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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1933-04-21 · 16 (21.4.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
9 (1933)
Issue
16 (21.4.1933)
Date
1933-04-21
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 21. April 1933 Beschimpfungen jüdischer Kinder durch ihre Mitschüler nicht geduldet werden können, weil ein derartiges Vorgehen nicht dem Geist der christlichen und nationalen Erziehung entspräche, wie sie das neue Deutschland wünsche; oder wird eine Welt des Hasses, die so furchtbar wütet, unseren unschuldigen Kindern die sonnigen Jahre ihrer Kindheit vergällen, so daß wir Mittel ergreifen müssen, sie froh und innerlich ungehemmt durch die Jahre ihres Werdens zu führen? Fragen über Fragen, in solcher Fülle und von solcher Macht, daß uns bange werden muß, an ihre Lösung zu gehen. Und daneben die Frage aller Fragen: wie verwinden wir den Angriff auf unsere Ehre, die Herabwürdigung durch Versagung des Rechtes freier Entfaltung, vollen Mitwirkens am kulturellen Leben. Um all dem gerecht werden zu können, bedarf es der restlosen Zusammenfassung aller Kräfte, der materiellen und mehr noch der geistigen. Aller Wille muß angespannt werden, um allen zu dienen, die bedroht sind. Und darum dürfen wir jetzt keine Kraft vergeuden im Meinungskampf untereinander. Alle Sonderinteressesn müssen zum Schweigen gebracht werden, damit erst einmal die Notwendigkeiten der Gesamtheit erfüllt werden. Und das bedeutet: Frieden schließen. Es wird kein Opfer der Überzeugung gefordert, sondern ein Opfer der Selbstzucht. Zwinge sich jeder, wenigstens heute die Überzeugung des anderen unangetastet zu lassen; dann nähern wir uns ja alle einander und schaffen die Gemeinsamkeit, die uns instand setzt, Gewaltiges zu vollbringen. Vielleicht erwächst dann aus solcher Zeit aufgezwungenen Friedens eine Einheit, die in alle Zukunft besteht; nicht die tote Einheit einer Eintönigkeit ohne die Mannigfaltigkeit der Anschauungen und Überzeugungen, die sich in verständnisvollem Kampfe aneinander schärfen und veredeln, sondern die Harmonie, die die verschiedenen Töne zum wohlklingenden Akkord vereinigt. G. C. Zentralisation der Hilfsarbeit. Wir berichteten jüngst über die seitens des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden erfolgte Gründung einer Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe, deren Zuständigkeit durch die Reichsvertretung der deutschen Juden für das ganze Reich ausgedehnt worden ist; auch die Berliner jüdische Gemeinde schloß sich an. Damit ist die Zentralstelle von den einschlägigen jüdischen Körperschaften als dasjenige Amt eingerichtet worden, das den vielen Tausenden von Juden in der heutigen schweren Zeit mit praktischen Ratschlägen und, soweit möglich, mit Hilfe und Hilfsmitteln an die Hand geht. Über Art und Umfang der bisher geleisteten Fülle von Arbeit berichtet die JLZ: Es wäre falsch, wenn man annehmen wollte, daß sich einheitliche Richtlinien aufstellen ließen, und daß eine einheitliche Lösung gefunden werden könnte. Es zeigt sich vielmehr, daß jeder mit ganz individuellen Sorgen, Wünschen und Möglichkeiten kommt. Und es zeigt sich ferner, daß die weitaus meisten — sie mögen über die innerjüdisch CO Fragen noch so verschieden denken — hier ideell und materiell zu sehr verwurzelt sind, um sich in Abenteuer zu stürzen, die noch weitaus unsicherer wären, als der immerhin auf Realitäten gestützte Versuch, sich hier die Position zu erhalten (wenn auch oft mit verringertem Einkommen), oder sich wieder eine Position zu erringen. Keine Wohlfahrtssachen werden von vornherein ausgeschieden und an die bei den örtlichen Gemeinden eingerichteten Wohlfahrtsstellen geleitet. Wo aber wirtschaftliche Hilfe und Beratung nötig ist, werden die Anliegen von der Zentralstelle bearbeitet. Eine Fülle von Post, die täglich aus dem ganzen Reiche, von Gemeinden, Organisationen und Einzelpersonen eingeht, wird erledigt; etwa 500 Menschen werden in der täglichen Sprechstunde abgefertigt. Die Arbeit erstreckt sich hauptsächlich