Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 7 (12.2.1932)
- Date
- 1932-02-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Poslauflage dieser Nummer: 4507 SlUcR. emeuiö cWatt ER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU (-|D7|fZv AMTLICH ES NACH RICHTEN BLATT U llX*! V7 der gemein deverwaltungb rmrlndeblatt crsdielnt |eden Freitag und wird ... Mitgliedern der krllglontif(rmrlnde unentgeltlich urtli die PcKt lugestellt - Schrlftleltung: inulmlrrabblner GuMav Cohn, LelpilR, LohrstraBe 10 NUMMER 7 / JAHRGANG 8 FREITAG 12» FEBRUAR 1012 Anzelgenverwaltung und Druck: Buchdrutkerel August Pries, Leipzig, BrOderstr. 59 - Fernruf 70006 - Post- Mhrcfc Leipzig 53920 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung de« Vcrfawcni gentalcet Eine Zentralweltorganisation gegen den Antisemitismus tu der Mitte des Judentum in Italien, wo Antisemitismus eigentlich nicht herrscht, kommt die Anregung zur Schaffung einer internationalen Konvention gegen den Antisemitisnius unter e ii A us p i i i e n des V ö I k e r b u n d e s. Alle der Konvention ili lenden Staaten sollen sich verpflichten, eine strenge Gesetzbung gegen antisemitische Ausschreitungen und alle Formen von idenhafl /.u schaffen. •n Gedanken einer Mkhen Konvention entwickelte als erster der ich im internationalen Rechtsleben bekannte Professor an der Unirsitfll Itoni, Dr. Guido Tedeschi, ein Jude, Verfasser grund- ■ ii ler Werke über Zivilrecht. In der in Florenz erscheinenden ■ l'.lien Wochenschrift ..Israel" ergreifen nun mehrere hervnrnde jüdische Persönlichkeiten Italiens das Wort zur Befürwortung i I'laues von Prof. Tedeschi. Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Rom, Dr. D. '••rer. wandte sich an Prof. Tedeschi mit dem Ersuchen um Er- Ul Ung seines Planes. Prof. Tedeschi führte in seiner Antwort unaus: Die in den verschiedenen Ländern gegenwärtig geltenden '•■ zur Bestrafung der Aufhetzung eines Teils der Bevölkerung den anderen haben sich als durchaus ungenügend zur Abwehr i Angriffe auf Ehre. Leben und Eigentum der .luden erwiesen, ■ben den objektiven Verhältnissen tragen an diesen Zuständen auch nliineuts der Richter bei, die, wo es sich bei der angegriffenen um .luden bandelt, rieh nicht entschließen können, die ganze <■ des (iesetzes walten zu lassen. Diesen Uebelständen kann ine spezifische Gesetzgebung begegnen, die in einer internatio- Kouvention der Mächte einen Rückhalt hat. Eine solche spezielle gebung bildet kein Novum in der Geschichte: In der Verübelt haben manche Päpste spezielle Gesetze gegen .ludengung geschaffen, so z. B. Innocenz IV., der in verschiedenen Bullen den .ludeuverfolgern mit Exkommunikation und Ver- -knnfiskation gedroht hat; in ähnlichem Tone waren die diesichen Dekrete der Päpste Gregor X. und Paul III. gehalten. 'Iiiische König Kasimir IV. hat in seinen „Privilegien" für die auf Peinigung von .luden sogar die Todesstrafe gesetzt. Meinung mau auch über das Sowjetregiine in Rußland haben lies muß man anerkennen, daß antisemitischen Erscheinungen rl >!