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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1935-07-26 · 30 (26.7.1935) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
11 (1935)
Issue
30 (26.7.1935)
Date
1935-07-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE ZU LEIPZIG 26. Juli 1935 siegen. Kr verabscheute aus tiefster Seele die Mißstände in den menschlichen Beziehungen, die Scheidung in Gruppen und Parteien mit ihrer bis zur Verblendung gesteigerten Einseitigkeit und durch Vorurteile begründeten Ungerechtigkeit gegen die Menschen andersdenkender Gruppen und Parteien. Nicht minder jedoch verabscheute er das Gezänk und die in Fanatismus ausartenden Kämpfe mit ihrem Lärm und Gepolter. Er träumte davon, dali sein Mühen um die Menschenseelen die Besten seiner Zeit herüberziehen würde. Und der beispiellose Widerhall, den seine Schriften weckten, der „Triumph", dessen er sich nach langem vergeblichen Ringen Jahre hindurch erfreuen durfte, schien seinen Traum in die Wirklichkeit übersetzt zu haben. Aber er mußte dann das tragische Geschick auskosten, das keinem solcher Träumer erspart bleibt, dali es nur Einzelne blieben, die ihm wahrhaft nahekamen. Denn die Zeilübel, die Erasmus und die ihm gleich wirkenden Humanisten auf den Plan gerufen hatten, fanden in Luther einen Gegner, der den Kampf nach anderem Plane aufnahm: er lauschte dem Volke seine Sprache ab und redete zu ihm, wie es der Natur der Menge verständlich war, und fand so das Ohr der Masse Leichter als dem, der immer nur für den Ausgleich redet, der jede Schärfe vermeiden möchte, folgt sie dem, der „jedes Jota und jede Silbe Wahrheit, die Herz und Seele einmal erkannt haben, auch bekennt, sie hinausschreit, gleichgültig, ob Krieg, rumult und Einsturz des Himmels daraus entstehn". „Das ganze deutsche Volk, weil es in Luther einen Mann des Muts und der Tat sieht, wirft seine zersplitterte Leidenschaft in ihn hinein". Es widersprach Erasmus ganzem Wesen, sich mit solcher leidenschaftlichen Entschiedenheit für seine Ideen einzusetzen, weil er die Polgen voraussah: sein Leben galt dem Zusammenführen, er sah „furchtbare Wirrnisse entstehen", er wußte, dali Zerreißung der Linheit unvermeidlich sein würde; er wollte sich selbst treu bleiben. Darum erstrebte er noch Mäßigung, als schon Tumult herrschte. So mußte er erliegen. Er wird ein Einsamer; nur ein kleiner Kreis von unentwegt Getreuen bleibt ihm, als er seine Grundsätze unterlegen sieht. Der gebrechliche, gichtkranke Körper zerfällt, als er fühlen muß, „daß ein .Wann der stillen Nachgiebigkeit fehl am Ort ist »in diesem lärmenden, oder besser gesagt, tollwütigen Zeitalter«". Diesen tragischen Ausgang des Erasmus kann gerade der Jude Stefan Zweig zutiefst nachempfinden. Es war das schon von Mosche gekündete Schicksal des jüdischen Volkes, daß es immer nur eine kleine Minderheit bleiben würde, immer die Einsamen, die ihre Kraft und innere Sicherheit aus dem Ideal schöpften, von dem sie erfüllt waren, auf dessen Verwirklichung sie ihre Lehre hinrichten wollte, an dessen schließlicher Tatsächlichkeit sie nie verzweifelten. Wie Erasmus können alle Enttäuschungen der langen Jahrhundertreihe die Juden nicht in dem Glauben „an ein künftiges Gemeinschaftsschicksal unserer Menschheit" wankend machen. Dieser Glaube hat Stefan Zweig soviel Verstehen für Erasmus verliehen; sein eigenes ganzes Wirken steht unter dieser inneren Spannung. Und wenn er zusammenfassend sagt: „Es wird der Ruhm des im irdischen Raum besiegten Erasmus bleiben, dem Humanitätsgedanken literarisch den Weg in die Welt gewiesen zu haben, diesem einfachsten und zugleich ewigen Gedanken, daß es höchste Aufgabe der Menschheit sei, immer humaner, immer geistiger, immer verstehender zu werden«, so hat er zugleich ausgesprochen, was auch dem Judentum als höchste sittliche Aufgabe gestellt ist. Rabbiner G. Cohn Jüdische Zeitschau Konferenz der Weltvereinigung für das religiös-liberale Judentum im Haag. Die Weltvereinigung für das religiös-liberale Judentum hielt am 21. und 22. Juli eine Tagung im Haag ab. Auf ihr waren die verschiedensten Landesgruppen mit Delegierten vertreten. AnläBlicfa der Tagung veranstaltete die Gruppe Amsterdam der Gesellschaft fur das religiös-liberale Judentum am Freitag einen Empfang für die Delegierten und einen Gottesdienst. Am Sonnabend nachmittag fand ein außerordentlicher Festgortesdienst statt, bei dem jedoch keine Predigt, sondern ein grundlegendes Referat von Professor Flhogen-Berlin über „Das Gebet im Judentum" gehalten wurde. Professor Flbogen zeigte an Hand eines umfangreichen Ouellenmaterials Entwicklung und Bedeutung des Gebetes für die jüdische Gesamtheit. Am Sonntag fand eine Tagung der Jugendvertreter statt und eine weitere Besprechung, bei der Rabbiner Dr. L. J. Mehler über „Die (iegenwartsaufgaben des religiös-liberalen Judentums" sprach. (JTA.) Vermächtnis eines jüdischen Arztes für die Gemeinde Hamburg. Der verstorbene Ar/t Dr. M. Cohn hat der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg den Betrag von RM 100000 in Wertpapieren