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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-05-12 · 19 (12.5.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
19 (12.5.1933)
Date
1933-05-12
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 (il Ml INDI Bl AT r DLR ISRAELITISCHEN RELIQIONSQEMEINDE ZU LEIPZIG 12. Mai 1Q33 Unsere Jugend will leben. i ■ ist stets die besondere Kraft der Jugend, dall sie unbekflmmeri um Schwierigkeiten, Hemmnisse und Widerstände sich ihren Weg ins 1 eben hinein sucht, dafl sie im Vertrauen zu sich seihst, ihrem wollen und ihrem Können die Mutl iMgkeit nicht aufk Minnen lallt. Es ist beglückend zu sehen, dal) unsere judische Jugend auch den ungeheuerlichen Problemen unserer Taue mit der gleichen Klarheit ihrer künftigen Vufgabc entgegensieht. Dieser feste Wille leuchtet aus der jüngsten Nummer der C.V.-Zeitung hervor, in der Jugendliche von im Aufgaben der Jugend sprechen. Hemerkenswerte Ausführungen macht Werner Rasen stock unter dem Ruf „Wir wollen Ichen!" \\ enn auch, so fuhrt er aus, die gesetzgeberischen Maßnahmen sich in besonderem Ausmalte gegen die jüngere Oeneration auswirken, -.i sei sie doch gewohnt, in Gruppen begriffen ZU denken, das persönliche Sein des Einzelnen dem Leben der Gesamtheit einzuordnen, und finde dadurch die Kraft, sich nifht unterkriegen /u lassen. Das geistige Gesicht der jüdischen Jugend wurde ja durch die judische Jugendbewegung geformt. Heute erweise sich, dal! der Vorwurf der Ghettoisierung, mit dem mau die Bildung judischer Jugendgruppen ab* zutun versuchte, völlig verfehlt war. „Wer ist denn mehr ghettoisiert, der, irritieit durch sein Judesehl mit noch grölierem Nachdruck hei jeder Gelegenheit seine Verbundenheit mit der Gesamtheit betont als seine nichtjüdischen Mitbürger, oder der im Bewußtsein der Ligenwertigkeit sich als Gruppe in die Gesamtheit einordnet?!" Mit diesem Bewußtsein eigenen W ertes sehe die judische Jugend den Tatsachen dieser Tage ins Auge. „Wir wollen nicht Juden, die trotz ihres Judcscins a u e r k a u n t w e r d e n, und noch wichtiger als die materielle Sicherheit ist uns die innere Ungcbroch e n h ei t ,1 II - e i e i M e n s C Ii e n." Nach einer Kennzeichnung der insbesondere durch Entziehung des wirtschaftlichen Bodens für den jüdischen Menschen in Deutschland hervorgerufenen Schwierigkeiten untersucht er die Frage, was geschehen muß. In seiner Antwort warnt er zunächst „vor jedem unnötigen, lähmenden Defaitismus und vor unüberlegten vorschnellen Entscheidungen. Aber auch ein gesunder Optimismus darf uns nicht hindern, die Dinge so zu sehen, wie sie nun einmal liegen, und nach Vuswegen zu sinnen." Die Gemeinden wie die judischen Organisationen seien daran, Hilfe zu leisten, wo es nur angeht. „Ziel dieser Arbeit muß zunächst sein, die Positionen zu halten, die nicht mit zwingender Notwendigkeil aufgegeben werden müssen." Zu den akuten Hilfsmaßnahmen im Einzelfall tritt aber als entscheidende grundsätzliche Aufgabe die Durchprüfung der Möglichkeiten einer völligen beruflichen Umstellung der jungen Oeneration. Inn von verhängnisvollen Dilettantismus und weltferner Romantik müssen hierbei alle gangbaren W ege untersucht werden. Der Heginn dieser verantwortungsvollen Arbeit ist bereits von den hierfür in I rage kommenden Organisationen unter besonders aktiver Mitwirkung der Jugend selbst gemacht w orden. Schon jetzt zeigt sich, dall hierbei keine einseitigen, billigen Parolen, mögen sie sich auf eine bestimmte Art der Umstellung oder auf einen bestimmten neuen Staudort beziehen, w eitel helfen, sondern dall ein.' Reihe von EinzellöSUHgen nebeneinander und doch im Zusammenhang miteinander geschaffen werden muH. Jede Umstellung ist jedoch au bestimmte innere Voraussetzungen geknüpft; sie erfordert vor allem die Hereitschaft, sich \ou allen überkommenen Vorurteilen und Lebensmaßstäben zu befreien. Ein besonderes Aktivum bedeutet die Hereitschaft zu einem neuen Anfang in weiten Kreisen der jüdischen Jugend, insbesondere der jüdischen Jugendbewegung. Hierin liegt der entscheidende Unterschied gegenüber der alten Oeneration, ein Unterschied, der die besondere Gefährdung in wirtschaftlicher Hinsieht