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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-11-04 · 25 (4.11.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
25 (4.11.1932)
Date
1932-11-04
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 von Menschen dazu verurteilt sind, täglich nur Teilarbelt zu leisten. Der Zusammenhang zwischen Arbeitsielstuns und Lebens- E e s t a 11 u n g bildet ein wichtiges Problem der heutigen Forschung. Immer mehr dringt die Erkenntnis durch, daß das Wesen des Mensehen seiner Natur nach auf Ganzheit gerichtet ist. und daß man ihm Gewalt antut, WO man ihm die Möglichkeit nimmt, Ganzes zu schaffen. Wir kennen wohl alle das beglückende Gefühl, das in uns entsteht, wenn wir etwas richtig fertig g e tn acht haben. Diese Befriedigung der produktiven Kraft ist eine wertvolle innere Bereicherung, die unbewußt angestrebt wird, und die die Freude an einer gestaltenden Arbeit mit ausmacht. Ks wird eben nicht nur etwas erledigt, sondern etwas geschaffen, was von unserer Leistung, unseren Kräften zeugt: und darin liegt zum großen Teil der Wert der Handarbeit. Eine ganz wesentliche Bedeutung hat die Handarbeit aber jetzt auch im sozialen Sinne bekommen. Alle die Fälligkeiten, der Aufwand 4. November 19H2 ' ~ | an Mühe und Zeit, die früher der Vermehrung eigener Vorräte oder der Ausstattung der Tochter galten, sind zu Mitteln im Existenzkampf geworden. Heutzutage muß jeder mit dem Pfunde wuchern, das ihm zuteil geworden ist, und es ist erstaunlich, aus Statistiken zu ersehen, j in welchem Umfange die Handarbeit der Frau tragende oder wenivj stens mittragende Stütze der Existenz vieler Familien geworden Ist, Auch hier wieder ist die jüdische Frau unter denen, die die veränderte Situation erkannt und sich ihr angepaßt haben. Man sagt uns Juden halb tadelnd, halb bewundernd nach, daß wir vor allem an das Wohl unserer Stammesgenossen denken und dort stets zu helfen bereit sind; so sollten wir auch an diesen produktiven Kräften unserer Frauen nicht achtlos vorübergehen, sondern sie als wertvolle Faktoren unseres Gemeinschaftslebens unterstützen und fördern. GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG Unsere Gemeinde Ausstellung und Verkauf von Handarbeiten jüdischer Frauen Leipzigs. Am Sonntag, dem 13. November, nachmittags 4 Uhr. beginnt wieder in den Räumen der Leipzig-Loge. Amdtstr. 1, die Handarbeitsausstellung. Seit Monaten arbeiten ca. 40 jüdische Frauen unserer Stadt, um hier die geschmackvollsten, ganz besonders preiswerten Erzeugnisse ihrer Kunst auszustellen und zu verkaufen. Es müßte Ehrensache aller Gemeindemitglieder sein, auf einer jüdischen Ausstellung die Chanukaheinkäufe vorzunehmen, besonders da sie so viele äußerst preiswerte und praktische Geschenkartikel bietet, die jeden Besucher erfreuen und zum zum Kauf anregen werden. Vegetarischer Kochkursus für jüdische Mädchen. Dem Entgegenkommen des Ortsausschusses der Jugend verbände ist es zu danken, daß demnächst wieder ein vegetarischer Kochkursus für jüdische Mädchen beginnen kann. Der Kursus findet zweimal wöchentlich in der Zeit von K bis 14 Uhr statt und dauert sechs Wochen. Der Jüdische Frauenbund hat Organisation und Beaufsichtigung des Kursus übernommen. Die Zahl der Teilnehmerinnen ist auf zwanzig beschränkt. Der Kursus ist für junge Mädchen bis zu 23 Jahren bestimmt und kann der hohen Kosten wegen nicht wiederholt werden. Er ist für die Teilnehmerinnen unentgeltlich. Anschließend daran soll in einer jüdischen Anstalt den Kursustellnehmerinnen Gelegenheit gegeben werden, die Verwendung von Fleisch nach gesetzlicher Vorschrift kennenzulernen. Medizin und Ernährungswissenschaft haben die große Bedeutung der Ernährungsform für die Gesundheit erkannt. Es ist daher außerordentlich erfreulich, daß es wenigstens einmal in diesem Kursus möglich ist, eine Anzahl künftiger Hausfrauen mit den