Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 17 (28.4.1933)
- Date
- 1933-04-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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■1*; liu Auflage 4500 Stück ßemattö eblatt DER ISRAELITISCHEN REUGIONSG&M&INDE- ZU I J1|D7|/^L AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT Lla I ■ Mm I \7 DER GEMEIN DEVERWALTUNG■ Schi ifHeilung: Ocoelnderabbiner Gust.iv Cohn Leipzig. LöhrstraBe 10. Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfaiters gestattet. Nummer 17 ■ Jahrgang 9 28. April 1933 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Leipzig 0 5, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 607 71. Druck : Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Siedlung in Palästina. Die nach der nationalen Revolution für die luden in Deutschland eingetretenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben in weit höherem Maße als je zuvor vielen Juden in Deutschland die Frage einer Auswanderung aus Deutschland nahegebracht. Die Entwicklung, die in den letzten Jahren das jüdische Palästina genommen hat, lenkt dabei naturgemäß die Aufmerksamkeit besonders auf dieses aufstrebende Siedlungsgebiet. Die „Jüd. Rundsch." vom 21. 4. veröffentlicht eine ungemein instruktive Abhandlung über die landwirtschaftliche Siedlung aus der Feder des, durch jahrzehntelange Arbeit in Erez Israel, wie kaum ein anderer zu solchen Untersuchungen berufenen Dr. Ruppin. Wir entnehmen diesem Aufsatz folgende wichtige Feststellungen: Die Aussichten für Akademiker (Arzte, Zahnärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte) sind schlecht, da diese Berufe in Palästina bereits überfüllt sind — Rechtsanwälte werden außerdem nur nach einer Prüfung, die in englischer oder hebräischer Sprache abgeharten wird und eine längere Vorbereitung erfordert, zur Praxis zugelassen. Sehr geringe Aussichten bestehen auch für Detailkaufleute und kaufmännische Angestellte, da alle Handelszweige stark besetzt sind und Neuankömmlinge gegenüber den schon im Lande befindlichen, orts- und sprachkundigen Handelstätigen einen schweren Stand haben. Handwerker, die in ihrem Fach tüchtig sind und mindestens £ 250 besitzen, finden in vielen Fällen noch ein Unterkommen. Ungelernte Arbeiter ohne Kapital werden nur im Rahmen der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit Palästinas auf Orund von Zertifikaten zugelassen. Kapitalisten, die ihr Oeld in Palästina in sicheren Hypotheken langfristig anlegen wollen, können auf eine Verzinsung von 7—8% rechnen. Die Kosten des Lebensunterhaltes einschließlich Wohnung, Kleidern, Steuern usw. betragen in einer Stadt durchschnittlich für Familien von drei bis vier Seelen bei Arbeitern £ 10 monatlich, bei Familien von Handwerkern, kleinen Kaufleuten, Büroangestellten IC 15—20, bei leitenden Angestellten, Ärzten, Rechtsanwälten X. 25—50. In den landwirtschaftlichen Siedlungen sind die Kosten etwa 25% niedriger. Zur Zuflucht kann Palästina denjenigen Juden in Deutschland werden, die bereit sind, zur Landwirtschaft überzugehen und die dazu erforderlichen Voraussetzungen erfüllen. Bei Leuten, die infolge ihres AHers oder mangelnder physischer Kräfte zu schwerer Arbeit nicht Seeignet sind, sondern dafür Lohnarbeiter beschäftigen müssen, ist, ei bescheidener Lebensführung, ein Kapital von mindestens £ 3000 erforderlich. Junge, kräftige Leute im Alter bis zu 30 Jahren, die sich noch auf die Landwirtschaft und ein hartes und entbehrungsreiches, aber friedliches und mit der Natur verbundenes Leben umstellen können, benötigen ein Kapital von C 1000—1200. Junge, kräftige Leute von 16—20 Jahren, die mindestens während eines Jahrzehnts als Lohnarbeiter und in der eigenen Wirtschaft weit über das Durchschnittsmaß hinaus arbeiten und sich in dieser Zeit mit dem baren Existenzminimum begnügen müssen, gebrauchen an Kapital iL 400. Die beiden letzteren Kategorien sollen erst dann zur Begründung ihrer eigenen Wirtschaft schreiten, wenn sie während ihrer Probezeit von 1—3 Jahren ihre Eignung für die landwirtschaftliche Arbeit bewiesen haben. Die Linie der Kolonisationstätigkeit wird in der Zukunft, so führt Dr. Ruppin weiter aus, dadurch bestimmt, daß in erster Reihe das Gebiet der Orange, die Küstenebene, die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Aus den seit dem Weltkrieg gewonnenen Erfahrungen werden als wichtigste Hauptmomente hervorgehoben: es sind für die schweren und leichten Böden in den Ebenen Palästinas Wirtschaftsformen gefunden, die der Eigenart des jüdischen Siedlers, den klimatischen Verhältnissen und den Erfordernissen des Marktes angepaßt sind und nach menschlicher Voraussicht imstande sind, dem Siedler eine angemessene Existenz zu gewähren. Weiterhin läßt sich die Ansiedlung heute mit viel Ieringeren Kosten