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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-12-02 · 29 (2.12.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
29 (2.12.1932)
Date
1932-12-02
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 CiEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN HELIGIONSGEMEINÜE ZU LEIPZIG 2. Dezember 1032 DORIS WITTNER 1 ION FEUCHTWANOERS ffDOT jUCÜSCtlG KPlCQ'* Lion Feuchtwanger, der erst 47jährige, ist ein Epiker ganz großen Formats. Kr darf sieh daher auch mit Fug an die größten epischen Vorwürfe der Welt- und Kulturgeschichte heranwagen, deren Stoffe, in den Händen kleinerer oder mittelmäßiger Autoren, nur zu leicht die Form zersprengen würden. Feuchtwangcr, der Gestalter, hat diese Qelalir nicht zu scheuen, denn mit fester und zugleich zarter Hand modelliert er das Gefäß, In das er die glühende Lava seines Stoffes zu gießen trachtet. Seine grandiose Darstellung von Glück und Ende des historisch berühmt und berüchtigt gewordenen württembergischen Juden Süß Oppenheimer, volkstümlich „.lud Süß" genannt, sowie sein zeitgeschichtlicher Roman „Erfolg", der die aufrührerische Geschichte eines deutschen Gliedstaates in den Jahren nach dem Weltkriege behandelte, haben die Welt diesseits und jenseits des Ozeans aufhorchen lassen auf diese neue und volltönende Stimme eines Wort- und Schriftgewaltigen. Lion Feuchtwanger aber, der kühne und leichte Sieger, ist. Schritt für Schritt, mit seinen Werken und Triumphen über sich selbst hinausgewachsen. Kraft innerem und äußerem Gesetz darf er mithin heute seine Kräfte messen an einem Epos, das der Griffel der Klio selbst ihm vorgeschrieben, und das ein hart befehdeter Mann mitschauend, mitfühlend, miterlebend der Nachwelt selbst im Wort überliefert hat. Es geht um nichts Geringeres als um den Kampf zwischen dem Imperium Romanum und seinen östlichen Kolonien, heute würde man vielleicht sagen: Dominions, allen voran Judäa, das unter der Herrschaft seines jüdischen Königs Agrippa trotz römischer Oberhoheit noch während der neronlschen Zeit weitgehende Autonomie besaß. Der vielumstrittene Mann, den Lion Feuchtwanger uns nahezu psychoanalytisch zu enträtseln und zu erklären trachtet, ist kein Geringerer als Joseph Ben Matthias, vor der Nachwelt populär geworden als der Historiker des jüdischen Krieges: Flavius Josephus. Wir wissen, daß sein Charakterbild in der Geschichte schwankt. Wissen, daß Joseph Ben Matthias, der jüdische Aristokrat aus vornehmem Priestergeschlecht, ein In sich selbst nicht gefestigter Streber war, dessen Ehrgeiz und vielfältige Fähigkeiten ihn bald nach dieser, bald nach jener Seite hin rissen. Der gelehrte Jurist und Publizist mit der östlichen Seele und der in Rom errungenen westlichen Bildung stellt schon vor 1900 Jahren den uns heute geläufigen Goetheschen „Menschen in seinem Widerspruch" dar. Er verherrlicht In Wort und Schrift das kriegerische Geschlecht der Makkabäer: er läßt sich nach Rom entsenden, um dort mit Hilfe der Kaiserin Poppäa drei gefangene Mitglieder des Hohen Rates von Jerusalem zu befreien: er bemüht sich vergeblich, den Aufstand der Juden gegen die Römer zu hintertreiben, um sich alsdann wiederum eben diesen Aufständischen selbst anzuschließen und den Oberbefehl in Galiläa zu führen. Nach der Einnahme von Jotapata gefangen, versteht er es klüglich, sich die Gunst des römischen Feldherrn Vespasian durcli die Prophezeiung seiner Erhebung zum Kaiser zu erwerben, wird Freund und Gefährte des Triumphators Titus, der Jerusalem schleifen und den Tempel niederlegen läßt, schreibt seinen viel angefochtenen Weltbürgerpsalm, wohnt der Eroberung Jerusalems bei, wird freigelassen, genießt weiterhin die Freundschaft der Flavier, erhält zum Schluß römisches Bürgerrecht und schreibt die Geschichte des jüdischen Krieges, dessen Augenzeuge er war. Er hat. wahrscheinlich im Augenblick immer getragen vom guten Glauben, alle Öefühle der jüdischen Stammesgebundenheit wie der Verehrung vor der impetuosen römischen Welt durchlebt und durchlitten. Aber er war in seinem Sinnen und Trachten vielleicht noch universaler (dabei aber innerlich zerrissener) als das römische Intperium. Er hat daher nicht zu jenem Mittler zwischen Orient und Okzident werden können, der er vielleicht werden wollte. Mit Fug läßt Feuchtwanger den halbjüdischen römischen