Grundlagen der modernen Ernährung hekanntzumachen und ihnen zu zeigen, daß sich moderne Küche sehr gut mit den rituellen Speisevorschriften in Einklang bringen läßt. Mit Rücksicht darauf, daß vorgebildete jüdische Hausgehilfinnen immer noch Stellung finden können, hoffen wir, daß die Einrichtung großen Anklang finden wird. Nähere Auskunft erteilt die Fürsorgeabteilung der Israelitischen Rcligionsgcmcindc, Löhrstraße lö, und nimmt Meldungen täglich in der Zeit von 12 bis 13 Uhr entgegen. Keren-Hajessod-Empfang in Leipzig vom 25. Oktober 1932. Obwohl man seit Jahren zu Beginn eines jeden Winters Bankette vom Kcrcn Hajessod und der Zionistischen Vereinigung Leipzig veranstaltet, war es für die besonders zahlreiche Zuhörerschaft dieses Abends ein außergewöhnliches Erlebnis, zwei so hervorragende Menschen zu hören und zu sehen. Leo Motzkin. der alte jüdische Volksmann und langjährige Präsident des Zionistenkongrcsses, sowie Ministerialrat Hans Goslar schlugen von Anfang bis zu Ende das Publikum in ihren Bann. Nach den Begrüßungsworten von Herrn Dr. Loebenstein würdigte Dr. Kontorszeyk, der Delegierte des Keren Hajessod. in hebräischer Ansprache die Persönlichkeiten beider Gäste. Die Rede von Hans Goslar war in ihrer religiösen Inbrunst von einer Weihe, die auch andersdenkende Menschen ergriff. Goslar ging von der furchtbar antisemitischen Hetze aus. gegen die das deutsche Judentum sich nicht so gefestigt gezeigt habe wie in früheren Jahren das Ostjudentum dank seiner jüdischer Bindung. Vor allem aber unterstrich er die sozialen Tendenzen im biblischen Judentum, das keinen Sklaven kannte, sondern zuerst in der Weltgeschichte den freien Arbeiter schuf. Als Hauptforderung der Sicherung für die Zukunft des Judentums und als Wesenskern aller jüdische;; Erneuerung bezeichnete er zum Schluß den zionistischen Aufbauwillei: in Erez Israel, von dem aus erst unser ganzes jüdisches Arbeiten seinen Sinn erhalte. Es war auch äußerlich ein Zeichen der engen, durch die nationaljüdische Verbundenheit begründeten menschlichen Gemeinsamkeit, neben dem aus der Assimilation stammenden Hans Goslar den I alten zionistischen Kämpfer und Streiter für die Rechte der Minderheiten. I Leo Motzkin, zu sehen. Er führte dann die Zuhörerschaft auf das Gebiet *j der internationalen Politik hinüber und legte dar, in welch hohem Maße I das jüdische Prestige durch die Entwicklung und das Gelingen des vor 1 mehr als zehn Jahren begonnenen Palästina-Aufbauwerkes seine Kräfti- Jl gung erfährt. Kein Nichtjude könnte begreifen, daß Juden sich etw;: I nicht für das Palästinawerk einsetzen. Es handle sich bei unserer Arbeit i, nicht um irgendein Kolonisalionsexperiment, sondern um ein historisches t\ Muß. das mit jedem Tage fühlbarer an die ganze Judcnhcit herantritt.f] Mag auch das jüdische Volk, das zweitausend Jahre schon gewarteilj hat, noch weitere Geduld bei der Wiederherstellung seiner alten Heimat zeigen, die anderen Faktoren, von denen unser Werk abhängig ist, vertragen keinen Aufschub. Mit einem zu Herzen gehenden Appell. daL die große Zeit entschlossene und opferwillige Menschen finden mögt, schloß Herr Motzkin seine bedeutungsvolle und von innerster jüdischer Glut erfüllte Ansprache. Das Schlußwort von Dr. Loebenstein und der Gesang der Hatikwah beendigten diese lebensvolle Veranstaltung. Israelitischer Kindergarten. Uns wird geschrieben: Im kommende Januar sind 18 Jahre seit der Begründung des Israelitischen Kindergartens verstrichen. Es sind alles schwere, sorgenreiche Jahre gewesen, und es ist fast ein Wunder, daß die Leipziger Wohlfahrtsinstitutioncn sich in diesen Zeiten erhalten, ja, noch vermehren konnten: ein Beweis für den Wohltätigkeitssinn und das soziale Verständnis der Leipziger jüdischen Gemeinschaft. Der Israelitische Kindergarten hat stets schwir um seine Existenz ringen müssen, trotzdem hat er im Laufe der Jahre sich