in großem Umfang! wettmacht. In diesem Sinne hat in weiten Kreisen der jüdischen Ju- eine entscheidende Erziehungsarbeil einzusetzen. Mies, was geschieht, kann aber nur verstanden werden im Zusammen hang mit dem jüdischen Geschehen Aberhaupt. Damit erhebt sich als entscheidende Notwendigkeit, der grund- - itzlichen judischen Fragestellung klar ins Auge zu sehen. Man hatti bisher innerhalb der jüdischen Gesellschaft vielfach geglaubt, die Lösung der jüdischen Frage auf individualistische Weise herbeiführen zu können. Man hatte geglaubt, dall der einzelne Jude nach jeweiligen Veranlagung und seiner beruflichen und sozialen Stellung den selbstgewählten W eg gehen könne. Ja mau legte s'ig.u ■ Iii.Ii geradezu Wert aul eine gewisse Freizügigkeit, und die jüdische Gemeinschaft scheute sich, verbindliche maximalforderungen au ihre Glieder zu stellen. Aber der Erfolg, den mau von dieser liberalistischen Einstellung erhofft hatte, trat nicht ein. Die jülis in Gesellschaft lost« sich nicht in ihre Umwell auf, sondern verm isserte lediglich ihre Inhalte. Statt der bewußt judischen Gemeinschaft hatte man die unbewußte Isolierung. Vielfach fehlte es an dem inneren Gleichgewicht, las ms dem Bewußtsein der Eigenwertigkeit hergeleitet werdeil konnte. Die junge Generation hat demgegenüber stets den Gedanken des jüdischen Gemeinschaftslebens als werterhöhenden I aktor in den Vor- und ihrer Erziehungsarbeit gestellt. Die judische Geschichte lehrt, die jüdisch« I ntwicklung einer Eigengesetzlichkerl unterworfen ist, dal) es dem jüdischen Schicksal gegenüber kein Entrinnen gibt, und dal) die zentrale Kraftquelle und der entscheidende Linsatzpunkt für ■ hu einzelnen Menschen nur in der historisch gewordenen enen Gruppe gefunden werden können. N'ui von liier aus kann am Ii die Beziehung zur UmweH geregelt werden, und nur voll hier aus können wir auch uuverkiampft und uuirritiert zu den grollen sozialen und nationalen I ragen unserer Zeit Stellung nehmen. |s bedurfte daher nicht des überstarken Drucks von außen, um du Forderung nach starkem jüdischen Gemeinschaftsleben aufzustellen. Sondern unabhängig von dem Druck der Umwelt besteht die Notwendigkeil hierzu, um der Erhaltung und Ungebrochenheit unseres Judeseins willen. Von dieser inneren Einstellung aus ist auch eine I estigkeit den Ereignissen gegenüber gewährleistet. Wir empfinden das Judesein nicht als Belastung, sondern als befreiende Kraft in uns. Können wir unser äußeres Geschick nicht meistern, weil wir eine Minderheit sind, so liegt es doch in unserer Hand, wie wir auf dieses Geschehen reagieren. Die Arbeit innerhalb der Jugend erhält dadurch einen neuen Auftrieb, dall reale f ragen der beruflichen Umstellung zu lösen sind. Die gemeinsame Situation erfordert mehr als Gemeinsamkeit in der Ideologie, sie erfordert Gemeinsamkeit im Leben, sie erfordert, dall wir den W eg von Mensch zu Mensch zueinander finden. Damit ergibt sich auch eine neue Hasis der Hunde und Arbeitsgemeinschaften. Da die Fragen vielfach gemeinsame sind, so muH jede partikularistische Dop. pelarbeit nach Möglichkeit durch ein föderatives Zusammenwirken vermieden wirden. Erfreulicherweise hat sich diese Erkenntnis bereits in der praktischen Arbeit durchgesetzt. Es kommt aber nicht nur darauf an, die bereits Erfaßten zu führen, sondern die Vereinzelten zu erfassen. Viele sind erst durch die Ereignisse zum Bewußtsein ihres Judeseins gekommen und aus ihrer bisherigen Ruhe jäh aufgescheucht worden. Sie müssen sehen lernen, dall ihnen kein privates Mißgeschick widerfahren ist, sondern dal! sie Objekte des jüdischen Schicksals sind und dall sie sich als Subjekte in die jüdische Oemcüischaft einzuordnen haben. Der Wunsch nach diesem Zusammenschluß ist gerade jetzt hei vielen erwacht, seine Erfüllung bringt eine grolle Reihe erzieherischer und organisatorischer Aufgaben mit sich. Die entscheidenden Möglichkeiten eröffnen sich auf dem Gebiete der jüdischen Kulturarbeit. In einer Zeit der Not wurde die Schule in Jahne gegründet, und auch wir wissen, dall wir die äußeren Schwie rigkeiten in hohem Malle ausgleichen können, wenn wir unser inneres Gemeinschaftsleben mit den geistigen Inhalten erfüllen, die