Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 37 (12.9.1935)
- Date
- 1935-09-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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11. Jahrgang - Nr. 37 Auflage 3900 Stück 13. September 1935 (Bemetoöebktt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEIN DE ZU I 4tlD7I^L AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LLIl^l\7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« Jude und Buch. Aus dem „Buch der Frommen" des Rabbi Juda-he-Chassid. Von Hans Lamm, München. Schlagworte sind nicht nur deshalb gefährlich, weil sie in ihrer Verallgemeinernden Form zumeist unrichtig und ungerecht sind, sondern viel mehr noch, weil sie durch ihre knappe und einprägsame Formulierung dein Hörer nur allzu gern die Mühe des Nachdenkens und der Kontrolle abnehmen. Es ist deshalb notwendig, daß wir versuchen, ein besonders beliebtes Wort, das von den Juden, dem Volk des Buchet daraufhin nachzuprüfen, ob ihm erst in neuerer Zeit sachliche Berechtigung zukommt, oder ob es in der Tat schon vor Jahrhunderten zutreffend war. Wir wissen, dal! bei den Juden die Buch-Gelehrsamkeit schon überaus früh eine Heimstätte gefunden hatte und dal) schon in den ersten Jahrhunderten nach der gewöhnlichen Zeitrechnung allerorts Lehrhiuser entstanden, in denen schon alsbald Kücher Benutzung fanden; auch das Schulwesen, zu dem bei uns das Buch van Anfang an notwendig war, fand viel rascher und allgemeiner in den jüdischen Gemeinden seinen Eingang als im europäischen Lebensraum sonst. Diese Tatsachen sind bekannt: sie vermögen aber noch nicht ohne weiteres dafür Beweis zu sein, dal! zwischen dem Juden und seinem Buche damals in der Tat schon eine innere Beziehung bestanden hat, und ob er es nicht vielleicht nur als einfaches Lehr- und Lernmittel wie (iriffel und Tafel angesehen hat. Es ist ein glücklicher Zufall, dal! wir aus dein frühen I J.Jahrhundert ein Buch Überliefert bekommen haben, das uns einprägsam in die geistige Welt das damaligen Juden einführt: wir meinen das „Sefer Chasidim (Buch der Frommen), dessen ursprüngliches Manuskript wohl von dem bekannten Mystiker und Leiter der Regensburger Talmud-Hochschule zu Regensburg Rabbi Juda-hc-Chassid stammt. Er ist 1217 gestorben und sein Werk stellt ein allgemeingültiges Zeugnis für die Lebens- und Denkweise der Juden des deutschen Kulturkreises um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts dar. Man vergegenwärtige sich die allgemeine Bildungssituation jener Zeit, diese Welt von Versponnenheit und Aberglaube, um gerecht beurteilen zu können, welche Bedeutung jenem jüdischen Zeugnis aus deutschem Mittelalter zukommt: Dieses „Buch der Frommen", dessen moralethische Belehrungen zur Wirkung auf die breite Masse niedergelegt worden sind, hat sich freilich in sehr weiten Teilen von Einflüssen der Umwelt nicht freigehalten und es bekennt selbst freimütig: „Das Verhalten der Juden richtet sich an den meisten Orten nach dem Verhalten der Christen." Uerade der Zauber- und Geisterglauben des ausgehenden Mittelalters wuchert im „Buch der Frommen" kaum weniger üppig, als im nichtjüdischen Schrifttum jener Zeit. Man hat um so weniger Anlaß, diese Zeitbedingtheit des frommen Werke;, zu leugnen, als dadurch seine kulturelle und ethische Bedeutung nicht gemindert werden. So naiv auf uns die dort übliche Verquickung von Volksheilkunde und Aberglauben wirkt, so stark und edel ist die sittliche und geistige Grundhaltung des Buches. Von Büchern, ihrem Entleihen, Allschreiben und Aufbewahren ist in Rabbi Judas „Sefer Chasidim" oft und viel die Rede. Wenn wir Helft aufbauen! Die heiligsten Tage des jüdischen Jahres stehen dicht vor uns. Schon jetzt erklingt in unseren Gotteshäusern an jedem Morgen das Schofar. Sein Weckruf möchte die Gewissen erschüttern und alle guten Regungen des Herzens zu Taten verdichten. Die Not unserer Brüder wächst von Monat zu Monat. Der jüdischen Gemeinschaft obliegt die heilige Pflicht, helfend einzugreifen, um allen Arten der Bedrängnis zu steuern, oder doch wenigstens sie nach Möglichkeit zu mildern. Diesem Zwecke dient die vom Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau und der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden gemeinsam mit den jüdischen Gemeinden Deutschlands eingeführte blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau. Der Notschrei von Menschen aller Altersklassen, aller Berufsgruppen und aller sozialen Schichten darf nicht ungehört verhallen. Der uralte jüd.Zedokoh-Gedanke verleiht ihnen Anspruch auf Hilfe. Menschen, die in tiefster Armut leben, müssen gestützt werden. Die Gesundheit unserer Kinder, die Hoffnung unserer Zukunft, muß geschützt und gepflegt werden. Unseren Alten muß ein ruhiger und friedlicher Lebensabend gesichert werden. Das jüdische Erziehungswerk muß gefestigt werden, um unsere Kinder für die schweren Aufgaben ihrer Zukunft zu rüsten. Die Berufsumschichtung muß ausgebaut werden, die Zukunft unserer Jugend hängt von ihrer gediegenen Ausbildung ab. Der jüdische Kaufmann muH im Ringen um seine Existenz Hilfe durch Rat und Kredit erhalten. Die Wanderung nach Palästina und den anderen Ländern muß allen denen ermöglicht werden, die sich draußen ein neues Leben aufbauen wollen. Diese vielfältigen Aufgaben können ihrer Lösung nur näher geführt werden, wenn jeder Einzelne sein Opfer bringt. Die Staffelung der monatl. Beiträge von 0.25—5.00 RM. gibt jedem, auch bei bescheidenem Einkommen, die Möglichkeit, legt aber auch jedem die Pflicht auf, seiner Verantwortung für die Gemeinschaft sichtbaren Ausdruck zu geben. An diejenigen, die sich bisher an dem Werk der blauen Beitragskarte noch nicht beteiligten, ergeht der Ruf in diesen Tagen ihre Mitgliedschaft anzumelden. Kein Jude in Deutschland ohne die blaue Beitragskarte für Hilfe und Aufbau!