Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 25 (4.11.1932)
- Date
- 1932-11-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I I! 32. Auflage 4500 Stuck DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU I ("I D7\Clm AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLIliil\7 DER GEMEINDEVERWALTUNG-! rlftl 'Hung: Gemeinderabbiner Gustav Cohn, Leipzig, Lohrstraß« 10 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit (m'gung das Verfassers gestattete Nummer 25 / Jahrgang 8 4. November 1932 Anzeigenannahme: Verlag Ernst Goldrreund, Leipzig 0 5, CichorlusstraBe 2a Fernsprecher Nr. 60771 — Druck: Gebr. JunghanB, Leipzig 0 5 NITBURGER IN NOT! Das harte Schicksal, das auf unserem Vaterlande seit Jahren lastet, ist im letzten Jahre noch drückender geworden, die Arbeitslosigkeit hat immer weitere Kreise unserer Volksgenossen ergriffen, die Not hat sich weiter gesteigert. Auch in Leipzig haben sich diese Erscheinungen noch fühlbarer gemacht. Über 120000 Personen: 30000 Parteien und 40000 Einzelpersonen müssen schon lange nur von Unterstützungen leben. Sie sind unsere Mitbürger! Der kommende Winter wird sehr schwer werden. Die Mittel der öffentlichen Verwaltung werden immer geringer. Die freie Mildtätigkeit muß so stark als irgend möglich gemacht werden. Erneut rufen wir alle Leipziger Mitbürger zu tätiger Nächstenliebe euf. Mehr ale Je müssen eich Herzen und Hände öffnen zur gemeineamen Linderung bitterer Not. Oer Winter muß uns gerüstet finden. Wer geben kann, muß es als eine unabweisbare Pflicht betrachten, mitzuhelfen und Opfer darzubringen für die in Not verzweifelnden Volksgenossen. Jeder denke an die Möglichkeit eigener Not. Jede Gabe ist willkommen und bedeutet Hilfe, auch die kleine. Viele Wenige machen ein Viel, Darum helft alle von Stund an erneut und nimmer müde. Die Leipziger Nothilfe, die im verflossenen Jahre viel Not in Tausenden von Fällen durch die ihr in hochherziger Weise zugegangenen Spenden aller Art lindern konnte, will auch in diesem Winter die helfenden Hände zusammenfügen zu einem großen Hilfswerke und in den kommenden Monaten die Sammlung von Qeld, Bekleidung, Nahrung und Heizmitteln wieder aufnehmen und die Verteilung an die Bedürftigen planvoll regeln Einzelheiten Ober das Sammel- und Verteilungswerk werden demnächst und künftig fortlaufend durch die Tagespresse veröffentlicht werden. Mitbürger aind in Notl Mitbürger haben die Pflicht zu helfen! Keiner darf eich ausschließen! Das Ehrenpräsidium der Leipziger Nothilfe: Ob rbürgermeistrr Dr. Goerdeler, Vorsitzender; Brrgwerksdirektor Bolte, Präsident der Handelskammer; Reichsgerichtspräsident Dr. Dr. h. c. Bumke; Kaufmann Wilhelm Dorrhauer; Gertrud Dumsirey-Freytag; Amtsgerichtspräsident Enderlein; Stadtverordnetenvorsteher Fnke; Polizeipräsident Fleiüner; Oberstleutnant Friderici; Gemeinderabbiner Dr.Goldmann; Superintendent Oberkirchenrat Prof. 0. Hilbert; Stadtverordn- Vizevorst. Landgerichtsdlr. Dr. Hübler; Oberstudienrat i. R. Prof.Or.phil. Hermann Kühn; Kreishauptm. a.D. Lange; Kreishauptm. Ii- Vircus; Kontreadmiral a. 0. Rotzmann; Georg Stihr, Vorstandsmitgl. der Fa. Kammgarnspinnerei Stöhr & Co.; PrälatStranz; Ehrenoberntstr. Thalheim. PräsidentderGewerbekammer. LOTTE SPITZ Jüdin und Handarbeit Die jüdische Frau der Gegenwart wird im allgemeinen als „inlellektualistisch" bezeichnet, so daß man der Handarbeit die ja ursprünglich den Gegensatz zur Kopfarbeit bedeutet In ihrem Leben keine grolle Rolle zutraut. Unsere Zeit, die liehen so vielen > hattenseiten das Gute hat, alle der Frau Innewohnenden Kräfte zu i ubilisteren, zeigt uns deutlich, daß wir mit dem Schlagwort „intelleki ilistisch" das Wesen der Jüdin keineswegs treffend kennzeichnen. I eberall - - sei es auf dem üebiet kunstgewerblicher, religiöser oder p planer Handarbeiten — betätigt sie sich erfolgreich; und auch innerb. Iii unserer Gemeinde haben wir alljährlich Gelegenheit, die viel- Si tige Begabung unserer Frauen zu bewundern. Zu einer Zeii, als die Frau nur Hausfrau war, war alles, was sie In Hause leistete, Handarbeit: was an Kleidung und Nahrung gebraucht » rde, wurde im Hause hergestellt. Die Frau hatte damals nicht — wie Wii zu tun. sondern zu schaffen. Hier liegt ein bedeutsamer Unterschied zwischen ihrer Tätigkeit und der unseren; die lndustrialisii Hing des ganzen Lebens, die sich jetzt so verhängnisvoll in der W irtschaftskrise der Völker