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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-04-01 · 14 (1.4.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
14 (1.4.1932)
Date
1932-04-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Post Auflage dieser Nummer: 4495 SlUcR. /"v , \ ■v XlVpu y ai> DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gemelndeblatt erscheint Jeden Freitag und wird tm Mitgliedern der Rellglonsgcmcinde unentgeltlich urch die Pcwt lugest eilt - Schriftleitung: i roelnderabblner Cuit» Cohn, Leipzig, LOhretrmOe 10 NUMMER 14 / JAHRGANG 8 FREITAG 1» APRIL 1012 Anzeigen Verwaltung und Druck: Buchdruckerei A Pries. Leipzig, BrOderstr. 69 - Fernruf 70006 - ■check Leipzig 538 20 - Nachdruck nur mit Qu. August Post¬ Leipzig 63920 - Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Berufsnot und Berufswahl Hin Gemeindeabend dt*r „Jüdischen Reformgeineinde" zu Berlin diente dem Zwecke, gegenüber den von allen Seiten ertönenden Wariium^sgignalen der Jugend die Unsicherheit in der Berufswahl zu Dehnten, ihr Aufstiegsmöglichkeiten zu zeigen und den Eltern die ernste Sorge um die Zukunft ihrer Kinder zu vermindern. AIerster Redner sprach der Seniorchef der Warenhäuser Hermann Tieti, Herr Georg T i e t z, über die Berufswahl für die kauf in ii n ■ Dischelt Beruf e. Er betonte, daU es sich bei dem Problem in erster Linie nicht um ein solches der jüdischen Religionsgemeinschaft, Mildern um eine nationale Krage der deutschen Jugend handelt. Freilich sei für die Angehörigen der jüdischen Glaubensgemeinschaft die Wahl eines aussichtsreichen Berufes heute doppelt schwer. Sehr viele Arbeitgeber, darunter sogar Juden, scheuen sich, jüdisches Personal einzustellen, aus der Befürchtung, mit ihren Abnehmern in Gegennb zu geraten. Dazu kommt, daU die Standortsfrage für die jüdische In end besonders ungünstig gelagert ist. Der Zug nach der Groilitadt hat gerade die Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft in den (Ii ßstädten zusammengeballt. Herr Georg Tietz empfiehlt der jüdisch -n Jugend dringend, ihre Lehrzeit in Klein- und Mittelstädten zu vc '»ringen und erst nach der Vorbildung in diesem engeren Kreis Sti Jungen in GroUstädten anzunehmen. Er warnt vor der Ueberlel itzung der Schulvorbildung, die zwar Wissen und Routine veriii le, jedoch in Zeiten mit ständig wechselnden Verhältnissen nur in rgeordnete Bedeutung habe. Der Beruf des Kaufmannes sei auch i die Zukunft notwendig, allerdings müfiten bei der Berufsauswahl di künftigen Branchenverhältnisse vorweggenommen werden. Durch di- Fortschritte der Technik entständen ständig neue Berufszweige, di neue Existenzmöglichkeiten gewährten. Der junge Kaufmann * le so früh wie möglich seine Lehrzeit beginnen und zwar im Verk. f, nicht im Büro. Das gelte auch für die weibliche Jugend. Das all Vorkriegsideal des jüdisch-deutschen Manufakturisten habe nicht nn!ir allein Geltung. Neue Handelsgebiete, so das Nahrungsmittelje erbe mit seinen Filialbetrieben, die Großbetriebe im Einzelhandel «i zahlreiche Haushaltbranchen wie Radio und Installation, Drogen, l'i lümerie und Lederwarenhandel, sowie das gastronomische Ge- W> he besälien gute Zukunftsmöglichkeiten auch für jüdische Kreise. S|iezialistentum in der Berufsausbildung sei nach Möglichkeit zu meiden, jedes zusätzliche Wissen in Theorie und Praxis fördere Iii künftigen Berufsaussichten. itiilsrat Dr. Alfred Peyser warnt vor der Ueberschätzung der >k ade mischen Berufe. 