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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-12-16 · 31 (16.12.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
31 (16.12.1932)
Date
1932-12-16
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 UKME1NDEBLATT DEK ISRAELITISCHEN REL1Q10NSGEME1NUE ZU LEIPZIG 16. Dezember lu:jv Wetter. Dann die Geschäfte im allgemeinen. Dann BD passant: ob kein bedarf an Zucker sei. Natürlich hört der andere darüber hinweg und erkundigt sich jetzt seinerseits nach Vätern, Müttern, Brüdern, Schwestern, Gesundheit und Effekten. Dan schweißen sie beide. Dann bemerken sie, daß es schon recht spät geworden ist und eigentlich Zeit, eine Tasse Kaffee zu trinken. Ein kleiner Junge, der zu solchem Zweck immer überall herumlungert, bringt den Mokka, ein anderer einen Stuhl, die beiden sitzen und schlürfen. Und schweigen. Es dauert wer weiß wie lange, dann kommt ein dritter Gentleman vorbei. Einer, der den Namen schon wirklich verdient, der sich nur noch frommen Werken widmet, der nach den Schaloms das Gespräch auf religiöse Dinge bringt, auf den furchtbaren faux pas, den der Kabbiner neulich bei einer Gerichtssitzung gemacht hat, und auf die unerhörte Behandlung, die arme Durchwanderer seit einiger Zeit bei Jesaya Algasi, dem aufgeblasenen Parvenü, erfahren. Dann schweigen alle drei. Dann schnorrt der dritte den ersten und den zweiten an. Dann beginnen die beiden über den schlechten Geschäftsgang zu klagen und lassen wieder ein Wort über das Zuckergeschäft fallen. Schließlich bekommt der dritte seine paar Franken für die arme Braut zugesichert, wenn er das Geschäft zwischen den beiden ersten vermittelt. Er verspricht es. Aber keiner denkt daran, jetzt schon damit zu beginnen. Alle drei sind vielmehr müde. Der eine steht auf, weil er angeblich noch einen Gang vor hat, der andere küßt den Ladenbesitzer auf die Schulter und sagt, er werde mal wieder vorbeikommen. Der Krämer beschließt, für heute Schluß zu machen und nach Hause zu gehen. Auch der Gentleman macht den Weg ins Judenviertel zurück. Etwas eiliger als vorher. Das Sofa lockt. Er wird sich von ihm höchstens noch zum Nachmittagsgebet fortrühren. Denn: nach dem Essen aufstehen und zu Mincha in die Synagoge schlurfen — auch das gehört zu den Berufspflichten eines Gentleman. Sie sind alle, diese Edelleute, Vermittler. Aber nicht, wie in Europa, mühselig hineingedrängt zwischen Produzent und Konsument, zwischen Grossist und Hausierer, sondern notwendige Bestandteile eines mittelalterlichen Wirtschaftskörpers. In 50 Jahren wird es sie wahrscheinlich nicht mehr geben. Aber vor 50 Jahren war es noch unvorstellbar, dalj irgendeine europäische Firma anders als durch solche Juden sielt in Tunis vertreten ließ. Die Gentlemen sind Ueberreste dieser Zeit. Sie wissen das und schicken ihre Söhne nach Paris in die Lehre. Ja, es hat einmal eine Zeit gegeben, zu der holländische Schiffe im Mittelmeer vor Piraten am sichersten waren. Es war einmal Modi-, unter niederländischer Flagge zu segeln; Seeräuber rührten dann div Ladung nicht an, weil als Käufer ja doch nur Juden in Betracht kamen, und die nichts abnahmen, was mau ihren Brüdern in Amsterdam gewaltmäßig entwendet hatte. Aber die Tatsache, daß Juden als Juden besonders gute Handelsverbindungen zum Ausland aufrechterhalten können, ist heute längst vergessen, sagenhaft geworden. Erhalten hat sieh nur die hochnäsige Sclbstsichcrheit der Gentlemen, die glauben, ohne sie gäbe es kein Geschäft im Land. Erhalten hat sich der seltsame jüdische Kaufmann, der sich ein gutes Geschäft entgehen läßt, einfaeli weil er heute schon einmal eins gemacht hat und das schon „Anstrengung" genug war. Hier ist dieser Jude auch Scheik geworden, eine Art Stainmesfür.M. üemeinderat oder, wie das mittelalterliche Deutschland gesagt haben würde: Judenbischof. Hier hat er sich drei verschiedene Vornamen zulegen müssen, Symbol für die Dreieinigkeit der tunesichen Juden von heute. Ich weiß, man verdächtigt Monsieur Asulai dessen, daß er aus Opportunität seine drei Namen trägt — den einen für die Synagogenehren, den anderen für den Teppichverkauf, den dritten für die Sommerreise nach Nizza. Aber man tut Signor Monsieur Sidi Asulai damit unrecht. Alexander heißt er einfach, weil sein Großvater, der Chacham, so hieß, und Ahmed, weil die Araber Alexander nicht aussprechen können. Und Francois schließlich, weil er geboren wurde, als eben Francop Carimt Präsident der französischen Republik geworden war ... {Gebt den jüdischen Erwerbslosen Arbeit!