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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-04-28 · 17 (28.4.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
17 (28.4.1933)
Date
1933-04-28
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEIN DEBLATT OER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 28. April 1933 verbleibt E 725. . Die Kosten der Ansiedlung des Arbeitersiedlers taufJNF-Bodcn), der bis /ur Fruch*tragung seiner Orangenpflanzung auf Nebenverdienst aus Lohnarbeit angewiesen ist, belaufen sich auf £ 375.-. Vom zehnten Jahre ab beträgt die jährliche Reineinnahme (außer mietfreier Wohnung und Produkten aus der Wirtschaft) beim Mittelstiindler C 150.—, Beim Arbeitersiedler C 100.—. Diese Einnahme erlaubt beiden Siedlerkategorien einen angemessenen Lebensunterhalt und die 2°.,ige Amortisierung und 5° „ige Verzinsung eines AnsiedlungtdarMun von C 250. beim Mittelständler und C 280. beim Arbeitcrsiedler." Eine Tragödie der Gesinnung. Es ist nicht leicht, in unserer bewegten Zeit das Interesse einer Tragödie zuzuwenden, die sich vor 300 Jahren auf dem Gründe innerreligiöser Kämpfe in Amsterdam abgespielt hat. Josef Kastein aber, dem wir eine gedankenreiche Geschichte der Juden, sodann eine Darstellung Sabbatai Zwi's, des Messias von Ismir, verdanken, hat auch in seinem Uriel da Costa" sein Geschick erwiesen, historisches Geschehen in lebendige Gegenwart und Einzelschicksale fast zu psychologischen Romanen zu wandeln und einer großen Lesergemeinde nahezubringen. Er ist sich dessen bewußt, daß man von ihm über seinen Helden nicht nur ein neues, sondern ein tiefer und reicher begründetes Urteil erwartet. Der liebevollen und umfassenden Forschung Kasteins gelingt es, für das noch allzu schwankende Bild da Costas den rechten Augenpunkt zu finden. Abweisung und Zuneigung hatten sich dieses merkwürdigen Mannes bisher bemächtigt und den Zugang zu abwägender Gerechtigkeit erschwert. Da waren fast alle jüdischen Historiker mit O ritze ns hartem Urteil einverstanden gewesen, dessen Autorität schwer zu erschüttern war: „Uriel da Costa war weder ein theoretischer Denker, noch ein praktischer Weiser, noch ein mannhafter Charakter ... Er wirkte etwa wie ein Bube, der in einem altertümlichen, stockig gewordenen Gebäude die Fenster zertrümmert, und dadurch der Luft einen Durchzug öffnet." Da waren nichtjüdische, z. T. recht hohe Geister, ein Johann Gottfried Herder und Karl Gutzkow, die in ihm den Märtyrer verehrten und manche Literaten, wie Alfred Klaar u. a., denen Uriel da Costa der Prophet Rousseaus und aller Geister der Sturm- und Drangperiode erscheint, von dem Männer wie Hugo G rot ins mächtigen Anstoß und Ermutigung empfingen. Kasteins Darstellung ziehlt darauf ab, Uriel da Costa aus dem Innersten heraus schuldig werden zu lassen, so daß sein Schicksal sich wie mit Notwendigkeit erfüllt. Sie erblickt diese Schuld darin, daß da Costa in Verkennung geschichtlicher Formung und Wandlung des Judentums diesem Fremdes, Nichtgemäßes, Nichterlcbbares zutragen wollte und den Widerstand gegen solches Ansinnen als persönliche Verneinung und Vernichtung gegen sich wertete. Das Judentum konnte nicht anders; daß er aber keinen gangbaren Rückweg fand, macht ihn, der nicht aus Interesse, sondern innerster Gesinnung handelte, zum beklagenswerten, aber achtungswerten Opfer einer Tragödie. Da es nach einem Worte Goethes immer ein besonderer Vorzug ist, in seinem Schicksal zugleich ein allgemeines zu verfechten, so zeigt uns Kastein in Uriel da Costa zunächst das erschütternde Einmalige, dann aber auch das Typische seines unglücklichen Kämpfens. Da sind die einmaligen, wenigstens seltenen Züge. Zwar gab es in Portugal seit der Wende des 16. Jahrhunderts Tausende von Marranen: er selbst ist um 1500 in Porto geboren; aber in wenigen Familien mag der Seelenstreit: Selbstentäußerung durch Unterwerfung unter den neuen Glauben oder Gesinnungsbehauptung bis zum