Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 16 (21.4.1933)
- Date
- 1933-04-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4500 Stück (SemetntoUatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEIN Dt ZU I tl D7lCm AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLIl^lV DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schriftleitung: Oemeinderabblner Outtav Cohn Leipzig. LobrttraBc 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassen Bestattet. Nummer 16 ■ Jahrgangs 21. April 1933 Anzeigenannahme: E. Ooldfreund, Leipzig O 5, Cichoriusstiaße 2a, Fernsprecher Nr. 807 71. Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Einheit — das Gebot der Stunde. Not schweißt zusammen. Menschen, die durch naturgegebene, schicksalsgefügte oder freigewählte Gemeinschaft zusammengehören, mögen als selbstdcnkende oder selbstwollende Persönlichkeiten in ruhiger und normaler Lebensgestaltung hie und da eigene Ziele im Auge haben, eigene Wege gehen: wenn gleiche Not sie bedrängt, dann schwindet alles Auseinanderstreben, weicht vor dem unerbittlichen Zwange, in der Abwehr gemeinsamer Bedrängnis einander Stützung und Hilfe zu geben. Das ist eine Erfahrung, die jeder einzelne in seiner nächsten Umgebung hundertmal gemacht haben dürfte. Vor der augenblicklichen Notwendigkeit, Gefahren zu steuern, erschienen abweichende Meinungen, Gegensätzlichkeiten oft recht schwerwiegenden Charakters, als zu geringfügig, um sich nicht über sie hinwegsetzen zu können. Was so oft für einzelne sich bewährt hat, muß auch für große Gruppen und Gemeinschaften gelten, muß sie dahinführen, Trennendes auszuschalten und mittels einer festgefügten Bindung eine starke Einheit zu schaffen, wenn gemeinsame Gefahr ihren Bestand bedroht. Der Ruf nach Einheit ist in unserer Mitte schon seit langem immer wieder erhoben worden, weil es alle zutiefst erfüllten Juden immer schwer bedrückt hat zu sehen, welche Zerklüftung die verschiedenen Richtungen innerhalb unserer Gemeinschaft voneinander getrennt hat. Es ist oft genug darauf hingewiesen worden, daß diese — übrigens auch im deutschen Volke beobachtete — Neigung zu Parteien- Bildung und das Fehlen ernsthafter Verständigungsbereitschaft sich als ein altes Erbübel unter den Juden darstellt. Die Unmöglichkeit, eine Annäherung unter den Verschiedengerichteten zu verwirklichen, hat der Judenneit im Verlaufe ihrer Geschichte schon manche schwere Wunde zugefügt, z. T. solche, die nie ganz vernarben konnten. Der Beispiele ließen sich viele anführen, die das erhärten; es seien nur einige ganz markante hierhergestellt: Wegen der Unversöhnlichkeit der Parteien, wird im Talmud festgestellt, ist der Tempel in Trümmer gesunken, ihr ist damit die Galuthnot der Juden zuzuschreiben. Die Schlagkraft der Argumente, mit denen gegen uns und unsere Lehre gerichtete Angriffe zurückzuweisen waren, hat bis in unsere Zeit hinein unter der Unmöglichkeit gelitten, für sie eine einheitliche Form, ein einheitliches Vorgehen zu erzielen. Wie wertvoll hätte gerade heute ein Reichsverband der Deutschen Juden wirken können, dessen Zustandekommen ja auch nur am Parteiwesen gescheitert ist. Es ist vielleicht das größte und kaum begreifliche Übel, daß spätere Generationen so wenig aus der Geschichte gelernt haben. Dieser unbefangene Lehrmeister mit so überzeugendein Tatsachenstoff hätte doch schon längst gelehrige Schüler finden müssen, die ohne Zögern bereit waren, sich den Erfahrungen zu unterwerfen. Es gehört mit zu den tragischsten Momenten jüdischen Seins, daß gerade wir Juden, denen von außen immer ihre Solidarität, ihre „Weltverbundenheit" als eine schlimme Gefahr für die Völker vorgeworfen wird, in Wahrheit nicht einmal in enger umgrenzten Gebieten zu solchem Einanderfinden gelangen konnten. „Es gibt Zeiten, in denen gekämpft, aber auch solche, in denen Frieden geschlossen werden muß", dieses Wort Kohelets erscheint uns nie so zeitgemäß wie gerade jetzt, für die gesamte Judenheit in Deutschland und für ihre einzelnen Teile. Wir wollen nachdrücklich den Ton auf den Begriff „Frieden" legen. Wir wissen nur zu genau, daß die verschiedenen Richtungen im Judentum tiefbegründete Überzeugungen vertreten. Die Forderung, sie preiszugeben, würde bedeuten, daß man sich selbst, Innerstes und Stärkstes, aufgeben soll. Darum kann das Gebot der Stunde gewiß nicht dahin verstanden werden, daß man die Grundsätze verlassen