Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 12 (24.3.1933)
- Date
- 1933-03-24
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 24. März 1933 Freiheit zu erwirken. Er macht eich dort an alle Leute heran, die ihm Protektion bioton können und arbeitet sich glücklich bis zur Audienz bei der Kaiserin durch. Immer unverdrossen bei Mißerfolgen und Rückschlägen; die Sache ist ce wert, Gefahren auf sich zu nehmen. Der Plan gelingt, die Leute werden frei, aber diese Aktion ist nur die Einleitung viel schlimmerer Prüfungen. In ganz Palästina ist der Aufstand gegen die Römer ausgebrochen. Die „Makkabi", die „Rächer Israels", Freischärler von todesverachtendem Fanatismus haben die römischen Besatzungen niedergemacht, die römischen Verwaltungen außer Amt gesetzt. Rom bat darauf mit der Entsendung von vtor Legionen geantwortet und den General Vespasian mit der Strafexpedition betraut. Joseph Ben Matthias hat das kommen sehen und als nüchterner Absohätzer der militärisch-politischen Kraftverhältnisse vor der Herausforderung Roms gewarnt Als die Dinge gegen seinen Willen ihren Lauf nahmen, hat er sehr wohl gewußt, wie der Aufstand ausgehen würde. Aber doch kämpft er jetzt als Festungskonimandant von Jotapat gegen die römischen Truppen und kämpft so lange, bis sie ihm förmlich die loteten Waffen aus der Hand geschlagen haben. Er wird gefangen gesetzt und Vet>paaian nimmt ihn als Hauseklave in seine Dienste. Von nun an treibt er nach der gewöhnlichen Auffassung Kon C" inkturpolitik. Es lohnt nicht, mit Rom weiter in Feindschaft zu leiben, also wird er Roms Diener. Bin Beamter wie andere auch, nur nicht frei wie sie, stellt er seine geistigen Riesenkräfte dem Feldmarschall Vespasian zur Verfügung, um die Unterwerfung Palästinas zu vollenden Mit dem Herzen noch immer für Israel, mit dem Kopf für Rom, auch wo es an die Austilgung des jüdischen Staates und des um seine Existenz ringenden Volkes geht. So einfach liegen die Dinge nun nicht. Ein Hann wie Flavius Josephus, ein Gelehrter des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, war auch als Jude so tief eingeschmolzen in die Bildungselemente und den Kulturgehalt des europäischen Genius, daß er Ost und West nicht mehr als absolute Gegensätze ansehen konnte, wobei man für den einen Teil Kopf, für den anderen Herz haben konnte, aber nicht für beide den ganzen Menschen hergeben wollte. Den Römern war zwar dieses Stück Judentum fremd: „Was man nicht lernen konnte, das war die Schaukraft des Ostens, seine Heiligkeit Die Nation und Gott, Mensch und Gott waren dort eins. Aber es war ein unsichtbarer Gott, er konnte nicht geschaut werden und nicht gelernt" Mit dieser Transzendenz der östlichen Gesinnung und Denkweise wurden die Römer jener Zeit noch nicht fertig. Der Orientale dagegen, wenn er ein heller Kopf war und willens, über den Horizont seiner Provinzen hinauszusehen, willens, sich ein wenig weltmännisch zu orientieren, wurde aber wohl mit dem Westen, mit Rom, vertraut Was sie geben konnten, die Männer des Westens: ihre Technik, ihre Logik, das konnte man lernen. Im übrigen waren eich Rom und Palastina doch schon näher gerückt, ah> es Feuchtwangera Roman gelten lassen will, und das hatte der griechische Geist vollbracht. Den Römern hatten zwar die Griechen nur gegeben: ihre Kultur, ihre Staatskunst, Technik, Strategie und Organisation« befähigung. Mit Israel aber stand Griechenland seit langem im Verhältnis der Wechselwirkung, wobei die einzelnen Anteile des Geben« und Empfangens schwer feststellbar sind So hatte Griechenland als Vermittler zwischen Ost und West seines Kulturamtes gewaltet und erreicht, daß sie beide sich nicht mehr wie beruhrungslose Weltkörper gegenüberstanden Von der einen oder anderen Seite wird bei diesen Zusammenhängen schon einmal der Gedanke entstanden sein: „Orient und Okzident beide nicht zu trennen" und der Gedanke wird beiliger Wille geworden sein. Zu dieser Entwicklung hat es Flavius Josophus gebracht nachdem er den jüdischen Messiasgedanken in seiner national-provinziellen Begrenztheit den Gedanken, Rom