Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 36 (6.9.1935)
- Date
- 1935-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 GEME1NDEBLAT1 DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 6. September 1935 uns, die Jugend. — Ich sehe das Moor eingeschlossen von Bergen und Hügeln. Die Hule-Ebene ist die Zukunft, denn sie wird urbar gemacht werden durch uns und unsere Kinder. — Haifa! Tel Awiw! Glänzende Städte! Paris in verkleinertem Maltstab! Unmutig sehe ich die Cafes, Varietes. Sic verdunkeln mir das Bild, das ich so gern von Erez Israel hätte. — Haifa, die Hafenstadt, stelle ich mir so vor wie Hamburg, nur mit dem südlichen Typ. Jerusalem, die alte Stadt! Ich erblicke die Araber, sehe den alten Jischuw. Ich glaube, daß Jerusalem die traditionellste Stadt ist. Sie gefällt mir in ihrer orientalischen Schönheit. Jedoch die Städte inachen mir nicht mein Erez Israel. — Ein schneller Rückblick, nochmals sehe ich die Orangen-Plantagen, die Kibbuzim, die Hule Ebene, Tel-Awiw, Haifa, Jerusalem. Das Land entschwindet meinen Augen. Ein Stück Land,meine Heimat! Loni Rosner, Klasse Ib Israel. Volksschule. Galuth, das heißt: Menschen voller Sorgen, wohin wird man uns morgen jagen? Wo, wo werden wir, unsere Kinder, endlich einmal Ruhe finden? Werden wir einmal nicht mehr der lästige Fremde sein? Einmal unbeschwert uns freuen dürfen, ohne das lähmende Gefühl /u haben, gehabt, verstoben, unerwünscht zu sein. Diese Sehnsucht nach Ruhe und Frieden. Gibt es eine Möglichkeit, sie zu stillen? Ein müdes, resigniertes Achselzucken. So leben die Menschen der Galuth, manchmal können sie allerdings freier aufatmen und lachen und sich freuen. Aber in einem versteckten Winkel ihrer Herzen, da lauert doch noch die Angst vor dem nächsten rage. Die Angst, die sie von ihren Vätern ererbt haben, die wucht nie ganz von ihnen. In jeder jüdischen Seele aber lebt doch noch die Hoffnung auf Erlösung. Sie sieht zwar bei den Alten anders aus, alsbei der jungen Generation. Die enteren hoffen auf den Messias, den O.ttgesandten, während die Jugend auf sich seihst vertraut, aber etwas glauben sie gemeinsam, sie glauben immer wieder, das war der letzte Schicksalsschlag, der die jüdische Nation traf, und morgen, da wird dir Ewige seinem Volk sein Land, sein Erei Israel wiedergi bell. Dieses Morgen ist nihergerttckt. Palästina ist wieder da- Land geworden, dauns die Heimat und die Freiheit gibt. Jede Woche fahrt jüdisch) lugend in das Land ihrer Ziele, um dort am Aufbau teilzunehmen, Steine zu klopfen, Arbeiter zu sein und Pioniere für sich und ihr Volk. Sie arbeiten an der Erlösung der Judenheit. Eine < leneration ist erwacht, sie will und wird kämpfen für ihre Ideale, im die Zukunft. Sie leben in der Kwuzah, arbeiten gemeinsam uif gemeinsamen Hoden zu gemeinsamen Zwecken. Am Abend »it/iii -k einträchtig vereint und arbeiten geistig oder erholen sich von dm Anstrengungen ihres Tagewerks, und gemeinsam Illeben sii den Schabbat und ihre I eiertage. Sie arbeiten, lesen, singen und feiern zusammen. Der Gemeinschaftsgeist gestaltet ihr Leben. Sehr deutlich drückt das die Harra aus, wenn sie en« umschlungen sich im Rhythmus der Melodie bewegen. Die Ilona ist zum Nationaltanz des jüdischen Volkes geworden. I Land der Verheißung und der Zukunft, das i>t Erez Israel. Dieses Land i-i uns \<>u Ott bestimmt worden, und wir werden es besitzen, wenn sich auch Nöte und Hindernisse