Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 37 (12.9.1935)
- Date
- 1935-09-12
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4876568-5968806-5969544--5613-4881362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 13. September 1935 Neue Bücher Hugo Adler, 10 Lieder für eine Singstimme mit Klavierbegleitung. Mannheim 1935 (Verlag Georg Sander). Mit einer so eigenen Musikerpersöidichkeit, wie sie Hugo Adler verkörpert, hat man sieh anläßlich der Veröffentlichung und Aufruhrungen seiner grollen bibliseh-oratorischen Werke („Lieht und Volk", „Balak und Bileam", „Hiob" u.a.m.) auseinandergesetzt. Ihre monumentalen Anlagen und holten Anforderungen an einen ehoriseh wie orchestral riesigen Klangkörper lassen sie nur für wenige jüdische Zentren prädestiniert erscheinen. Hier in seinen Liedern gestaltet Adler mit sparsamstem Aufwand die jüdische Welt in ihrer Tragik und Oröße. Zugegeben, dal! eine delikate Auswahl trefflicher Ghettolyrik aus Frag, Reisen, Feiwel und vieler anderer ihm eine dankbar textliche Basis gewähren, so bleibt es doch Adlers großes Verdienst, einmal gründlich aufgeräumt zu haben mit der sentimentalen Gefühlsduselei des uns überkommenen Qhettoliedes, in dem in „moll" mit bis zur Manie ausgearteten musikalischen Phrasen und Schnörkeln an die Tränendrüse appelliert worden ist. Bei zeitgemäßer, modernster Ausdeutung waltet schlichte, durchsichtige Melodik vor, der ein ebenbürtiger, origineller Klavierpart zur Seite steht. Die packende Frage nach Israels Erlösung löst mächtige Steigerungen aus in „Sand und Sterne". Gespenstische Unisono huschen durch die „Nacht", hohle Intervallgänge charakterisieren die elende Hilflosigkeit, in der nur noch der Wunsch nach dem Tode Platz greift. Besonders gelungen ist die rezitativische Miniaturarbeit „Heimatlos" in klassischer Melodieführung. Den „Herbst" durchjagt die schonungslose Unfreundlichkeit in pochenden, stürmischen Läufen. (3 Ghetiostimmungen aus: Junge Harfen.) Ein kerniges Motiv zieht sich balladesk durch das „Märchen vom Stein", befreiend die Triolen, wenn sich alles in leuchtendes „Dur" wendet, um Zion eine Frühlingsbotschaft zu melden. Aus den Steinen, die das Herz, eines jeden Juden belasten, „fügt sich unter Palmengcsang und Lauteuspiel Leidensstein an Stein zum neuen Zioustempcl ein". Diesem Oedanken wird eine wunderbare musikalische Gestalt verliehen. Ein vierstrophiges „Wiegenlied" steht an Qualität und Rang denen der alten Könner in nichts nach. Endlich verlangt noch neben jedem einzelnen die für Koloratursopran separat bedachte Arbeit „Bitte" besonderen Hinweis. Das Repertoir des intimen, auf Kammermusikton abgestimmten Konzertsaals, hat eine bedeutsame Neuschöpfung zu verzeichnen. Felix Carlebach. Johann Rabcncr: Denn ich bin ein Mensch gewesen. Roman. Verlag Rowohlt. Berlin 1935. In Zeiten, in denen äußere Beschaulichkeit und innerer Friede fehlen, ist der Wunsch nach einer Lektüre, die seelische Ruhe und Abgeklärtheit gibt, besonders stark. Johann Rabeners Buch „Denn ich bin ein Mensch gewesen" bietet das GegenteiL Es peitscht die Nerven auf, wühlt in den Niederungen des Lebens, spricht in geschraubter, schwülstiger Sprache von Menschen, die unnatürlich, verkrampft und verzerrt sind. Der Roman würde nur abstollend wirken, wenn man nicht trotz aller Exaltiertheit von Sprache und Schilderung die Kraft eines starken Talents hindurchfühlen würde. Der Roman gibt den Entwicklungsgang eines jungen Schriftstellers, Joachim Ruderer, in dem unschwer der Autor z.u erkennen ist. Sturm und Drang eines jungen Dichters, sein inneres Gären, sein seelisches Reifen, das Ringen mit dem eigenen Können, das Kämpfen um Geltung und Anerkennung, erfüllen den Roman. Eine Dichterseele mit allen Lebens- und Ltebeswunden