durchführen als vor zehn oder sogar vor fünf ahren. Das hängt mit dem allgemeinen Rückgang aller Preise, aber auch damit zusammen, daß man heute eine Wirtschaft viel rationeller aufzubauen weiß und in den inzwischen gegründeten Siedlungen Stützpunkte hat, von denen die neuen Siedlungen Nutzen ziehen können. Ruppin prüft die Aussichten mit außerordentlicher Vorsicht. Er weist auf das Risiko hin, daß die OrangenpHanzung mit sich bringt, indem in den letzten acht Jahren die Anbaufläche auf das 4' it—6 fache Unser Lebenselement. In einer Zeit schwerer Bedrängnis sprach R. Aqiba das Gleichnis: Ein Fuchs ging einst am Ufer eines Flusses. Er sah die Fische ängstlich hin und her jagen. Da sprach er zu ihnen: Wovor flüchtet ihr euch? Sie antworteten: Vor den Netzen, die die Menschkinder nach uns auswerfen. Darauf der Fuchs: So möge es euch belieben, aufs Land zu kommen. Darauf erwiderten ihm jene: Bist du es, von dem man sagt, er sei das klügste unter den Tieren? Du bist nicht klug, sondern dumm. Wenn wir schon in unserem Elemente, der Stätte unseres Lebens, fürchten müssen, um wieviel mehr am Lande, der Stätte unseres Todes! — So auch wir: weim es schon jetzt so ist, wo wir sitzen und uns mit der Thora befassen, von der es heißt, denn sie ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage, um wieviel mehr erst, wenn wir gehen und uns ihr entziehen! Talmud Berachoth 61 b. gestiegen ist und die Orangenproduktion in den nächsten 6—8 Jahren aut 15—MMOL Kisten (gegen etwa 41/« Mill. Kisten 1932/33) steigen wird. Da auch in anderen Ländern die Orangenproduktion gewachsen ist, ist die Möglichkeit eines erheblichen Oberangebotes nicht ausgeschlossen. „Bei der ausgezeichneten Qualität der Jaffa-Orange und bei der Hoffnung auf Senkung der jetzt sehr hohen Spesen vom Baum bis zum Konsumenten durch die Eröffnung des Haifaer Hafens und durch die Einführung billigerer Verpackungsmöglichkeiten hat die Palästinaorange im Konkurrenzkampf um die Märkte relativ günstige Aussichten. Gegenwärtig ist die Kultur der Orange der lohnendste Zweig der palästinensischen Landwirtschaft, und sie kann besonders für den selbstarbeitenden Siedler, der kernen Arbeitslohn auszugeben braucht, auch dann noch lohnend bleiben, wenn in Zukunft die relativ hohen Preise der letzten Jahre auf den ausländischen Märkten einen Rückgang erfahren sollten. Überdies ist die Orangenkultur, deren Pflege ein hohes Maß von Umsicht und Intelligenz verlangt, für den jüdischen Siedler besonders geeignet. Schließlich aber spricht für die Orangen - kultur, daß eine Siedlung auf Grundlage der Orangenpflanzung viel weniger Boden braucht als irgendeine andere Wirtschaftsform, und dies ist bei der Hoden Knappheit in Palästina für eine große jüdische Siedlung von besonderer Wichtigkeit. „Für Kapitalisten, die größere Beträge in der palästinensischen Landwirtschaft anlegen wollen, die aber keine landwirtschaftlichen Kenntnisse haben, gibt es keine passende Anlage außer der Orangenkultur. Daß sie dabei ein Risiko laufen, kann nicht geleugnet werden. Aber es gibt heute nirgends in der Welt eine Kapitalanlage, die 100% ige Sicherheit und gleichzeitig — wie die Orangenkultur in Palästina — die Möglichkeit eines relativ hohen Gewinnes bietet. Es ist außerdem anzunehmen, daß Kapitalisten nicht ihr gesamtes Kapital, sondern nur einen Teil desselben in Palästina investieren und auf diese Weise noch eine Reserve haben, wenn einmal schlechte Jahre kommen. Für die nichtkapitalistischen Siedler, die ihr kleines Vermögen und ihre ganze Arbeitskraft in ihre Wirtschaft hineinstecken, muß ein gewisses Gegengewicht gegen das Risiko der Orangenkultur dadurch geschaffen werden, daß diese Siedler nicht ausschließlich auf die Einnahmen aus der Orangenkultur angewiesen sind, sondern einen Teil ihres Lebensunterhaltes aus Milchwirtschaft, Geflügelzucht, Gemüsebau beziehen. Sie sollen bares Geld nur für solche Dinge (Tee, Zucker, Kleidung) ausgeben, die sie nicht selbst produzieren können, oder für Steuern und für geistige und medizinische Bedürfnisse. Die Einnahmen aus der Orangenpflanzung sollen diese Bedürfnisse decken." Wird dies berücksichtigt, so ist „der Orangenbau zusammen mit der Erzeugung von Milch, Eiern und Gemüse Tür eigenen Bedarf (und bei günstiger Lage zum Markte auch für den Verkauf) eine geeignete Grundlage für die Ansiedlung bei selbstarbeitenden Siedlern aus dem Mittelstande oder aus dem Arbeiterstande, wobei allerdings der Siedler auf Nebenverdienst durch Lohnarbeit angewiesen ist, bis die Pflanzuni; Frucht trägt. Die Mindestkosten der Ansiedlung (auf JNF-Boden) betragen für den Mittelständler etwa £ 1000.— oder, wenn er zunächst nur ein arbeitendes unverheiratetes Familienglied an den Platz der Ansiedlung schickt und selbst noch 7—8 Jahre in seiner bisherigen Beschäftigung