und Liegenschaften testamentarisch vermacht. Das Vermächtnis ist dazu bestimmt, Zöglinge der jüdischen Waisenhäuser in Hamburg in ihrer Berufsausbildung zu fördern. (JTA.) Eröffnung eines sportpädagogischen Lehrganges in Berlin. Auf dem Sportplatz der Jüd. Gemeinde im Grunewald wurde ein sportpädagogischer Lehrgang eröffnet, der von der Schulabteilung der Reichsvertretung der deutschen Juden in Gemeinschaft mit dem Reichsausschuß jüdischer Sportverbinde veranstaltet wird und der Ausbildung von Fachlehrkräftcn für den Turn- und Sportunterricht in jüdischen Sportverbänden und Schulen dienen soll. Bei der Eröffnung waren für die Reichsvertretung der deutschen Juden deren Referent für Schulfragen, Dr. Leschnitzer, und ihr Pressereferent, Dr. Friedrich Brodnit/, sowie für den Reichsausschuß jüdischer Sportverbände Dr. Elsbach, vom Makkabi Herr Goldschmidt zugegen. (JTA.) Lehrcrfortbildungskurs in Würzburg. An der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt zu Würzburg begann am 21. Juli ein Fortbildungskurs für Lehrer, der vier Tage dauert und zu dem fast 150 Lehrer aus Süddeutschland und aus anderen Teilen des Reiches erschienen sind. Der Kurs der vom Jüdischen Lehrerverein in Bayern mit Unterstützung der Reichsvertretung der deutschen Juden, des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden und der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung veranstaltet wird, umfaßt die verschiedensten pädagogischeu und wissenschaftlichen Fragen. Bei der Eröffnungsfeier sprachen nach dem 1. Vereinsvorsitzenden, Oberlehrer Rosenfeld-München, in Vertretung des Bayerischen Landesverbandes und der Israelitischen Kultusgemeinde Wür/burg deren Vorsitzender, Justizrat Dr. Haas, und namens der Lehrerfortbildungsanstalt Studiendirektor Stoil-Würzburg. Mit dem Kurs verbunden ist die Tagung des Jüdischen Lehrervereins für Bayern. (JTA.) Lehrerfortbildungskurse in Berlin. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden und die Reichsvertretung der deutschen Juden veranstalten während des Herbstes und Winters in Berlin Fortbildungskurse für Lehrer und Lehrerinnen. Die Kurse sind in zwei Sektionen gegliedert. In der ersten wird eine Fortbildung auf dem Gebiet des jüdischen Wissens vermittelt; die Kurse der zweiten Sektion behandeln pädagogische und methodische Fragen unter besonderer Berücksichtigung des Volksschulunterrichtes. Die Kurse beginnen am 12. August. Anmeldungen werden an den federführenden Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden, Berlin- Charlottenburg 2, Kantstr. 138, erbeten, von wo auch Programme und Stundenpläne eingefordert werden können. (JTA.) Unsere Gemeinde. Betr. die Einsendung der Manuskripte. Vom 29. Juli an sind die zur Veröffentlichung im Qemeindeblatt bestimmten Mannskripte, nlmlich Vereinsnachrichten, Sportberichte, wie überhaupt Berichte Ober Vorgänge in den Organisationen unserer Gemeinde, wiederum an Herrn Oberkantor Lampel, König-Johann-Straße 23, zu senden. Aufsätze sind an die Schriftleitung de* Qemeindeblatt es, Wal ter-Blümel-Straße 10, III, zu richten. Nachricht des Sozialamtes: Der Kunstverlag Dr. Herbert Loewenstein, Berlin SO 16, Rungestr. 15, teilt uns auf Veranlassung der Sammlungen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit, daß auch in diesem Jahre, wie im Vorjahre, ein Kalender der Jüdischen Künstlerhilfe herausgegeben wird und daß für den Vertrieb im ganzen Reiche geeignete Persönlichkeiten gesucht werden Interessenten (Kaufleute, Akademiker, Lehrer, Beamte a. D. u. s w.) wollen sich beim Sozialamt melden Nachrichten des Palästina-Amtes. 1. Anforderung eines Klaviertechnikers und -Stimmers. Eine palästinensische Pianohandlung sucht einen jüdischen Klaviertechniker und -Stimmer, der auch in der Lage sein muß, größere Reparaturen auszuführen und nach Palästina auswandern will. Bewerbungen mit Zeugnissen und Lebenslauf in vierfacher Abschrift an das Palästina-Amt, Zweigstelle Leipzig, Keilstraße 4, zwecks Weiterleitung. 2. Musterungspflicht. Da nach der Musterungsverordnung nur diejenigen deutschen Staatsangehörigen, die im AusTand ihren 'Wohnsitz haben, von der Musterung befreit sind, unterliegen alle diejenigen, die nach Deutschland zurückkehren, der Musterungspflicht. Daher müssen alle diejenigen, die von der Ausland s-ll a c h s c h a r a h zurückkehren, um hier auf das Zertifikat zu warten, sich zur Musterung melden. Wenn die Musterung in dem betreffenden Ort noch nicht erfolgt ist, müssen sie sich bei dem zuständigen Polizeirevier melden und an der Musterung teilnehmen; wenn die Musterung bereits stattgefunden hat, müssen sie sich bei dem zuständigen Bczirkskominando zwecks nachträglicher Musterung steilen. Amtliche Bekanntmachungen An die Besucher der Gemeindesynagoge. Allgemein bekannt ist, daß die für den Gottesdienst in unserer Gemeindesynagoge eingeführten, von Goldschmidt und von Joel bearbeiteten Gebetbücher im Buchhandel vergriffen sind. Viele Gemeindemitglieder werden sicherlich noch im Besitz von mehreren

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