Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 24 (21.10.1932)
- Date
- 1932-10-21
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 UEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 21. Oktober 19UL' semitlsmus schafft. Wenn die Grüße eines Volkes sich messen lültt an der relativen Zahl seiner hervorrasenden und bedeutenden Kinder, steht das Judentum heute zweifellos an erster Stelle. So betrachtet, erscheint J.is Judentum nicht als minderwertige, sondern als hochwertige Menschengruppe — und der Antisemitismus als ebenso schweres Unrecht gegen die luden wie der Deutschenhaß gegen die Deutschen. Heute ist die Mißachtung Uesen die Deutschen in der Welt mindestens so M.irk verbreitet Wie der Antisemitismus. Die Kricgssehuldlüge, die Märchen von den deutschen Kinderniorden in Belgien, die Erzählungen von den deutschen Grausamkeiten bis zur Verleumdung der Menschenfresserei, die Klassifizierung der Deutschen als Menschen /weiten Ranges, als Materialisten und Rationalisten, als Menschen ohne Qenie und Originalität, als Plagiatoren der Welt, als Menschen ohne Größe, ohne Formen, ohne Takt, ohne Grazie all diese Verleumdungen, die den Thesen der Antisemiten so ähnlich sind, haben die Weltmeinung gegen Deutschland vergiftet Nur langsam setzt sich die Wahrheit über Deutschland In der Welt durch. Gerade die grolle deutsche Nation, die dieses schwere unverdiente Schicksal erfahren hat, sollte in der Beurteilung anderer vorsichtiger und kritischer sein. Gerade Deutschland sollte den kleinen antisemitischen Nationen vorangehen in der Kritik und Revision der Judenfragc. Gerade das deutsche Volk, das mit Recht so stolz auf seine Sachlichkeit ist, sollte nicht widerstandslos einem Vorurteil folgen, das sich auf Neid, religiösen Fanatismus und Halbbildung stützt. Die Revision der Judenfrage ist darum nicht Sache der .luden, sondern der besten Deutschen. Wenn Deutschland den Antisemitismus ebenso überwindet, wie dies Frankreich vor einem Menschenaitcr in der Drcyius-Krise tat, ist der Antisemitismus in der Welt erledigt: denn sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Osteuropäer werden sich hier der deutschen Autorität beugen. Diese Revision ist eine Gewissenspflicht Deutschlands, die Befreiung aus einer schweren Schuld und einem schweren Irrtum. Wer darum den Antisemitismus bekämpft, hilft nicht nur dem Judentum, sondern auch dem Deutschtum. Die ungeheure Mehrzahl der deutschen Antisemiten ist guten Glaubens und überzeugt von der Wahrheit der antisemitischen Thesen, die sie gelesen oder gehört hat. Die ungeheure Mehrzahl der Antisemiten kennt die .luden mir sehr oberflächlich und macht sich ein Mild von ihnen, das mit der Wirklichkeit ebensowenig übereinstimmt wie das Bild, das sich die Fntentevölker von den Deutscheu machen. Wer Gerechtigkeit fordert, sollte damit beginnen, sie zu üben. Deutschland fordert von der Welt Gerechtigkeit und moralische Gleichberechtigung: es sollte damit beginnen, sie den Juden gegenüber zu übe:i und der Welt zu zeigen, wie ein großes Volk die Kraft findet, falsche Vorurteile zu überwinden und von sich zu werfen. Bericht über die Tätigkeit der Darlehnskasse im Rechnungsjahr 1931 32 (I. April 1931 bis 31. März 1932). Die Darlehnskasse stand im vergangenen Rechnungsjahre ebenso wie alle anderen Institutionen im Zeichen der wirtschaftlichen Krise. Nur der umsichtigen und vorsichtigen Arbeit der Herren der Darlchnskommission ist es zu verdanken, daß die Kasse In der bisherigen Weise fortgeführt werden konnte und nur ganz unerhebliche Verluste aufzuweisen hat. Die Arbeit gestaltete sich sehr umfangreich, da die Rückzahlungen seitens der