Senator Claudius Regin ihm sagen:,. Sie müssen immer von allem haben. Erst haben Sie den Psalm des Weltbürgers geschrieben, das war gut, dann haben Sie sich mit sehr heftigen Mitteln Ihren Pricstcrgürtcl zurückgeholt, das war besser. Jetzt wollen Sie ihn wieder hinwerfen. Sie sind ein stürmischer junger Herr. Sie wollen immer alles zugleich, Judäa und die Welt, Bücher und Festungen, das Gesetz und die Lust. Ich mache Sie höflich darauf aufmerksam, daß mau sehr zahlungskräftig sein muß, um iür das alles zahlen zu können." Lion Feuchtwanger steht der problematischen Gestalt eben dieses Flavius Josephus durchaus kritisch gegenüber. Ebenso bemUht er sich um letzte Objektivität sowohl dem grandiosen Gebilde der römischen Weitherrschaft als aueb der Kultur und Religion Judäas gegenüber. Er hat sogar vielleicht geglaubt, die Zeitlosigkeit der Menschen und Zustände des Jahres 70 befürworten und beweisen zu können, da er in offensichtlicher Absicht sein Buch in der Terminologie und Phraseologie von 1932 geschrieben hat. Auch wenn wir ihm auf diesem Wesre nicht zu folgen vermögen, erkennen wir dankbar die Großartigkeit seiner Visionen und Impressionen, seiner rastlos gestaltenden epischen Phantasie und seines von ihnen lodernden Temperamentes an, womit er uns den östlichen wie den westlichen Kulturkreis gleichermaßen nahe zu bringen weiß. Wir verwahren uns gegen die von Feuchtwanger unterstellte Identität der Menschen und Zustände von vor 2000 Jahren mit den Menschen und Zuständen von heute: verwahren uns dagegen, daß er uns das römische Weltreich — das größte, das der Erdkreis je gekannt hat — als zu zivilisiert darstellen will, um des Nationallsmus und militärischen Chauvinismus geziehen zu werden, daß er uns hingegen Judäa als Exponenten eines dem Sinne nach höchst modernen Nationalismus glaubhaft machen will. Wir haben schon auf der Schule von römi. sehen Legionen und Kohorten vernommen, haben schon auf der Schule das stolze Wort gelernt: „Civis romanus sum" (nicht „Civis Judalcus sum"), und kein Geringerer als Lion Feuchtwanger selbst gibt uns durch den Mund des Qroßdoktors Jochanan Ben Sakkai das wahre Ethos und Pathos des Judentums preis. „Nicht Volk und Staat schaffen die Gemeinschaft. Unserer Gemeinschaft Sinn ist nicht das Reich, unserer Gemeinschaft Sinti ist das Gesetz. Solange Lehre und Gesetz dauern, haben wir Zusammenhalt, festeren als durch den Staat. Das Gesetz dauert, solange eine Stimme da ist, es zu verküden. Solange die Stimme Jakobs ertönt, bleiben die Arme Esaus kraftlos. Viele glauben, daß Sie Ihr Judentum eingebüßt haben, Joseph Ben Matthias. Aber wenn auch das Salz im Wasser sich löst, es Ist doch immer da, und wenn das Wasser verdunstet, bleibt das Salz zurück ... Wir geben den Tempel preis. Wir wollen setzen an Stelle des sichtbaren Gotteshauses ein unsichtbares, wir wollen umgeben den wehenden Atem Gottes mit Mauern aus Worten an Stelle der Mauern aus Granit. Was ist der wehende Atem Gottes? Lehre und Gesetz. Man kann uns nicht auseinanderreißen, solange wir Zungen haben oder Papier für das Gesetz ... Gewiß wird man versuchen, uns zu hindern; die Macht hat immer Mißtrauen gegen den Geist. Aber der Geist ist elastisch. So dicht kann man nichts verschließen, daß er nicht doch durchdringen könnte. Sie zerschlagen uns Staat und Tempel: wir bauen an seine Stelle Lehre und Gesetz. Sie verbieten uns das Wort: wir verständigen uns durch Zeichen. Sie versperren uns die gerade Straße: Gott wird nicht kleiner, auch wenn seine Bekenner auf listigen Umwegen zu ihm gehen müssen ... es ist uns nicht gegeben, das Werk zu vollenden, aber es ist uns auferlegt, nicht davon abzulassen. Das ist es, wozu wir auserwählt sind." Hier spricht Lion Feuchtwanger. der Jude, nicht der Kosmopolit, ebenso wie in Galiläa Joseph Ben Matthias, der jüdische Priester, gekämpft haben mag, statt Flavius Josephus, der assimilierte römische Weltbürger. Wir sind Uberzeugt, Lion Feuchtwangers neues Werk wird brausenden Beifall und heftige Anfeindung finden. Aber es wird jeden Leser leidenschaftlich auf- und emporreißen, well es von einem geschrieben ward, der sich nicht mit Tinte, sondern mit rotem rauschendem Blut verströmt hat an Gestalten, Gesichte, Legenden und Geschichten, die — alle zusammen getragen — zuletzt das leuchtende vielfarbige Qespinst der Geschichte selbst