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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-10-04 · 40 (4.10.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
40 (4.10.1935)
Date
1935-10-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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11. Jahrgang - Nr. 40 Auflage 3800 Stück m 4. Oktober 1038 DER ISRAELITISCH EN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG AMTLICHES NACHRICHTENBLATT DER GEMEINDEVERWALTUNG Der Sabbat der Sabbate. Zum Jörn Kippur 5696. Von Dr. S. Samuel (Berlin). In dem Drama „Das Weib des Akiba" von Moritz Heimann, das demnächst vom Jüdischen Kulturbund auf die Bühne gebracht werden soll, gibt es eine Szene, die an einem Rüsttage des Versöhnungstages spielt, und ganz im Geiste unseres höchsten Festes gedichtet ist. Sie zeigt die Versöhnung zweier führender Rabbinen, die wegen der Ansetzung des heiligen Tages in Meinungsverschiedenheit geraten waren. Die Zeit kurz nach der Tempelzerstörung war noch erfüllt von Nöten und Leiden; nun kamen Spannungen zwischen den Führern des Volkes hinzu. Rabban O a m I i e 1 von Jahne hatte den Jörn Kippur nach der astronomischen Berechnung des Rabbi Josua um einen Tag zu spät angesetzt, und R. Josua war entschlossen, seinen Festtag nach strenger Vorschrift zu begehen. Da überbringt ihm R. Akiba den gemessenen Befehl R. Oamliels als des Präsidenten des Synhedriums, an seinem Jörnkippur in Reisekleid und mit Oeldtasche sich bei ihm einzufinden. Noch zweifeln die Gelehrten in der Umgebung des Patriarchen, ob R. josua sich fügen werde; da erscheint er in Akibas Begleitung" mit Stab und Geld in ihrem Kreise. R. Oamliel aber eilt ihm entgegen, küßt ihn aufs Haupt und ruft: „Willkommen, mein Meister und mein Schüler, mein Meister an Weisheit und Schüler an Gehorsam; heil dem Zeitalter, in dem die Großen auf die Geringen hören!" Der Talmud Roschhaschouo, Perek II, dem der zu früh dahingegangene Dichter diese Szene zum Teil bis auf den Wortlaut entnahm, läßt keinen Zweifel über die Bedeutung des geschilderten Vorgangs. Oroße, nach vielen Millionen zählende Glaubensgemeinschaften können mancherlei Spaltungen ertragen und überwinden; aber die zahlenmäßig so kleine Gemeinde Israels muß besonders in kritischen Zeiten alles daran setzen, auch in äußeren, religiösen Feiern und Formen eine innerlich vielgestaltige Einheit darzustellen. Was wäre ein Jomkippur, den die judenheit der weiten Welt nicht an einem Tage vor ihrem Gotte beginge, wo ein Gebet das Oebet des andern stützen soll, und diese Einmütigkeit allein schon ein Unterpfand gnadenvoller Erhörung ist! Damals im Jabne stand die noch schwache Autorität des Patriarchen auf dem Spiele, die einzige, die selbst von der Oberherrschaft Rom in gewissen Orenzen anerkannt war. Wir besitzen heute längst nicht mehr Patriarchen oder Fürsten des Exils oder Gaonen von weltumspannender, religiöser Autorität. Aber wir verlangen stärker als sonst nach freiwillig anzuerkennenden Männern und Frauen, die uns Wegbereiter in die Zukunft des Judentums sein können. Wie kurzsichtig und kleinlich wäre es da, wenn sich Besserwisser und auch besser Wissende nicht zur Selbstüberwindung und Unterordnung bereitfinden wollten, weil ihnen manche führenden Persönlichkeiten nicht maßgebend für sie erschienen. Der Talmud an der angeführten* Stelle, fotio 25 b, gibt dem Gedanken prägnanten Ausdruck: hier ist ein Schluß vom Leichten aufs Schwere: sobald Oroße und Bedeutende um des heiligen Qutes religiöser Einigung willen sich den Oeringeren unterordnen, werden diese sich daran ein Beispiel nehmen und leichteren Herzens überwinden. Einen tiefen Eindruck hat es wohl überall gemacht, daß in den schönen Augusttagen von Luzern sich die Annäherung der als unreligiös verschrienen Arbeiterschaft Palästinas, die sogen. Histadrut ha-poalim, an den — M i s r a c h i vollzog! Es fehlte nicht an heftigen Protesten, Gegenangriffen, Vorbehalten; die Freiheit des Gewissens mußte gewahrt bleiben, Sanktionen wurden zurückgewiesen. Aber in der Hauptsache unterordnete sich die äußerlich stärkere Gruppe der schwächeren; ging es doch in erster Linie um ein unschätzbares, religiöses Gut der Oesamtheit: den Sabbat. Das stillschweigend anerkannte religiöse Oberhaupt des alten, wie des neuen Jischuw in Erez Israel, Raw Abraham Kuk sei. And., durfte sich getrost zur ewigen Ruhe legen; denn die neue, feierliche Proklamierung des Sabbats für das Heilige Land als des offiziellen Ruhetags war die schönste Krönung seines segensreichen Wirkens. Ist aber der Schritt vom Sabbat zum Jomkippur so groß? So wenig es ein Lied der Lieder in der Schrift gäbe, ohne die zahlreichen andern Lieder ui.d die Gesänge Davids; so wenig es ein Allerheiligstes gäbe, ohne Heiliges und Vorhof; so wenig gibt es einen wahren Sabbat der Sabbate, ohne den allwöchentlichen Ruhetag! Den letzteren wiederzugewinnen, das ist das glückverheißende Zeichen im Antlitz der Judenheit unserer leiddurchfurchten, aber auch leidverklärten Tage. Wir hatten ihn beinahe verloren und wir begannen zu zittern, auch den Sabbat der Sabbate einzubüßen. Sie liegen nun einmal in Einer Linie. Keiner hat dies vielleicht tiefer gesehen und schöner zum Ausdruck gebracht, als der babylonische Prophet im 38. Kapitel, das die Festhaftara unseres heiligsten Tages bildet. Da wird das Fasten und Sichkasteien als leere Geste verworfen, wenn damit nicht die werktätige Liebe am Bedürftigen, Hilfsbereitschaft und Brüderlichkeit verbunden würden. Dagegen wird vom werktätigen Leben mit seinem zweckbestimmten, aber selbstgewiß machenden Jagen und Treiben die 1 n n e h a 11 u n g des Sabbats verlangt, als des Tages, den Gott sich vorbehalten zu seiner Ehre und Anerkennung. Liebe zum Mitmenschen und Huldigung dem Gotte aller Huld und Gaben: beides zusammen erst ist Sabbat, und in höchster Steigerung Sabbat der Sabbate. Wir sind auf dem rechtem Wege, seitdem wir, einer gewaltigen Anregung Chajim Nahum B i a 1 i k s aus dem heiligen Lande folgend, den Oneg Schabbat bei uns eingeführt haben; und Oemeindevorstände, Verbände, Rabbiner, Lehrer und Jugendführer nicht ablassen, ihn in mannigfachster Gestalt bis in die kleinsten Landstädte und Dörfer zu tragen. Achten wir neben der inneren Weihe und geistigen Erhebung auch auf die äußeren Sabbatzeichen! Schon strahlen wieder die Kerzen; Wein und Brot werden mit Segensspruch genossen. Rabbi Josua aber durfte nur am Vortage des heiligsten Tages mit Reisek 1 eid und Oeldbörse erscheinen; nicht am Jörn Kippur allein, sondern an jedem Sabbat wären sie die Sinnbilder krasser Profanierung und Entweihung gewesen.

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