uns Überkommen sind. Die Kinder, die jetzt in groller Zahl in jüdische Schulen kommen, sollen dies nicht als Notlösung empfinden, sie sollen sich nicht als Ausgestoßene, gewissermaßen als verhinderte Arier vor kommen, sondern sie sollen unter jüdischen Menschen mit jüdischem Zukunftswillen frei ihre Kräfte entfalten. Außerhalb der Schulmaucri' aber werden sich auch immer größere Schichten zu gemeinsamer jüdischer Kulturarbeit zusammenfinden. Die Beziehung zur Umwelt wird um so gesünder sein, je ehrlichei wir uns selbst gegenüber sind und je weniger wir zum Regulativ unseres Verhaltens die Stellungnahme der anderen machen. Sind wii echt, so wird man uns stets verstehen. Nicht der ist ghettoisiert, dei sich zur festen jüdischen Gemeinschaft bekennt, sondern derjenige der die judische I rage dadurch totzuschweigen sucht, dall er si> unter aullerjüdischen Gesichtspunkten betrachtet. Mehr denn je erhebt sich in diesen Tagen die I orderuug, den Anschluß au die jüdische Geschichte und den Durchbruch zur jiidi sehen (iesamtverantwortung zu finden. Die Not der Zeit wird bei all uiiserin Tun unser Verantwortungsbewußtsein starken und uns di< Kraft geben, vor der jüdischen Geschichte zu bestehen! Interessantes aus der palästinensischen Bevölkerungsstatistik. Wie aus den soeben veröffentlichten bevölkerungsstatistischeu Tabellen, die auf Grund der im Jahre i'Mi durchgeführten Volkszählung zusammengestellt wurden, hervorgeht, ist Palästina ein wahrer „Schmelz topf" für die Juden aus aller W elt. Die heute in Palästina lebenden Judei sind aus nicht weniger als 5(1 verschiedenen Landern eingewandert Als „aus keinem Lande stammend" werden in den Tabellen <> Inder angegeben. Diese wurden nämlich auf hoher See geboren. Ulttc anderen gibt es jetzt in Palästina Juden, ilie in China, in Abessynien im Hedschas, in Cypern, Indien, Afrika, Algerien, Marokko, Tripolis Tunis und im Irak, auf verschiedenen griechischen Inseln, in Persien Syrien, Ägypten, im V'emen, in der Türkei, in Buchara und in Trans Jordanien geboren wurden. Die von gewissen arabischen Kreisen immi wieder aufgestellte Behauptung, in Trausjordanien hätten niemals Jude gelebt, hat sich somit als unrichtig erwiesen. Die europäischen Län der. aus denen Juden nach Palästina eingewandert sind, sind Astet reich Belgien, Bulgarien, die Tschechoslowakei, Dan zig, Dänemark. Estland, Finnland. Frankreich, Deutschland, Gibraltar, Oricchenlam Holland, Italien, Lettland, Litauen, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien, Schweden, die Schweiz, Ungarn, Großbritannien, Sowjetrußland und Jugoslawien, somit fast alle europäischen Länder. Auch Uli Australien sind einige Dutzend Juden, aus den Vereinigten Staate i 672, aus Kanada 58 und aus Südamerika KU Juden nach Palästina gekommen. Die stärkste jüdische Einwanderung erfolgte aus Polen. Die Volkszählung stellt 15 77b in Palästina lebende Juden, die aus Polen gebürtig sind, fest. Das zweitstärkste Auswatiderungsland ist Sovvj< - rußland mit 77354 Juden, dann folgen Rumänien mit 5(111, Litauen mil 3861, Lettland mit 1280, Bulgarien mit 1268, Griechenland mit I7J3 und Deutschland mit 1181 Juden. Von den außereuropäischen Linder! steht Yemen mit 5(185 Juden an erster Stelle, dann folgen Irak in I IU2S, Persien mit 2218 und Marokko mit 1281 Juden. Nicht weniger als (»d verschiedene Sprachen und Mundarten werden gegenwärtig in Palästina gesprochen, davon 33 Sprachen VOS Juden. Besonders bemerkenswert ist, dall 15 Juden Altaramäisch, die „Targum"-Sprachc, als Muttersprache angegeben haben. Ein Jude I C" zeichnete einen alten finnischen Dialekt als seine Sprache. Zwei Juden haben sich zur hiudustauischeu Muttersprache bekannt. Die Volkszählung hat auch der vielfach verbreiteten Legende, in Palastina kämen 7 t rauen aul je einen Mann, ein Ende gemacht. Die Geburten- und Ehestatistik zeigt, dall es in Palästina ungefähr ebenso viele trauen wie Männer unter den Juden gibt. Von der in der Volkszählung festgestellten Zahl von I75<KKI Juden entfallen 88(KK» SSJ Männer und über 8b(KKl auf Erauen. In Tel Awiw kamen auf je I0W Sie müssen bei unseren Inserenten kaufen!

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