wird enthüllt, menschliche Oröße und menschliche Eitelkeit dargestellt. Die Kraft der Darstellung zwingt zum Miterleben dieses Schicksals, zum Verständnis all der Irrungen und Wirrungen, sogar zum Mitleid mit dem Dichter, der an seinem Talent krankt. Mitleiderregend sind alle Gestalten dieses Buche-,. Strindbergs Wort „Schade um die Menschen" drängt sich einem in den Sinn. Mitleiderregend ist auch die Gestalt des jüdischen Arztes, der an seinem Judentum ebenso schwer trägt, wie der Dichter an seinem Talent. Beide tragen eine Gnade, als ob sie eine Bürde wäre; beide gefallen sich in ihrer Märtyrerrolle und treiben, v\ie es ihnen in dem Roman einmal entgegengehalten wird, unter dem Begriff „Leid" einen verworrenen Kult mit ihrem eigenen Ich. Der Roman ist trotz aller Disharmonien spannend und anregend. E. C. Ein aktuelles Palästina-Buch. Die Entwicklung Palästinas ist in den letzten Jahren so rasch vorangeschritten, daß es heute bereits möglich ist, dort im Lande selbst reich illustrierte Bücher herzustellen, die jede Konkurren/ mit europäischen Druckerzeugnissen aushalten. Während bisher aber fast nur hebräische Veröffentlichungen gebracht wurden, legt jetzt der Verlag Hamatarah das erste umfangreichere Werk in deutscher Sprache vor. Es handelt sich um das -ehr lebendig geschriebene neue Buch von Hugo Herruiann „Palästina heute Licht und Schatten", das mit 49 Photos und einer neuartigen Palästinakarte durch alle Buchhandlungen oder direkt vom Vertrieb Bihlion, Tel-Aviv, P.Ü.B. 713, bezogen werden kann. Die Themen der Kapitel sind sehr vielseitig: Die Tücken des palästinensischen Eiriwanderungsgesctze- und die mannigfaltigen Wege, sie zu umgehen - die zwiespältige Stellung der Frau zu den kollektivistischen Lebensformen in Palästina — die merkwürdigen Auswirkungen des Zusammenstoßes zweier Zivilisationen (die den Steppen-Araber als hochbezahlten Bauarbeiter in die neu entstehenden Städte fuhrt, während sein Dorfscheich die benachbarte jüdische Siedlung bitten muß, ihm mit ihren amerikanischen Maschinen bei der Einbringung der Ernte beizustehen) die Schwarze Börse der Bodenmakler und Bauplatzwucherer in Tel-Aviv — die Unbeliebtheit vieler aus Deutschland eingewanderter Juden und die erstaunlichen Leistungen eines anderen Teils auf verschiedensten Wirtschaftsgebieten (einschließlich der Rekorde früherer Rechtsanwälte und Ärzte ais Gemüsebauer und Hühnerzüchter) u. a. m. behandelt Herrmann in den 250 Seiten des Buches. Das Werk ist gerade heute für viele Hunderttausende von einer brennenden Aktualität und wird auch in vielen Köpfen das Bild richtigstellen, das sie sich bisher von Palästina gemacht haben. Konzerte. Kulturbund-Veranstaltung. Der Kulturbund hielt diesen Abend nochmals im Rahmen der Kleinkunst. Mehrere Nummern waren uns noch bekannt aus dem hier im Juni gastierenden „Bilderbogen". Diesmal war es eine Mischung des Gesanglichen und Tänzerischen. Am besten vereinte beides Else Dublou, sehr gut gestaltete sie die chassidischen und die Liebeslieder. Auch Nelly Hirth verstand es, im „Tanz der Isis" charakteristische Wirkungen zu erzielen. In einzelnen und Duo-Tänzen gaben Erika Stolzberg, Ruth Anselm und Rolf Ray recht nette Leistungen. Ausgezeichnet walteten am Klavier die Kapellmeister Herweg und Lehmann, beides recht temperamentvolle Künstler, verstanden sie es gut, die Darsteller mitzureißen. — Wir wollen hoffen, daß mit diesem Abend die Sommerstimmung des Kulturbundes ihr Ende erreicht hat. tt. Vorschau zum Sportfest der jüdischen Schulen. „Alter guten Dinge sind drei!" Bar Koehba hatte sein großes Sportercignis in Gestalt der Lcichtathletik-Rcichsmcisterschaft, beim „Schild" war es das Fußball-Endspiel, und nun treten die jüdischen Schulen auf den Plan, um auch ihr