Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 33 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Auflage 4000 Stück (Bcmciuö cblatt DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGE-MfcINDE- ZU I {■|D7lfL AMTLICHES NACH RICHTEN BLATT LL I ■ Mm I ^7 DER GEMEINDEVERWALTUNG« SchrirtleltunK i Oemelnderabblner Gustav Cohn, Leipzig Walter-Blümcl-Str. 10. — Nachdruck nur mit Quellenangabc und mit Oenehmigung des Verfasser» gestattet Nummer 33 - Jahrgang 11 16. August 1935 Anielgenannähmet E. Ooldfreund, Leiptig 05, CichoriusstraBe 2a, Fernsprecher Nr. 60 771 Druck: Druckerei der Werkgemeinschaft, Leipzig C 1. Die deutschen Makkabimeisterschaften in Leipzig. Der Makkabi in der heutigen Situation. Schwer lastet das Schicksal auf unserer jüdischen Gemeinschaft; immer größer wird der Druck, immer kleiner der Lebensraum. Die ältere Generation, aufgewachten, geformt in einer anderen Welt, versucht zu den auf sie einstürzenden Dingen irgendwie Stellung zu nehmen; tragisch die Lage derjenigen, die sich nicht umstellen können und auch schwer für diejenigen, die entschlossen die Konsequenzen ziehen. Wie bedeutungsvoll aber auch die Stellungnahme derjenigen ist, deren Leben, deren wirtschaftliche und kulturelle Existenz bisher in Deutschland verankert war -- wichtiger, entscheidender für die Zukunft unserer Gemeinschaft ist die Situation der aufwachsenden Generation. Ausgeschlossen von der Umwelt, jsoliert wächst die jüdische Jugend Deutschlands heran. Sie steht abseits, während die deutsche Jugend, gestützt und gefördert voller Begeisterung und Tatendrang an ihr vorüberschreitet. Und die jüdische Jugend spürt und sieht, dar! dieser Llan sich in steigendein Malte gegen sie, gegen die jüdische (iemeiuschaft wendet. Die Gefahr besteht, dalt unter dem psychischen Drucke, dar) aus dieser Ausgeschlossenheit und Isoliertheit ein Ghettogeist hervorgeht, ein (ieist der Erniedrigung, der sich darin erschöpft, der verlorengegangenen iuBeren Emanzipation nachzutrauern; der nichts sehnlicher herbeiwünscht, als wieder in Gnaden von der Umwelt aufgenommen zu werden, es ihr wieder in allem gleichzutun; selbst um den Preis der Entäulterung alles Jüdischen. Glücklicherweise ist es nur ein kleiner Teil der jüdischen Jugend, der dieser Gefahr nicht begegnet, der noch nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen und der deshalb für sie verlorengeht. Eine einzige Tatsache schafft hier tröstliche QewiBhcÜ Wenn üi einer Gemeinde, wie der unsrigen, die heute nicht viel mehr als 10Ü00 Seelen zählt, neben anderen kleineren positiv-jüdischen Jugendgruppen der Bar Kochba allein an die 1200 Mitglieder zählt, so bedeutet das, dal) der weitaus grollte Teil der jüdischen Jugend den Weg zum Judentum) *ur Organisierung und zum Aufbau der jüdischen Gemeinschaft gefunden hat. Es wäre kurzsichtig, nur die sportliche Tätigkeit des Bar Kochba sehen zu wollen. Gewiii nehmen die Leibesübungen den breitesten Raum in ihm ein. Wer sieh davon überzeugen wili, mit welcher Intensität hier an der körperlichen Ertüchtigung unserer Jugend gearbeitet wird, der komme an einem Sonntag vormittag oder in den späten Nachmittagsstunden eines Wochentages auf den Bar Kochhal'latz und stelle sich auf den Damm /wischen die beiden grollen Spielfelder. Er überblickt von dort aus ein Leben und Treiben, bei dem ihm das Herz aufgehen kann. Da kämpfen männliche Fußball-, dort weibliche Handballmannschaften auf dein Rasen; Langstreckenläufer ziehen ihre Kreise auf der Aschenbahn; Sprinter üben Starts und Staffelübergaben; Hoch- und Weitspringer werden nicht müde, ebensowenig wie Speer- und Diskuswerfer, während auf den roten Tennisplätzen unermüdlich um den weilien Ball gekämpft wird. Wer nicht nur das überblickt, sondern auch sieht, wie froh und ungezwungen, hier auf eigenem, schwer erworbenen Boden unsere Jugend ihre Kräfte mißt und stählt, der erkennt, daß über die körperliche Ertüchtigung hinaus der Bar Kochba eine Eunktion ausübt, die heute wichtiger ist denn je. Er schafft unserer Jugend eine eigene, eine jüdische Atmosphäre, in der sich nicht nur ein gesunder Ehrgeiz, sondern auch Kameradschafts-, Mannschafts- und Gemeinschaftsgeist entwickeln kann. In dieser Atmosphäre kann die jüdische Jugend trotz des äußeren Druckes ungeduckt und ungebrochen aufwachsen. Hier wird sie befähigt, den Weg zu gehen, den der Makkabi seinen Menschen weist: nicht nur jüdische Sportler zu werden, sondern Kämpfer für jüdisches Volk und jüdisches Land! Die zionistische Einstellung der Bar Kochba-Vereine wurde früher auch von solchen angefeindet, die ihre sportliche Tätigkeit rückhaltslos anerkannten; heute müssen auch jene erkennen, daß gerade das zionistische Ideal es ist, das dein größten Teile unserer Jugend Halt und Zuversicht gibt. Geistige und sprachliche Vorbereitung für Erez Israel nimmt Die Errichtung eines jüdischen Lehrhauses in Leipzig steht bevor. Die in den beiden vergangenen Wintern von der Gemeinde veranstalteten Bildungskurse sollen im bevorstehenden Winter 1935/36 zu einem jüdischen Lehrhaus ausgestaltet werden, in dem außer den bisher ausschließlich gepflegten jüdischen Wissensgebieten auch allgemein bildende Lehrgänge eingerichtet werden sollen. Es wird gebeten, an das Gemeindeamt, Leipzig, Walter-Blümel- Straße 10, mit der Bezeichnung „betrifft Lehrhaus" Wünsche und Anregungen über die Ausgestaltung des Lehrplanes des Lehrhauses möglichst bald zu richten, insbesondere schon mit Meldungen für Unterrichtskurse in modernen Fremdsprachen unter Angabe der gewünschten Sprache und der schon vorhandenen Vorkenntnisse. Leipzig, den 13. August 1935. Der Vorstand der israel. Religionsgemeinde zu Leipzig.