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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-08-02 · 31 (2.8.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
31 (2.8.1935)
Date
1935-08-02
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 ÜEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIOIONSQEMEINDE ZU LE1PZIO 2. August 1935 dtrzubieten, was den suchenden Leser unserer Zeit unmittelbar anzusprechen vermag, wird dieser Band in hervorragendem Malie gerecht. Es ist ganz besonders hinzuweisen auf die sehr geschmackvolle und kenntnisreiche Einleitung Dieneinanns, die über das Wesen des Midrasch in klarer und treffsicherer Sprache und geglückter Formulierung einiges Grundsätzliche mitteilt. Da wird, ausgehend von der einfachen Deutung des Midrasch als Wortauslegung zunächst der Unterschied zwischen) halachischcm und haggadischem Midrasch unter Heranziehung eines Wortes von Franz Rosenzweig als „Eins und Doppelt'1 dargelegt, um dem Rosenzweigschen Worte nun auch noch das Ooethesche Wort, das Ähnliches meinte, an die Seite zu stellen. Von hier aus aber ergibt sich die merkwürdig kühne und verwegene Situation des Midrasch, der aus einer dialogischen Frage und Antwort heraus zu dem typischen Vorgange eines „Rechtens mit Gott" gelangt. Eine Situation, die sich in ähnlicher Kühnheit immer wieder findet, wenn der Gottsucher zu unmittelbarer Gottesnähe und Gottesschau gelangt zu sein glaubt. So rechtet Mutter Rahel mit Gott um das Schicksal ihrer Kinder; unser Lehrer Moscheh kämpft um das Ziel seines Lebens, den Einlaß ins Heilige Land — in einem sehr lebendigen Beispiele vom Midrasch von Abraham und Sara zeigt der kundige Führer hier, daß sogar eine lebendige und nicht ohne Humor ausgesponnene Korrektur des biblischen Textes dem Midrasch möglich ist. In allen diesen Vergegenwärtigungen aber offenbart sich das tiefste Geheimnis des Midrasch — ein Geheimnis, das der Midrasch mit jeder in uns lebendig gebliebenen Sitte und jedem in uns lebenden Brauch unseres Judentums teilt: daß er unabhängig wird von der Zeit und dem Raum —, daß dank unserem Mitleben „das Geschehene in die Zeitlosigkeit emporgehoben ist, gegenständlich wird und gegenwärtig bleibt". - Nicht unsere Väter allein sind aus Mizrajim gezogen, sagt die Haggadah des Sederabends: aber auch: nicht unsere Väter allein sind aus Jcruschalajim vertrieben worden, sagt die Haggadah des Tischah-be-Aw. Diesem — wenn man so sagen darf — „halachischen Midrasch" der Einleitung Dienemanns folgt nun der eigentlich haggadischc Mi- Voranzeige. Am Sonntag, den 11. Antust, vormittags 11 Uhr findet in der Es Cbaim-Synagoge, Otto Schillstr, eine Herzl - Bialik - Gedächtnisfeier statt. Die Gedenkrede hält Herr Oemeinderabbiner Dr. Ephraim Carlebach. Das Fest wird umrahmt von Gesängen des Synagogen-Chors. Wir erwarten, daß sich unsere Gemeindemitglieder, insbesondere aber die Jugend, an dieser Feier rege beteiligen. Der Vorstand der Israelitischen Rellglonsgemeinde eu Leipzig Aber nicht nur der Midrasch, die Sage, vermag diese Doppelaufgabe zu erfüllen, uns zugleich zu belehren und zu trösten; auch die Geschichte unseres Volkes erfüllt sie, wenn man sie recht versteht. Philo von Alexandrien"), ein Jude, der aus allen Quellen der Bildung seiner Zeit getrunken hatte, stellt griechisch das dunkelste Kapitel unserer Geschichte dar: die Verfolgungen der Juden unter dem Kaiser Caligula. Aber diese Geschichtsschreibung wird, wie der Herausgeber und Übersetzer Hans Lewy, in seinem Vorwort sagt, „transparent": denn jedes einmalige Faktum erhält allgemeine, paradigmatische Bedeutung, und der Augenblick wird zum Zeichen der Vergangenheit und Zukunft. „Auf dieser Transparenz beruht die zeitlose Wirkung des Werkes, dessen Eindruck sich gerade geschichtsnahe Zeiten wie die unserige nicht entziehen können." Aber noch auf ein anderes weist der