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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-05-26 · 21 (26.5.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
21 (26.5.1933)
Date
1933-05-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Auflage 4500 Stück ®ememö ebtott DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZV I f"|D7|fL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I ■ Mm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG» Scliriftleitung: Gemeinderabbiner Oustav Coliti Leipzig. Löhrstralic 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 21 ■ Jahrgang 9 26. Mai 1933 Anzeigcnannähme: C* Qoldffeund, Leipzig <) 5, QcboriUMtclBc 2t, Fernsprecher Nr. 6(17 71. Druck: Druckerei der W«kgeincinsehatt, Leipzig C I. Zum Wochenfest. Rabbiner Dr. Albert Wolf — Dresden Sieben Wochen lang pflegen wir, einer alten Vorschrift gemäß, die Tage zu zählen. Ehemals waren diese Wochen eine Zeit der Freude. Da zählte der Landmann, ein freier Mensch auf seinem eigenen Boden, froh die Tage vom Beginn der Ernte bis zu dem Höhepunkt am Erntefeste. Dann wandelte sich das Schicksal und die Qestalt des Judentums. Als religiöser Oedanke verbreitete sich das Judentum über die Welt, und die Gemeinschaft der Juden, nicht mehr geeint duich gleiches Land und gleiche Sprache, fühlte sich als Einheit nur noch durch die Einheit des Glaubens, durch die Oleichheit des religiösen Oebotes und der religiösen Aufgabe. Verschieden wurden die politischen, die wirtschaftlichen, die sozialen Verhältnisse der Juden in den verschiedenen Ländern der Welt. 600 Jahre vor dem Beginn der jetzigen Zeitrechnung hatte der Prophet Jeremia den nach Babel Verbannten zugerufen: „Fördert das Wohl der Stadt, in die Im verwiesen seid, und betet für sie zu Oott; denn in ihrem Wohl ist Euer Wohl begründet." Etwa 800 Jahre später, nach dem endgültigen Aufhören jeder nationalen Selbständigkeit der Juden, wurde, um etwa möglichen Gegensatz zwischen dem alten, unter anderen Voraussetzungen geschaffenen jüdischen Gesetze und den Oesetzen der Staaten, in denen nun die Juden eine neue Heimat gefunden hatten, aufzuheben, der Grundsatz zum religiösen Oebote erhoben: „Das Oesetz des Staates ist gültiges auch den Juden verpflichtendes Oesetz.'' Darüber hinaus wurde die religiöse Vorschrift gegeben: „Bete für das Wohl der Regierung." Diesem Worte gemäß wurde in allen Synagogen bis zum heutigen Tage zum festen Gebrauche, ein Gebet für das Wohl des Staates und seiner Regierung in den Gottesdienst einzufügen. Die Einheit des Judentums, die nur noch auf der geistigen und religiösen Grundlage beruhte, veranlaßte auch eine andere Beurteilung und eine ne.ie Einstellung zu den religiösen Vorschriften und Gewohnheiten desJudentums. Ehemals, im heiligen Lande war die religiöse Haltung beeinflußt durch die Verbundenheit mit dem Beden. Die Feste waren als Naturfeste dem Bauern lieb und vertraut. Am heiligen Tage brachte er, des Dankesvoll, Oott seine Spende ins Heiligtum. Das Judentum, das u einer geistigen Gemeinschaft geworden war, vergeistigte auch seine este. Alter Ueberlieferung gemäß war einst am Wochenfeste das Zehnwort dem Mose verkündet worden. Diese Erinnerung wurde nun zum laupt<jedanken dieses Feiertages, der uns vor allem vertraut ist als Zeit (.er Gesetzgebung, als Fest der Offenbarung. Auch die sieben Wochen erhielten damit eine neue Deutung: Sie verbinden das Fest der Befreieng, ^as Pessachfesl, mit dem Feste der Verkündung der Sittengebote. Die usammengehörigkeit der beiden Feste bekundet, daß die körperliche Befreiung des Menschen vom Drucke der Knechtschaft noch nicht Freiheit bedeutet. Frei ist erst der Mensch, der seine Seele freimacht von den Fesseln alles Bösen. Frei ist nur der Mensch, der frei ist von der Knechtschaft der Begierde und der Leidenschaft. Frei ist der Mensch, der Oe- ■valt hat über sich selbst und sich unterwirft dem Gesetze des Outen, dem Gebote der Sittlichkeit, dem Willen Oottes. Geistige Mächte müssen nicht weniger um Anerkennung ringen und um Duldung kämpfen als die politischen Mächte. Das hat das Judentum n einer langen Geschichte erfahren. Die sieben Wochen zwischen Pessach md dem Wochenfest sind Zeugen dafür. In diesen Frühlingstagen hat 'iter das Judentum Verfolgungen gesehen, hatte Demütigungen erfahren. So wurden diese Wochen, ehemals der Freude bestimmt, Tage der Zurückhaltung, da man lauter Freude aus dem Wege geht. Aus alter Zeit ist '■oerliefert, daß Unglück in diesen Tagen über das Judentum