen zuführten. Erst in der aUerjüngsten Zeit ist durch die Gründung des „llechaluz." und des Brith Chaluzim Da t Iii im (Bund gesetzestreuer Chaluzim), die sich die Vorbereitung junger Menschen für produktive Berufe in Palästina zum Ziel gesetzt haben, in diese Entwicklung eine Bresche geschlagen worden. Aber auch diese Bestrebungen landen nur in einem engen jüdischen Kreise den nötigen Widerhall, wahrend große Teile der deutschen Judenheit ihnen untätig, ja oft sogar feindselig gegenüberstanden. So hat uns die durch die eben sich vollziehende Revolution verursachte Ausstoßung von Juden aus einer Reihe der seither bevorzugten Berufe völlig überrascht. Wir waren in keiner Weise auf eine derartige Umstellung vorbereitet und sind nunmehr in der Zwangslage, für die aus ihren Berufen Herausgerissenen und fitr die Jugend nach neuen Erwerbsmögliehkeiten Ausschau zu halten. Zwei Mög- Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!