Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 12 (18.3.1932)
- Date
- 1932-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Postauflage dieser Nummer: 4493 Stück.. emelnö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU | f"|D7l Cm AMTLICH ES NACH RICHTEN BLATT Lb llA«l\7DER GEMEINDEVERWALTUNG! Das Gcmelndeblatt ersdu-lnt leden Freitag und wird den Mitgliedern der Kellglonsgcmelnde unentgeltlich di rih die Poat zugestellt - Schrlftleltung: (Ji melnderabblner Gustav Cohn, Leipzig, LohrstraSe 10 NUMMER 12 / JAHR6AN6 8 FREITAG 18» MARX 1012 Anzeigen Verwaltung und Drink: Budidrudterel August Pries, Leipzig, Bruderstr. 59 - Fernruf 70008 - Postsdietfc Leipzig 53020 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung des Verfassers gestattet Goethes Ahasverus-Spiel Von S. M e i ■ e I s. '; .'\ (VNIVEäsI Vrp«. 7 mfv iie rrl Wi In frühester Jugend hat Goethe bekanntlich mehrere biblische Dichhingen geachriebeni so «'int' Idyll»* „Ruth", ein Drama „Belsasar" und ein Epos ...Joseph und seine Brüder". Alle diese Jugenddichhingen hat Goethe später, wie er in einem Briefe an seine Schwester irnelia vom 12. Oktober 1707 mitteilt, dem Feuer überantwortet; ■ se ersten dichterischen Versuche haben „ihre Jugendsünden nicht Kiers als durch Feuer büßen können". Trotz dieses Autodafes scheint eh das Joseph-Epos in Versen doch erhallen zu haben. Vor niehreii Jahren hat Professor Piper in Altona ein Manuskript ..Joseph" 'fluiden und veröffenllicht. das von vielen (ioetheforschern als i rwähnte Jugenddichtung Goethes anerkannt wird. Allgemein aniint ist freilich die Echtheit dieses Werkes nicht, wollen uns hier nicht in den Gelehrtenstreit über Kchtheit oder htheil des von Piper aufgefundenen Manuskripts einlassen, sonn lediglich darauf hinweisen, dafi Goethe zu einer Joseph-Dichtung in Frankfurter Judendeutseh abgefaßtes Josephspiel als Quelle utst oder gar von einer Aufführung dieses Spiels am Purinifesle Anregung empfangen haben konnte. Gerade in Frankfurt am Main. Vaterstadt Goethes, in der er seine erste Jugendzeit verbrachte mit der Empfänglichkeit der Jugend mannigfache, bis in das Aller nachwirkende Kindrücke empfing, war bereits im Jahre 1 ein Spiel „Die Verkaufung Josefs" erschienen und gerade dort le das Josefspiel alljährlich am Purimfeste von jüdischen Wandernlen aufgeführt. Dieses Josephspiel, ein ernstes, beinahe schon seliges Stück, das einige recht eindrucksvolle und zum Teil sogar lattseh wirksame Szenen und Bilder aufweist, war bei den Juden r Zeit sehr beliebt. Es ist leicht möglich, daß Goethe das Josephim Original gelesen oder gar dessen Aurführung beigewohnt Goethe lernte in seiner Jugend nicht nur Hebräisch, sondern das Judendeutseh: er hatte sogar einen eigenen Lehrer, der ihn rankfurter Judendeutseh unterrichtete. Goethe brachte es darin eit, dafi er das Judendeutseh sowohl lesen als auch schreiben ite. Der erste Kornau, den Goethe in Verfolg seiner Sprachläftigungen abwechselnd in mehreren Sprachen schrieb, war in eh, Latein, Englisch. Französisch. Italienisch und — Judench abgefaßt. In Dichtung und Wahrheit (viertes Buch) berichtete 'he hierüber recht ausführlich. Für Goethes lebendiges Sprach- ■ Iii ist es besonders kennzeichnend, daß er Hebräisch zunächst nur i;ilb eifrig trieb, um zur vollen Beherrschung des Judendeutseh ■dringen; er wußte also, daß zum Verständnis des „barocken ' ndeutsch" die Kenntnis des Hebräischen 'inerläßlich sei. I man all dies und dazu noch alles das