Darlehnsnehmer infolge der schwierigen Wirtschaftslage größtenteils nicht in der satzungsgemäß vorgeschriebenen Zeit vorgenommen wurden. Fs gingen vielfach Stundungsgesuche ein, die in den meisten Fällen berücksichtigt werden konnten. Die Folge davon war. daß man bei Bewilligung neuer Anträge des öfteren die erbetenen Beträge herabsetzen mußte, um mit den vorhandenen Mitteln auszukommen. In Fällen, wo die Darlehnsnehmer, die zum großen Teil aus Kleingewerbetreibenden, Händlern und Hausierern bestehen, in Zahlungsschwierigkeiten gerieten oder aus wirtschaitlicher Not ihre Zahlungen einstellen mußten, sahen wir uns gezwungen, die Bürgen in Anspruch zu nehmen. Auch hierbei wurde seitens der Darlehnskommission größtes Entgegenkommen bewiesen und auf Wunsch die Tilgung der Darlehnsschuld in angemessenen Teilzahlungen gewährt. Nur wenn eine Einigung auf gütlichem Wege nicht zu erzielen war oder aus Sicherheitsgründen ein schnelles Fingreifen angebracht erschien, wurde zur Frhebung der Klage geschritten. Die Bewilligung der zahlreich vorliegenden neuen Anträge unterschied sich im Gegensatz zu früheren Jahren dadurch, daß man bei Annahme der Bürgen sehr vorsichtig zu Werke gehen mußte. Es wurden in vielen Fällen ausgiebige Recherchen angestellt, um die Bonität der Bürgen einwandfrei feststellen zu können. Anträge, bei denen die aufgegebenen Bürgen nicht genügend Sicherheit boten, mußten abgelehnt werden. Fs tritt letzt neu in Erscheinung, daß die Kasse nicht nur, wie bereits oben erwähnt, von Händlern, Hausierern und Kleingewerbetreibenden in Anspruch genommen wird, sondern daß viele Anträge ans den Kreisen des Mittelstandes vorliegen. Aus diesem Grunde wäre es besonders wünschenswert, wenn der Kasse neue Mittel zufließen würden, damit sie imstande ist, ihre Aufgaben weiterhin zu erfüllen. Man dari nicht vergessen, daß viele Fxistenzen durch Inanspruchnahme dieser Mittel aufrechterhalten werden, während beim Versagen dieser Hilfe die Antragsteller größtenteils unserer Fürsorge zur Last iallen würden. Fs wäre außerordentlich zu begrüßen, wenn diese Ausführungen dazu beitragen würden, die Darlehnskasse in ihrer Arbeit durch Zuweisungen weiterer Mittel zu fördern, damit sie im kommenden Rechnungsjahr den an sie gestellten Anforderungen in vollem Umfange gerecht werden kann. Ziffernmäßige Uebersicht. Es wurden 97 Darlehen im Gesamtbetrage von 48 700 M. ausgegeben. Dieser Betrag setzt sich wie folgt zusammen: 5 ä 100 M. . . . — 500 M. 2 ä 150 M. . . . — 300 M. 5 ä 200 M. . . . , — 1 000 M. 3 ä 250 M. . . . — 750 M. 9 ä 300 M. . . . , , — 2 700 M. 1 ä 350 M. . . . , . — .350 M. . . — 34 ä 500 M. . . . ■ . — 17000 M. 13 ä 600 M. . . . — 7 800 M. 4 ä 750 M. . . . — 3000 M. 4 ä 800 M. . . . 3 200 M. 7 ä 1000 M. . . . — 7 000 M. 1 ä 1500 M. . . . . . — 1 500 M. 97 Darlehen — 48 700 M. An Rückzahlungen wurden geleistet 55 230 M. In ungeiähr 4o Fällen mußten die Bürgen zur Zahlung herangezogen werden. Abschreibungen nichtcinbringlichcr Beträge machten sich nur in 3 Fällen in der unerheblichen Gcsamthöhe von 538,14 M. erforderlich. Es fanden 28 Sitzungen statt, in denen alle Anträge zur Beratung kamen. 19 Gesuche mußten abgelehnt bzw. an die Fürsorge verwiesen werden. Die Darlehnskasse arbeitet zum größten Teil mit dem ihr von der Gemeinde leihweise zur Verfügung gestellten Kapital, zum kleineren Teil mit Geldern, die ihr geschenkweise überlassen wurden. Diese Zuwendungen setzen sich wie folgt zusammen: . Grundkapital......... 30000 M. Darlehen von der Gemeinde . . . 