äußersten, so brennend geblieben sein, wie in der seinigen. Der Vater führt Uriel dem Studium des kanonischen Rechts in Coimbra zu; die Mutter und die Brüder schüren heimlich die Erinnerung an ein Judentum, das nirgends selbst in Spanien nicht — so abrupt und grausam unterdrückt ward, als in Portugal. Fast völlig gleitet sein hinterlassenes Bekenntnis: Exemplar vitae humanae (Dokument eines Menschenlebens) über Seelenkämpfe des Jünglings hinweg, den allein Gedankensumlen verfolgen, von denen er aber, aller Heuchelei und I-uge abhold, Absolution in der Beichte nicht erwartet und fordert. Was der Schreiber in edler Scheu verschweigt, sucht der Biograph zu erhellen; wir werden aus zuverlässigen Quellen mit den Erziehungsmethoden des Ordens Jesu, der eisernen Disziplin des Willens, der Gewaltsamkeit der Exerzitien, denen seine Zöglinge unterworfen wurden, hekanntgemacht. Wir sehen Uriel da Costa verzweifelt einen Ausweg suchen und in der nicht gern gesehenen Lektüre der Bücher des Alten Bundes (im lateinischen Gewände, da er hebräisch nicht verstand) finden. Er erhält ein halhgeistiiches Amt als Schatzmeister an einer Stiftskirche, aber in seiner Nähe rauchen die Scheiterhaufen der Inquisition, deren Opfer ihm Gesinnungsverwandte waren. Es gibt nur noch eine ein/ige Rettung, die unter Lebensgefahr bewerkstelligte Hucht mit Mutter und Geschwistern nach Holland. Die dortige Juden- -chaft hat hier erst seit wenigen Jahrzehnten Füll gefaßt; inre Menichen sind wie Holzscheite, aus dem Feuer gerettet; sie wollen dem wiedergewonnenen Glauben in strengster Observanz huldigen, ihn vor j'dem Luftzug bewahren. Dieter. Geist, verkörpert in den Rabbiuaten und den Maainads (Vorsteher imtern) der Gemeinden, weht Uriel da Costa wie jene kalte, Strenge Kirchlichkeit an, der er entronnen zu sein glaubte. Er war ja nicht gekommen, um sich wieder löblich zu unterwerfen, sondern um das Heil seiner Seele zu finden. Ein solches Ziel gilt aber dem Judentum zu gering: es haftet allzu sehr am eignen Ich, an der leicht überhatzt.it Persönlichkeit mit ihren Einzelmteressen. Das Judentum, meint Jos. Kastein, will seelisches Heil aller seiner Menschen durch Hinwendung zum Zeitlosen und Ewigen, durch Einordnen in die Oemeinschaft. Auch da Costa sucht Gemeinschaft; aber er will sie nach seinem Bilde formen. In diesem Streben geht er schrittweise vor, erleidet Zurückwei- Erschienen Berlin 1932, bei Rowohlt. sung, literarische Befehdung, leichten Bann, Ausstoßung bis zum Widerruf; zwingt sich zur Unterwerfung und muß öffentliche Demütigung, schimpfliche Buße über sich ergehen lassen; er macht einen vergeblichen Überfall auf einen Vetter, den er in blindem Verfolgungswahn für sein Unglück verantwortlich glaubt, und richtet sich seibat, indem er durch einen Pistolenschuß seinem Leben ein Ziel setzt (i. J. 1640). Obwohl seine Schriften (mit Ausnahme des Exemplar) den Flammen übergeben wurden, wissen wir doch, daß seine Angriffe gegen das Judentum stets an Heftigkeit zunahmen. Er hatte zuerst (wie die Saddukäer) das Fortleben der Seele nach dem Tode und die Wiederbelebung geleugnet; er klagte sodann das rabbinische Judentum (die sogen. Pharisäer) der Verfälschung des Mosaismus an; er erklärte zuletzt (und dies kam allerdings der Leugnung jeder Offenbarung nahe), daß die in uns ruhenden Naturgesetze zur Begründung einer Vernunftreligion ausreichten, und Offenbarungsvorschriften, die zur Durchbrechung jener führten, keinen Gehorsam verdienten. Dieser Freimut mußte ihn bei seinen Zeitgenossen in die Nähe eines Gottesleugners rücken, der er nicht war. Es gab genug Jüdische Zweifler, die gerade damals mit ihrer Kritik am allzu starren tabbinismus nicht zurückhielten; ein Asarja de Rossi; ein Joseph del Medigo; vor allem Leon da Modem, den merkwürdigen Rabbiner von Venedig, der sogar von Uriel da Cotta alt Richter aufgerufen, diesen schroff abwies. Aber sie wußten ihr Herz besser zu wahren und dienten dem