in Betracht, was Goethe «t im vierten Buch von Dichtung und Wahrheit über seine Frank- Lehrjahre und Jugendeindrücke mitteilt, so hält es durchaus 'hl schwer, auch zwischen dem Fastnachtsspiel „Das Jahrmarktst'est l'lundersweilern" und den jüdisch-deutschen Achaschwerosch-Spiei eine (wenngleich nur weitläufige) Verwandtschaft zu entdecken. OB dein AchaschWerosch-Spiel, das wie das Josephspiel ebenfalls in der ii Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in Frankfurt am Main erui schien, sind mehrere Bearbeitungen vorhanden: später wurde es als literarische Seltenheil auch in deutscher Schrill gedruckt. Daß das Stück in Frankfurt am Main aufgeführt wurde, wird durch eine Gemeindeehronik bezeugt; die Gemeindechronik weiß nämlich zu berichten, daß der Vorstand der Frankfurter jüdischen Gemeinde eines schönen Purimtages — man weiß nicht, ob aus religiösen oder politischen Gründen — die Aufführung des „Achaschwerosch-Spiels" untersagte und die gedruckten Exemplare verbrennen ließ. Goethes „Jahnnarktsfest zu Plundersweilern" ist ein in sprudelndei Laune hingeworfenes, durch Marktschreier und Bänkelsänger und Pfeflerkuchemnädchen und sonstige Hanswurste belebtes SchOnbartspiel. l\s ist eine gar ergötzliche Schnurre in der volkstümlichen Art Hans Sachseiis. frisch und lebhaft und voll feiner Satiren, eine Jugenddichtung, in der sich Qoethes Lust zum Fabulieren jugendlich auswirkt. In dieses Fastnachtsspiel hat nun Goethe zwei Ahasverusszenen hineingebaut, die sich wie gutgeziinmerte Seitenstücke ausnehmen: die Ahasverusszeiien bilden eine Art Schaustück in der Farce, sie bringen eine ernste Miene ins heitere Spiel. Es treten darin auf: König Ahasverus; Königin Esther, der Minister Hainau und der „llofjude" Mardochai. Der Heiz des Dialogs beruht auf der Gegensätzlichkeit der Äußerungen, auf der Schlagfertigkeit in Hede und Widerrede. Selbstverständlich hält Hanum — gelreu nach dem Bericht des Buches Esther — dem König einen Vortrag, der ganz aufs Haitianische, nämlich aufs Judenfeindliche, abgestimmt ist. Wie halle Goethe den Hainau auch anders als ..haitianisch" sprechen lassen können! Aber der Dichter läßt den König Ahasverus selber Hanums Anschuldigungen gegen die Juden entschieden zurückweisen. Allen Anklagen Hanums gegen die Juden setzt der König das königliche Wort entgegen: Doch wie's ihr andere seht, so sieht's der König nicht. End als mau Hainau vollends den Trumpf seiner Gehässigkeit mit der Bemerkung ausspielt, die luden liebten das Geld und suchten sich durch Handel zu bereichern, da erhält er vom König die Abfuhr: Ich weiß das nur zu gut. Mein Freund, ich bin nicht blind; Doch das tun andere mehr, die unbesclinitten sind. Man hat Goethes Fastnachtsspiele Schlüsseldramen genannt Das iu:iu ja im allgemeinen stimmen. Doch die Aktion von König Ahasverus und Königin Esther fällt aus diesem Kähmen Schält man die Ahas- VeiUS-Handlung aus dem Jahnnarktsfesl heraus, so hat mau ein echtes und rechtes, wenngleich fragmentarisches Ahasverits-Spiel. Ob Goethe wirklich irgendeines der Achasehwerosch-Spiele gekannt (in der Bibliothek seines Vaters war nachweislich ein Purimspie 1 vorhanden) oder gar von einer Aufführung persönliche Eindrücke empfangen hatte, dafür lassen sich freilich keine tatsächlichen Beweise anführen. Unwahrscheinlich ist dies nicht. Der junge Goethe pflegte öfter die Judenstadt in Frankfurt a. M. zu besuchen, um jüdisches Lehen, jüdische Sitten und Gebräuche kennenzulernen. „Äußerst neu-