<irl außerordentlich scharf zu Leibe gegangen wird. Ebenso it antisemitische Ausschreitungen als „antirevolutionäre Saboeahndel werden, müßten die übrigen Staaten mit Fug und antisemitische Ausschreitungen als ..antistaatliche" Unternehii ahnden, denn in der Tat untergraben antisemitische Akte die <eit des Staates nach innen und sein Ansehen nach außen. Vielen i' würde es aus innerpolitischen Ursachen schwer fallen, isoliert tolehe Gesetzgebung zu schaffen. Wird aber die Angelegenheit •inen internationalen Boden gestellt, so wird es den einzelnen :i leichter fallen, eine Gesetzgebung gegen antisemitische Aussaugen einzuführen. Vorrang, einen Antrag zur Schaffung einer Internationalen Kpn- '"i gegen den Antisemitismus zu stellen, hätten die englischen .luden, die sich schon bisher ihrer in verschiedenen Ländern verfolgten Glaubensgenossen mit großem Mut angenommen haben, über eine starke aktive und einflußreiche Organisation für Ehren- und Rechtsschutz der Juden verfügen und so hervorragende Persönlichkeiten wie den jetzigen Innenminister Sir Herbert Samuel in ihrer Mitte zählen. Viele Regierungen, die durch staatsschädigende antisemitische Aktionen fortwährend beunruhigt werden, müßten eine solche internationale Konvention, die ihnen die Bekämpfung des destruktiven Antisemitismus erleichtert, geradezu begrüßen. Es verdient besondere Beachtung, 'laß zur gleichen Zeit eine ähnliche Anregung in der Wiener Wochenschrift „Die Wahrheit" durch Regierungsrat J. Kreppel veröffentlicht wird. Kreppel fordert die Schaffung einer „Zentralweltorganisation zur Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden" und führt dabei aus: In einer Reihe von Ländern sind wir Juden nun wieder dabei angelangt, den Kampf um die bürgerliche Gleichberechtigung aufnehmen zu müssen. Die politische und wirtschaftliche Reaktion bringt auch eine ernstliche Bedrohung der Gleichberechtigung der Juden mit sich. Der Aufstieg des Hitlertums in Deutschland und die Auswirkungen dieser Erscheinung auf die Dinge in Oesterreich, die Vorgänge in anderen mitteleuropäischen und südosteuropäischen Staaten — sie zeigen evident, daß den jüdischen Abwehrorganisationen: Alliance Israelite Universelle. Central verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Union österreichischer Juden, Anglo-Jewish Association, American .lewish Cominitlee, Union rumänischer Juden usw. neue Aufgaben erwachsen und daß sie jetzt gezwungen sind, die Intensität ihrer Arbeit zu verstärken. Wenn die heutige antijüdisrhe Strömung mehr interstaatlich ist, und wenn sich Cuza in Rumänien darauf beruft, ein Jünger Hitlers zu sein, wenn die Araber in Palästina mit den „Protokollen der Weisen von Zion" operieren, wenn iu exotischen Ländern nationalsozialistische Organisationen geschaffen werden, dann genügt eine isolierte Abwehr der bestehenden jüdischen Organisationen in den einzelnen Ländern nicht mehr, dann muß eine Zentralorganisation a 11 ei jüdischen Abwehrvereine zur einheitlichen Führung des Abwehrkampfes ins Leben gerufen werden. Wenn unsere Feinde an eine „anonyme jüdische Macht" glauben und ihr destruktive Tendenzen nachsagen, so finden diese Ammenmärchen nur darum Glauben, weil sich die Nichtjuden tagen: die Judenheit. die fast überall Bedrohungen und Verfolgungen ausgesetzt ist, sollte ja unbedingt über eine Spitzenorganisation verfügen, die sich über alle Länder erstreckt. Nun denn: schaffen wir eine solche Spitzenorganisation! Die Grundzeiten für sie sind ja vorhanden: eben die bereits existierenden jüdischen Abwehrorganisationen. Diese sollten aus ihrer Mitte ein Zentralkomitee mit dem Sitze in Genf bilden, wo es, beim Völkerbund akkreditiert, seine Tätigkeit zu entfalten hätte. Die Zusammenarbeit mit dem Völkerbund dürfte diese Spitzenorganisation vor dem Vorwurf bewahren, als ob die Juden der verschiedenen Länder sich in die inneren Verhältnisse der einzelnen Staaten einmengen wollen, da die Arbeit der Organisation gewissermaßen unter der Kontrolle des Völkerbundes geschehen würde. ^•O