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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1932-02-05 · 6 (5.2.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
8 (1932)
Issue
6 (5.2.1932)
Date
1932-02-05
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Post Auflage dieser Nummer: 4312 StUcR. (tainöeWatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG! Da» Gemclndeblatt encfaelnt |eden Freitag und wird den Mitgliedern der Kellgtonsgcmclnde unentgeltlich lurcfa die Poat zugestellt - Schriftleitung: Crmelnderabbtner Oustav Cohn, Lelpilg, LohratraSe 10 NUMMER 6 / JAHR6AN6 8 FREITAG $. FEBRUAR 1012 Anzeigen Verwaltung und I)ru<k: Bucfadrudtrrcl Auguat Fries, Leipzig, Bruderatr. 59 — Fernruf 70008 — Poatacheck Leipzig 53920 — Nachdruck nur mit Quellenangabe und mit Genehmigung dea \ erlassen, gestattet Warum gibt es im jüdischen Schrifttum keine „Selbstbekenntnisse"! Von s. Meise!s. ie gesamte christliche Welt (eierte kürzlich den lSOOJIhrigen Todestag des heiligen Augustinus, des großen lateinischen Kirchenvaters. Namentlich die katholische Presse wand neue Huh- •änze um das Haupt des Gefeierten, und sie hatte wahrlich guten inind, seinen (iedenktag feierlich zu begehen. Denn seit anderthalb lahrtausenden ist der heilige Augustinus eine aufragende Säule der irche. Freilich ist damit allein die geschichtliche Bedeutung Auguüns nicht erschöpft. „Kr ist", so urteilt über ihn Hamack. ..der ler der römischen Kirche und der Reformation, der Bihlizisten nd der Mystiker, ja selbst die Renaissance und die moderne empische Philosophie (Psychologie) sind ihm verpflichtet." ■ der Tat: die geistige Wirkung, die von dieser machtvollen Perniiehkeit ausging, erstreckt sich bis in die Gegenwart: die religiös* losophiwhen StrOmungeil unserer Tage sind vielfach an seinen geknüpft. An hervorragender, weithin sichtbarer Stelle glänzt n Name in der Kirchengeschichte. Durch seine religionsphilososchen Werke nimmt er in der (ieschichte der Philosophie dauernd ien Ehrenplatz ein. Mit seinen „Bekenntnissen" aber gehört Augui der Wellliteratur an. Dieses Werk, eine der eigenartigsten ipfungen autobiographischer Art. isl in der Folge allen freien allen gebundenen Geistern, die mit einer erschreckenden Selbsiletlgnung ihre Lebensbeichte schrieben, für ihre „Konfessionen" ler und Vorbild gewesen. •der Literatur gibt es Bekenntnishücher, die wohl nicht immer leiste Augusli ns. aber doch nach seiner Art. das heißt mit augu- -eher Aufrichtigkeit geschrieben sind. Das jüdische Schrifttum I hierin eine Ausnahme: es besitzt keine „Bekenntnisse". Das he Schrifttum ist reich an Memoiren, an Lebenserinnerungen, Msheschreibungen, ja selbst an Autobiographien maugelt es nicht; aber ein jüdisches Buch „Bekenntnisse" gibt es nicht. Kein iziger unserer religiösen Oberhäupter und geistigen Führer hat Lebensbeichte nach der Art von Augustiiis „Bekenntnissen" geeben. Woran mag das wohl liegen? Ich denke, schon das Wort ite gibt den (irund an. warum das jüdische Schrifttum kein IS Buch aufweist. Das Judentum kennt nur ein Bekennen vor nicht aber eine öffentliche Beichte vor Gott und dem Meni- Nach der Auffassung des Judentums soll und darf das Hennen der Sünden und Fehltritte, der Irruisse und Wirrnisse des ' ns nur eine Art (ieheimaussprache zwischen dem Menschen und i (iotte sein. Sündenbekennlnis im Sinne von Selbstbekennl- -t nach jüdischer Anschauung ein tiefinuerlicher Vorgang, der ch lediglich zwischen den Wänden des Herzens abspielt: aber das ert vertraut es dem Munde nicht an. Ks ist bezeichnend, dafl das lere