in unseren Weg Stellen in miscrm Land werden wir frei sein. Frei vom Gefühle des Geduldetsein. Gedrückte, mißhandelte Menschen werden wir nicht kennen. Dann sind wir die Herren unserer Selbst. Irrei, aufrecht. »u>!z werden wir unseren Weg gehen. Als nationalbewußte Juden, die ihre Religion pflegen. Als ..Makkabäer von Heute". Was liegt nicht alles in diesen Worten. Kampf und Sieg, Sieger waren die Makkabäer damals und Sieger werden die „Makkabäer von Heute" sein. W ir werden kämpfen müssen, um die Thora, um unser Land, um uns und die Erziehung der Kinder. Doch Kampf stählt den Willen, daher brauchen wir nicht zu verzagen. Zum Sieg aber kann uns nur eisernes Durch- und Zusammenhaften fuhren. Wenn Städter neben Hauern, die Knechte Schultet an Schulter mit ihren Brotherren Stehen und einträchtig den Kampf ums Leben aufnehmen. Nicht an kleinliche hinge die Zeit vergeuden ist uns gestattet, das führt zu nicht-,. Wir dürfen nur dieses eine Ziel vor Augen haben, das Land Unserer Väter aufzubauen. Wenn wir so leben, und, falls es nötig sein sollte, so sterben, dann um Ii es zum Siege führen. I las -ind harte Bedingungen, dieses neuzuerwerbende Land stellt hohe Anforderungen an uns. Es gibt Gegensätze zu überbrücken, sich umzuschichten und Neues in sich aufzunehmen. Als erstes be- Steht der Gegensatz zwischen Stadt und Land. Alle, die mit einer Allijah rübergehen oder auf ein Chaluz-Zertifikat, werden ja in einer Kwuzah, beziehungsweise Mosehawaii, gehen. Dort werden sie nur gemeinsamen Besitz kennen, alles Dinge, die ihnen bis jetzt fremd waren. Fast kein Chaluz bleibt in der Stadt, denn in Erez Israel ist der Boden der Erfüllung, nicht die besseren Verdienstmöglichkeiten, noch die Vergnügungsstätten der Stadt. Nein, der Acker bietet hier die Zufriedenheit. Nur als Bauer kann man die wahre Liebe zur Scholle hegen, die Scholle Palästinas ist ja durchtränkt von der jüdischen Geschichte, der jüdischen Vergangenheit. Von diesem Boden nehmen die Menschen die Kraft zur Umschichtung, /u der ungewohnten Lebensweise. Von diesem Stück Land, das sie lugen und pflegen als ihren höchsten Besitz, nehmen sie den Mut zur (n gen wart und Zukunft. Viele können das nicht, weil sie nicht bereit waren, alles tinzusetzen und viel von sich /u verlangen, An die Leser des Gemeindeblattes. Das Bezugsgeld für das Oemeindeblatt für das Rechnungsjahr vom 1. April 1935 bis 31. März 1936 ist auf RM. 1.50 jährlich festgesetzt worden. Wir bitten unsere Gemeindemitglieder, den fälligen Betrag bis zum 27. September d. J. während der üblichen Kassenstunden werktags von 9—1 Uhr an unsere Oemeindekasse zu entrichten oder auf das Postscheckkonto der Gemeinde Nr. 50533 zu überweisen. Bei denjenigen Gemeindemitgliedern, die dieser Zahlungsaufforderung nicht nachkommen, wird das Bezugsgeld nach Ablauf dieser Frist durch Gelderheber eingezogen. Leipzig, den 22. August 1935. Oer Vorstand der Israel. Religionsgemeinde zu Leipzig. wenn sie das nicht noch erlernen werden, so werden sie am Wegesrande liegen bleiben. Denn Erez Israel ist noch jung, ist im Werden -begriffen, dieses Land kann keine Rücksicht nehmen, es stellt an uns viele Anforderungen, mehr als jedes andere Land. Aber dafür gibt es auch alles, was uns das Leben erst lebenswert macht. In Lrez Israel werden wir ein Volk sein, eine uns erfüllende Religion besitzen. Wir werden frei um uns blicken können, gleichberechtigte, vollwertige