Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 14 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 G EM EIN DEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 7. April Iii Es liegt eine ewige Kraft in diesem Gedanken, ein ewiger Ansporn, aber auch ein unversieglicher Quell der Beruhigung; er lehrt am untere Pflicht, aber er bestätig! auob unser Wollen. Wenn wir prüfen, wie weil wir an die Erfüllung herangekommen sind, dann dürfen wir mit ruhigem Gewissen sagen, dafi wir luden mit liefern Ern-t and beiliger Aulrichtigkeil am sittlichen Aufbau im Menschenleben mitgewirkt haben, daß alles Hohe und Echte und Wahre von unangestrebt und gefördert winden ist. l'nd wenn wir dennoch dabei Unzulänglichkeiten eindecken, dann wissen wir. dafi wir sicherlich nicht schlechter sind als die. die uns Leid tufttgen, daß nur die strengere Selbstforderung uns unzufrieden mit uns sein läßt. Aber zugleich wird imdadurch doch da- Bewußtsein, daß w ir keinen Anlaß haben, uns wei;en unseres Judentums zu schämen, Glaubt mau uns als Juden zu brandmarken — da - trifft uns nicht. Trifft uns umso weniger, je inniger wir mit Judentum durchtränkt sind, je stärker jüdisches Denken uns bewegt, je fesler wir mit Bewußtsein verwurzelt sind, da unser Leben -ich nicht im materiellen Dasein erschöpft, sondern seinen Weit erst im sittlichen. Tun erhalt. Dem aber, der in dieser Weise ■lüde Ist*, wird die als Schmähruf gedachte Kennzeichnung als ...lüde' zum Ehrenruf: er i-t um so stolzer .lüde zu -ein, je mehr ihm deutlich wird, daß die vermeintliche Beschimpfung in ungerechter Verkennuni. begründet i-t. So erlebte der Jude seit Jahrhunderten das Pe-sachfost; als eiie steie Mahnung, nie /.u erlahmen in sittlichem Streben, immer wlede neu den Aufbruch zum Sinai zu vollziehen. L'nd es stärkto sich de Jude an jedem Pessaohfest in dem Glauben, daß dem Auszug au Ägypten einst ein Au-zug aus allem Leid und für alle Zeit ent sprechen wird: Wenn der sittliche Aufbau der Well feste Grundlage! erhält. C. /.'. l UFA. mS( 7/A7TZER-BERNS TEIN. Die Haggadah Heinrich Heines. In der Jalirlaiisendails-tellung der Rheinlande in Köln im Jahre 192S wurde unter anderen Denkmälern jüdischen Kunstlloißcs eine Bilderhaggadah aus kölnischem Privatbesitz ausgestellt Die schöne mit farbigen Illustrationen im Geschmack des Spätbarock geschmückte Pergamenthandaohrift*) erregte besonderes Interesse dadurch, daß sie nach der Widmung des Schreibers für Lazarus van Geldern geschrieben worden war. Lazarus van Geldern war aber mütterlicherseits der Urgroßvater Heinrich Heines, und die Vermutung, daß Heine das alte Bilderbuch gekannt haben mag. wurde nahegelegt durch die Schilderung einer Haggadah im „Babbi von Bacharach". Seder-Feier aus einer von dein Schreiber der van Geldern'schon Haggadah. Hoset Loeb 3ofer, -ehr rührenden Haggadah-Hand-chrift des Jahre-ITH Auih r Kill i-hei Sammlung der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kuu-t-Iteukmäler. Osterhaggadah, nämlich wie wir sie aus der ,'in l'.a'liar.ieh" kenneu lernen, ist eben auch Die mittelalterlich« Schilderung im „Rabbi nichts anclerealdie Haggadah des 1H. Jahrhunderts, das Erbstück aus deui Besitz de- Urgroßvaters Heine-, Man wird dem Dichter vielleicht Mangel an historischem Sinn vorwerfen, der in einer Erzählung, die im i.'i. Jahrhundert handelt, ein Requisit des in. Jahrhunderts verwend' t Jedoch wir wissen, dal» Heine im Gegenteil bemüht war -eine mittelalterliche Legende möglieh-t -tilgerecht auszustatten. Er schreibt M24 an Moses Moser, dal er ..\iei Chronikstudium und ganz besonders viel historis }udedes treibe-. Heine stand in engster Fühlung mit den Begründern dei Jüdischen Wissenschaft, seit 1822 war er Mitglied des Vereins füi Kultur und Wissenschaft der Juden, verkehrte mit Eduard Gans und besonder.- mit Zunz. Wenn al-c> Heine in seinem ..Babbi von *) ISilih r daranveröffentlichte Elisabeth Moses in Jüdische Kultind Runstdenkmäler, IUI. Bacharach"" Stilfehler begangen hat, so nicht aus mangelnder Erkenni nis der Probleme, die bei der Behandlung des mittelalterlichen Stoffe vorausgesetzt wird, sondern well die jüdische Wissensehaft zu Heine- Zeiten noch in ihren Anfängen lag. Eine Textkritik gab es nicht umso weniger eine kunstgeschichtliche llaggadahforschung. Beiner kenswert ist. daß Heine in der Schilderung des deutschen Mittelalter* auf sicherem Boden steht, die deutsche Frühromantik sorgte für dii Erschließung dieser Epoche, besonders ihrer künstlerischen Ausdruckformen. Die Beschreibung der Trachten der höheren Stände, /.. B. dei gotischen Schnabclschuhe. der Männerkleider von geteilter Farbe, dei Puffärmel ist bei Heine durchaus stilgerecht, nur die Juden traget schwarze Mäntel, Platthtlte, weiße Halsberge, als ob sie einem Stich aus Schnitt vom Jahre 