Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 14 (7.4.1933)
- Date
- 1933-04-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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10.4.3a Auflage 4500 Stück ßeraetoö cbtott DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I {■|D7|faL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I VMm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« Schriftleitung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, -rslra8o 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit i >nohmlgung des Verfassers gestattet. Nummer 14 / Jahrgang 9 7. April 1933 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Leipzig 0 5, CichorlusstraBe 2 a Fernsprecher Nr. 607 71 — Druck : Gebr. Gerhardt, Leio.-Ig S 3 Pessachgottesdienst cipzig, den 5. April 1933 Wir machen die Gemeindemitglieder ausdrücklich darauf aufmerksam, daß in diesem Jahre die Morgengottesdienste in allen Synagogen und Bethäusern früher beginnen und spätestens um 10 Uhr zu Ende gehen. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. IIB Zum Pessachfeste. Di«- Krafi des Judentums offenbart sich in Minen Pesten: sie verkörpern uralte Gedanken und .-teilen sie doch immer wieder in die bondige Gegenwart. Gant besonders das Pessachfest. „In jedem Gechlechte obliegt es dein einzelnen Menschen, sich selbst so zu be- Lrächten, als wäre er au- Ägypten herausgezogen." Man hat, aus dem Ganten der jüdischen Gesohlohte heraus, bei lieaer Formulierung der Aufgabe, die dem Juden jeweils gestellt ist, iorzugsweise auf das Negativ«! gesehen, hat darauf hingewiesen, daß ja die Unterdrückung Israels durch die Pharaonen keine einmalige Tataehe im geschieht Heben trieben der Juden darstellt, Das hat nie vergessen werden .sollen. Zeilen, in denen der Jude nach langer Wanderung durch die Wusle in das Land seiner Befreiung gelangt war, gaben alle Veranlassung, die Erinnerung an den gewichenen Druck lebendig KU erhalten: es war ein deutlicher lleweis für das Kingreifen ler gültlichen Waltung, daß der Gedanke an Gerechtigkeit die Men- ' hen bewegte. Juden und jüdisches Leben freizumachen und ihnen den l'eg zu ungehemmter Mitarbeit an der Kultur, an der allgemeinen Wohlfahrt, au der Erfüllung der Uensobheitsaufgaben Uberhaupt zu röffnen. Der Jude hat den tiefsten Sinn seiner Kehre noch nicht erißt, wenn er nicht aus der Krkenniuis göttlichen Waltene eine Verdichtung zur Dankbarkeit und zur rückhaltlosen Treue gegenüber lent 10wigen herleitel und zu erfüllen trächtet, l'nd das gerade dann. ■ 'im Behinderung. Kinengung, Persel von ihm geuoinmen sind: wenn frei wirken kann nach seinen Kräflen, in dem ehrlichen Wollen, icht nur zu leben, sondern zu nutzen, nicht nur für sich, sondern für Hie zu schaffen und zu leisten. Aber nicht minder sollte die Erinnerung aii ilie häutige wieder- >lte Unterdrückung in solchen Zeilen lebendig bleiben, in denen der ruck sich wieder auf das iüdi.-che Leben gelegt hatte. Dann konnte von Seufzern und drohender Verzweiflung befreien: die geschiehtlien Erfahrungen konnten und mußten den Glauben stärken, daß derbe über dem menschlichen Schicksal wallende Ciolt der tierecht ig- ' il. der sooft die Juden geführt hatte „aus Kümmernis zur Freude. »US Trauer zum Feste, aus dem Dunkel zu hellstrahlendem Uchte, aus Unterdrückung zur Befreiung", auch diese augenblicklichen Leiden wegnehmen wird. Das Gedenken, das dem Auszuge aus Ägypten geweiht ist. zeigt immer wieder glci-hartigei. Perioden der jüdischen Geschichte, in •Ii noch jedes Mal die göttliche Hilfe offenbar wurde. Damit stärkt Peseaohfest, im Blick auf vergangene und Überwundene Note, den; und das Vertrauen In schwerer, die Bereitschaft zur Treue auch glücklicher Zeit Aber das Fesl will nicht nur auf das Düster erlebten Druckes Henken, sondern wohl melir noch den Aufbruch in die neue Zukunft nicht eine einmalige, sondern