Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 9 (3.3.1933)
- Date
- 1933-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ß. 8.88 x Auflage 4500 Stück DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEM&INDE- ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Schriftleitung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, hhrstraBe 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet. Nummer 9 / Jahrgang 9 3. März 1933 Anzeigenannahme: E. Goldfreund, Leipzig O 5, CIchorlusstraBe 2 a Fernsprecher Nr.607 71 — Druck: Gebr. Gerhardt, Leipzig S3 An die Mitglieder der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. In ernster Zeit ergeht an alle Mitglieder unserer Gemeinde der Ruf, durch Einheit, Geschlossenheit und Opferwilligkeit den Bestand der Gemeinde zu sichern. Die ungewöhnliche Krise des Wirtschaftslebens hat auf unsere Gemeinde einen besonders unheilvollen Einfluß ausgeübt. Die Not des einzelnen unter uns bedingt in ihrer Folgewirkung auch eine Notlage der Gemeinde. Verringerten Einnahmen stehen wachsende Anforderungen an unsere Fürsorgeabteilung gegenüber. Gerade dieser Verpflichtungen, den Armen und Bedürftigen zu helfen, das Alter zu schirmen und die Not der Jugend zu mildern, kann sich niemand, insbesondere aber eine jüdische Gemeinde nicht entziehen. Nichts bedrückt uns so sehr, als daß unsere Mittel für die Wohlfahrtspflege so unzureichend sind. Sollen Sinn und Bedeutung der Gemeinde erhalten bleiben, ihre religiöse Sendung gewahrt werden, dann muß alle Kraft eingesetzt werden, das Wohlfahrtswerk, Sinnbild jüdischer Solidarität, nicht verkümmern zu lassen. In solcher Situation bedeutet die Zahlung der Gemeindesteuer nicht bloße Pflichterfüllung, die Steuerzahlung wird eine Handlung von höchster Verantwortlichkeit; sie bildet einen Baustein der gegenwärtigen Generation zur Erhaltung der künftigen Geschlechter. Die Gemeindevertretung hat bei der Festsetzung der Gemeindesteuern die größte Zurückhaltung walten lassen, aber die Notwendigkeit der Steuererhöhung mußte anerkannt werden. Wir sind überzeugt davon, daß auch die Mitglieder unserer Gemeinde die Dringlichkeit und die Notwendigkeit der Erhaltung unserer Gemeinde in ihrer Größe und Bedeutung erkennen und nach dieser Einsicht handeln werden. So wie wir die Gemeinde von unseren Vorfahren einheitlich und unangetastet übernommen haben, so wollen wir sie auch unseren Nachkommen übergeben. Daß dieser heilige Zweck erreicht wird, dafür trägt jeder unter uns das gleiche Maß von Verantwortung. Wir, Vorstand und Gemeindeverordnete der Leipziger israelitischen Gemeinde, wissen, daß es nur dieses Rufes an die Mitglieder unserer Gemeinde bedarf, um jeden einzelnen anzuspornen, seine letzte Kraft einzusetzen, die Erfüllung der Gemeindeaufgaben zu sichern. So wie wir gegenüber jedem einzelnen unter uns Verantwortung empfinden, so haben wir auch das Recht, von allen Verantwortlichkeit für das Geschick der Gesamtgemeinde zu verlangen. Es gilt, in der Kette der Generationen kein Glied reißen zu lassen und zusammenzustehen, bis den Notzeiten, die wir durchleben, bessere Jahre folgen. Eine günstige Entwicklung der deutschen Wirtschaft wird hoffentlich bald auch eine Herabsetzung der Gemeindesteuern möglich machen. An alle Kreise und Schichten unserer Gemeinde ergeht der Ruf, mit uns zusammenzuwirken. Wir sind durchdrungen von der Gewißheit, daß niemand sich unserem Ruf versagen wird, weil wir wissen, daß Ehre und Pflicht im Herzen eines jeden jüdischen Menschen unverrückbar wohnen, und Treue ein Gut ist, das im Judentum noch niemals verleugnet wurde. Diese Treue zu bekunden, ist die gegenwärtige Zeit wie keine andere geeignet. Jeder helfe uns bei der Erfüllung unseres Werkes, und diese Hilfe wird sich für alle, die uns zur Seite stehen, in Segen verwandeln. Der Vorstand und die Verordneten der israelischen Religionsgemeinde zu Leipzig.