1717, den Heine nachweislich gelesen hat, ode. eben der Haggadah van Geldern aus dein Jahre 1723 entsprungm wä reu. In der Beschreibung der mittelalterlichen Haggadah ist es de Bilderkreis, die besondere Auswahl der von Heine aufgezählten Ulli -trationen. die die späte Herkunft deutlich verraten. Denn wir wissei heute, daß es in der Haggadah keinen unveränderlichen Bilderbestand gibt, daß z. B. das Chail Gadja. „Das Lied vom Lämmchen'1, übrigen ein spätmittelalterliches deutsches Volkslied, in der mittelalterlichen Haggadah überbau])) noch nicht vorkommt, sich erst in den Haggadei: des IM. Jahrhunderts, darunter in der Haggadah van Geldern nach weisen läßt. Die Motive von Abraham, der die steinernen (lötzen zei schlägt, der Engel bei Abraham, des Moses, der den Ägypter erschlägi der Froschplage, des Ertrinkens der Ägypter im Koten Meer, dei Gesetzgebung Mösls auf dem Sinai. Davids mit der Harfe, des Tempel in Jerusalem und der Rabbis in Bne Brak sind Elemente eines bestimm ten Bilderkreise«: einzeln läßt sich das eine oder das andere Bildmotiv in Haggaden verschiedener Zeiten feststellen, zusammen charakteri Bieren sie aber eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Entstehungen. Der von Heine sehr lebendig gezeichnete Darstellungskreis ist uns genau bekannt. Er kommt zum ersten Mal erst in der ltftö in Amsterdam gedruckten Kupfers!ichhaggadiih vor. wird in der zweiten Amsterdamer Ausgabe von 1712 erweitert. Im 18. Jahrhundert ent -tehen eine Reihe auf Pergament geschriebener Haggadcn mit Farben tuschselohnungen, die z. T. Kopien, z. T. Nachschöpfungen der Amsterdamer Stiche sind. Zu der letzteren Gattung gehört die Pergament Haggadah van Geldern, auf die die Worte Heines von den „keck um1 bunt gemalten Bildern" genau passen. Von dem Schreiber diesei Haggadah. dem Moses .Inda Löh. Sohn des Benjamin Wulf Broda au Trebitsoh ist eine frühere Variante der Haggadah. aus dem Jahre 171 ebenfalls erhalten. Interessant ist aber die Herkunft der Amsterdam! Stiche. Es ist uns gelungen auch diese aufzuspüren. Sie rühren von dem Kupferstichwerk des in Frankfurt ansässigen Baslers Matthäu- Merian den Jüngeren her und sind zum größten Teil in dessen Illustration zur Lutherbibel enthalten. Ein holländischer Stecher hat die Merian-Bilder für die Amsterdamer Ausgabe der Lutherbibcl nachgi stechen, auf diesem Wege gelangten sie denn auch in die Amslerdamc Haggadah. Es ist hier nicht der Platz diesen Zusammenhängen im einzelnen nachzugehen (vgl. meine Untersuchung „Von der Holbein bibel zur Amsterdamer lliiggadah" in Monatsschrift f. d. Wisseuschaf d. .lud. 1931, mi; Abbildungen). Soviel sei noch gesagt, daß die Meriaii bibel (ioethes Liebliugsbibel war. In „Dichtung und Wahrheit" (I.Teil I. Buch) schreibt Goethe: ..Man halte zu der Zeit noch keine Biblie theken für Kinder veranstaltet, die Alten halten selbst noch kindlich' Gesinnungen und fanden es bequem, ihre eigene Bildung der Nach kommenschaft mitzuteilen. Außer dem „Orbis pictus" des Arnos Oomi nius kam uns kein Buch dieser Art in die Hände, aber die große Folie Bibel, mit Kupfern des Merlan, ward häufig von uns durchblättert." Es ist eine eigentümliche Erscheinung der Kulturgeschichte, da Goethe und Heine ihre Rindert räume über den gleichen Bibelbildern geträumt haben. Beide haben es nie erfahren, glaubten wohl in vei schiedenen Welten aufgewachsen zu sein, glaubten sich gerade durcii die Kinderstube vielleicht um meisten getrennt, es war aber in man ehern Erlebnisbezirk die gleiche Geistoswelt. Wir haben auf die Vorgängerin der van-Geldern-Haggadah, di ebenfalls von Moses Löh bereits 1717 geschriebene Haggadah, hing« wiesen. Sie interessiert uns besonders, weil sie vom gleichen Schreibe geschrieben ist und als unmittelbare Vorlage der Haggadah des Heinrich Heine zu gelten hat. Sie wurde in der Jubiläumsausstellung de Gesellschaft zur Erforschung judischer Kuustdenkmälcr in Frankfur a. M. ausgestellt und figuriert im Katalog der Ausstellung unter Nr. Kit (Notizblatt der Gesellschaft 1928, Nr. 22). Es wäre zu wün sehen, daß man die beiden Handschriften einmal nebeneinander zu sehen bekäme. In dein Illustrierer der Haggadah von 1717 haben wir den Künstler zu würdigen, der als einer der ersten, wenn nicht gar al- Erster es versucht hat, den Amsterdamer Haggadahbilderzyklus, dei eine Mischling pathetischen Barocks mit gut bürgerlichem baslerisch frankfurterischem Klassizismus bietet im Geschmack des 18. Jahr hunderts, aufzulockern. Ob Moses Löb, der sich in dieser Handschrift als Schreiber, sofer, tituliert, auch der Zeichner ist, läßt sich vorläuüg nicht entscheiden. Wir bringen in der Abbildung das Sedcrbild der eisten Haggadahhaiid.-ehrift des Moses Löb, das Vorbild der Seder darstellung in der Haggadah van Geldern. Gerade in dieser genre