hereingebrochen ist. Unter den Schülern Akiba's soll ein Sterben stattgefunden haben. Die politischen Bedrückungen von selten Roms begannen immer |r> diesen Frühlingstagen. Aber auch in späteren Jahrhunderten waren sie ft eine Zeit der Not. In manchen Oegenden Deutschlands ist es noch «ute Sitte, am Sabbath, der dem Wochenfest vorangeht, alte Qedächtnisücher aufzuschlagen (Memorbücher nennt sie der Volksmund), aus ihnen w Namen der Städte und Dörfer vorzulesen, in denen einstens blühende emeinden waren, die dann der Verfolgung zum Opfer fielen. Ich habe dbst diesen Brauch, der in Qroßgemeinden wohl unbekannt ist, noch in A ti s d c in I) r ii c k o il u r c Ii () 11 e n b;i r U tl g / U r I r e i Ii e i t. In der Stunde, da Mose auf die Höhe des Berges Sinai hinaufgestiegen war, sprachen die diensttuenden Engel vor dem Heiligen, gelobt sei Er: Herr der Welt! Der aus dem Staube Geborene was soll der unter uns? — Oott sagte: Die Lehre /u empfangen, ist er gekommen. Da sprachen die Engel: Dein heimliches Kleinod, von dir von den sechs Schöpfungstagen her geborgen, neunhundertvierundsiebenzig Geschlechter vor der Bildung der Welt — das willst du einem W esen von Fleisch und Klut weggeben? Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, des Menschen Kind, dali du dich sein annimmst? — Da redete Gott /u Mose: Gib du ihnen Antwort! Mose sprach: Herr der Welt! Heilit es nicht in der Thora, die du mir gibst: Ich bin der Ewige, dein (iott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Hause der Knechtschaft, aus Ägypten? — Und er wandte sich von den Engeln: Seid ihr nach Ägypten hinabgestiegen? W äret ihr Sklaven dem Pharao? Gebührt euch also die Thora? Alsogleich dankten die Engel dem Herrn für seine W ahl. Talmud babli, Sabbath 89b. meiner Heimat, einem badischen Landstädtchen, erlebt. Es lebt in diesen Erinnerungsbräuchen noch der Schmerz fort, den die Menschen empfanden über das Plötzliche und Unfaßbare ihres Schicksals. Ein jüdischer Chronist aus dem Jahre 1096 läßt uns erkennen, wie die Verfolgung ungeahnt und plötzlich gekommen ist. Er lebte in Speyer. Er berichtet uns, daß von Frankreich her im Oefolge der Kreuzfahrer ungezügelte Scharen mitkamen, daß diese Massen, weil noch so fern dem Ziele, für ihre Talen Inst Opfer brauchten. Es seien Gerüchte zu ihm gekommen, daß auf französischem Boden jüdische Oemeinden zerstört worden seien. Stolz und dankbar spricht er aus, daß solches Oeschehen auf deutschem Boden „in diesen Landen" unmöglich sei. Er dankt Gott, daß das Judentum am Rhein eine Heimat gefunden habe, wo die Bewohner friedlich und in Eintracht miteinander leben Er hatte recht; denn fast 1000 Jahre schon lebten in seinen Tagen die Juden in den deutschen Gemeinden am Rhein ungestört, unangefochten, in allen Berufen beschäftigt. Wenige Wochen später waren auch diese Oemeinden ein Opfer der Zeit geworden Das Judentum hat solche Epochen der Bedrückung überlebt. Es verzweifelte nicht, sondern sah in den Geschehnissen einen Fingerzeig Gottes, seinen eigenen Wandel zu prüfen. Stark war der Glaube, daß auch hartes Schicksal in der Liebe Oottes seinen Ursprung hat. Der innige Glaube an Gott, das Vertrauen, daß die Welt im Grunde gut sei, ließ die Bekenner des Judentums in Treue ausharren. Am Ende der sieben Wochen der Omerzeit, die so viele schwere Erinnerungen barg, feierte man das Fest der Offenbarung. Und dieses Fest mit seiner Verkündung des göttlichen Oebotes, dem Hinweis auf die göttliche Offenbarung, schuf auch den Olauben wieder an den Menschen. Jüdische Geschichte eine Geschichte des Leides; aber auch eine Oeschichte der Ueberwindung des Leides aus der Kraft des Glaubens. Immer wieder ist das Judentum aus dem Leid emporgestiegen zur Freude, aus der Verzweiflung zur frohen Bejahung des Lebens. Wir deutschen Juden haben in den Erinnerungswochen dieses Jahres wieder Schweres und Unerwartetes erlebt. Es gilt, daß wir aus diesem Geschehen das Wort Oottes an uns vernehmen. Verstehen wir dieses Wort, dann wird das kommende Fest uns zum Fest der Offenbarung wieder werden. Nur wer die Kraft hat zum Olauben, wer stark ist in der Treue, wer mit aufrechtem Sinn und stolzer Würde auch Demütigungen zu tragen weiß, nur der wird teilhaben an der Freude. Das Fest der Offenbarung war früher das Fest der Ernte. Wir wenden darauf an das Wort des Psalmisten: „Die unter Tränen säen, sie werden in Jubel ernten " Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!

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