und die Welt vom Osten her geistig zu erobern, aufgegeben hatte. Die neuerwachsene Missionsvorstellung hat Flavius Josephus, der wirkliche Flavius Josephus, in einem Psalm gefeiert den man später den „Psalm des Westbürgers" genannt hat Eine Strophe lautet: „Reiß dich los von deinem Anker, spricht Jane. Ich liebe nicht, die im Hafen verschlammen. Ein Greuel sind mir, die verfaulen im Gestank ihrer Trägheit Ich habe den Menschen Schenke! gegeben, Ihr» *n tragen über die Erde, Und Beine zum Laufen, Daß er nicht stehen bleibe, wie ein Baum in seinen Wurzeln" Der Psalm schließt mit der Versicherung: „Nicht Zion heißt das Reich, das ich euch gelobte, sein Name heißt Erdkreis." Der Mann, der diesen Hymnus gedichtet hat war kein gefallsüchtiger Mantel-nach-dem-gUnstigen-Wind-Hernmdreher, kein gefäl liger Liebediener der Konjunktur, kein Jude im Herzen, mit dem Kopf ein Römer. Er war ein neuartiger Interpret des Messiasgedankens: Verbindung von Ost und West Und wahrlich, dieser Flavius Josephus hat Jünger in allen Jahrhunderten gefunden, unter Juden und Nichtjuden. Spinoza, Mendelssohn, Hermann Cohen haben mit einem guten Teil ihres Lebenswerkes dieser Mission gedient und wer immer ein Organ hat für die west-öetliche Weisheit Goethes: „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident Nord und südliches Gelände Ruhn im Frieden seiner Hände", der wird Uberzeugt in den Psalm des Weltbürgers von Flavius Josephus miteinstimmen. Das sind so die Haupttypen von Juden, die in Rom und in den römischen Großstädten repräsentativ auftreten. Daneben und mit ihnen wirken von Juden erfolgreiche Geschäftsleute, mittlere Beamte, Gelehrte, Priester. Als eine Art unsichtbaren Stützpunktes, als fernwirkende Kraftquelle des bereits in alle Welt verstreuten Judentums steht Palästina, eine teilweise noch selbständige Macht kleinstaatliehen Ranges. Warum gibt es nun da schon eine Judenfrage, da schon einen ausgesprochenen Antisemitismus? _ In vielen Fällen ist das ganz klar. Der erfolgreiche Konkurrent wird gehaßt gefürchtet verfolgt und wenn er ein Jude Ist so wird nach dem soziologisch bekannten Gesetz der Kollektiwerantwortung die ganze augehörige Gemeinschaft für sein Verhalten oder Verschulden haftbar gemacht: Die Juden zerstören unseren Glanben; die Juden machon uns arm; die Juden drängen uns aus unseren Ämtern Das erlebte man als Jude damals schon in Rom und Alexandrien. Aber man kannte auch schon einen Antisemitismus frei von dieser egoistischen Kleinlichkeit, einen Antisemitismus, der als instinktive Feindseligkeit eines Volkscharakters gegen einen andersartigen Volkscharakter zutage trat Mit Mißtrauen und Befremden beginnt diese Abneigung, und kann ihr Träger die Abneigung nioht Uberwinden, so schlägt sie in offene Feindschaft um. Dem Römer war es sonst gleichgültig, was seine unterworfenen Völker glaubten und verehrten. Hier in Palästina und überhaupt bei den Juden trat ihm auf einmal etwas Niedagewesenes entgegen. Zu einer weltsohöpferisoben Potenz beteten diese Juden, die als geistartiges Wesen gedacht wird, und von der es den Bekennorn verboten ist sioh Uber sie Vorstellungen zu machon, weil Mensohen sich Vorstellungen doch nur nach Modellen von körperlicher Gestalt machen können. Ein ganz aufgeklärter, mit Plato und Aristoteles vertrauter Römer ist vielleicht auch schon dahin gekommen, abor eine geistige Dnrchschnittsintelligenz kann so etwas noch nioht fassen. Nun ist Religion das Lehenszentrum bei den Juden. Wenn diese Religion so be fremdlich ist, wird natürlich alles geheimnisvoll, beängstigend und aufreizend, was die Juden im Namen Ihres Gottes tun, dank ihres Gottes Güte besitzen So denkt etwa ein Hauptmann der Belagerungsarmee, ganz sieher hat so der tapferste unter den römischen Offizieren, Hauptmann Pedan, der Erbtürmer des Tempels gedacht: „Alles an diesen Leuten, ihre Sprache, ihre Sitten, ihr Glaube, ihre Luft ärgert ihn... Diese Wahnsinnigen und Verbrecher glauben vielmehr an einen Gott den man nicht sehen noch schmecken kann, einen Gott so unverschämt wie sie selber, nur