jl" 'Ion Gesichtskreis rücken. Auch diel iWluer wieder neu zu sehende Aufgabe. Wenn der Jude die \ ergangenen ... . . Jahrhunderte mustert und in fem Bilde die slete Wiederholung bitterer Zeiten sieht, wenn er nach ' "" in jubelnden Aufatmen Fest«teilen muß. daß die Überzeugung, nun Wb« sein Leid für alle Dauer ein Ende gefunden, ein schöner aber '"/ii schnell verlliegender Traum gewesen, dann drängt sich ihm die Präge auf, was denn in einem weisen göttlichen Plaue diese Gestaltung judischen Schicksals für einen Sinn haben könne. Kann der (Haube an glitt liehe Lenkung bewahrt werden, wenn das Ende dieser jüdischen Leiden gar nicht abzusehen ist? Wenn jede Periode der Erleichterung, schneller oder langsamer, aber doch wie mit unausweichlicher Gesetzmäßigkeit immer w ieder durch ein Wiederaufleben längst überwunden geglaubten Verfolgungswlllena abgelöst wird? her nachdenkliche Mensch weiß, daß die so gestellte Frage durch einen Menschen nie ihre alleingültige Antwort erhallen wird: so weil n icht das menschlichen Erkennen der letzten Dinge nicht. Der wahrhaft Fromme läßt sich zu ihr auch nur im Übermaß gegenwärtiger Seelenbelastung drängen: in seiner Demut nimmt er alles Erleben ohne Murren hin und nur wenn ihm gar zu Schweres auferlegt ist. findet einmal der ganze Jammer seinen schmerzvollen Ausdruck. Aber wenn er wieder seine innere Sicherheit gewonnen hat. dann erscheint ihm das Unbegreifliche als aufgehellt: das Leiden der Juden sieht durchaus im göttlichen Wellenplane, der ja den Menschen hinaufführen w ill zur letzten Krfüllung seiner sittlichen Bestiiuiiunii.'. Als Israel aus Ägypten zog. war sein erstes Ziel nicht etwa das Land, in dem es sein Leben auf freier Grundlage erbauen wollte: das erlöste Volk wandte sich zunächst zur Wüste, um /.um Sinai /u wandern, l'ort wollte es in der Gotteslehre die Grundsätze entgegen nehmen, die dem Freiheitsbegriff \ ertiefte Bedeutung verleihen: nur der verdient die Freiheit, der sie allein als das Mittel handhabt, ata Aufbau der sittlichen Welt mitzuwirken. In solcher Handhabung der Freiheit zog Israel aus Ägypten. Nicht die Erlösung allein wird im Pes.-achlest gefeiert, sondern der Aufhruch zum Sinai hin. l ud er muß als eine immer wieder zu erfüllende Aufgabe erneuert »erden, solange wir noch fern der Verwirklichung sind. l ud sie ist wahrhaftig noch nicht Wirklichkeit geworden: es muß noch unendlich viel getan werden, um Hecht und Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Menschenliebe zum endgültigen Siege zu führen Und in erster Reihe wir Juden, den n Ahnen die Aufgabe Übernommen haben, dafür zu zeugen, sollen nicht aufhören uns zu prüfen, ob wir dieser ererbten Bestimmung getreu wirken. Wir haben kein Recht — d:is isl die Antwort, die gläubiger jüdischer Sinn auf die Frage nach dem Sinn jüdischen Leidens findet —. w ir haben kein Recht, ein Ende für dies Leiden zu erwarten, wenn wir nicht mit einwandfreier Gewißheit feststellen dürfen, daß in unserer Mitte nie \oii dem hohen Ziele abgewichen wurde. Die Leiden treffen uns .luden, weil noch immer nicht Becht und (! credit igkoit oberstes (ie^etz für alles menschliche Handeln geworden sind. Bäben wir Juden sie denn in un-erer eigenen Mitte zur Verwirklichung geführt? Haben wir alles, alles getan, haben wir gar nichts versäumt, WM die Welt in der Durchführung diesei GrUBuforderungen hätte stärken können? Ist nicht auch dutvh uns manches geschehen, was Menschen au der I nbedingtheit dieser GeSOtie der Sittlichkeit irremachen konnte, Menschen, die nicht von der weitschauenden und mildernden, weil alles verständlich machenden Warte sittlicher Betrachtung aus beurteilen? Auch, ja vielleicht vornehmlich in diesem Sinne gilt die alte Forderung des Pcssaehfestes. daß wir Juden uns in jedem Gesnhltjottte so betrachten sollen, als wären wir aus Ägypten, als seien wir noch mitten im Aufbruche zum Sinai.