| Jüdische Wissenschaft in Not Ein dringender Notschrei schallt durch das Land. Die jüdische Wissenschaft ist in Bedrängnis. Die ihrer Pflege dienenden Anstalten sind aller Mittel entblößt, sie stehen in Gefahr, ihre Pforten schließen, ihre Tätigkeit einstellen zu müssen. Sollte es dahin kommen, so brächte das zu unserer äußeren eine schwere innere Verarmung; unabsehbarer Schaden für das Judentum wäre damit verbunden. Ein Grundpfeiler des Judentums ist seine Lehre- Forschen und buchen, Lernen und Lehren sind ihm Lebensatem. Vieles haben wir gelitten, alles verloren, einzig unsere Lehre haben wir gerettet. Ihr haben unsre Besten ihr Leben und ihre Arbeit geweiht, aus ihr strömte unseren Ahnen die Kraft zu glauben, die Fähigkeit zu denken. Ein Schrifttum von erstaunlichem Umfang und unermeßlicher Tiefe haben sie uns hinterlassen, an dem zu allen Zeiten der Glaube sich verjüngt und erneuert, die Denkkraft sich gestählt und gestärkt hat. Zu allen Zeiten haben unsere Ahnen der Lehre Pflegestätten errichtet, mit höchster Opterbereitschaft haben sie sie erhalten, selbst kleine Gemeinden bemühten sich um ein Lchrhaus und sahen in seiner Blüte ihre herrlichste Zier. Ihre Lehre war der Mittelpunkt ihres Denkens, ihr Lehrhaus die Verbindung mit Vergangenheit und Gegenwart, mit der Welt der Glaubensgenossen und der Welt des Geistes. Seit dem letzten Jahrhundert haben wir Juden Anteil am allgemeinen Geistesleben, aber die Sorge um unser ererbtes Geistesgut haben wir weiter zu tragen, keine staatliche Instanz nimmt sie uns ab, keine Universität hat für unsere Wissenschaft einen Platz. Dank dem hochherzigen Vermächtnis des Kommerzienrats Jonas Fraenckel in Breslau konnte 1854 das dortige jüdisch-theologische Seminar eröffnet werden, 1872 traten in Berlin die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und das Rabbiner-Seminar ins Leben; beide waren bei ihrer Gründung wirtschaftlich nicht fundiert, sondern auf freiwillige Beiträge angewiesen, haben aber in mühsamer Arbeit durch eine eifrige Werbe- und Sammeltätigkeit In Laufe von 40 Jahren einigermaßen ihre Existenz gesichert. Da kamen Weltkrieg und Inflation und vernichteten den Stiftungsfonds aller Anstalten fast vollständig, vernichteten aber auch das Vermögen der gebildeten Schichten, die für die Bedeutung dieser wissenschaftlichen Institute Verständnis hatten und sie zu unterstützen bereit waren. Als in der Inflation und unmittelbar nach ihrem Ende der Zusammenbruch drohte, kam Hilfe aus Amerika; mit wenigen tausend Dollar war damals den Anstalten zu helfen. In Anerkennung der hohen Bedeutung der jüdisch-wissenschaftlichen Forschung und der Heranbildung eines theologischen Nachwuchses wollten die neugegründeten Landesverbände die schützende Hand über die Anstalten ausbreiten und ihnen Sicherheit gewähren, aber der größte der Landesverbände, der Preußische, besitzt kein Steuerrecht, seine Leistungsfähigkeit ist begrenzt und besonders in dieser Krisenzeit sehr geschwächt. So sind die drei theologischen Bilduugsanstalten arg in Mitleidenschaft gezogen worden, die ihnen von Gemeinden und Verbänden bewilligten Subventionen sind um zwei Drittel zurückgegangen. Das traf sie um so härter, als gleichzeitig auch die Gebefreudigkeit dei einzelneu nachließ oder völlig versiegte. Die Wirkung ist katastrophal, alle drei Institute leiden, trotzdem sie ihre Ausgaben bis zur Grenze des Erträglichen eingeschränkt haben, unter einem Defizit, das ihre Existenz bedroht. Es ist bei allen ungefähr gleich hoch, schon dieses Zusammentreffen beweist, daß nicht Luxus oder Mißwirtschaft, sondern nur der Mangel an Einnahmen es herbeigeführt