woben. Feuchtwangers Buch ist nicht arm an Anachronismen; es tut Kunde von Menschen und Geschehnissen, deren Rollen vor Jahrtausenden die Welt erschütterten, aber wohlverstanden in einer Diktion, die gewählt ist für Menschen von heute und morgen. Und vielleicht wird die strenge Objektivität des Chronisten nur an zwei Stellen durchbrochen durch eine schwingende und heroische Subjektivität des Stiles. Das geschieht erstmalig bei der Schilderung des Unterganges der Stadt Jerusalem und des heldenhaften Opfertodes seines Märtyrervolkes; zum anderen Male, wenn der Renegat Flavius Josephus dem Triumph des Titus in der Arena zu Rom beiwohnt und aus seiner Brust angesichts der todgeweihten Heerführer seines Stammes Johannes von Gischala und Simon Bar Giora plötzlich ohne sein Wollen, vielleicht sogar wider sein Wissen das Bekenntnis herausschreit: „Höre, Israel." Hier ist Lion Feuchtwangers innere Wahrhaftigkeit stärker gewesen als seine künstlerische Selbstsucht. Und mit diesen Naturlauten widerlegt Lion Feuchtwanger seine eigene Absicht, „Den jüdischen Krieg" zu modernisieren und zu aktualisieren. Die Menschen von Nero bis Titus, Römer und Juden des Jahres 70, leben zwar ihr eigenes, heiß durchblutetes Leben, aber sie sind trotzdem nicht Menschen von heute. Mag auch heute wieder an mancher Welt Enden „Hep, hep" geschrien werden. Solange ein Mann wie Lion Feuchtwanger über die Erde schreitet und sie bereichert, wird es niemals heißen dürfen: „Hierosolyma est perdita - Jerusalem ist verloren." Jüdische Verbände und Gemeinden Die Tagung der liberalen Rabbiner in Wiesbaden. Die „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands" hielt kürzlich in Wiesbaden eine starkbesuchte Versammlung ab, die unter dein Zeichen Abraham Geigers satnd. Man hatte Wiesbaden als Tagungsort gewählt, weil Geiger vor genau 10 OJahre» dort seiner erfolgreiche Laufbahn als praktischer Rabbiner begonnen hatte. C- Seligmann. Frankfurt a. M., der langjährige Vorsitzende, gedachte in seiner Eröffnungsrede in warmherzigen Worten der seit der letzten Zusammenkunft verstorbenen Kollegen: Tawrogi (Kreuznach). Levi (Krefeld). Peritz (Uecnltz), ürünfeld (Augsburg). Lazarus (Frankfurt a. M.). und Knoller (Hannover), der — nicht Mitglied — der Vereinigung nahestand. Dann erstattete er der. Geschäftsbericht, indem er u. a. darauf hinwies, daß der 1898 von H. Vogeistein mit 37 Mitgliedern begründete Verband jetzt am 95 angewiesen sei. Den ersten mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag hielt P. Lazarus. Wiesbaden, über das Thema: „Was hat Abraham Geiger als Rabbiner von Wiesbaden für das deutsche Judentum geplant und geleistet?" Unter Zugrundelegung teilweise ungedruckter Ouellen zeigte Lazarus anschaulich das vielseitige Wirken des jungen Geiger als Lehrer. Prediger, Wissenschaftler und Organisator In seinem ersten Amtsbezirk. Von Einzelhelten herausgehoben sei die Begründung einer wissenschaftlichen jüdischen Zeitschrift sowie die Einberufung der ersten Rabbinerversammlung im 19. Jahrhundert auf deutschem Boden im Jahre 1837 nach Wiesbaden. Den nächsten Vortrag hielt Grünewald, Mannheim, über: „Die Paradoxien im Liberalismus (im Anschluß an A. Geiger)". Ausgehend von der Frage, mit welchen Elementen hat sich der Liberalismus verbunden, die seinem ursprünglichen Wesen fremd sind, zeigte Qrünewald die Spannungen auf. die Begriffe, wie Volksindividualität, Rationalismus und Individualismus, in den Liberalismus hineingetragen haben. Im Gegensatz zu dem kämpferischen Liberalismus ist dem Liberalismus von heute aufgegeben, in der allgemeinen Kultur zu münden. Er kann der Autorität nicht entraten. kann sie aber auch — weil von außen kommend — nicht bejahen. Paradoxien können nicht aufgelöst, sondern müssen ausgetragen werden. Der Vortragende deutete die Richtung an. nach der hin ihm eine lebensnahe Entwicklung des jüdischen Liberalismus möglich erscheint. Den Höhepunkt der Tagung bildete der Vortrag von Baeck. Berlin, über: „Krisis und Lösung (im Anschluß an A. Qelger"). Der religiöse Liberalismus des 19. Jahrhunderts wurde auf das stärkste durch außerhalb seines Wesens liegende Momente beeinflußt: durch politische und wirtschaftliche Ursachen, den modernen Bildungsbegriff sowie endlich durch die Tatsache, daß aller Liberalismus dazu neigt.

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