religiöse Schrifttum „bekennen" nur in einer rückbezüglichen 'i gebraucht; es heißt „mithwadeh" und bedeutet soviel als: «eine Fehler selbst eingestehen, reuig sich auf sich selbst nennen, demütig Einkehr in sich selbst halten. Es ist gleichsam wie ii Kreisen im eigenen Innern, ein wahres Ausschüllen des Berus, in das nur (iott sehen kann, das aber bekanntermaßen kein Fensler besitzt, durch das auch der Mensch hineinsehen könnte. Und er soll es auch gar nicht. Denn Selbstbekenntnisse sind nach jüdischer Auffassung etwas, das nur den Selbslbekenner und seinen Schöpfer angeht: ein Dritter und Unbeteiligter soll daran keinen Anteil haben. Die Frage, warum es im jüdischen Schrifttum keine „Bekenntnisse" gibt, hat Rabbiner Dr. Leo Baeck in seiner Einführung zu Ahne Pallieres Buch „Das unbekannte Heiligtum" ebenso bündig wie geistvoll beantwortet. Baeck schreibt: „In einem steht das jüdische religiöse Schrifttum, literarisch betrachtet, hinter anderen zurück: es weist keine „Bekenntnisse" auf. Ihm fehlt ein Werk, das neben den Konfessionen Augustins oder den Beichten Kierkegaards seinen Platz hätte. Wenn einer von diesen Büchern herkam, mag er es hier entbehrt haben. Aber, was literarisch als ein Mangel erscheint, ist im Religiösen wohl ein Besseres oder zum mindesten ein Besonderes. Eine Eigenart des Judentums spricht sich darin aus. In ihm ist der Mensch immer und unmittelbar vor (iott hingeführt, in die Unendlichkeit und Ewigkeit hineingestellt. Was ist dann aller menschliche Zweck, was ist (iott gegenüber auch alle literarische Absicht und Kunst! Wenn hier das Ich sein Irren und Finden gekündet hat. so ist das literarische Streben weit fern geblieben, eher ist. unbewußt, das Gegenteil wirksam geworden. Das Ich hat hier gesprochen. Das Gebet ist hier die Hede des Ich von sich selbst Nicht au die Menschen, geschweige denn an einen Kreis von Hörern und Lesern, au ein Publikum, richtet sich dieses Wort, in welchem die Seele sich auftut ... Das „Bekenntnis" ist das Kind eines Geistes, der ein anderer ist als der jüdische, der biblische. Er stammt aus der Welt der griechischen Redekunst und Sophistik. Wenn AugUStio seine „Konfessionen", die (ieschichte seiner Bekehrung geschrieben hat, wenn er darin mit seiner Meisterschaft sein Leben zur Bühne macht, auf der er seine Seele auftreten läßt und sein Ich darbietet damit die Menschen es sehen und hören, wenn er in aller Hingegebenheit sich doch niemals der geistreichen Formel und des Wortspiels eidschlägt, so hat er damit ein Buch, ein Kunstwerk verfaßt, das ganz in die (ieschichte der griechischen Rhetorik hineingehört. Sie hatte solches gewollt, gekonnt und gelehrt; er ist auch hier ihr Schüler. Aber gerade hier scheidet sich die Welt der Bibel von der Griechenlands — und darum bleibt ja die Bibel auch in der griechische:! Sprache ein so ungriechisches Buch, und im Neuen Testament zeigt sich gelegentlieh gerade au diesem „Bekennen", wo die Grense zwischen hier und dort ist." Das ist es eben: das Judentum hält es schon vom religiös erzieherischen Standpunkt nicht für geboten, daß der Meusch sein Ich öffentlich darbiete, zumal wenn er damit alle kleinen und großen Schritte vom Wege, alle vergangenen Vergehen und alle Irrgänge des Lebens öffentlich preisgibt. Die jüdische Ethik verbietet es nicht ueradezu. aber sie warnt davor, sich durch öffentliche Beichte vor aller Welt als „Sünder" hinzustellen, — offenbar deshalb, weil die Wirkung einer solchen Beichte auf Menschen, die in sich nicht gefestigt sind.

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