hat. Bisher konnte das Defizit aus Stiftungskapitalien gedeckt werden, aber nun sind die Fonds erschöpft, die Institute sehen den Tag herankommen, an dem sie nicht mehr zahlen können und ihren Betrieb einstellen müssen. Sollen sie das tun? Darf die deutsche Judenheit es dulden? Wir sprechen nicht von den bedeutenden Leistungen der Anstalten in der Vergangenheit, von den hervorragenden Forschern, Rabbinern, Predigern und Lehrern, die an ihnen gewirkt haben und aus ihnen hervorgegangen sind, von der überragenden Stellung, die der deutschen Judenheit dank ihren berühmten Lehrstätten und geistigen Führern in der ganzen Welt willig zuerkannt wurde. Wir wenden unseren Blick nur auf die Gegenwart und erkennen die Lebcnsnotwcndigkeit dieser Institute. Weit stärker as je ist ihr Besuch und damit ihre Wirkung auf dajüdische Leben. Von allen Seiten her ist dieses bedroht, es bedarf dringend der Einwirkung, die von der wissenschaftlichen Arbeit ausgeht Wir stehen heute mitten in grundlegenden, weltanschaulichen Auseinandersetzungen, in denen unser Judentum, in denen seine Führung mit geistigen und seelischen Waffen ausgerüstet sein muß, wenn es sich aut seinem Platz behaupten soll. Nur die Wissenschaft kann diese Aufgabt erfüllen, darum dürfen wir in dieser Notzeit ihre Pflanzstätten nicht verkümmern lassen, sondern müssen sie erhalten. An unseren Gemeinden ist es, in einem konstruktiven Plan Maßnahmen zur Rettung der hohen Schulen des Judentums zu ergreifen, die die Lehre erforschen und die Träger der Lehre heranbilden. An allen Gemcindeinitglicdcrn liegt es, ihr Scherflein dazu beizutragen, daß den Instituten, deren Lcbcnswichtigkeit wir erkennen, auch Lcbcnsmögliclikeit gegeben werde. Es handelt sich nicht um ein Interesse der einen oder anderen religiösen Richtung, es handelt sich nicht um ein Interesse von Breslau oder Berlin, sondern um eines der deutschen, ja der gesamten Judenheit. Denn die Lehre, die Moses uns gegeben hat, Ist ein Erbe der gesamten Gemeinde Jakobs. (Zahlungen werden auf das Postscheckkonto der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, Berlin 10350, erbeten.) Aus sächsischen Gemeinden Plauen (Wohltätigkeitskonzert). Am Sonntag, dem 4. Dezember, abends 8 Uhr, fand in der Synagoge in Plauen zugunsten der Winterhilfe uiiier der Leitung des Herrn Landgerichtsrats Dr. Egon Löwenthal eine öffentliche Veranstaltung unter Mitwirkung des Synagogenchors und des Fiäulein Irma Steinberg aus Plauen als Sprecherin statt. Die herrliche Synagoge war bis auf den letzten Platz gefüllt. Neben Herrn Dr. Löwenthal bestritt Herr Kantor Josef Wormser und Frau Edith K' u s s a c k den solistischen Teil. Zum Vortrag gelangten nach einem von Herrn Musikdirektor Schmidt, Plauen, gespielten Orgelvorspiel von Max Bruch Werke von Lewandowsky (Chor: Keduscha mit Kantorsolo, Chor: Zadik Katomor und Weschomru; Soloquartett: Socharti loch; Chor: Psalm 16: Lochen somach libi: Chor: Halleluja), Birnbaum: Solo, gesungen von Kantor J. Wormser: Haschkiwenu; Em. Kirschner (Solo, gesungen von Kantor J. Wormscr: Uwcschofor godaul); das Gebet aus ,.!?;enzi" von Richard Wagner (Tenorsolo, gesungen von Dr. Egon Löwenthal), das Arioso aus „Elias" von Mendelssohn-Bartholdy (Altsolo, gesungen von Frau Edith Russack). Zu hervorragendem Ausdruck gestaltete Fräulein Irma Steinberg fünf Dialoge aus Hugo v. Hoffmaunv thal: „Jedermann, das Spiel vom Sterben des Reichen Mannes" und ei" Zwiegespräch von Ernst Stadler. — Die in allen Teilen wohlgelungene Veranstaltung hinterließ einen sichtlich tiefen Eindruck bei den in der Hauptzahl nichtjüdischen Besuchern. Ihr schloß sich eine von dem Gemeindevorsteher Dr. Goldberg geleitete Führung durch die Synagoge und das Gemeindehaus an, bei der die wohl einzig dastehenden, vt»> Prof. ürubr in München geschaffenen Soraffittos besondere Beachtung und Bewunderung fanden. — Den Dank der Besucher brachte das Oberhaupt der evangelischen Christenheit in Plauen, Herr Oberkirchenrat Franke, in einer zu Herzen gehenden Ansprache an die Versammelten

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