Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 24 (21.10.1932)
- Date
- 1932-10-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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2)10.33. Auflage 4500Stack DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU I t| D7ISL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLIl^l>7 DER GEMEIN DEVERWALTUMG3 Schriftleitung: Gemeinderabblnor Gustav Cohn, Leipzig, L öhrst-aße tO — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Go-io mlgung des Verfassers gestattet. Nummer 24 / Jahrgang 8 21. Oktober 1932 Anzeigenannahme: '£» > rv * Verlag Ernst Goldfreund, Loip/ rj 0 5, Cicliorlusslraße '.'» Fernsprecher Nr. 607 71 — Druck: Gebr. JunghJ'nu» l_et)jii(j CJ J- PS Da wir von den Finanzämtern die Unterlagen zur Errechnung des Steuersatzes noch nicht erhalten haben, wird eine zweite Abschlagszahlung auf die Gemeindeanlage 1932 erhoben. Dieselbe beträgt wieder ein Drittel des Gesamtbetrages der Gemeindeanlage 1931. Als Fälligkeitstag für die Abschlagszahlung ist der 2. November 1032 festgesetzt. Die Steuerpflichtigen werden gebeten, die Abschlagszahlungen zu dem obengenannten Fälligkeitstag zu entrichten und bei der Zahlung die Hebebuchnummer des Steuerbescheides für die Gemeindeanlage 1931 anzugeben. Die Gemeindekasse, Löhrstraße 10, I, ist werktäglich geöffnet von 9 1 Uhr. Die Gemeinde hat Postscheckkonto Leipzig Nr. 505 33, Bankkonto bei der Stadt- und Girobank und B. Breslauer, Leipzig. — Über die Höhe des Steuersatzes und die Fälligkeit der Restzahlung folgt später noch besondere Bekanntmachung. Leipzig, den 14. Oktober 1932. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. meinden nicht ihre reichsten Mitglieder am höchsten schätzen, sondern ihre weisesten, ihre Gelehrten. Dali im Judentum neben seinein Realismus ein ungeheurer Idealismus steckt, ein Idealismiis. der so stark ist, daß er der Well das Christentum und den Sozialismus geschenkt hat. Hin Argument des Antisemitismus sollte aber kein Deutscher mehr gebrauchen: das Argument. daB die ganze Welt sich einig ist im Hall gegen die Juden. Denn erstens ist dies unrichtig. Der Antisemitismus ist kein WeltphSnomen mehr, sondern beschränkt sich auf bestimmte (iebiete. Und zweitens hat das deutsche Volk im Weltkrieg au sich selbst erfahren, wie ungerecht auch der Haß einer ganzen W elt ein Volk treffen kann. Der Hall gegen das Judentum und gegen das Deutschtum sind verwandt Heide Völker wurden gehaßt, verfolgt und verleumdet, weniger um ihrer rehler willen als um ihre Vorzuge. Der Weltostrazismus hat Cxempel statuiert. Der Deutsche wurde als Feind der Menschheit empfunden, weil er tüchtiger, fleißiger, sachlicher war als die meisten anderen Völker, und ihnen so den Konkurrenzkampf erschwerte. Das gleiche gilt von den Chinesen in Südostasieu. den Japanern in Kalifornien. Das gleiche gilt von den Juden. Denn die Juden sind ein begnadeter Menschheitszweig. Durch ein zwei tausendjähriges Martyrium sind sie zu ihrer heutigen (iröUe emporgestiegen. Von den meisten Berufen ausgeschlossen, unter vielfach erschwerten Lebensbedingungen, mußten sie ihren Qeisl zehnfach schärfen, um ihre nackte Existenz durch das Mittelalter hindurch zu retten. Wer faul oder unbegabt war, konnte diesem verschärften Existenzkampf nicht standhalten und ging zugrunde. Nur die Tüchtigsten konnten sich erhalten und fortpflanzen. Wer Willensschwactl und feige war. lieli sich angesichts der Schelterhaufen und Polterwerkzeuge taufen und schied aus der jüdischen Gemeinschaft aus: nur die Tapfersten und Willensstärksten hielten das Wunder dieses zweiiausendjährigen Kampfes durch. So fließen in jedem modernen Juden Strome von Märtyrerblut von Menschen, die sich lieber verbrennen tieften, als sich von ihrem Gott, ihrem Glauben, ihrem Ideal loszusagen. Wer an Vererbung glaubt, muß darum in den Juden einen besonders wertvollen Zweig der Menschheit sehen. Bin Zweig der Menschheit, der gestählt ist vom Leiden und vom Denken. Denn während die meisten Europier erst vor wenigen Generationen aus dem Analphabetentum hervorgegangen sind, haben die Vorfahren der Juden seit Jahrtausenden gelesen, geschrieben und sich mit geistigen Problemen auseinandergesetzt. Wer siatt auf Schlagworte zu hören, diese Tatsachen bedenkt, gewinnt ein anderes Bild vom Judentum, als das Zerrbild, das der Anti- / /, .ir R. N. Coudenhoye-Kalergi: Antisemitismus nach dem Weltkriege Das nachstehende charakteristische Stück entnehmen wir mit freundlicher Genehmigung des Verlages der soeben im Paueuropa-Verlag, Wien, erschienenen Neuauflage des Werkes „Antisemitismus" von Graf Condenhove-KalergL Vor dem Kriege war Rußland das Weitzentrum des Antisemitismus, .nie ist es Deutschland. Außerhalb Deutschlands ist der Antisemitismus Europa nur noch lebendig in einigen Mittel-und Kleinstaaten Osteuropas. Diese Tatsache sollte den deutschen Antisemiten zu denken gehen, werden sich dann wahrscheinlich nicht sehr wohl fühlen in der Gellschalt, in der sie sich befinden. Denn die drei anderen europäischen noßmächtc lehnen den Antisemitismus kategorisch ab. England hat seit Disraeli unter seinen politischen Pühicrn zahlreiche luden und kennt weder einen politischen, noch einen sozialen, noch einen Irtschaftlichen Antisemitismus. Prankreich hat seine antisemitische Phase in der Dreyfus-Krise Überwunden. Diese Ueberwiuduug des Antisemitismus fällt zusammen mit der nationalen Regeneration und Gesundung Prankreichs, die ihm die Kraft gaben, den Weltkrieg durchzuhalten. Auch das extrem nationalistische Italien lehnt den Antisemitismus ib. der in den Augen Mussolinis ein barbarisches Vorurteil ist. Italien al bewiesen, daß sich der Kommunismus auch ohne antisemitische Schlagworte überwinden läßt und daß der stärkste Nationalismus auch ohne antisemitischen Einschlag lebensfähig ist. Indessen hält Deutschland au der antisemitischen Einstellung fest und baut eine Theorie nach der anderen um dieses Vorurteil. Es behauptet nach wie vor, daß das Judentum mir Talente, aber keine Genies ervorbringt — obgleich das anerkannteste unter den lebenden Genies heute ein deutscher Jude ist: Albert Einstein« und der berühmteste lebende Oesterreicher ein zweiter Jude ist: S i c g in u n d Iren d. Andere Theoretiker gehen von der These des jüdischen Materialismus aus und übersehen, daß kein Volk so stark und so lange für seinen Glauben und seine Ideale gelitten hat wie das jüdische. Daß die jüdischen Ge-