fortschreitend verbessern und aufwärts entwickeln können. Viel Kinder und nun bereits herangewachsene junge Menschen verdanken ihm eine schöne, heitere, wohlgcborgene Kinderzeit, eine gute Erziehun und Beeinflussung, der alle eine dankbare Erinnerung bewahren. Wer das Grundstück Leibnizstraße .3t) mit dem dahintcrliegcnden Garten besucht, muß sich an der vergnügten kleinen Gesellschaft freuen, die sich in diesem Kinderparadies tummelt. Doch der Vorstand hat die größten Sorgen um die Erhaltung. Ohne die dauernde, treue Beihilfe einiger Gönner hätte er schon vor Monaten den Betrieb einstelle! müssen. Aber einige wenige Menschenfreunde können solch ein Unternehmen nicht erhalten, es bedarf der Unterstützung aller, die in der Lage sind, ein Scherflein für die Notleidenden beizutragen. Winterhilfe 1932/33 llf IM fff AM I» J%lfl AM B Ein neuer schwerer Winter steht vor der Tür. Mitfühlende 1 II f lliDIlMIl nCllCn' Nächstenliebe, die aus freiem Willen hingibt, was sie eni W/W7 WW ^■^■■^■■■B ■■^■■■B ^Wiegen ■ behren kann, vermag viel. Sie muB neben die Anstrengungen von Reich, Ländern und Gemeinden treten, um die Arbeitslosen und Arbeitsunfähigen vor der äußersten Not zu schätzen. Daß diese Nächstenliebe noch lebendig ist, hat der vorig* Winter bewiesen. Trotz dar Verarmung unseres Volkes wurde mehr gegeben als ja zuvor — dank der großen Opfer aller derer, denen es ernst war mit dem Worte: Wir wollen helfen! War diese Hilfe auch bescheiden gegenüber der Not der Millionen, so hat sie doch in vielen Hunderttausenden den Mut gestärkt, in fast hoffnungsloser Lage auszuharren. Auch in diesem Winter muß und wird die Losung aller Deutschen, die guten Willens sind, lauten: Wir wollen helfenI — Im Namen aller Hilfsbedürftigen, im Namen aller offenen und verschwiegenen Not bitten die unterzeichneten Verbände: Helft weiter in opferbereiter Liebe! Helft von Mensch zu Mensch, soweit Ihr könnt: Helft aber auch durch Spenden an Lebensmitteln, Kleidungs und Wäschestücken, an Heizmaterialien und an Qeld den in dar Winterhilfe tätigen Organisationen, damit sie in gewissenhafter, geordneter Arbeit den Kampf gegen die Not weiter führen können. Deutsche Liga der freien Wohlfahrtspflegei ZentralausschuB für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche - Deutscher Caritasverband Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden — Deutsches Rotes Kreuz — Fünfter Wohlfahrtsverband — Christlicht Arbeiterhilfe. Die Gemeinden und Gemeindeverbände sind mit allen Kräften Trotz manchem Anzeichen einer Besserung der Wirtschaftslage gilt bemüht, die große allgemeine Not zu lindern. Aber ihre Mittel sind " ^T^x Ti^n!f■?<ü,? W"*!n"^P^&WftF, B$£T% „,,.„.,„■ a , zu überstehen. Opfermut des Deutschen für den Deutschen muß hier begrenzt. Hier muß die freie Wohlfahrtspflege ergänzend eingreifen, abermals ein starker Helfer sein. Auch in diesem Jahre ergeht daher Alle müssen in dem kommenden schweren Winter zusammenstehen, der Aufruf zur Winterhilfe. Reichspräsident und Reichsregierung unter- Dic Kommunen richten die dringende Bitte an alle, die helfen können, stützen ihn mit der dringenden Bitte an alle, in Erfüllung sittlicher und zu ihrem Teil dazu beizutragen, daß den Volksgenossen, die in Not menschlicher Nächstenpfllcht auch für den kommenden Winter in der . . , _ . .. , ,. . . Liebestatigkeit nicht nachzulassen. Wer diese Bitte erhört, lindert nient sind, über die schwere Zeit hinweggeholfen werden kann. nur die Not dcs einzeinen. er dient auch dein Vaterlande. Darum denlD Die kommunalen Spitzenverbände: a" Deutschland und helft! Berlin, den 24. ^eptember 1932. Beutscher Städtetag. Deutscher Landkreistag. Reichsstädtebund. Der Reichspräsident: Piir dl© Reichsregierung: — Verband der Preußischen Provinzen. Deutscher Landgemeindetag. von Hindcn bürg. vonPapen, Reichskanzler.

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