1928 hatte Deutschland 30000 Abi- U nlen, 1931 41 000. Während in den 100 Jahren von 1826 bis 1920 Ui Zahl der männlichen Abiturienten in PreuBen von jährlich 4025 'Ul jährlich 11258 gestiegen ist, wuchs sie in den weiteren vier labren auf jährlich über 22 000. Die Ueberfüllung der Hochschulen «I zu einer Krise der Akadetnikerschaft geführt, die durch das Zu- Irömen weiblicher Studenten noch vermehrt werde. Die Zahl von 'twg 150000 augenblicklich studierenden Deutschen steht in einem ehreienden Mißverhältnis zur Zahl der etwa 300 000, die in oder "» akademischen Berufen leben. Mediziner, schließt Dr. Peyser, «Ute nur noch werden, wer mit einer ausgesprochenen und von Berufenen anerkannten Begabung den festen Willen mitbringt, ein entbehrungsreiches Leben auf sich zu nehmen. Das Beispiel der wenigen Erfolgreichen beweist nichts: die Armee der verkümmerten ärztlichen Existenzen bleibt im Dunkeln. Rechtanwalt Dr. Galliner: Hinsichtlich der Anwaltschaft seien pessimistische Betrachtungen nicht unbedingt am Platte. Bei der ungeheuren Fülle von Gesetzen bedarf es eines gewaltigen Heeres von Anwälten, um den Bedürfnissen des rechtssuchenden Publikums gerecht zu werden. Allerdings ist die Not auch unter der Anwaltschaft eine außerordentlich große, wenngleich sich das Durchschnittseinkommen der Anwaltschaft gegenüber der Vorkriegszeit nicht verschlechtert, vielleicht sogar verbessert hat. Wenn die Konkurrenz durch Rechtskonsulenten und die Verengerung der Tätigkeitsgebiete des Anwalts, insbesondere seine Ausschaltung in Arbeitsgerichtssarhen, gefallen sein werden und andererseits schnelle Justiz und Verbilligung der Rechtspflege eintreten, so sei mit einer wesentlichen Besserung der Situation der Anwaltschaft zu rechnen. Der jüdischen Jugend könne deshalb ein Beibehalten des juristischen Studiums empfohlen werden. Glasermeister Wilhelm Marcus unterstreicht den Apell an die jüdische Geffentlichkeit, von der Ueberbewertung der akademischen Berufe Abstand zu nehmen und das Handwerk in Zukunft nicht mehr als etwas Minderwertiges anzusehen. Auf Grund umfangreicher statistischer Angaben tritt der Referent der Auffassung entgegen, daß das Handwerk Uberholt sei. Im Handwerk könne noch ein nicht unbeachtlicher Teil der jüdischen Jugend untergebracht werden und zwar unter günstigeren Zukunftsaussichten, als das bei anderen Berufen der Fall sei. Die Schwierigkeit für viele Eltern, die erforderlichen Mittel für die Lehrzeit aufzubringen, müßte notfalls, da die vorhandenen Lehrlingsheime schon überfüllt sind, durch Zuschüsse aus Mitteln der Allgemeinheit überwunden werden, lieber die landwirtschaftlichen Berufe spricht Herr Martin Goetz. Er verweist einleitend darauf, datt von der jüdischen Bevölkerung Preußens nur IJP/o in der Landwirtschaft beschäftigt sind gegenüber 26,5°/t der nichtjüdischen Bevölkerung. Ueber die Eignung der Juden zur Landwirtschaft sei nicht zu streiten, die jüdische Kolonisation in Südamerika, Rußland und Palästina habe sie erwiesen. Die SeUhaftmarhung von Juden auf deutschem Boden im landwirtschaftlichen oder gärtnerischen Berufe müsse möglich sein. Die Juden in Deutsehland müfiten an den Siedlungsbestrebungen des Reiches und der Länder teilhaben und aus ihnen Nutzen ziehen. Der Redner erörtert im einzelnen die Bestimmungen der Reichssiedlungsgesetzgebung und schildert die Siedlung des ..Reichsbundes für jüdische Siedlung in Deutschland" in Groß-Uaglow bei Kottbus. Frau Paula S a in o j e spricht Uber die Berufsarbeit der Frau im Haus. Hauswirtschaft ist ein Beruf, von dem (ilück und Wohlstand für Millioneu Menschen abhängen. Rationalisierung und Organisation hat der Beruf der Hauswirtschaft, der einer der schwierigsten, kompliziertesten und vielseitigsten ist, nicht minder nötig als irgend ein anderer Beruf. Die Hausarbeit dürfe nicht weiterhin

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