Menschen sein. Man wird uns achten und stolz sein auf uns. Die junge Generation aber wird wissen, dal! sie dieses Land heilig zu halten hat, denn sie hat gespurt, wieviel Aufopferung es gekostet hat, das Land aufzubauen. Lrez Israel hat Mängel und fehler. Noch ist es nicht das Land, wie unsere Wunschträume es sehen. Aber Mangel und Fehler sind da, um gebessert zu werden. Deshalb mochte ich mit fierzls Worten schließen: „Wenn Ihr w;>llt, ist es kein Märchen." Irma Krauthammer, Klasse IIb. Jüdische Zeitschau Oberrahser Kuk gestorben. Nach längerem l eiden ist am Sonntag, den 1. September, der Oberrabbiner von Palästina, Abraham Jizchak Hakohen Kuk, gestorben. Schon seit Anfang Juli bewegt die Besorgnis tun den Zustand des weit über seinen Wirkungsbereich hinaus verehrten Rabbiners die gesamte jüdische Welt. Nach vorübergehender Besserung in dem Befinden des Schw ei erkrankten konnte er eine vor etwa einer Woche abermals eingetretene Krise nicht mehr überstehen. Rabbi Kuk hat ein Alter von knapp 7(1 Jahren erreicht. Cr war 1S05 iu Oliva bei Dwinsk (Kurland) geboren und betätigte sieh seit 1SSS als Rabbiner iu Litauen und Kurland, 1904 bis 1914 in Palästina. Nach mehreren Jahren einer Tätigkeit iu Europa wurde Rabbi Kuk 1919 Oberrabbiner der aschkenasischen Gemeinde in Jerusalem, 1921 Vorsitzender des Beth Diu I lagadol, das durch die Bestimmung des Qemeindegesetzes vom Jahre 1928 als die oberste geistliche Behörde der jüdischen Gemeinschaft Palästinas anerkannt ist. Rabbi Kuk war Herausgeber der halachUtchcn Sanimelschrift „Ittur Soferim" und veröffentlichte eine Reihe von Schriften, teils halachischen Inhalts, teils zu den Fragen der jüdischen RenaissancebewegUngj ferner eine Hriefsammlung „I g g c r 0 t Ret ja", stiwic eine Schrift besonderer Art: „R o s c Ii Miliin, Gedanken über die Symbolik der hebräischen Buchstaben, Krönchen, Vokalzeichen und Akzente". Der Verstorbene erlangte seine überragende Stellung durch die Grölie seiner Persönlichkeit. Er war innerhalb der letzten Generation eine einzigartige Erscheinung: unablässig bemüht, alle Schichten und Richtungen der jüdischen Geineinsehaft einander zu nähern und zusammenzubringen, verstand er es, auf die uichtreligiösen Elemente der Judenheit ebenso starken Einfluß auszuüben wie auf die religiösen. Dadurch gewann er tiefe Achtung und Verehrung bei allen Volkstcilcn. Mit Rabbi Kuk ist ein Mensch mit einem großen, fühlenden Herzen, einer umfassenden Gelehrsamkeit, ein tiefer Denker und Philosoph im Judentum dahingegangen. Neue Bücher Bilder der Arbeit Der Kalender des Jüd. Frauenbundes 5696. Der Jüdische Frauenbund hat sich für seinen diesjährigen Kalender, der bereits zum IU. Male in immer neuer Gestalt einem wachsenden Freundeskreis vorgelegt wird, ein besonders aktuelles Thema gewählt. Bilder der Arbeit werden in 36 Abbildungen gezeigt und durch Textworte ergänzt. Zunächst haben jüdische Künstler das Wort: Liebermann uml Israels, Pissaro, Pasquin, Steinhardt, Ryback und Bato, aber auch unbekanntere Maler wie Leo Kahn, Siegfried Ziegler, Edith Marcus zeigen in ihren Werken Asphaltarbeiter und Netzflickerinnen, Erntearbeiterinnen und Modistinnen, einen Betriebsrat und die Heimkehr von der Arbeit. Ganz andere Bilder sind es, die — anschließend — die Arbeit der jüdischen Jugend von heute zeigen: Im Werkdorf, in der Schlosserwerkstaft, im Kindergärtnerinnen-Seminar oder die Studentin, die