Fortschritte mehr als da Costa, weil sie das Glück hatten, trotz allem tiefer im Judentum zu wurzeln. Und das ist das Allgemeine in da Costas Kampf: er entspringt einem aufgezwungenen Schicksal, eben dem Marranentum. Dieses aber als historischer Prozeß endet in unterm tragischen Helden und hinterläßt uns die beherzigenswerte Mahnung, daß der Fortbestand der Gemeinschaft selbst „gewisse" Opfer des Intellekts verlangen könne. Wieweit diese gehen dürfen, bleibe dahingestellt. Gegenwärtig werden wir jenes Schicksal um so eher als eigne Vergangenheit erleben, als wiederum viele Juden mit gespaltenem Bewußtsein ihrer Gemeinschaft gegenüberstehen, als Marranen, zwar nicht einer andern Religion, aber einer lockenden Wert, die nichts sein will als „Freiheit von allem Bindenden, nichts als Bildung, Humanität und Aufgeklärtheit, nichts als Brüderlichkeit ohne Gefühl für die geistige Herkunft, nichts als Menschheit ohne das untergründige Wissen um die dunkle Schwere des Blutes." Möchten die Heimkehrer von heute, so mahnt Jos. Kastein, mit seinem da Costa-Buche, ihre Zwiespältigkeit tapferer überwinden durch Bejahung und Stärkung der jüdischen Gemeinschaft. Dr. S. Samuel, Berlin (früher Essen). Aus aller Welt. Beamte, Anwälte, Arzte, die infolge der neuen Gesetze zum Nachweis des Heldentodes von Vater oder Sohn den Behörden gegenübet verpflichtet, aber nicht im Besitze der ausreichenden Urkunden sind, erhalten solche bei dem Zentralnachweiseamt für Kriegsverluste und Kriegergräber, Büro für Kriegsstammrollen, Berlin-Spandau. Da das Zentralnachweiseamt zurzeit stark übertastet ist, nimmt die Erledigung einige Wochen in Anspruch. Zentralausschuß der deutschen Juden. Dem ZentralausschuB der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau, über dessen Gründung wir in der Vornummer berichteten, gehören an: Rabbiner Dr. Baeck (Vorsitzender), Landgerichtsrat Dr. Lilienthal (Geschäftsführer), Alfred Berger, Dr. Georg Landauer, Dr. Karl Melchior, Direktor Stahl, Dr. Ludwig Tietz, Dr. Mark Wischnitz er und Dipl.-Ing. Bruno Woyda. Unsere Gemeinde. Zum 1. Mal! Wie wir festgestellt haben, ist eine Beteiligung der jüdischen Geschäftsinhaber an der Feier des 1. Mai durch Beflaggung ihrer Geschäftsräume mit der Reichsflagge Schwarz - Weiß - Rot nicht erwünscht, dagegen bestehen keine Bedenken, daß die jüdischen Geschäftsleute in den Landet- und Stadtfarben flaggen und außerdem ihre Läden durch Anbringung je eines Malbaumes an jeder Seite des Einganges schmücken. Leipzig, den 2S. April 1933. Reichsbund jüdischer Fronttoidaten Ortsgruppe Leipzig Dr. Alfred Jacoby, 1. Vorsitzender. Amtliche Bekanntmachung. Schulschlußfeier der ReHglonstchule I. Die Schulschlußfeier, die für den 2. April 1933 vorgesehen war, aber abgesagt werden mußte, findet nunmehr am Sonntag, 30. April 1933, vormittags 10 Uhr pünktlich, in der Gemeindesynagoge statt. Hierzu werden alle Gemeindemitglieder eingeladen. Leipzig, den 19. April 1933. Der Direktor: Rabbiner Dr. Goldmann. Aus dem Gemeindeamt. Gottesdienste: Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienst: Freitag, 28.April, Abendgebet 19 Uhr mit Predigt (Rabbiner Dr. Gold mann); Sonnabend, 29. April. Morgengebet 9 Uhr, Nachmittagsgebet 19.45 Uhr, anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Dr. Qoldmann); Abendgebet 20.17 Uhr. Morgengottesdienst an Sonn- und bürgerlichen Feiertagen 7.30 Uhr, werktags 7 Uhr, Abendgottesdienst 19 Uhr. Gemeindesynagoge. Sabbatgottesdienst: Freitag, den 5. Mai, Abendgebet 19 Uhr mit Predigt (Rabbiner Cohn), Sonnabend, 6. Mai, Morgengebet 9 Uhr, Jugendgottesdienst 15,15 Uhr mit Predigt (Rah bin er Cohn); Nachmittagsgebet 19,55 Uhr, anschließend Lehrvortrag (Rabbiner Cohn); Abendgebet 20,29 Uhr. Morgengottesdienst an Sonn- und bürgerlichen Feiertagen 7,30 Uhr, werktags 7 Uhr, Abendgottesdienst 19 Uhr. Ez-Chalm-Synanoge (Otto-Schillstr.) und Talmud Thora-Synagofc

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