auswirkt, hat auch hier eine große Umwälzung verursacht. Maschinen nehmen uns überall die Arbeit ab; aber sie nehmen uns zugleich noch anderes: wir haben so gut wie ke:Mc Beziehung mehr zu den Dingen, sie sind sofort ersetzbar, wenn sie nicht mehr gebrauchsfähig sind, sie enthalten keinerlei Gefühlswerte mehr. Mau braucht sie nicht sentimental zu überschätzen, aber sie bilden doch einen wesentlichen Bestandteil der ..Gemütlichkeit", die wir Kern um uns haben, und die gerade die jüdische Frau zu verbreiten vermag. „Gemütlichkeit" kommt von „Gemüt" und wird daher schärfstens abgelehnt von den modernen Hauhauslciitcii und den Küssen, die iide gefühlsmäßige Bindung verurteilen, jedes individuelle „Sich- »'>liltühlen" ersetzen möchten durch eine allen objektiv genehme Norm. Das ist der Gedanke des Kollektivismus — die Handarbeit repräsentiert jber das Gegenteil, nämlich das Individuelle, das einmalige, ich Klaube, daB — trotz der allgemeinen Tendenz zur Normierung — in der Frau Starker als im Mann der Wille zur Individualität lebt. Was ist da:; Mode-Ideal des gebildeten Mannes? Nicht aufzufallen, auszusehen wie »He andern. Und das der Frau? Ein Kleid zu tragen, das so, wie es jst, keine andere trägt. Die Frau ist eben von Natur aus mehr im Gefühl verankert als im Verstand, darum urteilt, empfindet und wertet sie subjektiv unter bewußter Betonung ihres Ich, „ich bin nun eben so". Die Betonung des Gefühlsmäßigen im Leben der Frau, die sich '-'-ntlich darin äußerte, daß sie ganz in der Sorge um Haushält, Mann und Kinder aufging, änderte sich mit dem Einsetzen der Frauenbewegung. Es ist ja immer so. daß das Neue in einer extremen Form auftritt, als völliger Gegensatz zu dem Bestellenden: so brachte das Verlangen nach Gleichberechtigung auf den Gebieten, die bisher nur dem Manne zugänglich waren, die bewußte Vernachlässigung, ja. Verachtung alles Weiblichen mit sich. Reformkleld und Tituskopf gehörten dazu sowie die Geringschätzung aller speziiisch weiblichen Beschäftigungen. Das Handarbeiten kam aus der Mode, es verschwand aus dem Stundenplan der neugegrflndeten Mädchen-«lymnasien und damit aus dem hiteressenkreis all der lungen Mädchen, die sie besuchten. Wie für alles Neue, setzte sich auch hier die Jüdin mit Begeisterung ein und stand infolge ihrer geistigen Beweglichkeil bald an führenden Stellen. Aber zwischen den Extremen kommt es nach heftigen Pendelseidigen nach rechts und links stets wieder zum Ausgleich, und die tuBeren Verhältnisse formen Bewegungen in einem Maße, das menschlicher Einfhißiiahric nicht vergleichbar ist. Der Krieg brachte es mit sich, daß Frauen die Arbeit von Männern in einem Umfang übernehmen mußten, an den sie nie gedacht hatten; und andererseits weckte er die Kräfte jedes einzelnen in diesem ganz auf sich selbst gestellten Volke. Stricken und Anfertigen aller Wollarbeiten gehörte anfangs zum guten 'Ion, dann wurde es dringende Notwendigkeit, als die Rohmaterialien knapp wurden. Hier triumphierten die geschickten Frauenbünde, die aus ausrangierten Uebergardiuen. aus alten Möbelhezügen. aus Flicken längst abgetragener Sachen noch brauchbare Kleidungsstücke herzustellen verstanden. Aber auch noch aus anderen Gründen kam die verpönte Handarbeit zu Ihrem Recht: wie viele Frauen lebten nicht in Sorge um ihre nächsten Angehörigen! Da konnte man nicht Vergnügungen nachgehen, da saß mau zu Haus und ließ seine Gedanken schweifen, und dabei konnte man handarbeiteii. und von dieser gleichmäßigen Beschäftigung ging eine wunderbare Beruhigung aus. — Diese Beruhigung der Nerven ist es auch vor allein, die unsere Frauen suchen, wenn sie sich von den Aufregungen unseres unsicheren Lebens oder denen des Bridgetisches bei ihrer Handarbeit erholen. Ja, die Frauen brauchen Beruhigung, aber sie bekennen sich auch wieder zur Weiblichkeit in jeder Beziehung. Wie weiblich ist die Mode wieder nach den kurzen Kleidern und strengen Jungenfrisuren kürzlich vergangener Jahre! Diu überstrenge Sachlichkeit weicht, weil man erkannt hat. daß man auch sachlich bleiben kann, ohne unweiblich zu werden, ja, daß es nichts Abstoßenderes gibt als eine uuweibliche Frau, denn das ist das Unnatürlichste vom Unnatürlichen. Aber daneben ist es noch ein anderer Faktor, der uns die Handarbeit an sich wertvoll macht, und ich deutete ihn schon an: Technik und Arbeitsteilung haben alle Arbeit so stark mechanisiert, daß Millionen // ' // u