im Verstand vorhanden". Im Grunde spurten die Römer hier Gefahr. Sie vertrauten dem sinnlichen Erkennen und der Vernunft und ließen alles, auch die religiösen Vorstellungen anderer gelten, soweit diese mit Vernunft erfaßbar, mit dem Sinnenapparat anschaulich zu machen war. Das hörte vor der judischen Gottesvorstellung auf. Um sie zu erfassen, um ihrer inne zu werden und sie mit dem dazu gehörigen Emotionsgehalt zu erfüllen, dazu gehörte Erleuchtung, Intuition. Diese Gabe war dem Römer vorläufig noch versagt. Einstweilen aber erfuhren sie, wozu eine religiöse Kraftnatur, wie sie die Juden besaßen, tüchtig macht. In Palästina stürzt sich ein winzig kleines Volk von ein paar hunderttausend Mensohen in das Abenteuer gegen Rom, die Weltmacht mit etwa hunderteillionen Menschen. Von seinem Glauben besieht es zuerst das Vertrauen auf den ganz unwahrscheinlichen Erfolg und als das Vertrauen angesichts der erbrachten Kraftprobe Roms erschüttert ist lassen sie dennoch nicht ab. Jetzt tot der Glaube, ihr aufreizend abweichender Glaube, den Juden genug, um sioh in Stücke hauen, verbrennen, kreuzigen, schänden, in die Sklaveneohaft verkaufen, ihr Land verwüsten zu lassen. Sonderbar, fatal, merkwürdig. Und dasselbe Schauspiel hat man in Alexandrien, in Rom an ihnen erlebt. Oberall sterben sie am Krens oder unter dem Schwert des Henker« mit dem Bekenntnis zum Gott Israel, dem „einigen, einsigen Gott". Wenn diese Denkweise, diese Gesinnung Rom erfaßt und dort die Mensohen mit dem gleichen Fanatismus erfüllt dann hat es einen Feind mit dem es in seiner gewöhnlichen Art, mit militärischer Gewalt und administrativer Routine nicht fertig werden kann. Das ist für den Römer das unheimlich Rätselhafte am Juden. Er bangt komplett vor einem Verschwörer, dem man nie auf die Spur seiner Verschwörung kommen kann. Irgendwie verbirgt sioh da eine Überlegenheit und der sie fühlbar werden läßt diese Überlegenheit, ohne daß sie mit vernünftigen Gründen zu erklären tot den darf man füglich hassen. Lebten sie noch abgeschlossen für sieh, diese Juden, im eigenen Staat Palästina, man könnte mit ihnen Schluß machen wie Vespasian in Jotopat und Titus in Jerusalem. Lebten sie in Ghettos, man überließe sie ihrem „närrischen Treiben"; aber nun leben viele Juden mit Römern zusammen, Überall im Weltreich Rom und sie selbst sind teilweise gleichberechtigte Römer. Sie stellen, gleichsam wie zur Erläuterung der von ihnen ausgehenden Weltgefahr, Prominente in allen Berufen. Eiuöui Demetrius Liv«M* gleicht kein römischer Schauspieler, Tiber Alexander ist der „erste Soldat", Flavius Josephus ist weltbekannt wie Horas und Virgil. Dagegen wappnet sieh der Ein heimische mit Haß, Verachtung, Mißtrauen und nun entsteht ganz wie Gustav Freytag es aufgefaßt hatte, hier kurz vor dem Beginn der Diaspora der Antisemitisnrae mit all den Problemen europäischer Geschichte, die immer noch unsere aktuellen Sorgen sind. Aus: Abwehrblätter, März 1933. „Frontgemeinschaft — Volksgemeinschaft" Die Berliner Ortsgruppe des Reiohsbundes jüdischer Frontsoldaten veranstaltete einen Aussprache-Abend Uber das Thema „Frontgemeinschaft — Volkgemeinsohaft" mit dem Bundesgeschaftsführer Dr. Ludwig Freund als Hauptredner. Die sehr gut besuchte Versammlung, an der zahlreiche nichtjüdische Mitglieder von Regiments- und kameradschaftlichen Vereinen, von Krieganesohädiglen- und Kriegsgefangenen-Organisationen und auch vom „Stahlhelm" teilnahmen, gestaltete sich gleich bei Beginn des Freundlichen Vortrages sehr lebhaft als von einigen Zuhörern, die SA-Uniform trugen, Zurufe gemacht wurden, in denen u. a. behauptet wurde, die Juden hätten kein Vaterland Als schließlich einer der Zwischenrufer erklärte, die Veranstaltung dürfe auf keinen Fall zu Ende geführt werden, und sieh deshalb der Versammlungsteilnehmer eine große Unruhe bemächtigte, betrat ein starkes Aufgebot von Schutzpolizei den Raum. Der Vermittlung des KommandofUhrers, der sich telephonisch mit dam Polizeipräsidenten in Verbindung setzte, gelang es, Beruhigung zu schaffen, so daß die Versammlung nach halb-