Teil zum sportlichen Leben Leipzigs in dieser Saison beizutragen. Es ist dies das erste Mal, daß die Höhere Israelitische Schule und die jüdische Volksschule mit einer solchen Veranstaltung an die Öffentlichkeit treten, die den Beweis erbringen soll, daß auch ihre sportliche Betätigung sich in den Bahnen vollzieht, die die „Zeit" von ihnen fordert und verlangt. Mit diesem Sportfest sollen nicht Höchstleistungen erzielt und Rekorde aufgestellt werden: die Breitenarbeit ist es, die Freude und Lust der Kinder für dieses Gebiet, sie sollen sichtbar demonstriert werden. Darum gibt es keine aufreibenden Vor-, Zwischen- und Endkämpfe, die den Rahmen der Schule sprengen würden. Der Schwerpunkt des Tages liegt in der Gemeinschaftsleistung, in der Kameradschaft und Zusammenarbeit, die allein nur, wie stets im Leben, Großes zu leisten und Schwieriges zu überwinden vermag. Fuß- und Handballspiele wechseln ab mit Staffelläufen, und der gemeinsame Aufmarsch mit den Freiübungen von ca. 700 Kindern bilden den Höhepunkt und Abschluß dieses „gemeinsamen" Tages, bei dem natürlich auch die Jüngsten der Schule, die ABC-Schirtzen mit ihren Darbietungen losschießen werden. Kinder sind es, die diesen Tag Ihnen bieten, Kinder, die mit Begeisterung und Hingabe diesen Tag gestalten. Enttäuscht sie nicht, kommt zu ihnen, ist doch der morgige Sonntagnachmittag der Tag eurer Kinder!! Jüdisches Jugend- und Sportheim am Keilberg, Stolzenhain 166. Wie alljährlich, ist das Jüdische Jugend- und Sportheim am Keilberg an den Feiertagen geöffnet. Es ist Gelegenheit gegeben, dortseihst die Gebete zu verrichten. — Außerdem wird für koschere Feiertagsküche gesorgt sein. Anfragen bzw. Anmeldungen sind zu richten an Karl Tintner, Stolzenhain 166, C. S. R. Sport vom Sonntag. (Von unserem ständ. Berichterstatter Deka.) Wer glaubte, daß nach dem sportlichen Höhepunkt in der vorletzten Woche der Betrieb beim „Schild" nachlassen würde, den konnte der letzte Sonntag eines Besseren belehren. Zwei Expeditionen konnten nach auswärts entsandt werden, die mit mehr oder weniger Erfolg in der „Fremde" tätig waren. Die ersten Garnituren im Fuß- und Handball zogen gen Chemnitz, wobei die Letzteren ein wahres Schützenfest veranstalteten, zwei Dutzend Tore gab es in deren Spiel, da aber die Güter selten gleichmäßig verteilt sind, so brachte es auch ...Makkabi" Chemnitz nur auf zwei Gegentreffer, während sich Leipzig also folgerichtig 22 Tore erwarf. Die Fußballer holten sich mit veränderter, aber kameradschaftlicher Aufstellung und in vorbildlich fairer Spielweisc den Turniersieg und damit den Pokal im Dreistädtekampf der Vereine „Makkabi" und „Schild" Chemnitz, „Makkabi" Zwickau und „Schild" Leipzig. Erwähnt muß werden, daß bei zwei Siegen 2:0 und 1:0 und einem Unentschieden von 0:0 kein Ball in ihrem Tor landete. Das „Unterhaus" gastierte mit drei Mannschaften beim „Schild" und „Makkabi" Halle, wobei die Damen-Handballelf dieses Mal ihre „Herren" Kollegen förmlich herausrissen, da sie allein mit einem verdienten 3:0 Sieger blieb. Die Beste ihrer Mannschaft war „Pessel", aber auch die anderen waren mit Begeisterung beim Spiel, da sie doch schon so lange nicht mehr „losgelassen" waren. Die zweiten Fußballer, „verstärkt" durch einige alte Herren, verloren gegen „Bar Kochbas" I. Mannschaft 2:4, ein haltbares Tor und ein wenig begeisternder Rechtsaußen schufen dieses Resultat. Die neugebackene 2. Handballmannschaft mußte gar mit 2:5 dran glauben; ihre (iegner „Schilds" I.Elf, oder fast richtiger Knabenelf, war wirklich im Tempo und spieltechnisch den Unsrigen überlegen, bei denen eigentlich nur ein Stürmer sich abrackerte, und der seinem Namen zu Ehren wie „wild" dazwischen fegte, aber den Fehler beging, nicht selbstlos genug zu spielen. Ob