sollte, auf denen das jüdische Wollen in den einzelnen Parteien und Gruppen ruht. Wer aber könnte verkennen, daß heute nicht die Zeit ist, den Kampf wetterzuführen. Es geschah ein Angriff auf uns von einer solchen Wucht, daß es der lückenlosen Zusammenfassung aller bedarf, um die MiKcl zu vereinigen, die unseren Bestand sichern. Und dazu tut Frieden not. Wir meinen damit die vorbehaltlose Bereitschaft auf allen Seiten, heute die jüdischen Belange nicht unter dem Gesichtspunkte der ein- Ewiges Judentum. Mancher denkt sich das Judentum als eine, gleichviel mit welchem Rechte, in die Gegenwart hineinragende Gestaltung der Vergangenheit, welche sich ausgelebt hat, und für welche, da sie keine aktuelle Bedeutung mehr besitze, sich auch nichts mehr schaffen lasse. So bedeutet für ihn die Wissenschaft des Judentums nur ein großes und reiches Kapitel der Geschichte — groß, sehr groß, gesteht er zu; er selbst aber, sagen wir, steht klein daneben; reich, sehr reich, gesteht er zu; er aber darbt daneben. Und nicht anders ist es mit andern, welche das Judentum nicht minder für ein abgeschlossenes Drama halten, in dessen Schluß wir stehen. Sie wollen befestigen, erhalten — vergebliche Mühe, sagen wir; wir sagen es ernstlich pessimistisch: das abgeschlossene ist tot, und keine Macht kann es erhalten; das Leben bläst es hinweg. Wir aber, die wir dem Allgütigen danken, daß er uns die wahre Lehre gegeben, ascher nossan lonu torath emeth, wir sind auch überzeugt: we-chaje olam nota betochenu, daß er damit ein ewiges Leben in uns gepflanzt hat. Das Judentum lebt und hat sein Leben durch praktische und auch durch theoretische Schöpfungen zu bekunden; es lebt, und so hat es sich weiter zu entwickeln, es ist ein unerschöpflicher Schacht, aus dem immer Neues zu gewinnen bleibt. Freilich, das hat unser Jahrhundert gelehrt, muß alles, was lebendig sein will, an die Vergangenheit anknüpfen. Hajin Steinthal. /.einen Richtung zu betrachten, sondern lediglich von dem auszugehen, was für die Gesamtheit geschehen muß. Es würde nicht im Einklang mit der durch die Lage gegebene Würde stehen, wenn auch jetzt noch die bestehenden Gruppen nur an sich, an ihre Ziele denken wwürden. So wenig jetzt der einzelne Jude selbstsüchtige Erfüllung der ihn angehenden Belange anstreben darf, so wenig darf die bisher verfolgte Linie von den jüdischen Parteien und Richtungen als allein maßgebend erachtet werden. Es wäre zu eng gedacht, wenn man heute einander die Schuld an den furchtbaren Entwicklungen zuweisen wollte, die wir erleben mußten; wenn die einen den anderen zuriefen: wärt ihr nur uns gefolgt! Es wäre verderblich, wenn die einen wie die anderen nun fordern wollten: schließt euch wenigstens jetzt unserer Anschauung an, denn ihr gehört die Zukunft. Es ist keine Zeit, um das Übermorgen zu rechten: es gilt auf das Morgen bedacht zu sein. Da/u bedarf es des Friedens. Es wird auch wieder die Zeit kommen, in der im Kampfe der Meinungen über die Wege nach fernen Zielen gesprochen werden dari; dieser Kampf wird notwendig sein, wie er wichtig und wertvoll auch in vergangenen Tagen gewesen ist. Aber nicht jetzt. Jetzt heißt es: zusammenwirken. Die Erfordernisse dieses Zusammenstehen! sind im Augenblick im einzelnen noch nicht zu umreißen. Die Lage ist zu fließend, die Auswirkungen der gegen uns gerichteten Maßnahmen mehr zu ahnen als deutlich zu erkennen. Aber daß sie tief einschneidend sein, daß sie nach verschiedenster Richtung eine unermeßliche Gefahr für jüdisches Dasein bedeuten werden, kann niemand verkennen. Wir müssen uns wappnen. Das ungeheuerliche Geschehen der letzten Wochen hat uns so tief erschüttert, weil es uns unvorbereitet traf: wir hatten nicht glauben mögen, daß Wahrheit werden könnte, was unsere Feinde gegen uns vorbereiteten. So soll wenigstens das zweifellos erforderlich werdende Hilfswerk uns nicht auch unvorbereitet treffen. Viele, viele Existenzen werden zertrümmert sein, zertrümmert nicht nur durch materielle Schädigungen, sondern auch durch die seelischen Erschütterungen, die die Widerstandskraft gebrochen haben. Voll Sorge sehen wir der Zukunft unserer Jugend entgegen; es wird notwendig sein, anstelle der zahlreich versperrten Wege neue Möglichkeiten zu suchen. Gänzlich ungewiß ist uns noch das Schicksal unserer Kleinen in den Schulen. Wird jener badischc Erlaß allgemeine Geltung erlangen, wonach die Lehrer darauf hingewiesen werden, daß