auf folgende Gebiete: 1. Rechtshilfe, 2. Wirtschaftshilfe für Selbständige, 3. Wirtschaftshilfe für Angestellte, 4. Beratungsstelle für Akademiker: a) Mediziner, b) Juristen, 5. Wanderhilfe. Es hat sich gezeigt, daß die Rechtsuchendeu — gleichgültig, ob es sich um gekündigte Anstellungsverträgc, Beamtenverhältnisse oder um zivile Streitigkeiten aller Art handelt, oft nicht wissen, welche Möglichkeiten sie haben, welche Stellen für sie zuständig sind, usw. Es besteht da vielfach vollige Unkenntnis. Die Zentralstelle hilft hier; setzt zum Teil die erforderlichen Eingaben selbst auf und zeigt, wie die allgemeinen wirtschaftlichen oder Berufsverbände, Betriebsräte usw. zur Mithilfe herangezogen werden können. Sie zeigt z. B. auch den Studenten Wege zur Fortsetzung ihrer Studien, sucht durch Zusammenarbeit mit anderen Institutionen im ganzen Reiche Praktikantenstellen zu vermitteln usw. Soweit — hauptsächlich für Studenten und Auslander, aber durchaus nicht nur für sie — Auswanderung in Frage kommt, leistet die Zentralstelle auch hier ratend und unterstützend Hilfe; sie hat gemeinsam mit dem Hilfsverein der Deutschen Juden eine Auswandererberatungsstelle eingerichtet, der sich wohl auch das Palästiuaamt der Zionistischen Organisation anschließen wird. Selbstverständlich hält sie Verbindung mit den jüdischen Hilfsorganisationen und -komitees der verschiedensten europäischen und amerikanischen Länder. Die Zusammensetzung der Leitung ist — wie bei allen sozialen und wirtschaftlichen Dingen selbstverständlich — völlig überparteilich; das zeigen u. a. die Namen der an der Spitze stehenden Persönlichkeiten: Dipl.-Ing. Bruno Woyda und Dr. Max Kreutzberger, die dieses viclglicdrige Büro innerhalb weniger Tage aus dem Boden stampfen mußten, und denen sich ein großer Stab sach- und fachkundiger Mitarbeiter aus allen Berufszweigcu opferwillig an die Seite stellte. Es wird in späterer Zeit möglich sein, diese Arbeit, die damit verbundenen Opfer und den Erfolg /u würdigen. Dann aber wird auch allen denen, die ohne viel Worte und ohne jedes Pathos diese dringendste Notarbeit übernahmen, in würdigerer Form gedankt werden. Heute gilt es auf alle diese Fragen hinzuweisen, damit jeder, der sie braucht, weiß, wohin er sich wenden kann. — Wie neuerdings berichtet wird, hat die Reichsvertretung der jüdischen Landesverbände bei sich einen Zentralausschuß derdeutschen Juden für Hilfe und Aufbau errichtet, der die Arbeit auf allen Gebieten der wirtschaftlichen und sozialen Hilfe verteilt und abstimmt. Der Zentralausschuß ist die einzige Sammelstelle für die Beschaffung und Verteilung aller Mittel, insbesondere auch dem Ausland gegenüber. Augenscheinlich ist dieser Zentralausschuß als Spitze für die praktische Durchführung der Hilfsmaßnahmen der eingerichteten Stellen gedacht. Die Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe gibt bekannt, daß ihre Räume sich Berlin, N24, Oranienburger Str. 31, befinden. Sprechstunde daselbst Montags bis Donnerstags 10—1 Uhr, Freitags 10—2Uhr. Aus aller Welt. Anerkennung deutsch-jüdischer Gelehrter und Künstler im Auslande. Unterrichtsminisfer Fernando de Los Rios teilte den Vertretern der Presse mit, daß Professor Albert Einstein sich auf Einladung der Universität zu Madrid bereit erklärt habe, seine Forschungsarbeiten dort fortzusetzen. Der Unterrichtsminister brachte seine Genugtuung darüber zum Ausdruck, daß es gelungen sei, die Mitarbeit Einsteins für die Universität Madrid zu gewinnen. Er betonte, der ausschließliche Grund der Berufung sei der Wunsch gewesen, das Professorenkollegium von Madrid durch eine so bedeutende weltwissenschaftliche Persönlichkeit wie Einstein zu bereichern. — Die gesamte spanische Presse verzeichnet die Berufung Einsteins mit größter Befriedigung. „DAZ" meldet aus Paris: Auf eine Anregung des früheren Ministerpräsidenten und jetzigen Mathematikprofessors Painleve hin und im Einvernehmen mit den Professoren des College de France hat der Minister der nationalen Erziehung, de Monzie, der Kammer einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Schaffung