kenntnisreiche Herlleute wie jederzeit tat ausserste Zurückhaltung die selbstverständliche Pflicht eines jeden verantwortungsbewussten Juden. Er sieht vom Besuch der grossen Gast- und Vergnügungsstätten ab und sieht den Aufenthalt im eigenen Hause vor. Er hält sich fern vom Znsammenstehen auf den Strassen und sucht seine Erholung auf stillen Spaziergängen unter Vermeidung aller Ansammlungen. Wer sich zur jüdischen Gemeinschaft bekennt, wer nicht als verantwortungsloser Anssenselter gelten will, muss sein Verhalten in der Öffentlichkeit ebenso wie Im eigenen Kreise so einzurichten wissen, wie es die Würde unserer Gemeinschaft und das Bewusstsein der Verantwortung ihr gegenüber erfordert. Der Vorstand der israelitischen Bellglonsgemelnde an Leipzig. drasch: seine Übersetzungen aus den alten Quellen der Midraschim. Auch sie sind höchst bedachtsam ausgewählt und geschmackvoll übertragen. Und auch sie stellen jene Zwciheit des Tischah-be-Aw dar, wie ich sie damals an jenem Tischah-be-Aw meiner Kindheit erlebte: den Gang von der tiefsten Verzweiflung zur endlichen Tröstung und Hoffnung. Rabbi Akiba erscheint als Tröster — in der berühmten Sage, die unsere vier Lehrer Rabban Gamliel, R. Elieser ben Asarja, Rabbi Jehoschua und Rabbi Akiba zusammen den Tempclbcrg hinaufsteigen läßt. Ein Fuchs kommt aus der Stelle hervor, wo einst das Allerhciligste stand. Drei zerreißen ihre Kleider; Rabbi Akiba aber lacht. Denn, so sagt er, wie das eine Prophetenwort eingetroffen ist, so wird auch das andere Wort zur Wahrheit werden: daß „die Plätze der Stadt voll sein werden von Knaben und Mädchen, die auf ihren Plätzen spielen". — „Du hast uns getröstet: Akiba," so sagen die drei, „mögest auch du getröstet werden durch den Hall der Schritte des Glücksmärbringers!" ausgeber, der seit kurzem an der Universität Jerusalem tätig ist, mit Recht hin: „Selten sind in unserer weiten Literatur die Werke, in denen Juden Mund und Herzen öffnen und nicht nur von ihren Nöten, sondern auch von ihrer inneren Haltung während der großen Existenzkrisen Zeugnis ablegen. Meist sublimiert sich ihr Bekenntnis in allgemeinen Gebetformeln oder entflicht in visionäre Bezirke ... Hier aber ist beides vorhanden: Tatsachenbericht und Deutung, Darstellung und Sinngebung, Wirklichkeit und Wahrheit. Wenn wir Heutigen die geschilderten Ereignisse in vielem anders sehen, so bleibt es uns doch ebenso wichtig zu erfahren, wie jene Generation ihre Leiden aufgenommen und ihr Schicksal begriffen hat. So wird für uns das Werk des Philon zu einem der großen Dokumente jüdischer Schicksalskunde, deren Geschichte zu schreiben unserem Geschlechte aufgegeben ist." B. B. St. 2) Philo von Alexandrien, Von den Machterweisen Gottes. Übersetzt, bearb. u. eingeleitet von Hans Lewy. B. d. Schocken-Vcrl. Ji Jüdische Zeitschau Die Tagesordnung des XIX. Zionistenkongresses. Der vom Zentralbüro der Zionistiscnen Organisation veröffentlichten Tagesordnung des XIX. Zionistenkongresses, der in Luzern vom 20. bis 28. August stattfinden wird, entnehmen wir folgende Übersicht: Die Eröffnungssitzung am Dienstag, den 20. August, abends 8 Uhr, bringt die Eröffnungsrede des Präsidenten der Zionistiscnen Organisation, Begrüßungen und ein Referat von Dr. Nahum Sokolow über „Die Lage des jüdischen Volkes und der Zionismus". Die zweite Sitzung beginnt am Mittwoch, den 21. August, 10 Uhr vormittags, mit der Wahl de« Kongreßpräsidiums. Fs folgt der Bericht des Kongreßgerichts über die Prüfung der Rechtmäßigkeit der Delegiertenwahlen, ein Referat von David Ben Gorion, Mitglied der Exekutive, über „Probleme der Verwirklichung des Zionismus". Sodann soll ein Bericht über die politische Lage und die Tätigkeit der Executive in der vergangenen Kongreßperiode gegeben werden. In der Nachmittagssitzung des gleichen Tages wird der Vorsitzende

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