35 000 M. Schenkungen.........6 110 M. Die Gemeinde kann unter den heutigen Verhältnissen neues Kapital nicht zur Verfügung stellen. Die Darlehnskasse könnte aber durch Ausgabe weiterer Darlehen gewaltige produktive Arbeit leisten, wenn ihr neue Mittel zuflössen. Deshalb wird allen wohltätigen Spendern diese segensreiche Einrichtung besonders ans Herz gelegt. Unsere Gemeinde Sprechstunden des Herrn Rabbiner I eidmann. Herr Rabbiner Feldmann bittet uns, folgendes bekanntzugeben: Da die Zahl der religiösen Anfragen, die ihm täglich zur Entscheidung vorgelegt werden, sich in der letzten Zeit derart gehäuft haben, daß es ihm schwerfällt, seinen übrigen Obliegenheiten gerecht zu werden, sieht er sich gezwungen, Sprechstunden einzurichten und bittet das jüdische Publikum, ihn ausschließlich während derselben in Anspruch zu nehmen. Herr Rabbiner D. Feldmans steht von jetzt ah nur zur Verfügung: Sonntag bis Freitag 9—11 Uhr, Sonntag bis Donnerstag 3—4 Uhr. Keren Hajessod-Empfangsabend in Leipzig. Der Kercn Hajessod veranstaltet Dienstag, den 25. Oktober, abends H% Uhr, im Weißen Saal des Zoologischen Gartens einen Empfangsahend zu Ehren der Herren Leo Motz kin und Ministerialrat Hans Goslar. Beide Männer sind Träger geachteter Namen in der Judcnheit. Leo Motzkin gehört zu dem Kreise russischer Zionisteii. die seit Beginn der Zionistischen Bewegung dem Gedanken der Wiedergehurt und der Schaffung eines Mittelpunktes für das jüdische Volk ihr Lehen widmen. Motzkin ist Präsident des Zioaistenkongresses und des Zionistischen Aktions- Komitees, Leiter des ComitC des DclC'gations Juives in Paris und Mitglied des Präsidiums des Minderheitenkongresses. Hans Goslar kommt aus ganz anderen Bezirken zu seinem Volljudentum. Aus der tiefsten Assimilation hat er unter dem Einfluß des Zionismus den Weg zu seinem Volke zurückgefunden. Schöpfer der Pressestelle bei der Preußischen Staatregierung, war er einer der treuesten Mitarbeiter des preußischen Ministerpräsidenten Braun. Die motorische Kraft, die Goslar zu seiner indischen Betätigung antreibt, ist die innige Verknüpfung von Zionismus üi;d Qesetzestreue. — Zu der Veranstaltung am Dienstag abend ergehen besondere Einladungen. An die jüdischen Hausirauen Leipzigs! Der heilige Jaum Kippur ist vorüber. Es gilt nun, die guten Vorsätze in die Tat umzusetzen. Helft alle, die segensreiche Institution der Kleiderstelle (Httniboldtstr. 13) aufrechtzuerhalten. Bringt alle Kleidungsstücke, die ihr entbehren könnt! Viele von euch haben sich zu den Feiertagen etwas Neues angeschafft Seht in euren Schränken nach, ob ihr noch etwas habt, womit ihr Notleidenden helfen könnt. Der herankommende Winter verlangt eilige Hilfe! Auf telephoniscben Anruf Nr. 237 34 (Frau Alma Cert. Pfuff ciidorici Straße 18) werden die Sachen abgeholt. Leipziger jüdisches Jahr- und Adreßbuch. Wie in der vorigen Nummer des Gcmeindeblattes mitgeteilt, soll in Kürze ein „Leipziger jüdisches Jahr- und Adreßbuch" erscheinen. Um ein möglichst zuverlässiges Adresscnmatcrial der jüdischen Organisationen und Vereine zu erhalten, ergehen gerade eben Rückfragen an die Vereinigungen. Neugegründete Vereine oder solche, die in allerletzter Zeit ihre Geschäftsstelle verändert haben, werden gebeten, Name des Vereins, Anschrift und Nanu des Vorsitzenden an die Redaktion des Gemeindeblattes (Gemeindcrabbiner O. Cohn. Löhrstr. 10,111) mitzuteilen, von wo aus die Angaben weitergcleitet werden. Aus dem Gemeindeamt Gottesdienste Gemeindesynagoge (Gottschedstr. 28). Sabbatgottesdienst: Abendgebete: Freitag, den 28. Oktober, 17 Uhr. mit Predigt (Rabbiner Dr. Goldmann): 4. November. 16.45 Uhr, mit Predigt (Rabbiner Cohnl- Morgengebetc: Sonnabend, 29. Oktober. 5. November 9 Uhr. Jugrndirottesdienst: Sonnabend, 29. Oktober, 15.15 Uhr, mit Pre-