eines Lehrstuhls der mathematischen Physik am College de France für Professor Einstein vorsieht. Die Kammer hat diesem Vorschlag zugestimmt. Einstein ist sofort benachrichtigt worden und hat, wie der „Petit Parisien" berichtet, den Ruf angenommen. Die gesamte Presse unterstreicht mit großem Behagen die französische Geste. Die Universität Brüssel hat Professor Albert Einstein ehrenhalber zum Mitglied ihres Professorenkollcgiums ernannt. Wie die Stockholmer Tageszeitung „Nya Dagligt Allehanda" mitteilt, werden gegenwärtig Verhandlungen geführt mit dem Ziele, dem berühmten Gynäkologen Professor Bernhard Zondek aus Berlin die Fortsetzung seiner Forschungsarbeiten in Schweden zu ermöglichen. Der Stockholmer Gynäkologe und Nobelpreisträger Professor von Euler erklärte Pressevertretern, Professor Zondek werde demnächst in Stockholm seine ursprünglich bereits für Februar geplanten Vorlesungen halten. Es sei zu erwarten, daß Professor Zondek bei dieser Gelegenheit einen Forschungsauftrag erhalten werde. Es verlautet in den Kreisen der Warschauer Medizinischen Fakultät, daß der Berliner Professor Dr. Hermann Zondek auf die derzeit vakante Lehrkanzel für innere Medizin berufen werden soll. Der Plan, Professor Zondek nach Warschau zu berufen, werde gegenwärtig sowohl durch die Universitätsbehörden als auch durch das Unterrichtsministerium ernsthaft geprüft. Die Dirigenten Otto Kleinperer und Bruno Walter wurden eingeladen, in Moskau eine Reihe von Konzerten zu dirigieren. Es ist auch der Vorschlag an sie ergangen, die ständige Führung des Symphonieorchesters der Moskauer Philharmonie zu übernehmen. 1000 Palästina-Einwanderungszertifikate für Juden aus Deutschland. Die Palästina-Regierung hat der Executive der Jewish Agency 1000 Einwanderungszertifikate zur Verfügung gestellt, die an Juden aus Deutschland zwecks Ermöglichung ihrer Niederlassung in Palästina ausgegeben werden sollen. Die jetzt ausgegebenen Zertifikate sollen in die nächste Einwanderungsschedule mit eingerechnet werden. Die vorzeitige außerordentliche Ausstellung dieser 1000 Einwanderungszertifikate ist auf die am Dienstag, den 4. April, erfolgte Intervention des politischen Leiters der Palästina-Executive der Jewish Agency Dr. Chaim Arlosoroff beim High Commissioner Sir Arthur wauchope zurückzuführen. Dr. Arlosoroff hatte dem High Commissioner folgende Wünsche namens der Jewish Agency unterbreitet: 1. Rascheste Bewilligung einiger Hundert Arbeitereinwanderungszertifikate für deutsche Juden, 2. Frmöglichung einer umfangreichen Einwanderung deutscher Juden mit eigenem Kapital und 3. Gewährung von Einwanderungsbegünstigungen an in Deutschland lebende Verwandte palästinensischer Einwohner, vor allein an deren Eltern, Frauen und Kinder. Direkte Telefonverbindung zwischen Palästina und Deutschland. Zwischen Palästina und Deutschland wurde eine direkte Telefonverbindung geschaffen. Das erste Probegespräch auf der neuen Linie erfolgte am Dienstag, den 4. April, 10 Uhr vormittags zwischen dem Hauptbüro der Palestine Telegraphic Agency (Palästina-Abteilung der Jüdischen Telegraphen-Agentur) in Jerusalem und dem Büro der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Berlin. Die Palästinensische Telegraphen-Agentur übermittelte einen Gruß an die europäische Presse im allgemeinen und die europäischen Büros der Jüdischen Telegraphen- Agentur im besonderen, sowie den aufrichtigen Wunsch nach friedlicher Entwicklung Deutschlands und harmonischer Einfügung der jüdischen Bevölkerung Deutschlands in das Staatsganze. Die Verständigung bei dem zwischen dem Jerusalemer Chefredakteur Gerson Agronsky und dem Leiter des Berliner JTA-Büros geführten Probegespräch war ausgezeichnet. Die Freigabe der neuen Linie sowie der gleichzeitig geschaffenen direkten Tclcfonverbindungen mit London, Paris und Rom für den allgemeinen Verkehr eriolgte am 7. April. Ein Biallk-Lehrstuhl für hebräische Sprache an der Universität Jerusalem. Am 2. April fand in Tel Awiw eine Feier anläßlich des 8 jäh-

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